{"id":2064,"date":"2020-03-04T17:39:02","date_gmt":"2020-03-04T16:39:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2064"},"modified":"2020-03-04T17:39:02","modified_gmt":"2020-03-04T16:39:02","slug":"das-gebet-aendert-nicht-gott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-gebet-aendert-nicht-gott\/","title":{"rendered":"Das Gebet \u00e4ndert nicht Gott&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Das Gebet \u00e4ndert nicht Gott, sondern den Betenden<a href=\"applewebdata:\/\/DE8F0189-48A4-4A8D-99F7-B5B744FA72DD#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>\u00a0|\u00a0Predigt zu Markus 9,14-29 |\u00a0<\/strong>von Leise Christensen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute geht es um das Beten. Um den Glauben daran, dass Unglaubliches geschehen kann durch Gebet. Der Glaube und das Gebet sind der Dreh- und Angelpunkt des heutigen Textes. Ich denke dabei an das Spannungsfeld zwischen Glaube und Gebet und daran, was in einem Gebet geschieht. Ist es so: Wenn wir nur genug glauben und beten, k\u00f6nnen wie sicher sein, dass uns Gutes widerf\u00e4hrt? Wohl kaum! Mir geht es jedenfalls nicht so. Ich bin aufgewachsen mit zwei anderen Kindern in der Nachbarschaft, wo wir wohnten, ein Junge und ein M\u00e4dchen, beide waren in meiner Welt bedeutende Personen. Wir gingen in dieselbe Klasse bis zum Abitur, und mit einem von den beiden habe ich auch zusammen studiert. Freundschaften, die bis heute gehalten haben. Aber wie das so in den meisten Lebensl\u00e4ufen ist, es passierte auch etwas in unseren Leben. Das M\u00e4dchen war streng religi\u00f6s erzogen und hat damit lange gelebt, bis sie sich kurz vor ihrem 30. Lebensjahr von all dem resolut abwandte. Der Junge wurde zur gleichen Zeit ernsthaft krank und war dem Tode nah, erholte sich aber schlie\u00dflich einigerma\u00dfen von der Krankheit. Aber w\u00e4hrend seiner Krankheit sagte die Mutter des M\u00e4dchens, die den Jungen nat\u00fcrlich auch kannte und sehr mochte, sie solle f\u00fcr ihn beten, damit er wieder gesund w\u00fcrde. Und das M\u00e4dchen, gerade voll dabei, sich mit ihrem Eltern kritisch auseinanderzusetzen, fragte voller Verachtung, ob die Mutter wirklich daran glaube, dass das Leben des Jungen von den Gebeten irgendeiner zuf\u00e4lligen Person abh\u00e4nge.<\/p>\n<p>Seht, das ist im Grunde die Kernfrage zum Gebet: N\u00fctzt es \u00fcberhaupt, und warum hilft es nur manchmal, aber nicht immer? Warum konnten die J\u00fcnger im heutigen Evangelium nicht das, was Jesus konnte, n\u00e4mlich den Jungen von seiner Epilepsie heilen? Glaubten sie nicht genug? Beteten sie nicht genug? Die meisten haben das wohl erlebt, dass man nicht erh\u00f6rt wird, dass man \u201enicht gut genug war\u201c und damit erlebte, dass durchaus nichts geschah von dem, wof\u00fcr man gebetet hatte. Dass sie mit leeren H\u00e4nden dastanden. Die Misere entsteht wohl, weil wir Menschen eine Tendenz haben, Gott mit dem Weihnachtsmann zu verwechseln: Du kriegst, was du dir w\u00fcnschst, hei\u00dft es in einem d\u00e4nischen Lied dazu.<\/p>\n<p>Unsere sp\u00e4tmoderne Gesellschaft, wie sie sich heute darstellt, passt nicht so gut zum Wesen des Gebets. Da gibt es sozusagen mehrere Dinge, die den Gedanken an das Gebet erschweren. Erstens ist es f\u00fcr viele sehr besch\u00e4ftigte Menschen grenz\u00fcberschreitend, \u00fcberhaupt zu erkennen, dass man in einer Lage ist, wo man Hilfe braucht \u2013 nicht nur Hilfe vom Nachbarn, um das neue Sofa ins Haus zu tragen, sondern Hilfe im existenziellen Sinn. Dass das Leben weh tut, dass das Leben leer und oberfl\u00e4chlich erscheint, dass man geistig gesehen in einer Weise abgeh\u00e4ngt ist, dass es einen schockiert, wenn man beten m\u00f6chte, und dass es einem fremd vorkommt, wenn da keine Tradition ist und ein Verhaltensmuster, das man aus seinem Leben kennt. Ja, es kann einen schockieren, auf das Gebet angewiesen zu sein, also etwas Immaterielles, dessen Wirkung man nicht kennt. Dann nimmt man doch lieber eine Pille. Zweitens leben wir in einer Gesellschaft, die eine immer h\u00e4rtere Rhetorik entwickelt gegen Religion und religi\u00f6se Ausdrucksformen, wo so etwas wie Gebet l\u00e4cherlich gemacht wird: Was soll denn Beten ehrlich gesagt helfen? Ist das nicht blo\u00df ein Weihnachtsmann, ein Heinzelm\u00e4nnchen, ein Trostlappen, die wir vor den Toren des Himmels abgelegt haben? Und hat der in sich selbst ruhende Mensch, der der Redakteur seines eigenen Lebens ist, \u00fcberhaupt einen Bedarf f\u00fcr das Gebet? Kann man nicht einfach wie \u00fcblich sagen: \u201eDaran arbeiten wir\u201c, \u201edas wird schon gehen\u201c oder \u201edas wir der Arzt schon hinkriegen\u201c und andere Ausdr\u00fccke, die auf der Annahme beruhen, dass der Mensch das schon hinkriegen wird, wenn er sich nur ordentlich darum bem\u00fcht.<\/p>\n<p>Ich glaube aber, dass die Wahrheit des Gebets\u00a0 irgendwo zwischen der Mutter meiner Freundin liegt, die behauptete, unser gemeinsamer Freund k\u00f6nnte durch die Intervention meiner Freundin im Gebet gesund werden, und der oberfl\u00e4chlichen Ablehnung des Gebets als eines kindischen Trostes. Es ist klar \u2013 wenn nicht anders, so aus Erfahrung: Das Gebet ist nicht dasselbe wir ein Bestellzettel, den man an ein Warenhaus schickt. Aber das ist auch nicht das Wesen des Gebets. Nicht \u00fcberraschend kommt das Gebet oft zur Sprache, wenn die Not am gr\u00f6\u00dften ist, und das ist sie bekanntlich oft in Verbindung mit Krankheit, eigener Krankheit oder Krankheit in der Familie oder in diesem Fall die Krankheit eines Kindes. Es gibt einen Schriftsteller, der dar\u00fcber nachgedacht hat. Der englische Autor C.S. Lewis \u2013 bekannt u.a. wegen seiner Narnia-B\u00fccher \u2013 heiratete in einem sp\u00e4ten Alter eine amerikanische Frau, die er sehr liebte. Sie hatten nur ganz wenige Jahre zusammen, ehe sie an Knochenkrebs erkrankte und nach einer Zeit mit schweren Leiden verstarb. Lewis betete f\u00fcr sie, f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Krankheit, f\u00fcr Leben, Segen und gl\u00fcckliche Tage \u2013 so wie die J\u00fcnger f\u00fcr den kranken Jungen beteten. Aber sie starb. Da wurde ihm klar, schreibt er in sein Tagebuch, dass das Gebet nicht Gott ver\u00e4ndert, sondern den Menschen. Was Lewis hier sagt, kann man in verschiedener Weise verstehen, so wie man auch das Gebet verschieden verstehen kann. Eine der Einsichten, zu denen Lewis gelangte und die, wie ich glaube,\u00a0 sehr wichtig ist, ist die, dass das Gebet ihn in dem Sinne ver\u00e4ndert, dass er nicht mehr mit aller Macht das Unabwendbare ver\u00e4ndern wollte. Das er vielmehr imstande war, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und ihr gegen\u00fcber seine Ohnmacht zu erkennen und sein Vertrauen zu Gott zum Ausdruck zu bringen.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, hilf meinem Unglauben\u201c. Diese Ver\u00e4nderung, die das Gebet bewirkte, liegt hier in der im Menschen aufkommenden M\u00f6glichkeit, die Situation zu ertragen, die unertr\u00e4glich und unm\u00f6glich erscheint. Das Gebet ver\u00e4nderte den Menschen, ver\u00e4nderte C.S. Lewis. Aber es ist ein schwerer Prozess, dahin zu gelangen \u2013 das hat Lewis erfahren \u2013 wie auch viele von uns das erfahren m\u00fcssen. Gebet ist in diesem Sinne eine Art existenzieller Atem, der einem ein Timeout vom Alltag mit zuweilen schweren Situationen gew\u00e4hrt. Ja aber, wird jemand vielleicht fragen, hilft es denn nicht konkret, wenn man betet? Wenn es also nur ein existenzielles Ventil ist? Der Atem des Christentums ist das Gebet, und mit ihm k\u00f6nnen wir uns wieder im Leben reorientieren. Gebet ist Reorientierung. Gebet hei\u00df neue Lebenswege. Aber Gebet <em>ist<\/em> auch Erh\u00f6rung, ein Ort der Begegnung mit Jesus. Es ist auch der Ort, wo wir in unserer Ohnmacht und vielleicht in unserem Unglauben geh\u00f6rt werden. Der Horizont Gottes ist ein anderer als der des Menschen, auch wenn wir glauben, dass wir alles von dort \u00fcberschauen k\u00f6nnen, wo wir stehen. Ich glaube, das ist eine Erfahrung, die die meisten Menschen machen: Dass die L\u00f6sung eines Problems eine ganz andere ist als das, was man geglaubt, worum man gebeten und was man vorausgesetzt hatte. Es ist auch Erh\u00f6rung, etwas anderes zu h\u00f6ren oder zu empfangen, das ist auch eine verschlossene T\u00fcr, die sich \u00f6ffnet. Etwas anderes wird gegeben. Gebet ist, dass man einen Ort hat, wo man seine unertr\u00e4glich gro\u00dfen Sorgen und sein tiefes Leid ablegen kann, ein Ort, wo man sagt: \u201eIch kann nichts mehr tun, tu du etwas f\u00fcr mich, Gott. Ich glaube, Gott, hilf meinem Unglauben\u201c.<\/p>\n<p>Was meine beiden Nachbarskinder anbetrifft, ja so wurde der junge Mann, der nun wie ich schon ziemlich alt ist, fast gesund. Ich habe die Sache seitdem sowohl mit ihm als auch unserer Freundin diskutiert \u2013 \u00fcber die Diskussion &#8211; um nicht zu sagen den Streit \u2013 \u00fcber Gebet und F\u00fcrbitte mit ihrer Mutter. Wie das zusammenh\u00e4ngt, k\u00f6nnen wir nicht wissen. Aber eine andere Seite vom Wesen des Gebets, jedenfalls vom Wesen der F\u00fcrbitte, also dies, dass man f\u00fcr das Wohl und das Leben eines anderen Menschen betet, das gibt dem Notleidenden St\u00e4rke und Dankbarkeit. Unser Freud war dar\u00fcber tief bewegt, dass jemand f\u00fcr ihn betete \u2013 auch als er selbst nicht mehr beten konnte und die Hoffnung verloren hatte. Schlie\u00dflich wird Jesus f\u00fcr uns beten, wenn wir es selbst nicht mehr k\u00f6nnen. Ganz allein sind wir nie in der Not. Mitten im L\u00e4rm der Welt gibt es nicht viele Dinge, die feststehen, aber es gibt einige Dinge, die feststehen, einige wenige Dinge, die unver\u00e4nderlich sind: das Wesen und die M\u00f6glichkeit des Gebets, die Kraft und Gnade der Taufe und der unver\u00e4nderliche Wille Gottes, uns mit seiner Liebe zu erreichen. Das erfuhr der Vater im heutigen Evangelium, als er in seinem Unglauben glaubte. So ist es auch f\u00fcr uns. Amen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pastorin Leise Christensen<\/p>\n<p>DK 8200 Aarhus N<\/p>\n<p>Email: lec(at)km.dk<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/DE8F0189-48A4-4A8D-99F7-B5B744FA72DD#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zitat von S\u00f8ren Kierkegaard \u2013 hier nach C.F. Lewis<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gebet \u00e4ndert nicht Gott, sondern den Betenden[1]\u00a0|\u00a0Predigt zu Markus 9,14-29 |\u00a0von Leise Christensen | aus dem D\u00e4nischen \u00fcbersetzt von Eberhard Harbsmeier | &nbsp; Heute geht es um das Beten. Um den Glauben daran, dass Unglaubliches geschehen kann durch Gebet. Der Glaube und das Gebet sind der Dreh- und Angelpunkt des heutigen Textes. 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