{"id":20624,"date":"2024-12-26T18:27:18","date_gmt":"2024-12-26T17:27:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20624"},"modified":"2024-12-26T18:27:18","modified_gmt":"2024-12-26T17:27:18","slug":"josua-11-9-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/josua-11-9-4\/","title":{"rendered":"Josua 1,1\u20139"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Schwellen | Neujahrstag | 01.01.2025 | Jos 1,1\u20139 | Martina Jan\u00dfen |<\/h3>\n<p>I. \u201e<em>So mach dich nun auf und zieh \u00fcber den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe<\/em>.\u201c (Jos 1,2) Bei einem solchen Auftrag konnte selbst dem mutigsten Mann schon mulmig werden. Josua steht am Jordan. Etwas Neues beginnt, in seinem eigenen Leben, in der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Findet er in all dem Neuen seinen Ort? Josuas Blick f\u00e4llt auf die andere Seite des Flusses, das verhei\u00dfende Land. Dorthin soll er sie f\u00fchren. Eine gro\u00dfe Aufgabe, von Gott selbst gegeben. Davor hat Josua Respekt. Denn das Volk zu lenken, wird nicht leicht sein. Mose ist tot, die Trauer gro\u00df. W\u00fcrden sie jetzt ihn akzeptieren? Kann er einem Vergleich mit Mose standhalten? Selbst als Mose sie f\u00fchrte, waren sie schwierig, hartn\u00e4ckig und halsstarrig. Dieses ewige Murren. Aber damals sind sie ja auch durch die W\u00fcste gezogen, da kann man schon mal m\u00fcrrisch werden. Die Fleischt\u00f6pfe \u00c4gyptens weit hinter sich, das verhei\u00dfene Land, all die bl\u00fchenden Landschaften, in denen Milch und Honig flie\u00dfen, noch in ferner Zukunft. Nur der Hunger war da, und die M\u00fchen, die M\u00fcdigkeit. Da war alles Murren menschlich, allzu menschlich. Doch nun ging es ja auf ins verhei\u00dfene Land. \u201e<em>Jede St\u00e4tte, auf die eure Fu\u00dfsohlen treten werden, habe ich euch gegeben, wie ich Mose zugesagt habe.<\/em>\u201c(Jos 1,3) Das klingt gut und darauf haben sie immer gehofft, aber ganz so leicht wird das wohl auch nicht werden. Schlie\u00dflich leben die Kanaan\u00e4er ja dort. Die w\u00fcrden nicht einfach zur Seite treten und Platz machen, wenn Josua und das Volk kommen, das wird kein Durchmarsch und keine friedliche Aufteilung von Land, mit offenen Armen werden sie nicht empfangen werden und das Feld wird man nicht f\u00fcr sie r\u00e4umen. Doch es gibt ja einen Plan, sie haben ja Gottes Gesetz als Kit und Kompass. Aber daran halten sie sich ja auch nicht immer, das hat die Vergangenheit allzu deutlich gezeigt; sie tanzen doch immer aus der Reihe. Statt allein auf Gott haben sie auf G\u00f6tzen gesetzt und ums goldene Kalb getanzt. Wird Josua es schaffen, dieses Volk zu lenken, ihm Heimat und Frieden zu geben? Wird er dem allem gewachsen sein oder wird ihm alles \u00fcber den Kopf wachsen? All das steht im Raum \u2013 da, wo Josua an der Schwelle, am Ufer des Flusses, steht, fast erstarrt angesichts der Gr\u00f6\u00dfe dieses Augenblicks, der sein Leben ver\u00e4ndert. \u201e<em>So mach dich nun auf und zieh \u00fcber den Jordan, du und dies ganze Volk.\u201c <\/em>(Jos 1,2)<em>. <\/em>Ist die Aufgabe zu gro\u00df f\u00fcr seine Schultern? Josua schlie\u00dft die Augen, h\u00f6rt in sich hinein, h\u00f6rt den Fluss, h\u00f6rt auf sein Herz. \u201e<em>Und der Geist Gottes schwebte \u00fcber dem Wasser<\/em>\u201c (Gen 1,2). <em>Sei getrost und unverzagt<\/em>\u201c (Jos 1,6.9). Vorsichtig setzt Josua einen Schritt vor den anderen. Es geht.<\/p>\n<p>II. \u201eIch setzte den Fu\u00df in die Luft, und sie trug.\u201c (Hilde Domin). Margit streicht \u00fcber die Karte ihrer Freundin, zieht mit ihrem Zeigefinger die Linien der vertrauten Schrift nach. Die tr\u00f6stende Karte hat sie ihr heute Morgen bei der Umarmung in die Hand gedr\u00fcckt. \u201eViel Gl\u00fcck, meine Liebe\u201c. Das hat Margit aber auch bitter n\u00f6tig. Ihre kleine Welt ist gewaltig ins Wanken geraten. Von einer Sekunde auf die andere hat ihr die Verdachtsdiagnose den Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen. Was tr\u00e4gt mich, wer h\u00e4lt mich jetzt? Margit wartet auf das Ergebnis der letzten, der entscheidenden Untersuchung, all das ist kaum zu ertragen. Das Licht im Wartezimmer l\u00e4sst die Gesichter um sie herum fahl aussehen, sie mag niemanden anschauen und starrt auf den Boden, bis sich das Muster des Linoleums in ihre Netzhaut eingebrannt hat. Wie wird das alles weitergehen? Margit streicht \u00fcber die Karte, dreht und wendet sie. Sie hat Angst. Welche T\u00fcr sich wohl \u00f6ffnen wird? In welchen Raum wird sie treten? Vielleicht ist ja alles doch nicht so schlimm und sie kommt mit einem Schrecken davon und alles geht so weiter wie bisher. Sie will m\u00f6glichst lange warten. Jede Sekunde ist eine Sekunde mehr Hoffnung. Doch sie ist ungeduldig. Jede Sekunde brennt. Sie will es endlich wissen. Was erwartet mich, was kommt auf mich zu? Ihr Name wird aufgerufen, die T\u00fcr von Behandlungsraum 6 \u00f6ffnet sich. Margit dr\u00fcckt die Karte an ihre Brust und steht auf. Egal wie das jetzt ausgeht, ich muss da jetzt reingehen, \u00fcber diese Schwelle gehen. Als sie die T\u00fcr hinter sich schlie\u00dft und dem Arzt entgegentritt, liegt ihre Hand einen kurzen Moment l\u00e4nger als sonst auf der T\u00fcrklinke, so als wolle sie sich festhalten.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">III.\u201eHalt mich ganz fest, du. Lass mich blo\u00df nicht fallen\u201c. Jule lacht. Er tr\u00e4gt sie doch tats\u00e4chlich \u00fcber die Schwelle. Das h\u00e4tte sie nie gedacht, so romantisch h\u00e4tte sie ihn nie eingesch\u00e4tzt. \u201eDass du das machst \u2013 mich auf H\u00e4nden tragen und mir hoffentlich auch die Welt zu F\u00fc\u00dfen legen! \u2026Hab dich lieb.\u201c Per l\u00e4chelt. \u201eIch \u00fcbe nur f\u00fcr sp\u00e4ter.\u201c Wie meint er das denn jetzt? Es ist ihre erste gemeinsame Wohnung. Ein entscheidender Schritt. Morgen kommen die Umzugswagen. Heute wollen sie etwas feiern, die leeren Zimmer in Gedanken gestalten, \u201eheiter Raum um Raum durchschreiten\u201c (Hermann Hesse) und den Zauber des Anfangs bewusst erleben. Drau\u00dfen ist es dunkel. Das erste Mal Licht anschalten, aus dem Hellen ins Dunkle schauen. Wie sieht ihre Stra\u00dfe nachts aus? Das Muster des Kopfsteinspflasters im Laternenlicht ist Jule schon jetzt vertraut, die erleuchteten Fenster aus dem Haus gegen\u00fcber winken wie warme, einladende Sterne. Ja, hier wird sie gl\u00fccklich werden. Jule legt die Arme um sich, als wolle sie sich umarmen. Hier wird sie gl\u00fccklich mit Per werden. Auf einmal ist etwas zu h\u00f6ren, erst leise, dann lauter: \u201eIhr\u201c Kennlernlied. Dass Per auf diese Idee kommt! Jule l\u00e4chelt. Wie s\u00fc\u00df. Was er wohl noch in petto hat? Jule folgt der Musik, \u00f6ffnet vorsichtig die T\u00fcr, bleibt ruckartig auf der Schwelle stehen: Auf dem Boden ein Herz geformt aus gef\u00fchlt 1000 Teelichtern, Per mittendrin; schlaksig wie immer und ein wenig unsicher ist er dabei, auf die Knie zu gehen. Fast schon kitschig, aber 100% magic. Bevor er sie fragen kann, sagt sie \u201eja\u201c, st\u00fcrmt in seine Arme und h\u00e4lt ihn fest, ganz fest, gef\u00fchlt f\u00fcr immer und ewig. \u201eJedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns besch\u00fctzt und der uns hilft zu leben.\u201c (Hermann Hesse).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">IV. Ein neues Jahr f\u00e4ngt an. Eigentlich ein ganz normaler Tag und doch eine Z\u00e4sur, eine Schwelle. In der Morgenluft liegt noch der Pulverdampf vom Feuerwerk; der Weihnachtsbaum neben mir beginnt zu nadeln. Ich f\u00fchle: etwas Neues beginnt. Die Tage werden wieder l\u00e4nger. Das Alte habe ich immer noch im Gep\u00e4ck. Vieles m\u00f6chte ich mitnehmen, ebenso vieles hinter mir lassen. Was erwartet mich? Ich habe Pl\u00e4ne und bin doch auch bereit mich \u00fcberraschen zu lassen. Wie oft wird es mir in diesem Jahr gelingen, \u00fcber mich hinauszuwachsen und an wie vielen Tagen werde ich nur m\u00fchsam durchs Leben stolpern und nach Halt suchen? Im vergangenen Jahr bin \u00fcber viele Schwellen getreten, durch viele T\u00fcren gegangen, habe viele R\u00e4ume durchschritten, oftmals heiter, das \u201eGehen ein Tanz, das Wort ein Gesang\u201c (Michel Houellebecq). \u201eIch setzte den Fu\u00df in die Luft, und sie trug.\u201c (Hilde Domin). Doch so eine leichte Luftg\u00e4ngerin war ich nicht immer. Manchmal w\u00e4re ich gerne an der Schwelle stehengeblieben, vor Angst gel\u00e4hmt oder vor Schreck erstarrt, aber auch dann hat etwas mich in Gang gesetzt und mich \u00fcber die Schwelle getragen. Nicht <em>mein<\/em> Mut, <em>meine<\/em>St\u00e4rke, <em>meine<\/em> Beherztheit, sondern eher Vertrauen auch da, wo ich mir selbst nicht trauen oder mir nichts mehr zutrauen kann. Vertrauen in den, den ich nicht fassen, aber auf den ich mich verlassen kann und der auch mein \u201eFallen unendlich sanft in seinen H\u00e4nden h\u00e4lt\u201c (Rainer Maria Rilke). Dieses Vertrauen befl\u00fcgelt mich, denn wie tief der Abgrund, wie rei\u00dfend der Fluss, wie gro\u00df die Angst auch sein mag: Ich falle nicht ins Bodenlose, wenn ich falle. In diesem Glauben habe ich im letzten Jahr gelebt, geliebt, gelitten, bin von Raum zu Raum, \u00fcber Schwelle und Schwelle geschritten. Das wird auch dieses Jahr so sein, daran glaube ich ganz fest. \u201eGlauben ist das Finden eines Du, das mich tr\u00e4gt.\u201c (Joseph Ratzinger). Vielleicht finde ich nicht immer und sofort, aber das Suchen ist der erste Schritt. Mit der Suche beginnt es. Und dann wird es gehen. <em>\u201eSei getrost und unverzagt\u201c (Jos 1,6). Denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.\u201c (Jos 1,9)<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">PD Dr. Martina Jan\u00dfen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hildesheim<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:dr.martina.janssen@evlka.de\">dr.martina.janssen@evlka.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:mjansse@gwdg.de\">mjansse@gwdg.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Martina Jan\u00dfen, geb. 1971, Privatdozentin f\u00fcr Neues Testament (Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), Pastorin der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Hesse, Hermann, Die Gedichte, Frankfurt am Main 1977, 676.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Houellebecq, Michel, Suche nach Gl\u00fcck, Reinbeck 2003, 133.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Domin, Hilde, Nur eine Rose als St\u00fctze, Frankfurt am Main 1978, 53.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ratzinger, Joseph, Einf\u00fchrung in das Christentum, M\u00fcnchen 1968, 53.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Rilke, Rainer Maria, In einem fremden Park. Gartengedichte, Frankfurt am Main\/Leipzig 1995, 75.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwellen | Neujahrstag | 01.01.2025 | Jos 1,1\u20139 | Martina Jan\u00dfen | I. \u201eSo mach dich nun auf und zieh \u00fcber den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gebe.\u201c (Jos 1,2) Bei einem solchen Auftrag konnte selbst dem mutigsten Mann schon mulmig werden. Josua steht am Jordan. 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