{"id":20449,"date":"2024-10-15T16:17:00","date_gmt":"2024-10-15T14:17:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20449"},"modified":"2024-11-28T16:19:19","modified_gmt":"2024-11-28T15:19:19","slug":"lukas-131-9-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-131-9-3\/","title":{"rendered":"Lukas 13,1-9"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nie zu sp\u00e4t | 21. Sonntag nach Trinitatis | 20.10.2024 | Lk 13,1-9 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus N\u00f8jgaard |<\/p>\n<p>Das Evangelium dieses Sonntags f\u00e4llt in zwei Hauptteile, erst die zwei Geschichten \u00fcber Umkehr und dann eine Geschichte \u00fcber F\u00fcrbitte. Beide Teile sind Teil der Ermahnung Jesu vom rechten Leben (10,25\u201311,13 und 12,1\u201313,21), und es liegt nahe, dass jedes St\u00fcck nicht ohne des andere zu verstehen ist, sie stellen eine Lebensanschauung dar, vielleicht sogar ein Gottesbild.<\/p>\n<p>Das lukanische Geschichtswerk enth\u00e4lt mit dem Leben Jesu und den ersten Gemeinden eine Bewegung von Jerusalem zur Welt, eine Eschatologie f\u00fcr das j\u00fcdische Volk und dann f\u00fcr alle V\u00f6lker. Hier ist Jesus gerade auf dem Weg nach Jerusalem, und er konzentriert sich darauf, seine Botschaft den J\u00fcngern zu vermitteln, und diese Kapitel sind eine Kette von Erz\u00e4hlungen, Gleichnissen, Weisheitsworten und Ermahnungen. Meistens geht es um das ewige Leben. Aber hier geht es darum zu leben, zun\u00e4chst indem man das Leben gewinnt durch Bu\u00dfe und Umkehr, und dann darum, dass einem alles geschenkt wird durch die F\u00fcrbitte des G\u00e4rtners. Das Leben gewinnt man mit anderen Worten nicht mit eigener Hilfe, sondern ein anderer kommt einem zu Hilfe. Vielleicht ist der Feigenbaum f\u00fcr uns eine exotische Frucht, aber hier im Orient ist das ein verbreiteter Baum. Der Feigenbaum kann mehrmals im Jahr Fr\u00fcchte tragen und eine enorme Ernte bringen. Die F\u00fcrsorge des G\u00e4rtners f\u00fcr den armseligen Feigenbaum, der wie ein Fremdling zwischen den Weinranken steht, ist mit anderen Worten \u00fcberraschend und deshalb so r\u00fchrend f\u00fcrsorglich. Man kann den G\u00e4rtner schwerlich als jemand anderes sehen als Jesus selbst, als ein Bild f\u00fcr die Barmherzigkeit und F\u00fcrsorge des Sohnes auch f\u00fcr den, der nichts leisten kann. Das verdeutlicht das Bild von den hingerichteten Galil\u00e4ern und den Jerusalemern, die durch einen zuf\u00e4lligen Einsturz eines Stadtturms sterben, denn sie sollen nicht f\u00fcr ihr eigenes Schicksal verantwortlich gemacht werden, sie sind nicht mehr schuldig als all die anderer, deren Schicksal nicht durch eigene S\u00fcndigkeit bestimmt war, sondern durch die Bosheit des Pilatus und den Einsturz des Stadtturms. Das betrifft direkt die verbreitete Vorstellung, dass wir selbst f\u00fcr unser eigenes Schicksal verantwortlich sind, und weist die Vorstellung zur\u00fcck, dass wir die Blutvermischung und das zuf\u00e4llige Ungl\u00fcck als Schande f\u00fcr die Toten und ihre Familien betrachten. Sie werden freigesprochen. Sollten wir die geringsten Zweifel hegen, so folgt die Geschichte vom Feigenbaum, den der G\u00e4rtner mit einer lebensrettenden ersten Hilfe sch\u00fctzt. Die Erz\u00e4hlung ist eine Befreiung von der Schuld am eigenen Schicksal, eine Hilfe aus dem Denken der Schande und eine Anweisung f\u00fcr den Weg zur\u00fcck in das Leben.<\/p>\n<p>In einer vom Krieg bestimmten Wirklichkeit ist es gut, daran erinnert zu werden, dass wir nicht die Folgen der Schande Ablehnung, Isolation und Wut unseren weiteren Weg durch das Leben bestimmen lassen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Landschaft des Krieges, sondern auch f\u00fcr unsere eigenen pers\u00f6nlichen K\u00e4mpfe mit der Familie, der Arbeit und dem Umgangskreis. Wir sollen uns nicht daf\u00fcr sch\u00e4men, ein fremder Vogel zu sein, der nichts beitragen kann, sondern uns dar\u00fcber freuen, dass wir in der Begegnung mit Christus die Barmherzigkeit finden, die uns emporhebt und uns zu neuem Leben aufbaut. Die Erz\u00e4hlungen handeln von der Begegnung mit dem barmherzigen Gott, der sich mit unserer Menschlichkeit vers\u00f6hnt, und wenn das Leben zusammenbricht und wir nichts ausrichten k\u00f6nnen, wird uns die Vergebung der S\u00fcnden zuteil als Erneuerung und Mut zu neuem Leben.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnten wir die Lekt\u00fcre beenden. Aber damit w\u00fcrden wir den Geschichten kaum gerecht werden. Denn das Gottesbild Jesu enth\u00e4lt mehr als Barmherzigkeit. Hier ergeht auch eine Forderung. Zwei Mal wiederholt Jesus dieselben Worte, die also als rhetorische Figur bedeutungsvoll sein m\u00fcssen. \u201eWenn ihr nicht Bu\u00dfe tut, werdet ihr alle ebenso umkommen\u201c. Ohne Bu\u00dfe und Umkehr wird es allen gehen wie den Galil\u00e4ern und den Jerusalemern. Keiner ist besser oder gl\u00fccklicher gestellt als die Opfer der \u00dcbergriffe des Pilatus oder des einst\u00fcrzenden Turms, keiner hat einen Vorrang und kann eigene Reinheit und die Schuld und Unreinheit anderer behaupten. In diesem Sinne sind wir gleichgestellt, und es wird uns allen gehen wie diesen, es sein denn, wir tun Bu\u00dfe. \u201eWenn ihr nicht Bu\u00dfe tut, werdet ihr alle ebenso umkommen\u201c. Ich lese das als eine Ermahnung, die Toten zu ehren und sie in Ehren zu begraben, so dass die Schande nicht die Seele verfinstert. Es erfordert Bu\u00dfe, sich von dem Gericht und der Rache abzuwenden. Jesus fordert einen neuen Weg, der nicht an der Schande und der Forderung nach Rache festh\u00e4lt, Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber auch fordert, den anderen Menschen nicht zu verurteilen f\u00fcr das, was er vermocht hat, sondern ihn zu lieben f\u00fcr das, was er an Leben und Zukunft in sich hat. Das ist die Umkehr zur Befreiung, sowohl f\u00fcr den, der frei gestellt wird, als auch f\u00fcr den, der Freiheit schenkt. Denn wir sehen den Tod und das Gericht nicht mehr als unsere einzige Beziehung zu unserer Umwelt, sondern Vergebung und Liebe. Vers\u00f6hnung ist die Sprache der Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Das entspricht dem Gleichnis vom Feigenbaum, wo der G\u00e4rtner ihm eine Chance gibt. Er vers\u00f6hnt sich damit, dass er unfruchtbar ist. Er h\u00e4lt F\u00fcrbitte f\u00fcr ihn, dass ihm eine Chance erhalten und gegeben wird, dann wird er ihn in all seiner Liebe zeigen. Der G\u00e4rtner steht immer in Beziehung zum Besitzer des Weinbergs, denn der G\u00e4rtner wei\u00df, dass der Weinbergbesitzer das Recht hat, den Baum zu f\u00e4llen. Aber bis dahin wird der G\u00e4rtner ihm all seine Barmherzigkeit erweisen.<\/p>\n<p>Als Christenmenschen haben wir die Gabe erhalten, Gott durch Jesus zu kennen. Das ist der Gott der Barmherzigkeit, unser Erl\u00f6ser und Vers\u00f6hner. Wir wenden uns an Gott durch Jesus, denn Gott hat sich in seinem Sohn offenbart, so dass wir Gott erkennen k\u00f6nnen. Jesus befreit uns von der Schande \u00fcber den Tod mit all dem heftigen Zorn und Schmerz. Zugleich fordert er, dass wir uns dem Leben zuwenden und der Welt begegnen wie er. Sonst, sagt er, ergeht es uns wie allen anderen, die vom Zorn der Welt verschlungen werden, und wir werden gefangen von der Logik der S\u00fcnde und der Schande. Jesus weist mit anderen Worten darauf hin, dass man sich nur ganz f\u00fcr andere hingeben kann, wenn wir ihn annehmen und sein Leben auf uns nehmen. Dann wird er stets der G\u00e4rtner sein, der f\u00fcr uns sorgt, sonst aber muss er uns seinem Vater, dem Weinbergbesitzer, \u00fcberlassen. Wohl deshalb wiederholt er das Gebot der Bu\u00dfe und Umkehr, wo wir vertrauensvoll seine Liebe und seine Auferstehung empfangen, so dass wir nicht zur\u00fcckfallen in den L\u00e4rm der Welt mit alle ihrer Wut, Schande, Rache, ihrem Krieg und innerem und \u00e4u\u00dferem Unfrieden.<\/p>\n<p>Das Bild Gottes ist facettenreicher als es unmittelbar aussieht, denn Jesus steht immer in Beziehung zu seinem Vater. Das ist die Spannung der Dreieinigkeit, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist denselben Gott darstellen. Es liegt eine Ohnmacht darin, noch nicht Gott von Angesicht zu Angesicht sehen zu k\u00f6nnen, und mit dieser Demut m\u00fcssen wir als Christen leben, ohne uns selbst einzubilden, Gottes Haus ganz zu kennen. Unser Gl\u00fcck ist, dass Gott Mensch wurde, so dass wir das offenbarte Wort Gottes h\u00f6ren und dem\u00fctig auf seinen Weg begeben k\u00f6nnen im Vertrauen darauf, dass wir ihm folgen.<\/p>\n<p>Es ist nie zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Seht, das ist Barmherzigkeit.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Pastor Rasmus N\u00f8jgaard<\/p>\n<p>\u00d8sterbrogade 59<\/p>\n<p>DK-2100 K\u00f8benhavn \u00d8<\/p>\n<p>+45 2617 0583<\/p>\n<p>EmaiI: <a href=\"mailto:RN@km.dk\">RN(at)km.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nie zu sp\u00e4t | 21. Sonntag nach Trinitatis | 20.10.2024 | Lk 13,1-9 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Rasmus N\u00f8jgaard | Das Evangelium dieses Sonntags f\u00e4llt in zwei Hauptteile, erst die zwei Geschichten \u00fcber Umkehr und dann eine Geschichte \u00fcber F\u00fcrbitte. Beide Teile sind Teil der Ermahnung Jesu vom rechten Leben (10,25\u201311,13 und 12,1\u201313,21), und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":20450,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,542,1,185,157,853,114,863,349,3,109,197],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20449","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-21-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-aus-dem-daenischen","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-13-chapter-13-lukas","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-rasmus-nojgaard"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20449","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20449"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20449\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20451,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20449\/revisions\/20451"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20450"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20449"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20449"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20449"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20449"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20449"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20449"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20449"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}