{"id":20547,"date":"2024-12-17T13:47:36","date_gmt":"2024-12-17T12:47:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20547"},"modified":"2024-12-17T13:47:36","modified_gmt":"2024-12-17T12:47:36","slug":"lk-126-3839-56","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lk-126-3839-56\/","title":{"rendered":"Lk 1,(26-38)39-56"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Wer im Dunkel lebte, steht nun im Licht | 4. Advent | 22.12.2024 | Lk 1,(26-38)39-56 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">I.<\/p>\n<p>\u201eDie einen sind im Dunkel und die anderen sind im Licht. Und man sieht die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht\u201c (Bert Brecht). Eine der traurigsten und fundamentalsten Wahrheiten, die Bert Brecht in seiner \u201eDreigroschenoper\u201c auf den Punkt gebracht hat. Die Gl\u00fccklichen im Licht sind angesehen, die im Dunkel \u00fcbersieht man leicht; \u00fcber ihr Ungl\u00fcck wird hinweggesehen. So geht es wohl allzu oft zu auf unserer Welt, so l\u00e4uft es eben, fast schon ein gesellschaftliches Naturgesetz. Doch nichts, an dem man nicht r\u00fctteln k\u00f6nnte; nichts, durch das nicht ein Riss ginge. Manchmal passiert es eben doch, dass Gesetze auf den Kopf gestellt und au\u00dfer Kraft gesetzt werden. Dann \u00e4ndern sich die Verh\u00e4ltnisse und im besten Fall treten Menschen vom Dunkel ins Licht. Die Bilder der letzten Tage gingen um die Welt. Syrien ist von der Diktatur befreit. Auf den Stra\u00dfen jubeln die Menschen. Auch wenn die Zukunft ungewiss bleibt \u2013 jetzt ist die Stunde der Hoffnung. Wie im Bildersturm st\u00fcrzen die Bilder von Asad, dem einst so m\u00e4chtigen Gewaltherrscher, zu Boden; die ohnm\u00e4chtigen und erniedrigten Gefangenen in den Foltergef\u00e4ngnissen werden befreit und kehren zur\u00fcck in ihr Leben. Eindrucksvolle Bilder, die die Welt pl\u00f6tzlich f\u00fcr viele Menschen in einem anderen Licht erscheinen lassen.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>\u201eUnd Maria trat aus ihren Bildern und kletterte von ihren Alt\u00e4ren herab\u201c (Kurt Marti). Ohne das geht es nicht. Erstmal muss die Himmelsk\u00f6nigin auf die Erde zur\u00fcckgeholt werden, vom Sockel in den Stall, vom Thron in die Tiefe. Sonst begreift man das Gro\u00dfe nicht, von dem Maria singt und was ihr widerfahren ist. So heroisch, huldvoll und heilig wie in den Legenden war es wohl nicht. \u201eDie Nacht ihrer ersten Geburt war kalt gewesen.\u201c (Bert Brecht). All die Schichten aus Gold und Purpur, mit denen man das junge M\u00e4dchen geschm\u00fcckt und geschminkt hat, m\u00fcssen abgetragen, die \u201esiebenfachen Schleier aus Tradition, Dogma, Liturgie, Legende, Kunst, Dichtung und Musik\u201c (Schalom Ben Chorin) m\u00fcssen gel\u00fcftet werden, damit man der jungen Frau ins Gesicht sehen kann. Sonst versteht man nicht, was Maria geschieht. Eine junge Frau von unten war sie; eine aus den H\u00fctten, nicht aus den Pal\u00e4sten, nicht von hohem Stand, sondern von niedriger Geburt; manche erinnert sie \u201ean die ungl\u00fccklichen j\u00fcdischen M\u00fctter, die in KZ-Lagern niederkamen, die auf der Flucht entbunden haben, die das Emigrantendasein des verfolgten Volkes so bitter erlebten\u201c (Schalom Ben Chorin). Maria geh\u00f6rt zu denen, die im Dunkel stehen, aber in das Dunkel f\u00e4llt Licht. Weil Gott Maria sieht. Gottes Blick \u00f6ffnet ihr Herz und Mund; angenommen, angesehen, anger\u00fchrt von Gottes Liebe singt sie ihr Lied: \u201e<em>Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilands, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. [\u2026] Denn er hat gro\u00dfe Dinge an mir getan.<\/em>\u201c(Lk 1,46f.49). Von Gott aufgerichtet steht Maria ganz aufrecht \u2013 und sie steht nicht allein. Sie ist keine Ausnahme, die die gnadenlose Logik der Welt im Grunde nur best\u00e4tigt, keine Quotengerettete, keine, die im Gegensatz zu so vielen anderen ausnahmsweise mal Gl\u00fcck gehabt hat. Ihre Stimme ist eine von vielen im Chor der Aufgerichteten, denn Maria hat viele Schwestern: Mirjam, Debora, Hanna, Judit \u2013 all diese Frauen jubeln \u00fcber Gott, ihren Retter, der sie in ihrem Ungl\u00fcck gesehen hat. Und so schl\u00e4gt Marias individuelles Danklied um in ein Lied \u00fcber Gottes Handeln in der Geschichte; Maria bettet ihre Erfahrung ein in die \u201evielleibigen und vielstimmigen\u201c (Kurt Marti) Verhei\u00dfungserfahrungen Israels. \u201e<em>Und seine Barmherzigkeit w\u00e4hret f\u00fcr und f\u00fcr bei denen, die ihn f\u00fcrchten. [\u2026] Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf<\/em>\u201c (Lk 1,50.54). Das, was Maria erf\u00e4hrt, ist die Hoffnung aller Niedrigen und Erniedrigten: \u201eWer im Dunkel lebte, steht im Licht\u201c (EG 380,1 [Regionalteil Niedersachsen\/Bremen]). Weil Maria nicht die einzige ist, weil das mit ihr immer wieder geschehen ist, geschieht und geschehen wird, ist auch das ein Gesetz, Gottes Gesetz, so l\u00e4uft es eben bei Gott.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">III.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201e<em>Er \u00fcbt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoff\u00e4rtig sind in ihres Herzens Sinn. Er st\u00f6\u00dft die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen f\u00fcllt er mit G\u00fctern und l\u00e4sst die Reichen leer ausgehen<\/em>\u201c (LK 1,51-53). Maria preist die Ordnung der Liebe gegen die Ordnung der Welt und ihrer scheinbar unentrinnbaren Logik: \u201eDie im Dunkel sieht man nicht.\u201c Ein \u201erevolution\u00e4res Adventslied\u201c (Dietrich Bonhoeffer) hat man Marias Lied genannt, die S\u00e4ngerin wurde zum \u201em\u00e4dchen courage\u201c (Kurt Marti) und zur \u201eersten Revolution\u00e4rin\u201c (Max Thurian). Und wirklich: Wovon Maria singt, klingt nicht nur nach ein bisschen Revolution, klassischer geht es eigentlich kaum: Entmachtung der M\u00e4chtigen und Erm\u00e4chtigung der Machtlosen, Umverteilung von arm und reich, \u201eFriede den H\u00fctten, Krieg den Pal\u00e4sten!\u201c. Aber auch das muss man ins rechte Licht r\u00fccken. Eine Rosa Luxemburg war Maria nicht, auch keine Jeanne d\u2019Arc. Maria singt nicht von Menschen gemachten Revolutionen wie die in Syrien dieser Tage, nicht von gewaltsamen Umst\u00fcrzen oder von sozialpolitischen Utopien, die in der Sehnsucht wurzeln und in ihr enden. Marias Lied ist weder Parteiprogramm noch Partisanenhymne noch purer Populismus. Die Weltrevolution, von der sie singt und die sie am eigenen Leib bezeugt, kommt senkrecht von oben, nicht von Menschenhand erk\u00e4mpft oder von menschlichem Verstand geplant, sondern durch Gottes Geist geschenkt. So ganz unpolitisch ist das aber nicht. Denn Gott ist parteiisch und das einfache Volk liegt ihm am Herzen: Er erh\u00f6ht die Niedrigen. Rettung von oben ermutigt die, die unten sind, und macht ihnen Mut aufzustehen, einander beizustehen und in W\u00fcrde anzusehen. \u201eDie gro\u00dfe Ver\u00e4nderung, die an uns und durch uns geschieht, wird mit allen geschehen \u2013 oder sie bleibt aus. Barmherzigkeit wird ge\u00fcbt werden, wenn die Abh\u00e4ngigen das vertane Leben aufgeben k\u00f6nnen und lernen selber zu leben.\u201c (Dorothee S\u00f6lle)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">IV.<\/p>\n<p>Marias Lied ist keine Komposition f\u00fcr die Schublade oder geplante Auff\u00fchrung in Konzerthallen. Es stammt mitten aus dem Leben, ganz allt\u00e4glich und wundervoll. Ein Befreiungslied an der Schnittstelle zweier Frauenbiographien. Elisabeth, die \u00e4ltere, die Johannes unter ihrem Herzen tr\u00e4gt, begegnet Maria, der j\u00fcngeren, die mit Jesus schwanger geht. <em>\u201eGesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes<\/em>\u201c (Lk 1,42). Ein ber\u00fchrendes, anr\u00fchrendes, ja auch aufr\u00fchrendes Bild. Keine der beiden Frauen hat eine Bilderbuchschwangerschaft. Ihre Geschichten sind nicht unbedingt Geschichten f\u00fcrs Rampenlicht. Bei Elisabeth hat niemand mehr damit gerechnet, dass sie noch ein Kind bekommen wird; bei Maria war nach menschlichem Ermessen \u00fcberhaupt gar nicht damit zu rechnen, dass sie schwanger sein k\u00f6nnte. Eine seltsame Teenie-Mutter und eine Sp\u00e4tgeb\u00e4rende begegnen einander, sehen einander und stehen einander bei. \u201e<em>Und Maria bleib bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim<\/em>\u201c (Lk 1,56). Risiko- und R\u00e4tselschwangerschaften &#8211; an ihnen zeigt sich das Wunder. Gottes Gesetz sprengt die Logik der Welt \u2013 Leben entsteht, wo man es nicht erwartet, das Dunkel ist licht, das Schwache ist stark, das Kind ist K\u00f6nig. So l\u00e4uft das eben bei Gott. Gott sieht liebend in die dunklen H\u00fctten und segnet die br\u00fcchigen Biographien, er \u00f6ffnet die R\u00e4nder der Nacht f\u00fcr den Einbruch des Lichts und gibt seiner gewaltigen Verhei\u00dfung ein zartes, zerbrechliches m\u00e4dchenhaftes Gesicht. Advent ist die Zeit, einzustimmen in Marias Gesang und die Ordnung der Liebe in und bisweilen auch gegen die Logik der Welt zu lobpreisen: \u201eWer im Dunkel lebt, wird im Licht stehen.\u201c \u00dcberall da, wo das geschieht, ist und bleibt Maria \u201evielleibig vielstimmig die subversive Hoffnung ihres Gesangs\u201c (Kurt Marti). Nichts muss so bleiben wie es ist. Alles ist m\u00f6glich. \u201eThere is a crack in everything that\u2019s how the light gets in\u201c (Leonard Cohen).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0&#8212;<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bertolt Brecht, \u201eMaria\u201c, in: Gedichte II. 1913-1929, Berlin 1961, 104.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Schalom Ben Chorin, Mutter Mirijam. Maria in j\u00fcdischer Sicht, M\u00fcnchen <sup>3<\/sup>1994, 11; 64.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Kurt Marti, \u201eund maria\u201c, in: Schon wieder heute. Ausgew\u00e4hlte Gedichte 1959-1980, Darmstadt 1982, 85-88.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dorothee S\u00f6lle, Meditation \u00fcber Lk 1,46-55, in: dies. u.a. (Hg.), Gro\u00dfe Frauen in der Bibel in Bild und Text, Freiburg i.Br. 1993, 290.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hildesheim<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:mjansse@gwdg.de\">mjansse@gwdg.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer im Dunkel lebte, steht nun im Licht | 4. 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