{"id":20454,"date":"2024-10-15T16:22:49","date_gmt":"2024-10-15T14:22:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20454"},"modified":"2024-11-28T16:25:19","modified_gmt":"2024-11-28T15:25:19","slug":"matthaeus-538-48","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-538-48\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,38-48"},"content":{"rendered":"<h3>21. Sonntag n. Tr. | 20.10.2024 | Mt 5,38-48 | Bernd Giehl |<\/h3>\n<p>Was soll ich denn dazu sagen? \u201eWenn dich einer auf die rechte Backe schl\u00e4gt, dann halte auch noch die linke hin?\u201c Darf es vielleicht auch etwas weniger sein? Kann man das w\u00f6rtlich nehmen? Manchmal, wenn ich \u00fcber die Vor- und Nachteile der beiden gro\u00dfen Konfessionen nachdenke, dann ist es der Katholizismus, der seine gro\u00dfen Vorteile hat. Sicher, der Protestantismus hat seine Freiheit, aber dazu muss man mutig genug sein, um die auch zu leben. Dann muss man sich auch mit solchen S\u00e4tzen Jesu auseinandersetzen und darf nicht sagen: Ist ja nicht so gemeint. Wer dagegen nicht so beherzt leben m\u00f6chte, dem empfehle ich den katholischen Glauben.<\/p>\n<p>Nein; das ist kein Spa\u00df. Die Katholiken haben ihr eigenes Weltverst\u00e4ndnis. Sie sehen, dass der Mensch schwach ist. Wer zum Beispiel kann denn diese Gebotsversch\u00e4rfung Jesu ertragen? \u201eIhr wisst das zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht t\u00f6ten. Ich aber sage euch: Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des h\u00f6llischen Feuers schuldig.\u201c Wenn das stimmt, w\u00fcrde vermutlich kaum einer dem H\u00f6llenfeuer entkommen.<\/p>\n<p>Vor allem dann, wenn man bedenkt, dass Jesus nicht einmal eine Einschr\u00e4nkung macht. Mein Bruder, das kann jeder sein. Ein Augenblick des Zorns und alles ist dahin.<\/p>\n<p>Doch ja, das kann uns schon einmal schwindlig machen. Jedenfalls wenn wir keine Katholiken sind und mit der Beichte keine Losl\u00f6sung von unsren S\u00fcnden bekommen. Die Katholische Kirche erkl\u00e4rt das so: Die meisten von uns sind keine \u00dcbermenschen. Wir haben alle unsere Schw\u00e4chen und Fehler. Deshalb sind die besonders schwierigen Gebote Jesu wie die Feindesliebe nur f\u00fcr die besonders religi\u00f6s begabten Menschen bestimmt. Die f\u00fchlen keine Wut gegen andere; die k\u00f6nnen ihre Feinde lieben; die sind von Grund auf gut. Bei denen bleibt sogar etwas \u00fcbrig, was die Kirche wie eine Bank verwaltet, und den normalen S\u00fcndern gutschreibt. So muss niemand in die H\u00f6lle, weil die guten Werke mitsamt dem Blut Christi uns reinwaschen.<\/p>\n<p>Ende gut, alles gut.<\/p>\n<p>Oder klingt auch das angesichts der Probleme, die wir haben, irgendwie seltsam? Der Streit ach ja, da war doch was. Kein Tag, an dem nicht vom Streit berichtet wurde; sei es im Nahen Osten, \u00fcber den Siegeszug, den die Rechten in Deutschland hinlegen und den viele als Anfang vom Ende der Demokratie ansehen oder den Streit in der Ampelkoalition. Und meist schlugen die Emotionen hoch. Besonders hoch schlugen sie, wenn es um Stichworte wie \u201eMigration\u201c ging. Da konnte man direkt zusehen, wie die Saat aufging. Migranten sind h\u00e4sslich und b\u00f6se. Die nehmen uns unsere Arbeit weg, die wollen nur unser Geld, die sind Messermenschen. Wer neu kommt, der geh\u00f6rt sofort abgeschoben. Ein Wunder, dass es auf der anderen Seite so ruhig geblieben ist.<\/p>\n<p>So gesehen klingt es nicht nach \u00dcbertreibung, wenn Jesus den Zorn und das b\u00f6se Wort mit dem Verbot des T\u00f6tens vergleicht. Auch das gegenseitige T\u00f6ten hat eine Ursache und oft ist es nicht mehr weit vom Streit bis zum Herausholen von Messern und Revolvern. Es muss ja gar nicht so viele Verletzte und Tote geben, wie zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern, wo auf eine Racheaktion die n\u00e4chste von der anderen Seite folgt. Nur ja nicht zugeben, dass auch der andere seine tiefen Verletzungen hat. Nur ja nicht nachdenken. Nachdenken gef\u00e4hrdet Ihre Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Aber bleiben wir noch einen Moment bei dem Vorwurf der \u00dcbertreibung. Nicht nur diesem Abschnitt hat man den Vorwurf gemacht. In der Bergpredigt gibt es mehrere Abschnitte, die mit dem Satz anfangen: Ihr wisst, dass zu den Alten gesagt ist \u2026 ich aber sage euch und dann folgt der Abschnitt \u00fcber die Feindesliebe oder das Ehebrechen oder \u00fcber die linke Backe hinhalten und manchmal fragt man sich, wer das alles k\u00f6nnen oder aushalten soll.<\/p>\n<p>Die Frage ist, ob die Bergpredigt lebbar ist oder nicht.<\/p>\n<p>Neulich erschien die Zeit mit einem Titelbild, das zum Thema passte. Auf den ersten Blick sah es aus wie die Frisur eines mittelalten Mannes mit Rastalocken. Dann entdeckte man das Atommodell. Allerdings ging es nicht um unsere Vorstellung vom Atom, sondern um die Kr\u00e4fte, die bei der Spaltung radioaktiver Atome freiwerden. Die kennen wir ja alle aus Hiroshima und Nagasaki und wir wissen, was f\u00fcr zerst\u00f6rerische Kr\u00e4fte dabei freiwerden.<\/p>\n<p>Aber das Thema war der Streit, und ich hatte das Gef\u00fchl, die Karikatur treffe ins Schwarze, jedenfalls im Moment, wo sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleine Themen aufschaukeln bis zum geht nicht mehr und hinterher z\u00e4hlt man die Verletzten und die Toten.<\/p>\n<p>Aber zur Kl\u00e4rung dieser Frage m\u00f6chte ich nicht von hier, sondern vom Anfang ausgehen. Am Anfang der Bergpredigt stehen keine Forderungen, sondern Verhei\u00dfungen. Sie f\u00e4ngt damit an, dass sie den Armen im Geist das Reich Gottes zuspricht. Dann folgt die Zusage an die Trauernden, sie sollten selig sein, weil sie getr\u00f6stet werden.<\/p>\n<p>Danach sind die Sanftm\u00fctigen an der Reihe, sie sollen die Erde besitzen. Die einzigen, die etwas herausstechen sind die, die nach Gerechtigkeit hungern und d\u00fcrsten. Die \u00dcbrigen sind bestimmt keine Superhelden, ja nicht einmal Menschen, denen man irgendetwas zumuten kann. Die haben nichts; im Gegenteil, die brauchen Geld oder Trost und Anerkennung. Das Letzte, was die brauchen, sind die \u00fcberh\u00f6hten Forderungen, von denen ich am Anfang gehandelt habe. Ist \u201eselig\u201c und \u201earm im Geist\u201c nicht der gr\u00f6\u00dfte Gegensatz, den man sich vorstellen kann? Oder \u201eLeid tragen\u201c und \u201eselig\u201c? Sind nicht eher die selig, die beides nicht kennen ja nie davon geh\u00f6rt haben?<\/p>\n<p>So gesehen passen die, die hier selig genannt werden zu denen, die mit v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hten Forderungen fertig werden m\u00fcssen. Wie gesagt, die Bergpredigt besteht aus verschiedenen Abschnitten und die beziehen sich aufeinander. Wenn also die Bergpredigt nicht nur eine einzige Aussage \u00fcber die Vergeblichkeit menschlicher Handlungen ist, dann muss da noch etwas dazukommen. N\u00e4mlich Gottes Hilfe. Oder genauer gesagt: Die Bitte um Gottes Hilfe.<\/p>\n<p>Luther hat an dieser Stelle gemeint, hier werde den Menschen bewusst gemacht, wie sehr sie von der Gnade Gottes abh\u00e4ngig seien, der ihnen alles schenke, was sie brauchen. Das w\u00fcrde zu den Armen im Geist passen oder zumindest zu denen, die sich ihrer Armut bewusst sind. Die k\u00f6nnten sagen: Gott, wir wissen um unsere Armut. Bitte, nimm uns so an, wie wir sind.<\/p>\n<p>Ob so eine Haltung selten ist? Ich glaube schon. Sie kommt einem Wunder gleich. Nicht nur annehmen, dass man schwach ist, sondern es auch noch aussprechen, und zwar vor Gott: Ich habe dir nichts zu bieten.<\/p>\n<p>An dieser Stelle muss dann auch von der Vergebung Gottes die Rede sein. Weil sie mir hilft, dem anderen zu vergeben. Weil sie mir Kraft gibt. Kraft, nicht zur\u00fcckzuschlagen. Weil sie mir die Gewissheit gibt, etwas wert zu sein. Nicht nur vor dem, der mich geschlagen hat. Auch vor anderen, die Zeugen geworden sind. Eigentlich m\u00fcsste ich ausgleichen. Gerechtigkeit nennt man so etwas. Keine Tat darf unges\u00fchnt bleiben. Aber wenn der Andere zur\u00fcckschl\u00e4gt, gibt es wieder ein Bed\u00fcrfnis nach Rache bei mir. So kann es nicht weitergehen, beschlie\u00dfe ich. Vermutlich hat Jesus doch Recht mit seiner Verurteilung von Zorn und Rache. Ich w\u00fcrde ihm ja nur allzu gern zustimmen und theoretisch tue ich das ja auch, zumindest wenn ich Zeit habe zum Nachdenken, aber wenn die Wut nach mir greift wie eine Furie, dann kann ich alle guten Vors\u00e4tze vergessen.<\/p>\n<p>Sagen Sie jetzt: Das darf aber nicht passieren? Sagen Sie das nicht. Der Zorn ist eine der heftigsten Emotionen des Menschen; es ist schwer sich gegen ihn zu sch\u00fctzen. Und eigentlich auch ziemlich unrealistisch. Umso wichtiger ist es, ihn sich zu vergeben, sonst kommt man nicht von der Stelle.<\/p>\n<p>Dazu braucht man auch keine Vermittlung der Katholischen Kirche. Nur die Gewissheit der Vergebung durch Jesus Christus.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bernd Giehl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag n. Tr. | 20.10.2024 | Mt 5,38-48 | Bernd Giehl | Was soll ich denn dazu sagen? \u201eWenn dich einer auf die rechte Backe schl\u00e4gt, dann halte auch noch die linke hin?\u201c Darf es vielleicht auch etwas weniger sein? 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