{"id":20452,"date":"2024-10-15T16:19:23","date_gmt":"2024-10-15T14:19:23","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20452"},"modified":"2024-11-28T16:22:38","modified_gmt":"2024-11-28T15:22:38","slug":"matthaeus-543-45a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-543-45a\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,43-45a"},"content":{"rendered":"<h3>Ihr habt geh\u00f6rt \u2013 Ich aber sage euch&#8230; | 21. So. n. Trinitatis | 20.10.2024 | Mt 5,43-45a | Hansj\u00f6rg Biener |<\/h3>\n<p>\u201e43 Ihr habt geh\u00f6rt, dass gesagt ist: \u00bbDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben\u00ab und deinen Feind hassen.<\/p>\n<p>44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.\u201c (Mt. 5,43-45a Lutherbibel 2017)<\/p>\n<p>Ihr habt geh\u00f6rt \u2013 Ich aber sage euch&#8230; Sechs Mal lesen wir das in der Bergpredigt. Sechs Mal kommentiert Jesus damit Aussagen der hebr\u00e4ischen Bibel \u2013 oder auch m\u00f6gliche Auslegungen dazu. Sechs Mal: Ihr habt geh\u00f6rt \u2013 Ich aber sage euch&#8230; Der Gleichklang hat seine Wirkung nicht verfehlt. Antithesen hat man Jesu Aussagen genannt, und man hat ziemlich schnell gewusst, gegen wen Jesus \u201eanti\u201c ist. Jesus, so hat man gesagt, hat etwas anderes gepredigt als die bisherigen Lehrer der Juden. Also im Beispiel des Predigttextes: Ihr habt geh\u00f6rt: N\u00e4chstenliebe f\u00fcr die eigenen Leute und Hass f\u00fcr die anderen. Ich aber sage euch: N\u00e4chstenliebe f\u00fcr die eigenen Leute und sogar f\u00fcr Feinde. Das machte Jesus zum Lehrer einer besseren Gerechtigkeit und seine Christenheit zur Religion einer N\u00e4chstenliebe, die bis zur Feindesliebe geht.<\/p>\n<p>Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. N\u00e4chstenliebe sogar als Feindesliebe. Historisch betrachtet sind manche Christen tats\u00e4chlich so weit gegangen. [Nur ein Beispiel: der irische Nationalheilige, St. Patrick. Er wurde von irischen Sklavenj\u00e4gern gefangen und nach Irland verschleppt. Dort lernte er die Sprache und Kultur der Iren kennen und das Volk lieben. Irgendwann konnte er fliehen, aber er fand in Britannien kein Zuhause mehr vor. Er wurde M\u00f6nch und kehrte schlie\u00dflich als Missionar nach Irland zur\u00fcck. Ohne den Sklaven, der seine Feinde lieben gelernt hatte, w\u00e4ren die Iren wohl nicht Christen geworden, und ohne die sp\u00e4tere iroschottische Mission h\u00e4tte die Christentumsgeschichte im sp\u00e4teren deutschsprachigen Raum ganz anders ausgesehen.] Trotzdem lassen sich die Gegenbeispiele wohl leichter finden. Auch Christen haben nur die eigenen Leute geliebt und ihre Feinde gehasst. Die Gr\u00fcnde liegen nicht nur in der Boshaftigkeit der Menschen. Sie liegen auch im Gebot der Feindesliebe selbst.<\/p>\n<p>Ich werde dem in drei Schritten nachgehen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es um das schon in der hebr\u00e4ischen Bibel zu findende Gebot der N\u00e4chstenliebe.<\/p>\n<p>Sodann geht es um die Frage nach dem Feind, denn das \u201edu sollst deinen Feind hassen\u201c findet sich so in der hebr\u00e4ischen Bibel nicht.<\/p>\n<p>Zuletzt geht es um die Frage, wie man denn einen Feind lieben lernen kann.<\/p>\n<p>Die ersten beiden Themen habe ich in zwei Bibelgespr\u00e4che \u00fcbersetzt, wie sie ein Vater mit seinen Kindern in alten Zeiten gef\u00fchrt haben k\u00f6nnte. Beim dritten Thema kehre ich zum Predigtstil zur\u00fcck, denn da muss in anderer Weise nachgedacht werden.<\/p>\n<p><strong>\u201eDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am Abend versammelte der Vater seine Kinder. Samuel und Jonathan, Elisabeth und Mirjam. Die Familie war arm, aber Reichtum bestand f\u00fcr den Vater nicht einfach aus Besitz, sondern aus Herzensbildung. \u201eWeisheit erwerben ist besser als Gold und Einsicht erwerben edler als Silber.\u201c (Spr\u00fcche 16,16 Lutherbibel 2017) F\u00fcr den Vater konnte man an G\u00fctern reich sein, aber als Mensch arm. Und man konnte an G\u00fctern arm sein, aber an G\u00fcte reich. Deshalb war ihm die religi\u00f6se Unterweisung seiner Kinder wichtig. Sie sollten einfach gute Menschen werden.<\/p>\n<p>\u201eGott sagt: \u201aDu sollst deinen N\u00e4chsten lieben.\u2018\u201c, begann der Vater und organisierte auch gleich den Unterricht: \u201eFragen wir als erstes, wer das ist, \u201adein N\u00e4chster\u2018. Jeder nennt einen N\u00e4chsten und gibt eine Begr\u00fcndung. Mirjam, Du f\u00e4ngst an.\u201c \u201eMama, weil sie unsere Mama ist\u201c, sagte Mirjam. \u201eDu, weil Du unser Vater bist\u201c, sagte Elisabeth. \u201eGro\u00dfvater, weil er Dein Vater und unser Gro\u00dfvater ist\u201c, sagte Jonathan. \u2013 Eine kleine Pause trat ein, denn nun w\u00e4re es Zeit f\u00fcr die Namen der Geschwister gewesen. Mirjam brach das Schweigen: \u201eElisabeth, weil sie meine Schwester ist.\u201c \u201eUnd doch streitest du oft mit ihr!\u201c, gab Vater zu Bedenken. \u201eAber das ist doch was ganz anderes. Sie ist doch immer noch meine Schwester.\u201c Man merkte, dass Mirjam und Elisabeth etwas zitterten. Nicht vor Zorn wie andere Male, sondern wegen des \u201eSie ist immer noch meine Schwester.\u201c. Die Jungs konnten sich zu solchen Liebesbekundungen nicht durchringen.<\/p>\n<p>Also machte der Vater mit einer zweiten Frage weiter: \u201eUnd wie macht man das dann mit dem Lieben?\u201c Nun konnten die Jungs wieder mitreden: \u201eAlso, wir gehorchen euch\u201c, sagte Samuel. \u201eUnd manchmal umarmen wir euch\u201c, sagte Elisabeth. \u201eUnd wie machen wir das beim Gro\u00dfvater?\u201c, fragte der Vater. \u201eEr wohnt bei uns. Ihr versorgt ihn mit Essen. Du hilfst ihm beim Waschen, und Mutter macht seine W\u00e4sche.\u201c \u201eGut beobachtet\u201c, sagte der Vater. \u201eWir machen es so, wie wir es von euch erhoffen, wenn wir mal nicht mehr k\u00f6nnen.\u201c Ein Moment der Stille trat ein, denn die Kinder wollten sich das nicht vorstellen. Mama und Papa waren doch noch jung und die Kinder auch. Samuel sprach nun f\u00fcr die Kinder: \u201eWir tun auch etwas f\u00fcr Gro\u00dfvater. Wenn wir spielen, dann soll er sich vors Haus setzen. Dann kann er uns zusehen und auf uns \u201aaufpassen\u2018. Und wenn er etwas braucht, dann holen wir es ihm. Eine Decke. Eine Schale Wasser.\u201c \u201eAlso manchmal braucht ihr wirklich einen Aufpasser!\u201c, meinte der Vater \u201eSpielen w\u00fcrde ich nicht nennen, was Du gelegentlich mit dem Elon machst. Raufen w\u00fcrde da besser passen.\u201c Samuel war fast ein bisschen beleidigt: \u201eAber das ist doch was ganz anderes. Wir messen unsere Kr\u00e4fte, aber er ist trotzdem mein Cousin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eElon ist mit uns verwandt und wohnt gleicht neben uns\u201c, sagte der Vater. \u201eDeshalb sagst Du: Er ist unser N\u00e4chster. Wie ist es denn nun mit den Nachbarn, mit denen wir nicht verwandt sind?\u201c \u201eDie sind doch von unserem Dorf\u201c, sagte Jonathan. \u201eUnd au\u00dferdem: Wenn wir da nicht h\u00f6flich w\u00e4ren, w\u00fcrdest Du es sofort erfahren\u201c, meinte Samuel. \u201eWie bitte? Unsere Nachbarn sind doch keine Petzen\u2026\u201c \u201eAber sie k\u00f6nnten\u2026\u201c, wehrte sich Samuel. \u201eAlso ich w\u00fcrde es vorziehen, wenn Ihr einfach so freundlich w\u00e4rt, und nicht nur aus Angst vor meiner Zurechtweisung\u2026\u201c Der Vater sp\u00fcrte, dass er von diesem Thema wegwollte. \u201eNeue Frage. Wie ist das mit dem Nachbardorf? Sind die auch unsere N\u00e4chsten?\u201c \u201eIch glaube schon\u201c, sagte Jonathan. \u201eJedenfalls hast Du mal einen verirrten Esel dorthin zur\u00fcckgebracht.\u201c (Vgl. Dtn 22,1-2) \u201eUnd au\u00dferdem sind sie doch von unserem Volk\u201c, meldete sich Samuel zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eMoment mal\u201c, sagte der Vater. \u201eDann m\u00fcssen wir noch mal in unser Dorf zur\u00fcck. Was ist mit Alexander? Er ist nicht hier geboren und aufgewachsen. Er ist nicht mit uns verwandt und nicht aus unserem Volk.\u201c \u201eIch mag ihn trotzdem\u201c, sagte Samuel. \u201eNiemand ist so gut als Schmied wie er. Er hat mir schon viel gezeigt.\u201c \u201eUnd magst du ihn, weil er ein guter Schmied ist und wir ihn gut gebrauchen k\u00f6nnen?\u201c, fragte der Vater. \u201eNein, ich mag ihn, weil er zu uns geh\u00f6rt. Er ist mein Freund\u201c, sagte Samuel. \u201eUnd das ist gut so\u201c, lobte der Vater. \u201eIn der Schrift hei\u00dft es: \u201aDer Fremdling, der bei euch wohnt, sei euch wie einer von euch.\u2018\u201c (Vgl. Lev 19,34)<\/p>\n<p><strong>\u201eUnd deinen Feind hassen.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Abend versammelte der Vater seine Kinder erneut. Heute wollte er darauf kommen, dass alle Menschen N\u00e4chste werden k\u00f6nnen, so wie Alexander. \u201eGestern haben wir dar\u00fcber gesprochen, wer mein N\u00e4chster ist und wie man N\u00e4chstenliebe \u00fcben kann.\u201c Samuel legte gleich los: \u201eUnsere N\u00e4chsten: Das sind unsere Familie, unsere Nachbarn, unser Dorf und unser Nachbardorf, auch Alexander, obwohl er nicht von hier ist. Und wir sollen zu allen nett sein und ihnen helfen, wenn es n\u00f6tig ist.\u201c \u201eGut aufgepasst\u201c, lobte ihn der Vater.<\/p>\n<p>Samuel war bei Alexander h\u00e4ngen geblieben: \u201eWas wissen wir eigentlich von Alexander?\u201c \u201eNicht viel\u201c, antwortete der Vater. \u201eDie R\u00f6mer haben ihn bei einem Kriegszug aufgegriffen und zum Sklaven gemacht.\u201c Samuel redete weiter: \u201eEr ist bestimmt weit herumgekommen und hat viel von der Welt gesehen. Warum erz\u00e4hlt er nie davon?\u201c Der Vater griff ein: \u201eEr hat bestimmt auch Dinge gesehen, die er nicht sehen wollte. Man muss diese Dinge ruhen lassen.\u201c [In manchen Dingen hatte der Vater seine Prinzipien: \u201eIn Israel hat man keine Sklaven\u201c, geh\u00f6rte dazu. Das hatte f\u00fcr ihn mit der alten Geschichte des Volkes zu tun. Und irgendwie hatte es das ganze Dorf so gesehen und Alexander aufgenommen, obwohl man nichts von ihm wusste und er kein Jude war.] Der Vater wollte zu seinem Thema zur\u00fcck, wie Fremde vertraut und damit zu N\u00e4chsten werden. \u201eWeit herumgekommen sind auch die Kaufleute, die manchmal bei uns vorbeikommen und sich und ihre Esel am Dorfbrunnen tr\u00e4nken. Sind die nun N\u00e4chste oder Fremde?\u201c \u201eDas ist doch klar\u201c, sagte Samuel. \u201eDas sind Fremde.\u201c \u201eUnd was ist, wenn sie \u00fcber Nacht bleiben und Dir etwas von ihrem Leben erz\u00e4hlen und den fernen L\u00e4ndern? Davon wolltest Du doch etwas h\u00f6ren&#8230;\u201c \u201eHm\u201c, brummelte Samuel. \u201eSiehst Du, aus Fremden k\u00f6nnen ganz schnell auch Leute werden, die uns nahekommen.\u201c Doch da war der Vater etwas zu schnell gewesen.<\/p>\n<p>\u201eAber die R\u00f6mer bleiben uns immer fremd!\u201c, triumphierte Samuel. \u201eSie sind nicht mit uns verwandt. Sie leben nicht mit uns. Sie sind nicht von unserem Volk. Sie verlangen Steuern von uns, blo\u00df weil sie es k\u00f6nnen. Die sind und bleiben uns fremd. Die m\u00fcssen wir nicht lieben.\u201c Auch Jonathan sah das so und sprang Samuel bei: \u201eUnd sie haben Michael einmal so geschlagen, dass er jetzt hinkt.\u201c \u201eUnd was meinst Du: Hasst er die R\u00f6mer jetzt?\u201c \u201eDas wei\u00df ich nicht. Vater, wei\u00dft Du\u2019s?\u201c \u201eNein\u201c, antwortete der Vater, \u201eich wei\u00df es auch nicht. Er spricht nicht dar\u00fcber. Ich kann mir vorstellen, dass er w\u00fctend auf die R\u00f6mer ist. Und wenn er sie hasst, dann zeigt er es jedenfalls nicht. Es w\u00fcrde auch nichts helfen. Dass er hinkt, geht davon ja nicht weg. Er macht das wohl mit sich selbst aus und hoffentlich auch mit Gott. Das Einzige, was ich sehe: Er ist ganz weit weg, wenn R\u00f6mer in unserem Ort sind.\u201c Samuel kam ins Gespr\u00e4ch zur\u00fcck: \u201eSimon w\u00fcrde sie hassen. Es ist sogar in die Berge gegangen und k\u00e4mpft jetzt gegen sie. Vater, wie nennt man sie noch?\u201c \u201eMesserm\u00e4nner, Sikarier, Zeloten. Man hat ihnen verschiedene Namen gegeben.\u201c<\/p>\n<p>Der Vater war von sich entt\u00e4uscht. Er hatte mit dem N\u00e4chstenliebe-Gebot woanders hingewollt. Er wollte zeigen, dass sich die N\u00e4chstenliebe ausweitet, je mehr Menschen man besser kennenlernt. Familie, Nachbarn, das Dorf, alleinstehende Menschen mit einem Schicksal wie Alexander, H\u00e4ndler auf der Durchreise. Nun hatten sie Gegenbeispiele gesammelt, wo man verstehen konnte, dass Menschen beim N\u00e4chstenliebe-Gebot Ausnahmen machen w\u00fcrden: Alexander, der als Sklave verschleppt worden war, \u2013 w\u00fcrde der die lieben k\u00f6nnen, die ihn verschleppt hatten? Michael, der jetzt hinkte, \u2013 w\u00fcrde der die lieben k\u00f6nnen, die ihn so schwer verletzt hatten? Elon, der die R\u00f6mer als Besatzungsmacht hasste und sogar gegen sie k\u00e4mpfte, \u2013 w\u00fcrde der je einem R\u00f6mer die Hand zum Frieden reichen?<\/p>\n<p><strong>\u201eLiebt eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte nun noch einen dritten Abend erfinden, an dem der Vater und die Kinder \u00fcber Entfeindung nachdenken. Aber diese erfundenen L\u00f6sungen w\u00fcrden das Gemeinte nur erschleichen. Wir brauchen echte Beispiele der Feindesliebe, Beispiele aus dem wirklichen Leben, an denen wir uns Vorbilder nehmen k\u00f6nnten. Solche Vorbilder gibt es. Ich denke an Papst Johannes Paul II., der dem Attent\u00e4ter vergibt, der ihn f\u00fcr den Rest seines Lebens Schmerzen bereitet. (https:\/\/www.vaticannews.va\/de\/papst\/news\/2021-05\/papst-johannes-paul-ii-attentat-1981-agca-geschichte-kirche.html) Ich denke an KZ-Insassen, die ihr Leiden durch den Nationalsozialismus in Aufkl\u00e4rungsarbeit \u00fcber dessen wahres Gesicht gewendet haben. Ich denke an Mevl\u00fcde Gen\u00e7 (1943-2022), deren Haus 1993 von Neonazis angez\u00fcndet worden ist. \u201eObwohl ich f\u00fcnf Kinder und mein Zuhause verloren habe, bezeuge ich trotzdem Zuneigung. Wir sind alle Br\u00fcder. Das l\u00e4sst sich auch durch Verbrennen und Kaputtmachen nicht verhindern.\u201c (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mevl%C3%BCde_Gen%C3%A7) All das verlangt mir Respekt ab. Ob ich sie mir im Fall eines Falles zum Vorbild machen k\u00f6nnte? Ich wei\u00df es nicht. Es w\u00e4re wohl ein langer Kampf.<\/p>\n<p>Ich hoffe sehr, dass ich nie in eine so b\u00f6se Situation komme, wie Papst Johannes Paul II. oder die Opfer alter und neuer Nazis oder irgendwelcher anderer gemeiner Menschen. Deshalb geh\u00f6rt zu meinem Gebet, dass Gott allen Menschen wehre, die B\u00f6ses wollen. Ich bin da also sehr zwiegespalten. Es gibt sogar ein Beispiel, wo ich sage: Sofort hassen. Vergewaltigung. Da will ich, dass frau nicht sich selbst hasst, sondern den \u00dcbelt\u00e4ter und z. B. mithilfe von Polizei und Krankenhaus Beweise sichert. (https:\/\/www.stadt-koeln.de\/mediaasset\/content\/pdf-dezernat1\/gleichstellung\/vergewaltigung.pdf) Ich wei\u00df auch, dass das Thema Vergewaltigung und Strafverfolgung komplex ist, aber das ist eben mein allererster Gedanke dazu. Ich kann also nicht mit gutem Gef\u00fchl von jedem Menschen Feindesliebe erwarten. Erst recht, wenn ich wei\u00df oder erahne, was jemand durchgemacht hat. Und doch gibt es Menschen, die da zum Vorbild geworden sind. Und doch bleibt das biblische Gebot, um das ich mich nicht einfach herumwinden kann.<\/p>\n<p><strong>\u201eAuf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Bergpredigt setzt noch eins drauf: Wir sollen N\u00e4chstenliebe bis zur Feindesliebe \u00fcben, \u201eAuf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel\u201c. Hoffen wir nicht, dass Gott \u201ealle Menschen\u201c liebt? Was w\u00e4re, wenn er unterscheidet zwischen denen, die seine Liebe verdient haben, und denen, die seiner Liebe nicht w\u00fcrdig sind? So wie es mir nahe liegt, wenn ich an Vergewaltiger denke\u2026 Was w\u00e4re, wenn Gott wie ich unterscheiden w\u00fcrde: Vergewaltiger und andere Gewaltt\u00e4ter \u2013 unw\u00fcrdig, alte und neue Nazis \u2013 unw\u00fcrdig, Verbrecher in Stra\u00dfengangs und in Nadelstreifen unw\u00fcrdig, Politiker, die \u00fcber Leichen gehen unw\u00fcrdig. Wie schnell w\u00e4re Gott wohl bei mir, der ich als Westler reich an G\u00fctern, aber vielleicht zu arm an G\u00fcte bin, abgesehen von meinen individuellen Fehlern und wom\u00f6glich gar S\u00fcnden?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich haben manche Theologen in dieser Einsicht die eigentliche Absicht der Bergpredigt gesehen. Ihre Forderungen zeigen uns, wie weit wir hinter dem zur\u00fcckbleiben, was Gott von uns erwartet. Wir blieben immer angewiesen auf die unverdiente Zuwendung und unverdiente Vergebung. Letzteres ist sicher richtig, aber ich will die Bergpredigt nicht nur so lesen, dass sie uns klein macht. Sie weist uns auch einen Weg zur Gr\u00f6\u00dfe. Auch daf\u00fcr haben die Theologen einen Begriff gefunden: Bei manchen Aussagen der Bergpredigt handelt es sich um \u00fcberpr\u00e4gnante Normen. Sie \u00fcberragen das tats\u00e4chlich Erreichbare um Vieles. Das sei notwendig, weil das Ziel immer weiter gesteckt sein muss, als das, was man wirklich erreichen kann. Im Beispiel des Gebotes der N\u00e4chstenliebe bis zur Feindesliebe von heute: Wer anf\u00e4ngt, zu unterscheiden, wer der eigenen N\u00e4chstenliebe w\u00fcrdig ist, kann den Kreis immer kleiner ziehen. Wer sich am Gebot der N\u00e4chstenliebe bis zur Feindesliebe orientiert, kann das nicht. Er oder sie wird den Kreis der N\u00e4chstenliebe mindestens gr\u00f6\u00dfer ziehen, als ihm nahe liegt.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Hansj\u00f6rg Biener (*1961) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und als Religionslehrer an der Wilhelm-L\u00f6he-Schule in N\u00fcrnberg t\u00e4tig. Au\u00dferdem ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts an der Friedrich-Alexander-Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg. (Hansjoerg.Biener (at) fau.de)<\/p>\n<p><strong>Literaturhinweise:<\/strong><\/p>\n<p>Luz, Ulrich: Das Evangelium nach Matth\u00e4us (Mt. 1-7) (EKK I\/I), Z\u00fcrich\/Neukirchen-Vluyn 1985, S. 304-318.<\/p>\n<p>Fagenblat, Michael: Der \u201eN\u00e4chste\u201c in der j\u00fcdischen und christlichen Ethik, in: Das Neue Testament j\u00fcdisch erkl\u00e4rt, Stuttgart 2021, S. 698-703.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr habt geh\u00f6rt \u2013 Ich aber sage euch&#8230; | 21. So. n. 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