{"id":20456,"date":"2024-10-15T16:25:30","date_gmt":"2024-10-15T14:25:30","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20456"},"modified":"2024-11-28T16:28:27","modified_gmt":"2024-11-28T15:28:27","slug":"matthaeus-543-48-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-543-48-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,43-48"},"content":{"rendered":"<h3>Feindesliebe | 21. Sonntag nach Trinitatis | 20.10. 2024 | Mt 5,43-48 | Eberhard Busch |<\/h3>\n<p><em>(Jesus lehrte die Volksmenge und sprach:) Ihr habt geh\u00f6rt, dass gesagt ist. Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters in den Himmeln seid. Denn er l\u00e4sst seine Sonne aufgehen \u00fcber B\u00f6se und Gute und l\u00e4sst regnen \u00fcber Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was habt ihr f\u00fcr einen Lohn? Und wenn ihr nur eure Geschwister gr\u00fc\u00dft, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Z\u00fcrcher Bibel)<\/em><\/p>\n<p>Wie kommt Jesus darauf, Feinde seien zu lieben? Es kommt doch vor allem darauf an, sich um unsere <em>N\u00e4chsten<\/em> zu k\u00fcmmern, also um unsere Angeh\u00f6rigen, unsere Verwandten und Nachbarn, um die uns Nahestehenden. Damit haben wir vollauf genug zu tun. Und das ist zuweilen ziemlich m\u00fchsam. Sodass manche sich lieber auch davon zur\u00fcckziehen. Es hei\u00dft in einem Schauspiel von Friedrich Schiller: \u201eIch lebte still und harmlos, (jedoch) es kann der Fr\u00f6mmste nicht im Frieden leben, wenn es dem b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>Und nun haben wir es nicht blo\u00df mit einem b\u00f6sen Nachbarn zu tun. Wir haben auch b\u00f6se <em>Feinde.<\/em> Kann man denn \u201eim Frieden leben\u201c, wenn das unsren Feinden nicht gef\u00e4llt? Liegt es uns nicht im Blut, diesen St\u00f6rfaktor auszuschalten? Zu eliminieren? Einen Feind <em>kann<\/em> ich gar lieben. Sonst w\u00e4re er nicht mein Feind. Wenn man an ihn denkt in dunkler Nacht, so ist man um den Schlaf gebracht. Ein Feind ist einer, mit dem nicht gut Kirschen zu essen ist. Einer, dem wir aus dem Weg gehen oder, wenn es damit nicht klappt, den wir aus dem Weg r\u00e4umen wollen, einer, mit dem wir partout nicht zusammen sein m\u00f6chten, zu dem wir sagen: du oder ich. Hat nicht der Feind von sich aus angefangen, um sich zu schlagen? Hat er es nicht voll verdient, wenn wir unsrerseits zur\u00fcckschlagen? \u201eAuf einen groben Klotz ein\u00b4n groben Keil.\u201c Wir scheuen keine Kosten, um ihn still zu setzen.<\/p>\n<p>Aber jetzt werden wir unterbrochen durch das, was uns Jesus zu sagen hat im Namen Gottes. Der l\u00e4sst, so h\u00f6ren wir, \u201eseine Sonne aufgehen \u00fcber die Guten und \u00fcber die B\u00f6sen\u201c. H\u00f6ren wir gut zu: Unterschiedslos \u00fcber <em>beiden<\/em>. Die Unterscheidung, die wir in der Regel zwischen Guten und B\u00f6sen machen, die hebt er auf, die f\u00e4llt dahin. Die Guten und die B\u00f6sen r\u00fcckt er zusammen. \u201eDie goldne Sonne voll Freud und Wonne\u201c, sie tr\u00e4gt ihr \u201eherzerquickendes, liebliches Licht\u201c zu beiden, wahrhaftig auch zu denen, die es nicht gut meinen und nicht gut machen, ja, zu denen, die wir zur H\u00f6lle w\u00fcnschen. Genau so leuchtet sie denen und kein bisschen weniger wie zu denen, die es gut meinen und gut machen. Nat\u00fcrlich z\u00e4hlen <em>wir<\/em> uns zu den Guten. <em>Sind<\/em> wir es auch? \u2013 wenn wir so abr\u00fccken von den Andren.<\/p>\n<p>Aber sind die uns nicht n\u00e4her, als wir denken? Der Apostel Paulus sagt es geradeheraus (R\u00f6mer 5,10). Wir sind durch Christi Hingabe von Gott geliebt, \u201eals wir noch Feinde waren\u201c. <em>Wir?<\/em> \u2013 wir <em>Feinde<\/em>! Auf einmal kehrt sich die Sache um: nicht wir haben Feinde, wir <em>sind<\/em> vor Gott Feinde, Frauen und M\u00e4nner, die eine geh\u00f6rige Korrektur brauchen. Die Feinde sind nicht blo\u00df jenseits der Mauer. Sie sind nicht blo\u00df da, wo sie uns ein \u00c4rgernis sind. Sie sind \u00e4rgerlich auf der eigenen Seite. Sind wir denn selber Feinde? Und brauchen auch wir Vers\u00f6hnung. Wir brauchen Frieden, und brauchen ihn wie Frischluft zum Atmen. Frieden nicht ohne die Andren, sondern mit ihnen.<\/p>\n<p>Und wir brauchen dies nicht nur. Auch wenn wir es nicht wahrnehmen, es ist doch wahr: Wir <em>sind<\/em> schon von Gott geliebt. Seine Sonne scheint auch \u00fcber uns und sein sanfter Fr\u00fchlingsregen tut gut uns Verdorrten und Vertrockneten. Sind wir denn so liebenswert? Noch einmal: Gott liebte uns, als wir noch Feinde waren (vgl. R\u00f6mer 5,8). Gewiss, er liebt nicht Feindschaft. Die will er beseitigen. Aber sie ist f\u00fcr ihn kein Hindernis, uns trotzdem zu lieben. Wenn Christus uns sieht, schl\u00e4gt er nicht die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammen, er streckt seine Hand aus nach uns \u2013 um uns zurechtzubringen. Ich danke ihm daf\u00fcr. Er hat mir das Herz erw\u00e4rmt, den Kopf aufger\u00e4umt, hat mir den Horizont erweitert, hat mich in Marsch gesetzt. Daraufhin k\u00f6nnen wir nicht die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen.<\/p>\n<p>Auf einmal hei\u00dft es aus Jesu Mund sogar: \u201eSeid vollkommen, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist.\u201c Nimmt er den Mund da nicht zu voll? Sind wir damit nicht \u201evollkommen\u201c \u00fcberfordert? Eben hie\u00df es doch: wir seien gar nicht proper. Ach!, wir sind in der Tat nicht vollkommen. Aber verstehen wir es recht. Darum geht es: Lasst uns darin vollkommen sein, uns an den einen Vollkommenen zu halten, ihn zu f\u00fcrchten und zu lieben. Von dem d\u00e4nischen Philosophen S\u00f6ren Kierkegaard stammt der Satz: \u201e<em>Gottes<\/em> bed\u00fcrfen, das ist des Menschen h\u00f6chste Vollkommenheit.\u201c Vollkommen wie Gott sein, das hei\u00dft also nicht, ihm ebenb\u00fcrtig sein, so dass man am Ende auch ohne ihn auskommt. Das war ja die Stimme der Versuchung schon ganz am Anfang, als die Schlange den Menschen den Kopf verdrehte: Gott g\u00f6nnt es euch nicht, wie Gott zu sein. Schon damit fing der ganze Schlamassel an. Nein, auf Gott angewiesen sein, das macht den Menschen perfekt. Das macht ihn voll menschlich. Und damit voll angewiesen auf seinen Sch\u00f6pfer und Vers\u00f6hner. Das ist rundum unsere Vollkommenheit.<\/p>\n<p>Wenn nun weiter gesagt wird: Liebt eure Feinde, so meint das nicht, wir sollten mit ihnen kuscheln, mit ihnen flirten. \u00dcbersetzen wir das besser so: Wir lieben sie damit, dass wir uns das Gesetz unseres Denkens und Tuns <em>nicht<\/em> vorschreiben lassen von ihnen. Wir lieben sie, indem wir ihnen das tun, was sie gegenw\u00e4rtig nicht tun. Also was, wenn uns Feinde zusetzen? Um Himmels willen nicht dies, dass wir Gleiches mit Gleichem vergelten. \u201eTun dies nicht auch die Heiden.\u201c Damit akzeptieren wir nur ihre Feindschaft. Und wir geraten dadurch in eine Spirale der Gewalt. Und wir steigern so nur unsren Hass auf die andere Seite. Solange wir auf b\u00f6se Gewalt blo\u00df re-agieren, bleiben wir gefangen in ihren Netzen. Nein, \u201eVergeltet nicht B\u00f6ses mit B\u00f6sem\u201c (1. Petr 3,5). Vers\u00f6hnte leben anders. Sie sind frei zu <em>agieren<\/em>. Sie sind frei, zu tun, was weder die Einen noch die Anderen tun. Sie sind beweglich, sich das gerade jetzt N\u00f6tige einfallen zu lassen.<\/p>\n<p>Was denn? Nun, Jesus sagt es direkt im Anschluss an sein Wort von der Feindesliebe: er stiftet uns dazu an: <em>Betet <\/em>f\u00fcr sie. Das ist ja ungeheuer. Wer kommt denn auf so etwas! \u201eBetet f\u00fcr die, die euch kr\u00e4nken und wehtun.\u201c Betet f\u00fcr eure Feinde, f\u00fcr die, die gegen euch sind. Betet <em>f\u00fcr<\/em> sie, nicht gegen sie. So werdet ihr einiges zu schlucken haben? Nein, so werdet ihr\u201eKinder eures Vaters im Himmel\u201c sein. Um noch einmal auf Schiller zur\u00fcckzukommen: Wird der Fr\u00f6mmste anders im Frieden leben als so, dass er f\u00fcr seine b\u00f6sen Nachbarn, f\u00fcr seine Gegner, f\u00fcr seine Widersacher vor Gott eintritt und neben sie tritt.<\/p>\n<p>Und haben wir f\u00fcr sie gebetet, dann geht uns ein Licht auf: Liebe deine <em>N\u00e4chsten<\/em>, damit ist nicht einfach unsre Fan-Gemeinde gemeint. Unsere N\u00e4chsten sind die, die Gott uns heute nahe r\u00fcckt. Darunter k\u00f6nnte auch ein uns Widerw\u00e4rtiger oder Unwillkommener sein, ein solcher, der uns als Feind vorkommt, dem wir darum feindselig begegnen. Beachten wir das, dann werden wir dar\u00fcber nachdenken, was heute das Beste ist, das zu tun ist. Wof\u00fcr wir gebetet haben, daf\u00fcr werden wir uns einsetzen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Eberhard Busch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feindesliebe | 21. Sonntag nach Trinitatis | 20.10. 2024 | Mt 5,43-48 | Eberhard Busch | (Jesus lehrte die Volksmenge und sprach:) Ihr habt geh\u00f6rt, dass gesagt ist. Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben und deinen Feind hassen. 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