{"id":20577,"date":"2024-12-20T12:00:56","date_gmt":"2024-12-20T11:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20577"},"modified":"2024-12-18T14:34:35","modified_gmt":"2024-12-18T13:34:35","slug":"liedpredigt-ich-steh-an-deiner-krippen-hier-eg-37","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/liedpredigt-ich-steh-an-deiner-krippen-hier-eg-37\/","title":{"rendered":"Liedpredigt \u201eIch steh an deiner Krippen hier\u201c (EG 37)"},"content":{"rendered":"<h3>Christfest II. | 26.12.2024 | Liedpredigt \u201eIch steh an deiner Krippen hier\u201c (EG 37) | Johannes L\u00e4hnemann |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wir haben eben die ersten vier Strophen dieses sch\u00f6nsten Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt gesungen. Getragen wurde unser Gesang von Johann Sebastians Bachs and\u00e4chtiger, einf\u00fchlsamer Melodie, dazu auch der Oberstimme aus dem Quempas-Liederbuch.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Warum r\u00fchrt uns dieses Lied so besonders an?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist wohl dies, dass es uns nicht als Beobachter drau\u00dfen stehen l\u00e4sst, sondern dass es uns direkt zur Krippe hinf\u00fchrt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch steh an deiner Krippen hier\u201c \u2013 mit diesen Worten nimmt Paul Gerhardt jeden und jede, die dieses Lied singen, mit, stellt er uns hin an den einfachen, \u00e4u\u00dferlich unscheinbaren Ort der Geburt Jesu. Jeder und jede von uns soll direkt mit dabei sen. Alles, was sich zwischen uns und das Kind in der Krippe stellen k\u00f6nnte, f\u00e4llt fort. Der zeitliche Abstand von vielen hundert Jahren, der r\u00e4umliche Abstand zu dem Geschehen im fernen, gegenw\u00e4rtig wieder so spannungsgeladenen Bethlehem \u2013 sie werden einfach \u00fcbersprungen. Und es beginnt ein and\u00e4chtiges Nachdenken, eine Zwiesprache mit dem Kind, ein Meditieren dar\u00fcber, was sich hier ereignet und was Jesu Geburt \u00fcber die Zeiten hinweg sagen will \u2013 und zwar nicht nur allgemein f\u00fcr die Menschheit, sondern f\u00fcr mich pers\u00f6nlich, f\u00fcr mich in meinem ganz eigenen Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die 1. Strophe er\u00f6ffnet den Raum des and\u00e4chtigen Nachdenkens, des Meditierens. Der Gedanke, an der Krippe zu stehen, ist der Bibel entnommen: der Geschichte von den Hirten, die zur Krippe eilen, der Geschichte von den Weisen aus dem Osten, die dem Kind ihre Gaben bringen. Aber es wird gleich pers\u00f6nlich auf den Betrachter, auf mich angewandt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eIch steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben \u2026\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dass Jesus \u201emein Leben\u201c ist, ist bereits eine zentrale Aussage:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Jesus ist \u201emein Leben\u201c als der, der f\u00fcr mich gelebt hat: der meine Gestalt angenommen hat, der geworden ist wie einer von uns: \u2013 als Kind geboren, hilfsbed\u00fcrftig wie jedes Baby, ber\u00fchrt von liebevoller Zuwendung wie jeder und jede von uns, ergriffen von Freude und Leid \u2013 wie jeder, der auf der Erde lebt. \u201eMein Leben\u201c, das bedeutet aber auch: das von Jesus geschenkte Leben \u2013 von ihm geschenkt, weil ich es im Lichte seiner Liebe leben kann, weil er mir die Liebe in einzigartiger Weise gezeigt und dargeboten hat. Wie sehr m\u00f6chte man diese Liebe denen w\u00fcnschen, die gegenw\u00e4rtig in Bethlehem leben, eingeschlossen hinter der Grenzmauer, und ebenso allen Menschen in Pal\u00e4stina, in Israel, im Gaza-Streifen, im Libanon, in Syrien!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Paul Gerhardt an die Krippe tritt, dann will er \u2013 und das ist in diesem Lied das Besondere \u2013 dem Jesuskind nicht nur irgendeinen Teil dessen bringen will, was er besitzt, auch nicht nur ein einzelnes Erlebnis, eine einzelne Erfahrung, sondern sich selbst mit seiner ganzen Person:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201eIch komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 nimm alles hin und lass dirs wohlgefallen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dies alles, was ich bin: dass ich denken und f\u00fchlen kann, dass ich Geist und Sinn habe, Herz, Seele und Mut, das habe ich ja nicht mir zu verdanken, das ist mir geschenkt, gegeben. Mit allem, was unser Leben ausmacht, was wir haben und sind, stehen wir an der Krippe. Wenn wir es Jesus bringen, nehmen wir ernst, dass wir das alles nicht wie einen Besitz haben, sondern wie ein anvertrautes Pfand, wie eine einzigartige Gelegenheit; wir vertrauen es ihm an, damit es von seinem Blick beseelt, von seinem Segen neu belebt wird und von uns ausstrahlt auf Andere.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie das Leben dieses Kindes und mein Leben verbunden sind, davon erz\u00e4hlt das ganze Lied, das beschreibt Paul Gerhardt in 9 Strophen, die erf\u00fcllt sind vom Staunen \u00fcber das, was zuerst die Hirten und die Weisen in der kleinen Stadt Bethlehem erlebt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die 2. Strophe enth\u00e4lt vielleicht die k\u00fchnste aller Aussagen. Sie greift am weitesten aus. Sie verbindet den Anfang unseres Lebens mit dem Anfang des Lebens Jesu, ja, mit dem Anfang der Sch\u00f6pfung \u00fcberhaupt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eDa ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und hast dich mir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wie du mein solltest werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Gerhardt will sagen: Am Kind in der Krippe sehen wir, dass Gott von Anfang an, ja schon vor aller Zeit, einen guten Willen mit uns hatte: Ich bin nicht nur ein zuf\u00e4lliges Leben, irgendeine beliebige Existenz unter Milliarden von Menschen, nur irgendein Teilchen im endlosen Weltall, nein, in Jesus hat sich Gott mich, so wie ich bin, so wie ich hier in der Kirche bin, ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ein ungeheurer Gedanke! Ein Gedanke, der dem Leben eines jeden und einer jeden von uns einen einzigartigen, nicht messbaren Wert verleiht: Noch ehe wir im Mutterleib Gestalt gewonnen haben, noch ehe wir nach Gottes Willen geformt wurden, ist Jesus f\u00fcr uns geboren, hat er schon sein Leben f\u00fcr mich gelebt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bin ich damit gemeint? Ich mit meinen Sorgen und Lasten, ich mit meinen \u00c4ngsten und Fehlern, ich mit dem, was ich gut machen will und was mir oft so wenig gelingt? Ich mit meiner begrenzten Kraft im Blick auf die Menschen, die meine Hilfe, meine Unterst\u00fctzung brauchen? Ja, will Paul Gerhardt sagen, ja, ich bin damit gemeint, so wie ich bin. An mich hat Jesus gedacht, daran, wie er zu mir in mein Leben kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">In der 3. Strophe wird das weiter entfaltet. Und wie eben in der 2. Strophe Zeit und Ewigkeit durch Jesus mit meinem einen kurzen Leben zusammengebracht wurden, so wird jetzt alles umfangen, was in meinem Leben Raum greifen kann: von der finstersten Not bis zur hellsten Freude:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht\u2018,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 wie sch\u00f6n sind deine Strahlen!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist eine Strophe voll der gr\u00f6\u00dften Kontraste, die wir uns vorstellen k\u00f6nnen. Die tiefste Todesnacht: Damit ist das gr\u00f6\u00dfte Dunkel gemeint, in das wir in unserem Leben fallen k\u00f6nnen: das Dunkel einer Schuld, das Dunkel einer Verlassenheit, das Dunkel des Schmerzes, ja auch die Verzweiflung \u00fcber N\u00f6te, Katastrophen und Kriege in der Welt, die unser Herz ergreifen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich denke, manche unter uns kennen Stunden, in denen es nur Verzagen, nur Gottesferne zu geben scheint. Eben daran erinnert sich Paul Gerhardt aus seinem eigenen Leben, einem Leben, das viele Jahre lang den Schrecken des 30-j\u00e4hrigen Krieges ausgesetzt war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und er erinnert sich daran, wie gerade dort, in der gr\u00f6\u00dften Dunkelheit, das Kind in der Krippe zu einer Sonne geworden ist, es mitten in der Nacht hell machte, die es aufstrahlen lie\u00df: Licht, Leben, Freud und Wonne. Es kann gar nicht mit genug Worten der Helligkeit, der Freundlichkeit, des Lebens zum Ausdruck gebracht werden. Dabei verbreitet das Kind in der Krippe nicht nur einen Scheinglanz, nicht nur einen kurzen Optimismus, der sp\u00e4ter wieder verfliegt. Es ist vielmehr das Licht des <em>Glaubens<\/em>, das in mir angez\u00fcndet wird. Es ist die Kraft, dass ich von Jesu Geist gehalten und ergriffen bin, dass ich von seiner Liebe durchdrungen werde, die es in meinem Leben hellmacht, so, dass ich nur staunen kann \u00fcber diese einzigartigen Sonnenstrahlen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieses Staunen f\u00fcllt dann die ganze n\u00e4chste, die 4. Strophe, aus:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201eIch sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 O dass mein Sinn ein Abgrund w\u00e4r und meine Seel ein weites Meer,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass ich dich m\u00f6chte fassen!\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Blick verweilt hier auf dem Kind in der Krippe, auf dem einzigartigen Ereignis, das in diesem kleinen Menschlein sichtbar wird \u2013 geboren vor aller Zeit und doch auch geboren in dieser Nacht, die Kraft des Sch\u00f6pfers selbst, und nun doch ganz da in diesem einen irdischen Leben. Wie k\u00f6nnte man sich daran satt sehen?! Und so l\u00e4dt uns Paul Gerhardt ein, stehen zu bleiben, anzubeten, still vor diesem Bild zu verweilen. Und dabei w\u00e4chst der Wunsch, dass mein Sinn tief, abgrundtief werden k\u00f6nnte, und dass meine Seele sich weitet, dass sie weit wird wie das gro\u00dfe Meer, damit sie dieses Wunder fassen kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Von diesem and\u00e4chtigen Staunen, von diesem weiten Blick kehrt Paul Gerhardt dann in der 5. Strophe in den Alltag zur\u00fcck, und zwar dorthin, wo dieser Alltag von Not und Sorgen \u00fcberschattet ist.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese und die folgenden 3 Strophen unseres Liedes werden selten gesungen. Vielleicht sind sie manchen unter uns \u00fcberhaupt ganz neu. Und doch sind gerade sie besonders hilfreich und tr\u00f6stlich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Zun\u00e4chst wollen wir sie miteinander singen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201eWenn oft mein Herz vor Kummer weint und keinen Trost kann finden, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 rufst du mir zu: \u201aIch bin dein Freund, ein Tilger deiner S\u00fcnden. <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Was trauerst du, o Bruder mein? Du sollst ja guter Dinge sein, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 ich s\u00fchne deine Schulden.\u2018\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wie manche unter uns werden das erlebt haben, dass ihr Herz vor Kummer weint, dass es keinen Trost finden kann: wenn wir einen lieben Menschen verloren haben, der ganz zu unserem Leben dazugeh\u00f6rt; wenn wir hilflos neben einem Kranken oder neben einem tief deprimierten Menschen stehen; wenn uns die Bilder leidender Kinder oder durch Krieg und Flucht zerrissener Familien wie ein tiefer Schmerz in die Seele fahren; wenn wir fanatische, aufgebrachte Menschen sehen, die mit Hassparolen \u00fcber Ausl\u00e4nder und besonders auch \u00fcber j\u00fcdische und muslimische Mitb\u00fcrger herfallen; besonders aber, wenn wir selbst erleben, dass wir jemanden verletzt haben, dass wir Hassgef\u00fchle gegen Andere hegen, dass wir gegen Gottes Willen gehandelt haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Gerhardt zeigt: Gerade dann will Jesus uns ansprechen, gerade dann ruft er uns aus der Krippe zu: \u201eHier bin ich. Ich bin den Freund. Ich bin in dein Leben hineingekommen. Ich wei\u00df, wie dir ist. Ich leide mit dir und f\u00fcr dich. Ich nehme von dir, was dich qu\u00e4lt, wenn du schuldig geworden bist. Du bist mein Bruder, du darfst guter Dinge sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">F\u00fcr Jesus, der so f\u00fcr uns da ist, der \u2013 wie Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt hat \u2013 \u201eder Mensch f\u00fcr andere\u201c geworden ist, findet Paul Gerhardt nun ein besonders sch\u00f6nes Bild. Er nennt ihn einen \u201elieben Stern\u201c, und er meint damit, dass Jesus das Himmelslicht ist, das auf die Erde kommt. Aber dann muss er sich selbst wieder dar\u00fcber wundern:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201e<em>O dass doch so ein lieber Stern soll in der Krippen liegen!<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 F\u00fcr edle Kinder gro\u00dfer Herrn geh\u00f6ren g\u00fcldne Wiegen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, Samt, Seide, Purpur w\u00e4ren recht,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 das Kindlein drauf zu legen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Gerhardt fragt, wie denn dieses Himmelskind in einer einfachen Futterkrippe liegen kann, und er malt dann das Bild einer F\u00fcrstenwiege. Vielleicht hat mancher von uns schon einmal so ein Prachtexemplar bei einer Schlossbesichtigung gesehen: mit Samt und Seide ausgeschlagen, mit bestickten Kissen, mit einem hellblauen Himmeltuch dar\u00fcber. \u2013 Freilich, wenn Jesus in einer solchen Krippe gelegen h\u00e4tte, w\u00e4re er wohl fern von den einfachen Menschen gro\u00df geworden, f\u00fcr die er da ist und die er in seine Nachfolge ruft, er w\u00e4re in der sterilen Pracht eines Schlosses aufgewachsen. Und so ist dann das Lager f\u00fcr das Christkind, wie es sich Paul Gerhardt in Vers 7 w\u00fcnscht, auch ganz anders. Es ist ein Lager voll duftender Blumen, das an der Stelle von Stroh und Heu entsteht, wenn Paul Gerhardt ausruft:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201e<em>Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu, ich will mir Blumen holen, <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 mit Rosen, Nelken, Rosmarien aus sch\u00f6nen G\u00e4rten will ich ihn <\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 von oben her bestreuen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Nicht steril, fern von unserem Leben, soll Jesus liegen, sondern mitten in der Natur, umgeben von den Sch\u00f6nheiten der Sch\u00f6pfung, die sich selbst \u00fcber sein Kommen freut. Paul Gerhardt will sich selbst auf den Weg machen, um das Lager Jesu so umzuwandeln; es sind die Blumen des Paradiesg\u00e4rtleins, das wir auf manchen mittelalterlichen Bildern dargestellt finden, die der Liederdichter aus sch\u00f6nen G\u00e4rten holen will, auf die er das Kind betten und mit denen er es von oben her bestreuen will, so dass sich rundherum Wohlgeruch ausbreitet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch dann besinnt sich Paul Gerhardt noch einmal auf den Weg Jesu, auf seinen einzigartigen, erstaunlichen Weg, der so gar nicht der Weg eines F\u00fcrstenkindes ist, der aber eben deswegen der Weg f\u00fcr mich, an meiner Seite, f\u00fcr meine Not wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201e<em>Du fragest nicht nach Lust der Welt noch nach des Leibes Freuden;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 du hast dich bei uns eingestellt, an unsrer Statt zu leiden,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 suchst meiner Seelen Herrlichkeit durch Elend und Armseligkeit,<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 das will ich dir nicht wehren.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Gerhardt nimmt hier Jesus in den Blick, wie er hingeht zu den Armseligen und Beladenen, wie er sie gesund macht und frei von Schuld und S\u00fcnde: Blinde, Lahme., Auss\u00e4tzige, den Z\u00f6llner Zach\u00e4us, der sich seinen Reichtum ergaunert hat, den Widerstandsk\u00e4mpfer Simon, aber auch den Fischer Petrus, der ihn sp\u00e4ter sogar verleugnet. Er sieht Jesus, wie er selbst sich fesseln, schlagen und foltern l\u00e4sst, als w\u00e4re er der Schuldige, ja, wie er sich schlie\u00dflich ans Kreuz schlagen l\u00e4sst, den Tod des gemeinsten Verbrechers erleidet. Krippe und Kreuz liegen hier nicht weit auseinander, und das haben immer wieder auch Dichter und Maler gesehen, die die Weihnachtsgeschichte dargestellt haben. So h\u00e4ngt etwa in Roger van der Weidens ber\u00fchmtem Bild von der Anbetung der K\u00f6nige mitten \u00fcber dem Geburtsgeschehen oben am Balken des Stalles schon der Kruzifix, das Kreuz, das auf dieses Kind in der Krippe wartet. Aber dieser Weg hin zum Kreuz ist eben der Heilsweg, weil nur der, der mein Leben kennt, der mein Leben gerade auch in seinem Elend durchmessen hat, mein Erl\u00f6ser sein kann.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Paul Gerhardt will dem Christuskind diesen Weg nicht verwehren, weil es ja der Weg f\u00fcr unser Heil ist, so unerh\u00f6rt es auch erscheinen muss, dass das Kind Gottes ihn geht und auf sich nimmt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Besonders sch\u00f6n kommt die Erfahrung, die Paul Gerhardt hier ausspricht, zum Ausdruck in einem Zwiegespr\u00e4ch mit dem Kind in der Krippe, das uns von dem Kirchenvater Hieronymus \u00fcberliefert wird, der Ende des 4, Anfang des 5 Jahrhunderts lange Jahre in Bethlehem gelebt hat. \u00c4hnlich wie Paul Gerhardt spricht Hieronymus direkt mit dem Kind, als h\u00e4tte er es lebendig vor sich.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eIch sage (spricht Hieronymus): \u201aAch, Herr Jesu, wie hart liegst du da um meiner Seligkeit willen. Wie soll ich dir vergelten!\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Kindlein: \u201aIch begehre nichts. Singe du: Ehre sei Gott in der H\u00f6he und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen \u2013 und lass die dies lieb sein! Ich will noch viel d\u00fcrftiger werden im \u00d6lbergen und am heiligen Kreuz.\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich spreche weiter: \u201aDu liebes Kind, ich muss dir etwas geben, ich will dir all mein Geld geben.\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das Kindlein: \u201aIst schon zuvor Erde und Himmel mein. Mein ist Silber und Gold, ich bedarf nichts; gibs armen Leuten, das will ich annehmen, als sei es mir selbst gegeben!\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sage: \u201aDas will ich gern tun; aber ich will auch dir etwas geben \u2013 oder ich muss vor Leide sterben.\u2018<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da h\u00f6rt ich die Antwort: \u201aWillst du ja so freigebig sein, so will ich dir sagen, was du mir geben sollst: Gib mir her deine S\u00fcnden, dein b\u00f6ses Gewissen und deine Verdammnis \u2026 Ich wills auf meine Schultern nehmen.\u2018 \u2013<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Da fang ich an, bitterlich zu weinen und und sage: \u201aO Kindlein! Ich dachte, du wolltest, was ich gutes habe; aber du willst, was ich b\u00f6ses habe\u2026\u2018\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">(nach J\u00f6rg Erb: Die Wolke der Zeugen; vgl. Weihnachtsmeditation: Gespr\u00e4ch des Hieronymus mit dem Kind in der Krippe. kraftwort.wordpress.com\/2012\/12\/24\/weihnachtsmeditation)<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hieronymus hat in seinem Leben immer diese unmittelbare N\u00e4he zum Christuskind gesucht, hat sich inspirieren lassen von dem Ort und Geschehen in Bethlehem. Er hat dort das ganze gro\u00dfe Werk der \u00dcbersetzung der Bibel ins Lateinische \u2013 die \u201eVulgata\u201c \u2013 vollendet.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die innige Beziehung zum Kind in der Krippe, die sich in diesem Zwiegespr\u00e4ch ausdr\u00fcckt, h\u00e4tte ihn sicher auch in den letzten Wunsch einstimmen lassen, den Paul Gerhardt in der 9. Strophe seines Liedes vortr\u00e4gt:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>\u201eEins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen;<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dass ich dich m\u00f6ge f\u00fcr und f\u00fcr in, bei und an mir tragen.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 dich und all deine Freuden.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">So wie es am Anfang des Liedes gehei\u00dfen hat, dass ich mich an der Krippe selbst mit Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut dem Kind hingebe, so gibt es hier am Schluss nun die Gegenbewegung: dass n\u00e4mlich Jesus selbst zu mir, in mich hineinkommt. Und was kann es Wertvolleres geben als das: dass ich gleichsam zum Geh\u00e4use des Christus werde, dass er mein Herz erf\u00fcllt, dass er, der f\u00fcr mich gelebt und gelitten hat, durch mich hindurch wirksam wird. Dann ist vielleicht auf unseren Gesichtern ein Abglanz seiner Freuden zu erkennen, ein Abglanz seiner Freundlichkeit, und wir k\u00f6nnen denen, die auf Licht und W\u00e4rme warten, das Licht des Christkinds bringen.<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Prof. em. Dr. Johannes L\u00e4hnemann, Goslar, <a href=\"mailto:johannes@laehnemann.de\">johannes@laehnemann.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Johannes L\u00e4hnemann (geb. 1941) hatte von 1981-2007 den Lehrstuhl f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik und Didaktik des Ev. Religionsunterrichts an der Universit\u00e4t Erlangen-N\u00fcrnberg inne. Er lebt im Ruhestand in Goslar. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Interreligi\u00f6ser Dialog, Interreligi\u00f6ses Lernen, Religionen und Friedenserziehung. Er ist Mitglied der internationalen Kommission <em>Interreligious Education <\/em>der Bewegung <em>Religions for Peace <\/em>(RfP) und im wissenschaftlichen Beirat \u00a0von <em>Religionen f\u00fcr den Frieden Deutschland.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Seine Autobiografie ist erschienen unter dem Titel \u201eLernen in der Begegnung. Ein Leben auf dem Weg zur Interreligiosit\u00e4t.\u201c G\u00f6ttingen (Vandenhoeck &amp; Ruprecht) 2017.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Predigt wird in der St. Johannes-Kirche in Goslar-Ohlhof gehalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liedempfehlungen: EG 27: Lobt Gott, ihr Christen alle gleich; EG 37: Ich steh an deiner Krippen hier,1-4 (vor der Predigt, 5-7 (w\u00e4hrend der Predigt), 8-9 (nach der\u00a0 Predigt); EG 56: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen; EG 44: O du fr\u00f6hliche<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christfest II. | 26.12.2024 | Liedpredigt \u201eIch steh an deiner Krippen hier\u201c (EG 37) | Johannes L\u00e4hnemann | Liebe Gemeinde! Wir haben eben die ersten vier Strophen dieses sch\u00f6nsten Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt gesungen. Getragen wurde unser Gesang von Johann Sebastians Bachs and\u00e4chtiger, einf\u00fchlsamer Melodie, dazu auch der Oberstimme aus dem Quempas-Liederbuch. 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