{"id":20437,"date":"2024-10-01T15:50:12","date_gmt":"2024-10-01T13:50:12","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20437"},"modified":"2024-11-28T15:52:34","modified_gmt":"2024-11-28T14:52:34","slug":"1-timotheus-44-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-timotheus-44-5\/","title":{"rendered":"1. Timotheus 4,4-5"},"content":{"rendered":"<h3>\u00abAlles, wirklich alles\u00bb | Erntedank | 6.10.2024 | 1Tim 4,4-5 | Nadja Papis |<\/h3>\n<p><em>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.<\/em><\/p>\n<p>Wann, wenn nicht am Erntedankfest wird uns das ganz bewusst. Schauen Sie selbst: Hier vorne in der Kirche haben unsere B\u00e4uerinnen einen wundersch\u00f6nen Erntedanktisch aufgebaut \u2013 mit all den Gaben, die ges\u00e4t, gepflegt und geerntet wurden. Die F\u00fclle des Lebens \u2013 voller Farben, voller Formen, voller Geschmack.<\/p>\n<p><em>Nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird. <\/em><\/p>\n<p>Und dazu sind wir heute aufgerufen: Uns bewusst zu werden, wie reich unser Tisch gedeckt ist. Und in diese Haltung der Dankbarkeit zu wachsen \u2013 nicht nur heute, jeden Tag. Ich bin dankbar f\u00fcr das Essen, das ich Tag f\u00fcr Tag bekomme. Ich bin dankbar f\u00fcr die Vielfalt dessen, was w\u00e4chst und gedeiht. Ich bin dankbar f\u00fcr die Arbeit der Landwirte, die dahintersteckt. Ich bin dankbar f\u00fcr die Ernte. Auch im \u00fcbertragenen Sinn: F\u00fcr alles, was mein Leben schmackhaft macht, was mich erfreut, was mir die F\u00fclle des Lebens zeigt.<\/p>\n<p><em>Durch Gottes Wort und das Gebet wird es geheiligt.<\/em><\/p>\n<p>Die F\u00fclle des Lebens \u2013 von der Natur geschenkt, von Menschen erarbeitet, von Gott geschaffen. Gerade in der Ernte kommen Himmel und Erde zusammen, das Machbare und das Unverf\u00fcgbare. Alle, die einen Garten haben und besonders unsere B\u00e4uerinnen mit ihren Feldern und Baumanlagen erfahren das Jahr f\u00fcr Jahr: Da n\u00fctzt auch das beste Saatgut und die h\u00e4rteste Arbeit nichts, wenn der Frost zum falschen Zeitpunkt kommt, wenn der Hagel zuschl\u00e4gt, wenn es zu nass oder zu trocken ist. F\u00fcr uns hier ist es selbstverst\u00e4ndlich, Kartoffeln, Tomaten, K\u00fcrbisse, \u00c4pfel essen zu k\u00f6nnen. Viele von uns haben den Bezug zum S\u00e4en, Pflegen und Ernten verloren. Wir gehen einkaufen und k\u00fcmmern uns meist nicht gross, woher unsere Fr\u00fcchte oder unser Gem\u00fcse kommt. Oder \u00e4rgern uns, wenn im Regal mal etwas nicht vorhanden ist. Die Ernte ist aber nichts Selbstverst\u00e4ndliches, das wissen alle, die selber anbauen. Umso gr\u00f6sser ist darum der Dank f\u00fcr das, was geerntet werden kann. Und darum ist dieser Dank auch seit fr\u00fchester Zeit mit dem Glauben verbunden: der Dank an die g\u00f6ttliche Sch\u00f6pferkraft, die Wachsen und Gedeihen erst m\u00f6glich macht. Und wie sch\u00f6n, dass diese g\u00f6ttliche Kraft so kreativ wirkt \u2013 eine Vielfalt ist uns gegeben. F\u00fcr jeden Geschmack etwas, f\u00fcrs Auge auch.<\/p>\n<p><em>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.<\/em><\/p>\n<p>Das bezieht sich in unseren Bibelversen auf Nahrungsmittel, aber ich m\u00f6chte es heute ausweiten. Die beiden ausgew\u00e4hlten Verse aus dem 1. Timotheusbrief sind wundersch\u00f6n, sie passen so gut zum Erntedank und sie legen uns die Haltung der Dankbarkeit als Lebenseinstellung nahe.<\/p>\n<p>Einleuchtend und einfach, oder?<\/p>\n<p>Und doch widerspricht der Timotheusbrief in seiner Ganzheit gelesen dieser Haltung oder schr\u00e4nkt sie brutal ein. Es ist eine der sp\u00e4ten Schriften der Bibel, geschrieben zu einer Zeit, in der sich im Urchristentum die Kirche zur Institution entwickelte. Verschiedene Str\u00f6mungen und Bewegungen k\u00e4mpften miteinander um das richtige Verst\u00e4ndnis des christlichen Glaubens und der Kirche. Reglementierungen wurden vorgenommen, anders Denkende, anders Glaubende verurteilt. Im Westen setzte sich eine Kirche durch \u2013 diejenige, welche dann von Rom aus w\u00e4hrend dem ganzen Mittelalter das westliche Europa beherrschte.<\/p>\n<p>Beim Lesen des Timotheusbriefes wird offensichtlich, was in dieser Reglementierung bek\u00e4mpft, und was unterdr\u00fcckt wurde. W\u00e4hrend in den echten paulinischen Schriften Frauen selbstverst\u00e4ndlich Gemeinde leiteten und es auch bekannte Apostolinnen im Urchristentum gab, macht der Schreiber des Timotheusbriefes klar: Frauen sollen still sein, sie d\u00fcrfen nicht lehren oder \u00fcber einen Mann bestimmen. Sie sollen sich mit Anstand schm\u00fccken, keine kunstvollen Flechtfrisuren, keinen teuren Schmuck und keine sch\u00f6nen Gew\u00e4nder tragen. Leider ist dieser Brief ein klares Zeugnis der Frauenunterwerfung. Und diese wird auch noch sch\u00f6pfungstheologisch begr\u00fcndet. F\u00fcr mich ein Widerspruch zu der Haltung, die in unseren zwei Versen vermittelt wird: die Haltung der Dankbarkeit f\u00fcr das Geschaffene. So wichtig mir die Bibel ist und so sehr ich diese Texte ins Zeitgeschehen einordnen kann, ich kann sie nicht einfach stehen lassen. Sie haben zu viel Leid bewirkt.<\/p>\n<p><em>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.<\/em><\/p>\n<p>Also auch die Menschen \u2013 M\u00e4nner und Frauen und auch die, die sich nicht einem Geschlecht zuordnen k\u00f6nnen. Menschen in all ihrer Vielfalt \u2013 k\u00f6rperlich, seelisch, geistig, charakterlich, in Bezug auf Talente und Gaben, aber auch in Bezug auf Schw\u00e4chen und Fehler. Denn Frau ist nicht gleich Frau genauso wenig wie Mann gleich Mann ist. Da ist die, welche gerne laut und deutlich sagt, was sie denkt. Und die, die am liebsten zuh\u00f6rt. Da ist diejenige, die selbstvergessen auf der Strasse tanzt, und die andere, die nur unter der Dusche singt. Da ist die, welche sich mit Eifer in den Dreck kniet f\u00fcr die Gartenarbeit, und diejenige, die stolz ihr neustes Design vorf\u00fchrt. Und da sind alle anderen, die besonderen und die einfachen und die dazwischen. Eine wunderbare Vielfalt! Und Grund dankbar zu sein. Unserer Sch\u00f6pferin, dieser g\u00f6ttlichen Kraft, die das alles erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Ich bin dankbar \u2013 f\u00fcr den Sch\u00f6pfungsglauben. Ja, ich bin dankbar, dass ich im Geschaffenen etwas G\u00f6ttliches entdecken und erfahren darf, dass ich in der Natur voller Staunen unterwegs sein kann, dass ich ber\u00fchrt werde von so ganz verschiedenen Menschen und dass ich in der Ernte auf die F\u00fclle des Lebens hingewiesen werde. Wie soll sich eine Christin, wie soll sich ein Christ in dieser Welt verhalten? Das ist die Grundfrage des Timotheusbriefes. Ich bin in vielem nicht einverstanden mit der Antwort, die er gibt, aber in einem schon: Die Haltung der Dankbarkeit lohnt es sich, einzu\u00fcben, ja, sogar zu trainieren. Sie f\u00fchrt uns in eine lebendige Beziehung mit allem Geschaffenen und mit der sch\u00f6pferischen Kraft, die darin wirkt, mit Gott.<\/p>\n<p><em>Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. <\/em><\/p>\n<p><em>Nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.<\/em><\/p>\n<p><em>Durch Gottes Wort und das Gebet wird es geheiligt.<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pfrn. Nadja Papis<\/p>\n<p>Langnau am Albis<\/p>\n<p><a href=\"mailto:nadja.papis@refsihltal.ch\">nadja.papis@refsihltal.ch<\/a><\/p>\n<p>Nadja Papis, geb. 1975, Pfarrerin in der ev.-reformierten Landeskirche des Kantons Z\u00fcrich\/Schweiz. Seit 2003 t\u00e4tig im Gemeindepfarramt der Kirchgemeinde Sihltal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abAlles, wirklich alles\u00bb | Erntedank | 6.10.2024 | 1Tim 4,4-5 | Nadja Papis | Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Wann, wenn nicht am Erntedankfest wird uns das ganz bewusst. 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