{"id":20432,"date":"2024-10-01T15:43:11","date_gmt":"2024-10-01T13:43:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20432"},"modified":"2024-11-28T15:46:49","modified_gmt":"2024-11-28T14:46:49","slug":"johannes-135-51-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-135-51-6\/","title":{"rendered":"Johannes 1,35-51"},"content":{"rendered":"<h3>Name, Gabe, Nutzen | 19. Sonntag nach Trinitatis\/Erntedank | 22.09.2024 |\u00a0Joh 1,35-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p>Bringt man keinen Nutzen, hat man keinen Namen, so hei\u00dft es in einem d\u00e4nischen Sprichwort. Korrekter w\u00e4re es, wenn man die Reihenfolge umkehrte: Hat man keinen Namen, bringt man keinen Nutzen. Wenn man keinen Namen hat, ist da ja niemand, der einen ruft, und man kann nichts tun. Dann ist man ein Durchschnittsmensch, Teil einer Menge ohne selbst\u00e4ndigen Wert.<\/p>\n<p>Hat man keinen Namen, vermisst einen niemand. Wer sollte dann nach einem fragen?\u00a0 Wir sehen das u.a. in Holbergs Schauspiel <em>Jeppe p\u00e5 Bjerget<\/em> (Jeppe auf dem Berg). Jeppe wei\u00df etwas von Namen und dass einem etwas fehlt. Nicht zuletzt in der Szene, wo er zum Tod durch Erh\u00e4ngen verurteilt wird. Hier ruft er nach all den Tieren und Menschen, die etwas f\u00fcr sein Leben bedeutet haben. Wie ein zweiter Adam nennt er jeden einzelnen. Da sind die S\u00f6hne Hans Christoffer und Niels, die Tochter Martha und die Ehefrau Nille. Da sind der Schuster Jacob und der Hund Feierfax und die Katze Moens. Und dann ist da schlie\u00dflich, nicht zu vergessen, Meister Erich, der ber\u00fchmte Karbatsche.<\/p>\n<p>Aber Jeppe hat auch erfahren, dass man den eigenen Namen vergisst. Das macht sich bemerkbar, als er sich pl\u00f6tzlich im Bett des Barons wiederfindet. Hier ist keiner mehr, der nach ihm ruft. Er kann kaum noch nach sich selbst rufen. Er ist anonym, nicht einmal Nille ruft nach ihm.<\/p>\n<p>Das ist ein unheimliches Erlebnis. Man denke nur, man hat das Gef\u00fchl verloren, dass man am Leben ist als der, der man nun einmal ist. Das ist schlimmer als der Tod \u2013 was deutlich wird in Holbergs Kom\u00f6die. Die Angst und die Leere, die Jeppe erlebt, als er im Bett des Barons erwacht, ist psychologisch und existenziell weit mehr schockierend als die Szene mit der Verurteilung, der Hinrichtung und dem Misthaufen zusammen.<\/p>\n<p>Der Mensch wohnt in seinem Namen, der deshalb Gabe und Nutzen ist. Dieser Gedanke ist relevant f\u00fcr das Johannesevangelium. Hier werden verschiedene Menschen gerufen: Andreas, Simon Petrus, Philippus und Nathanael. Menschen, die im Prinzip alles m\u00f6gliche anderes hei\u00dfen k\u00f6nnten, es aber nicht tun. Jeder einzelne wird beim Namen genannt, wird aus der Menge herausgehoben und erh\u00e4lt im selben Augenblick eine Richtung angewiesen: Folge mir, hei\u00dft es. Oder richtiger:<\/p>\n<p>Simon Petrus auch Kefas genannt \u2013 folge mir.<\/p>\n<p>Philippus aus Betsaida folge mir.<\/p>\n<p>Nathanael, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist \u2013 folge mir.<\/p>\n<p>Erst Name, dann Richtung \u2013 ?<\/p>\n<p>Nun kann man mit einem gewissen Recht fragen, ob darin eine spezielle theologische Pointe liegt, dass der Name genannt wird, ehe die Richtung angewiesen wird. Im Prinzip k\u00f6nnte Gott ja jedem Menschen irgendeine Richtung anweisen, ohne notwendigerweise den Namen des Betreffenden zu nennen. Er ist trotz allem Gott und kennt das Innere des Menschen besser als der Mensch sich selbst kennt und braucht deshalb nur zu befehlen.<\/p>\n<p>Aber das tut er bekanntlich nicht. In der Person Jesu Christi \u2013 dem eigenen Namen Gottes \u2013 ruft er, ehe er befiehlt. Das gibt zu denken. Gott nennt uns beim Namen, ehe wir zu Nutzen sein sollen.\u00a0 Oder Gott nennt uns beim Namen, einfach weil er uns braucht. Nicht weil wir ein St\u00fcck Arbeit verrichten sollen oder weil er uns auf die Probe stellen will. Er ruft einzig und allein, weil er uns liebt, weil er jeden einzelnen Menschen liebt \u2013 ganz gleich welchen Namens und welchen Nutzens.<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Dichter Michael Strunge beschreibt dieselbe grundlose Liebe auf folgende Weise in einem Gedicht aus seiner letzten Gedichtsammlung <em>V\u00e6bnet med vinger (<\/em>Bewaffnet mit Fl\u00fcgeln) mit einer verborgenen Beziehung zu seinem eigenen allzu kurzen Leben und zu dem Gott, der trotz Schmerz und Tod seinen Namen in seinen Armen h\u00e4lt:<\/p>\n<p>Keine Zelle wird jemals<\/p>\n<p>In irgendeiner Form<\/p>\n<p>verloren gehen<\/p>\n<p>aus dem Universum<\/p>\n<p>ich will dich nie vergessen.<\/p>\n<p>Ich liebe dich ganz bis hinein in die Knie der Sterne.<\/p>\n<p>Lieben hei\u00dft auch lang zu lieben, das hei\u00dft, lieben bis an das Ende der Zeiten und in alle Ewigkeit. So stark ist nur die Liebe Gottes, nicht eine Zelle f\u00e4llt zur Erde, ohne beim Namen genannt zu werden. Gott ruft, damit wir uns nicht \u00e4ngstigen und einsam werden sollen und im Bett enden wie Jeppe, wo man kaum wei\u00df, ob man lebendig oder tot ist. Er ruft uns, wenn keine anderen da sind, die rufen. Just in case, k\u00f6nnte man sagen. Selbst wenn Nille nicht mehr ruft, ruft Gott. Der Name, den wir in der Taufe bekamen, ist der Name, den er stets nennt, ganz gleich, ob man Peter hei\u00dft oder Paul.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke findet sich u.a. auch in einem anderen Gedicht aus der Hand Strunges mit dem Titel: \u201eGott wei\u00df, wer wir sind\u201c. Hier erlebt man die doppelte Position des modernen Menschen: Einerseits navigiert er in einer relativen und chaotischen Welt, die sich schneller ver\u00e4ndert als die Zeit vergehen kann. Andererseits die Erfahrung der N\u00e4he Gottes als eine Realit\u00e4t selbst in einer Welt, die unmittelbar weltlich erscheint und gottverlassen, eine Welt, die sinnlos erscheint und ohne Tr\u00e4ume. Das Gedicht lautet so:<\/p>\n<p>Gott wei\u00df, wer wir sind<\/p>\n<p>mit unseren Uhren<\/p>\n<p>und unseren K\u00fcssen und steifen Blicken.<\/p>\n<p>Wir bewegen und durch die Welt,<\/p>\n<p>und alles l\u00f6st sich auf.<\/p>\n<p>Die Begierde will alles festhalten in Tr\u00e4umen,<\/p>\n<p>und man sieht, dass es zerbirst<\/p>\n<p>wie d\u00fcnnes Glas und Knochen.<\/p>\n<p>Bei Strunge ist Gott die ewige unverg\u00e4ngliche Instanz. Er wei\u00df, wer wir sind \u2013 wir, die wir uns mit unserem dynamischen Tun und Lassen durch die Welt bewegen und den Bedingungen der Verg\u00e4nglichkeit ausgesetzt sind. Hier, wo sich alles aufl\u00f6st, dr\u00e4ngt sich die Welt in einem solchen Ma\u00dfe auf, dass man sie nicht ohne Weiteres umfassen kann. Die Hauptperson des Gedichts sp\u00fcrt deshalb keine Vers\u00f6hnung mit der Welt. Sie erscheint vielmehr fremd und ohne Zusammenhang. Nur Gott ist. Er ist der einzige, der derselbe bleibt mitten in all diesen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p>Dies ist die Erfahrung, zu der Strunge gelangt. Trotz all der Dinge, die ihn umgeben, Uhren, K\u00fcsse und steife Blicke. Auch wenn die Illusion zerbirst wie d\u00fcnnes Glas und Knochen, h\u00e4lt er dennoch fest an Gott, der wei\u00df, wer er ist, und seinen Namen kennt.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass zwischen dem, wor\u00fcber Johannes spricht, und den Erfahrungen Strunges ein gro\u00dfer Abstand besteht. Gott ruft uns, damit wir nicht uns selbst \u00fcberlassen sind. Er ruft uns und nennt uns beim Namen, auch wenn Schmerz und Tod nahe sind. Andreas, Simon Petrus, Philipp und Nathanael, Jeppe, Strunge, Peter und Paul, wo ihr auch seid. Gott liebt uns ja bis in die Knie der Sterne, und weiter kann man kaum gehen. Deshalb h\u00f6ren wir die Berufungsgeschichte. Sie erinnert uns an die Stimme Gottes, die Stimme, die wir im Gottesdienst festhalten, indem wir den Namen des Herren singen und preisen. Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p>DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p>Email: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Name, Gabe, Nutzen | 19. Sonntag nach Trinitatis\/Erntedank | 22.09.2024 |\u00a0Joh 1,35-51 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Anders Kj\u00e6rsig | Bringt man keinen Nutzen, hat man keinen Namen, so hei\u00dft es in einem d\u00e4nischen Sprichwort. Korrekter w\u00e4re es, wenn man die Reihenfolge umkehrte: Hat man keinen Namen, bringt man keinen Nutzen. 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