{"id":20626,"date":"2024-12-26T18:30:08","date_gmt":"2024-12-26T17:30:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20626"},"modified":"2024-12-26T18:30:08","modified_gmt":"2024-12-26T17:30:08","slug":"1-thessalonicher-521-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-521-2\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 5,21"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Jahreslosung 2025 \u2013 ein Wunschtraum? | Neujahr | 01.01.2025 | 1Thess 5,21 | Klaus Wollenweber |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich lese die Jahreslosung f\u00fcr dieses Jahr 2025 aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessaloniki (1.Thess. 5, 21):<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>\u201ePr\u00fcft alles und behaltet das Gute!\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">ja, die biblische Losung f\u00fcr das neue und von Gott geschenkte Jahr klingt wie eine Lebensweisheit und ein Ratschlag f\u00fcr alle m\u00f6glichen Entscheidungen an jedem Tag. Das ist so eindeutig, und es gilt einfach in seiner Klarheit: alles pr\u00fcfen und das Gute behalten! Wenn das doch nur so leicht ginge, wie es geraten wird. Es klingt wie ein Wunschtraum in der Realit\u00e4t des Alltags.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich will mit der Skepsis bei mir anfangen: Ich habe gar nicht immer die M\u00f6glichkeit, die Ruhe und Zeit, alles zu pr\u00fcfen, was auf mich zukommt. Ich bin vor Entscheidungen gestellt, die keine Pr\u00fcfung, keine Reflexion, zulassen. Zum Beispiel: Ich bin in einen Verkehrsunfall verwickelt; ich muss handeln. Wo bleibt Zeit zur Pr\u00fcfung? Was kann ich dabei Gutes behalten? Wichtiger sind eventuell Entscheidungen der \u201eErsten Hilfe\u201c!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder: Ich bin gest\u00fcrzt und habe mir Knochen gebrochen. Der Notarzt bringt mich schwer verletzt ins Krankenhaus; die Operation geschieht umgehend. Alles pr\u00fcfen, was zur Bereicherung meines Lebens dient, und das Gute behalten? Wie soll das geschehen? Wichtiger ist, dass \u00c4rzte und Pflegefachkr\u00e4fte das Richtige an mir tun!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder: ein Elternteil ist pl\u00f6tzlich gestorben. Ich finde keine Unterlagen f\u00fcr das Beerdigungsinstitut und die Anmeldung bei der Stadtverwaltung. Nichts ist f\u00fcr den Todesfall vorbereitet. Suchen muss ich in der ganzen Wohnung, bis ich einige n\u00f6tige Papiere gefunden habe. Zum nachdenklichen Pr\u00fcfen ist jetzt wirklich keine Zeit. Und was soll ich Gutes behalten? Wichtiger sind jetzt die B\u00fcrokratie und die Planung der Trauerfeier.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich frage nun zun\u00e4chst: Was ist eigentlich das Gute, das ich behalten soll? Gibt es daf\u00fcr Kriterien? Ist das dem Individualismus des einzelnen Menschen freigestellt? Der Apostel Paulus, der diesen Brief geschrieben hat und die christliche Gemeinde dort sehr sch\u00e4tzte, versteht unter \u201edas Gute\u201c ein lebendiges Vertrauen auf Gott, auf seinen Schutz und auf die Geborgenheit bei ihm. Er bringt damit das friedliche Zusammenleben zum Ausdruck, das hilfreiche Beieinandersein, das f\u00fcrsorgliche Miteinander. Sein ganzer Brief ist durchzogen von der Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen in Thessaloniki und von der Weitergabe dieser Liebe untereinander. Er weist darauf hin, wie gut dieses Leben mit Gott und den anderen Menschen sein kann; und er mahnt dazu, dass es so weitergehen soll. Wie ein Wunschtraum klingt dies in unseren Ohren heute.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich sehe dann heute auf das gesellschaftliche Umfeld unseres Lebens in Deutschland; auf einiges von dem, was auf uns in den 12 Monaten des neuen Jahres zukommen wird. Gesellschaftspolitisch stecken wir zu Beginn des Jahres 2025 in einem vorgezogenen Wahlkampf. Schwierig wird es, ihn zu pr\u00fcfen, zumal der Wahltag auf den H\u00f6hepunkt des rheinischen Karnevals f\u00e4llt! Die Wahl ist ja kein Karnevals-Scherz: Pr\u00fcft alles und behaltet das Gute! Was ist, wenn ich pr\u00fcfe und pr\u00fcfe und pr\u00fcfe und finde in dieser Zeit nichts, was ich als Gutes behalten kann? Wenn eine christliche Partei u.a. auf \u201eKriegst\u00fcchtigkeit\u201c pl\u00e4diert, und wenn etwa eine antichristliche und rechtsradikale Partei von ca. einem Drittel der wahlf\u00e4higen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern ihre Stimme bekommt, \u2013 was f\u00fcr eine Koalition wird es wohl in unserem Land geben? Steht uns Gutes bevor? Das klingt alles andere als eine uns Mut machende Botschaft der biblischen Jahreslosung. Ist und bleibt sie also Wunschtraum in der allt\u00e4glichen Realit\u00e4t unseres gesellschaftspolitischen Umfelds?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich bringe noch einen dritten Aspekt. Denn die biblische Jahreslosung gilt nicht nur mir pers\u00f6nlich in meinem Lebensalltag oder uns allen in Deutschland, sondern sie ist in \u00fcber 190 Sprachen und Dialekte \u00fcbersetzt und gilt somit f\u00fcr Menschen in allen Kontinenten als mahnende Herausforderung. Die Jahreslosung ist mehr als nur ein guter Vorsatz zu Beginn des Jahres: \u201ePr\u00fcft alles und behaltet das Gute!\u201c Da gibt es z.B. bei der Problematik Klimawandel noch vieles zukunftweisend zu pr\u00fcfen. Da ist doch so vieles be\u00e4ngstigend klar: Wir sp\u00fcren und erleben \u00dcberflutungen und Trockenheit, Erw\u00e4rmung der Meere und verheerende Zerst\u00f6rung durch St\u00fcrme, entsprechend Flucht und Hungersn\u00f6te, und vieles mehr. Was bleibt noch an Gutem?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Was kann jede und jeder von uns eigentlich noch pr\u00fcfen, wenn kriegerische Auseinandersetzungen in Europa, in Nahost, im Sudan, in Asien, in Afrika und in amerikanischen Staaten an der Tagesordnung sind, wenn Angst und Schrecken vorherrschen und sich verbreiten? Von dem Guten, das wir behalten sollen, keine Spur! Gar nichts k\u00f6nnen wir pr\u00fcfen und gar nichts als Gutes behalten!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Doch eine solch resignierte Feststellung kann der Apostel Paulus nicht unterst\u00fctzen. Sein Bild von der Liebe Gottes und der Gnade dem Menschen gegen\u00fcber fordert uns zur Pr\u00fcfung auf. Wenn wir in diesen Jahren Grenzen gegen\u00fcber Fl\u00fcchtlingen schlie\u00dfen, die bei uns Schutz und ein Zuhause suchen, dann wird unser christlich-pr\u00fcfendes Handeln zum Politikum. Dabei sind wir herausgefordert, einmal das christliche Leben im Miteinander in den Mittelpunkt unserer nachdenklichen \u00dcberlegungen zu stellen und zu pr\u00fcfen, ob wir auf positive Lichtblicke sto\u00dfen. Dann beginnt diese biblische Herausforderung am besten wieder bei mir selbst und nicht zuerst mit dem Hinweis auf andere Menschen. Ich habe mit der Jahres-Losung ein ganzes Jahr lang die Chance, alles kritisch zu pr\u00fcfen, damit mein Alltag sinnvoll abl\u00e4uft und damit es mir im Vertrauen auf Gott gut geht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Erinnern wir uns doch einmal an Ermahnungen aus der Erziehung von Kindern und in der F\u00fcrsorge des Miteinanders von Erwachsenen. Weil wir es gut mit dem anderen Menschen meinen, ermahnen wir h\u00e4ufiger zur Pr\u00fcfung, bevor man einen schnellen Schritt tut, der sich dann als falsch erweist. Das ist f\u00fcr uns keine Moralpredigt, sondern ein Zeichen von N\u00e4chstenliebe, weil wir wollen, dass das Leben des anderen Menschen gelingen m\u00f6ge, dass es sinnvoll und gut im Sinne von wertvoll sei. Wir k\u00f6nnen zum Beispiel pr\u00fcfend dar\u00fcber nachdenken, wie man dem \u00e4ngstlichen Menschen Mut machen kann. Wir k\u00f6nnen pr\u00fcfen, wie man dem depressiven oder dementen oder behinderten Menschen helfen kann, so dass diese am allt\u00e4glichen Leben noch freudig Teil haben k\u00f6nnen. Da k\u00f6nnen wir auch \u00fcber den Tellerrand des privaten Gl\u00fccks hinaus auf die Fl\u00fcchtlings- und Weltpolitik schauen und Gutes in vielf\u00e4ltiger Weise bewirken. Ich wei\u00df, dass Zeichen der F\u00fcrsorge und der Hoffnung, des Mitdenkens und Mitf\u00fchlens, oftmals schwer zu vermitteln sind, und wir dabei h\u00e4ufiger hilflos und ratlos agieren. Aber k\u00f6nnen wir unser Verhalten nicht nochmals \u00fcberpr\u00fcfen, die Vielfalt von L\u00f6sungen entdecken und das Gute behalten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Apostel Paulus sieht unsere Pr\u00fcfung als ein Zeichen der Liebe Gottes, die wir empfangen haben und nun weitergeben. So ist das Gute, das wir behalten, ein von Gott gewolltes Leben im liebevollen und verantwortungsvollen Miteinander und F\u00fcreinander. Wir sind in unserem christlichen Glauben immer auf dem Weg und in dem Prozess, das Gute zu suchen und zu finden \u2013 und das B\u00f6se zu lassen. Die Unterscheidung ist nicht immer leicht auf manchen Gebieten. Wie ist es z.B. mit unserem H\u00f6ren der Nachrichten auf den medialen Kan\u00e4len: H\u00f6ren wir und glauben wir nur das, was unserer vorgefassten Meinung entspricht? Pr\u00fcfen wir noch die Ger\u00fcchte, oder erz\u00e4hlen wir sie gleich sensationell als Wahrheiten weiter? Ich denke an Fake News und Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wenn Paulus die Gemeindeglieder in Thessaloniki so eindringlich ermahnt, dann hat er wohl selbst schon negative Erfahrungen gemacht. Gegen die allt\u00e4gliche Realit\u00e4t pocht er auf Pr\u00fcfung, weil ihm aufgrund der Liebe Gottes zu uns das gute, friedvolle Miteinander wesentlicher ist als das Leben im Nebeneinander und Gegeneinander. Aus der Lebensweise von Jesus Christus hat er f\u00fcr seine Botschaft entscheidend mitgenommen: Jesus hatte sich trotz seiner eigenen Erfahrung mit Unverst\u00e4ndnis und Unfrieden, mit Hass und Neid, den Randsiedlern, den Kranken und Ungl\u00e4ubigen zugewandt. Ihnen hat er Gottes Liebe vorgelebt, indem er niemand ausgrenzte. Jesus hat nicht Gleiches mit Gleichem zur\u00fcckgezahlt, sondern er hat B\u00f6ses gepr\u00fcft und benannt und dieses mit Gutem \u00fcberwunden. Seine Lebensweise war keine Anpassung an bestehende Verh\u00e4ltnisse und an friedloses Miteinander. Nein! Er hat sich nicht die Anerkennung der M\u00e4chtigen und Herrschenden erkauft. Jesu Haltung und Worte spiegeln seine Vertrautheit und Geborgenheit bei Gott wider. Was k\u00f6nnen ihm b\u00f6se handelnde und denkende Menschen schon antun? Gottes Liebe und Treue ist st\u00e4rker als die Bosheit von Machthabern.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Diese Gewissheit, die aus der biblischen Jahreslosung spricht, kann uns t\u00e4glich helfen, froh, dankbar und zuversichtlich in das neue Jahr zu gehen und jeden Tag als ein Geschenk der Liebe Gottes anzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass auf diese Weise unsere \u00c4ngstlichkeit und Verbissenheit vor all dem, was auf uns im neuen Jahr zukommt, weniger Gewicht bekommen. Ganz praktisch deute ich an: Erinnern wir uns doch an das Gute, das wir in unserem Leben trotz Krieg, Flucht und Krankheit schon erfahren haben. Wir haben in manchen Situationen, die wirklich zum Verzweifeln waren, Gottes Schutz und Geborgenheit erlebt; wir haben mit Gelassenheit und Mut das Pr\u00fcfen gelernt. So k\u00f6nnen wir im R\u00fcckblick pr\u00fcfend unseren Erlebnissen nachgehen und miteinander \u00fcber das erfahrene Gute sprechen, uns dar\u00fcber austauschen und vieles behalten. Mit unseren guten Erinnerungen wird das Leben im Jahr 2025 auf jeden Fall reicher werden. Wir leben mit der Pr\u00fcfung unserer Vergangenheit zuversichtlich heute in der Gegenwart und hoffen auf viele gute Augenblicke in der Zukunft. So behalten wir das uns geschenkte Gute im Auge und sind nicht nur fasziniert von dem B\u00f6sen. So w\u00fcnsche ich Ihnen und mir, dass wir bei allem kritischen Be\u00e4ugen auch viel Gutes im neuen Jahr entdecken: \u201ePr\u00fcft alles und behaltet das Gute!\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lied EG Nr. 428\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eKomm in unsre stolze Welt, Herr, \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Lied EG Nr. 432\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eGott, gab uns Atem, damit wir leben \u2026\u201c<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Bischof em. Klaus Wollenweber<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">53129 Bonn<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">E-Mail: <a href=\"mailto:Klaus.Wollenweber@posteo.de\">Klaus.Wollenweber@posteo.de<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Viele Jahre Gemeindepfarrer in der Ev. Keuzkirchengemeinde Bonn; ab 1988 theologischer Oberkirchenrat in der Ev. Kirche der Union (EKU) Berlin ( heute: Union Ev. Kirchen (UEK) in Hannover ); ab 1995 Bischof der \u201eEv. Kirche der schlesischen Oberlausitz\u201c mit dem Amtssitz in G\u00f6rlitz \/ Nei\u00dfe (heute: \u201eEv. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz\u201c (EKBO) ); seit 2005 im Ruhestand wohnhaft in Bonn. H\u00e4ufig aktiv in der Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern in Bonn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jahreslosung 2025 \u2013 ein Wunschtraum? | Neujahr | 01.01.2025 | 1Thess 5,21 | Klaus Wollenweber | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. 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