{"id":20667,"date":"2025-01-01T18:05:31","date_gmt":"2025-01-01T17:05:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20667"},"modified":"2025-01-05T17:25:26","modified_gmt":"2025-01-05T16:25:26","slug":"1-johannes-511-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-511-13\/","title":{"rendered":"1. Johannes 5,11\u201313"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">2. Sonntag nach dem Christfest | 05.01.2025 | 1. Joh 5,11\u201313 | Antje Roggenkamp |<\/h3>\n<p>1. Joh, 5:11a Und dies ist das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat. Und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, hat (auch) das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. 13 Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, denen, die glauben an den Namen des Sohnes Gottes.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde, der Text, den ich gerade verlesen habe, hat etwas Abschlie\u00dfendes, ja fast Testamentarisches. Und damit passt er ganz gut in das Ende vom Anfang des Kirchenjahres hinein. Am zweiten Sonntag nach dem Christfest \u2013 wie der offizielle Name des heutigen Sonntags lautet \u2013 spricht er in ganz gewichtigen Worten zu uns. Fast h\u00f6rt es sich an als w\u00fcrde uns hier eine Art Verm\u00e4chtnis \u00fcbereignet. Manche Exegeten haben auch gemeint, dass sich der Text urspr\u00fcnglich ganz am Ende des Briefes befunden haben k\u00f6nnte. Aber, eignet sich der Text, um den inneren Weihnachtsfestkreis abzuschlie\u00dfen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Weihnachtserinnerungen: <\/strong>Hohe Tannenb\u00e4ume, rote Schleifen an den B\u00e4nken, der noch festlich geschm\u00fcckte Raum erinnert uns daran, wie wir an Heilig Abend hier in der Kirche gesessen, gemeinsam Lieder gesunden, die Gemeinschaft genossen haben. Wir h\u00e4ngen unseren Gedanken nach. Dabei kommt uns vermutlich auch in den Sinn, das wir uns an Heiligabend auf das anschlie\u00dfende Weihnachtsessen und das gem\u00fctliche Zusammensein zu Hause oder andernorts gefreut haben. Gedanklich sind wir noch lange nicht beim <em>Zeugnis<\/em> angekommen, von dem der anonyme Verfasser des ersten Johannesbriefes seiner Gemeinde berichtet. Nein, Ephesus, wohin er den Brief zu Beginn des zweiten Jahrhunderts vermutlich schickte, ist uns noch ganz fern. Und auch die weiteren Stationen, die auf die Geburt des Christkindes im Weihnachtsfestkreis folgen, haben wir noch nicht erreicht. Das vorl\u00e4ufige Ende des Aufbruchs der drei Weisen aus dem Morgenland, feiern wir erst am n\u00e4chsten Tag, die aus ihrem Besuch bei Herodes folgenden Bedr\u00e4ngnisse \u2013 wie die Flucht nach \u00c4gypten \u2013 sind f\u00fcr uns noch nicht in Sicht. Wir sind noch mitten im ersten Weihnachtsfestkreis drin.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Zeugnisse, Zeugnis oder Zeugenschaft: <\/strong>Am Ende dieses Monats beginnen wiederum kurze Schulferien. Nicht wenige unserer Konfirmandinnen, aber auch Eltern, Gro\u00dfeltern, Onkels und Tanten werden dem Beginn der Ferien mit etwas gemischten Gef\u00fchlen entgegensehen. Denn: vor den Ferien stehen die Halbjahreszeugnisse. Werde ich wirklich die Note bekommen, die mir meine Mathematiklehrerin versprochen hat? Benotet mein Spanischlehrer so cool wie er unterrichtet? Oder habe ich mir falsche Hoffnungen gemacht? Zeugnisse sind ambivalent, das wissen alle Beteiligten, nicht nur, weil die in ihnen befindlichen Noten nur selten objektiv genannt werden k\u00f6nnen. Schulnoten legen Zeugnis \u00fcber momentane Leistungen ab, die im Guten wie im Schlechten f\u00fcr die betroffenen Personen langfristige Folgen haben k\u00f6nnen. Und auch unser Briefschreiber scheint sich so ganz sicher nicht zu sein, wenn er das, was er seinen Adressaten zuspricht, eine konkrete, fast objektive Zeugenschaft zugleich mit einer Art nachgeschobener Bedingung verbindet: \u201e13 Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, denen, die glauben an den Namen des Sohnes Gottes.\u201c Am Wissen um das ewige Leben haben nicht alle teil, nur die, die bereits an den Namen des Sohnes Gottes glauben, die also eine bestimmte Bedingung bereits erf\u00fcllen. Das richtige Bekenntnis, der richtige Glaube, wird zur Voraussetzung f\u00fcr eine spezifische Zeugenschaft, ohne dass der Inhalt selbst zun\u00e4chst irgendeine Rolle spielt. Richtet sich der Verfasser an verschiedene Gruppen \u2013 an die, die bekennen und an die, die nicht glauben, \u2013 geht es ihm nur um einen Teil seiner H\u00f6rerschaft oder will er doch die gesamte Gemeinde (in Ephesus) erreichen? Wir kommen nicht umhin, uns ein wenig durch den Brief \u201ehindurch\u201c zu arbeiten. Dies geschieht am besten von hinten nach vorne, um zu verstehen, wie wir diese doppelte Adressierung f\u00fcr uns auffassen k\u00f6nnen. Sind wir doch mindestens in zweifacher Weise angesprochen, als solche, die haben, und als solche, die nicht haben. Oder, um es mit unserem Predigttext zu formulieren: Wer den Sohn hat, hat das Leben und wer den Sohn nicht hat, hat das Leben nicht.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Wer den Sohn nicht hat, hat das Leben nicht: <\/strong>Erinnern wir uns an die zur\u00fcckliegenden Festtage. Weihnachten ist nicht nur das Fest der Geburt Christi, Weihnachten ist auch das Fest, an dem die Familie einmal im Jahr als Klein- und vor allem als erweiterte Gro\u00dffamilie zusammenkommt. Sieht man dies so, begreift man, dass das Fest emotional hoch aufgeladen ist und dass sich manche Familienmitglieder den damit verbundenen hohen Erwartungen gerne auch einmal entziehen. Dort, wo sich Familien auf engem Raum arrangieren m\u00fcssen, fallen die Macken der lieben Verwandten nach ein, zwei oder gar mehreren Tagen deutlich auf. Und manch einer der lieben Verwandten h\u00e4lt die traute, oft selbst verordnete Harmonie nur unter gro\u00dfen Anstrengungen aus. Der Umgang mit den anderen wird zu einem Balanceakt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einige Beispiele: Der eine Bruder wei\u00df, dass er die Schwester mit seiner bevormundenden Art zur Wei\u00dfglut treiben kann: Frauen k\u00f6nnen nicht einparken, M\u00e4dchen k\u00f6nnen keine Reifen flicken und \u00fcber Finanzielles sollte man mit ihnen am besten gar nicht reden. Die Schwester ihrerseits teilt gerne mit Spr\u00fcchen \u00fcber die ach so wohl versorgten Beamten aus, sie haben das Arbeiten nicht erfunden, im Vergleich zur freien Wirtschaft sind deren Urlaubszeiten und Pensionsanspr\u00fcche unanst\u00e4ndig hoch. Und die veganen Nichten halten dem Onkel einen Spiegel vor, unter Verweis auf den Missbrauch bei Tiertransporten wird ihm und der Tante der Weihnachtsbraten vermiest. Das Geschenk der Schwiegermutter l\u00e4sst mich eine Bemerkung \u00fcber ihren nicht vorhandenen Einfallsreichtum nur m\u00fchsam unterdr\u00fccken: Schon wieder gestrickte Wollsocken \u2013 wie im letzten und im vorletzten Jahr\u2026. Sollte ich ihr nicht doch langsam einmal mitteilen, dass mir keine Geschenke lieber sind als diese kratzenden Wollungeheuer? Kann die Schwester nicht endlich aufh\u00f6ren zu sticheln, der Bruder auf seine stereotypen Meinungen verzichten, die Nichten Onkel und Tante in Ruhe lassen? Ganz schwierig wird es, wenn Bruder oder Schwester, Nichten oder Onkel aus den selbst gew\u00e4hlten Rollen nicht mehr heraus kommen k\u00f6nnen. Ja, manche Menschen schlie\u00dfen sich in ihrer Bubble regelrecht ein. Und auch ich selbst erschrecke gelegentlich dar\u00fcber, wie schnell ich Meinungen \u00fcber Verhaltensweisen in Bilder von Personen \u00fcberf\u00fchre, die ich anschlie\u00dfend im Guten wie im Schlechten nicht mehr ver\u00e4ndern will. Im Allgemeinen gen\u00fcgt es, sich sp\u00e4ter \u2013 im Anschluss an derartige Situationen \u2013 mit anderen Personen auszutauschen, die \u00c4hnliches beobachtet haben. Ein Realit\u00e4ts-Check wirkt Wunder: Manche Verhaltensweisen der lieben Verwandten sind einfach nur unabsichtlich verquast. Aber manchmal k\u00f6nnen sie einfach nicht anders, ihr Charakter ist eben so und dann wir das Zusammensein auf engem Raum mit ihnen richtig schwierig. Summa summarum: Aus diesen, an Weihnachten verdichteten Erfahrungen geht das Leben, von dem der Verfasser des 1. Johannes spricht, nicht oder nur unter gr\u00f6\u00dften Anstrengungen hervor: Wer den Sohn nicht hat \u2013 und das meint dann, die Bereitschaft, sich oder zumindest die eigene Wahrnehmung ver\u00e4ndern zu lassen \u2013, hat das Leben nicht. Aber gilt dies auch umgekehrt? Wer den Sohn hat, hat das Leben? Was also ist mit dem dieser Gegenrede Vorangehenden?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Wer den Sohn hat, hat das Leben: <\/strong>Es w\u00e4re nun sehr einfach, diesen Satz einfach auf die gegenteilige Erfahrung zu beziehen. Auf Menschen, die trotz engem, manchmal beschwerlichem, familialen Zusammenleben, ihr Urteil oder zumindest ihre Wahrnehmung anderer Personen ver\u00e4ndern lassen. Gerade, wenn wir versuchen, den Johannesbrief im Lichte des Christfestes zu lesen, sollte es mehr werden als nur der Versuch, die eigene Wirklichkeit neu zu deuten. Arbeiten wir uns noch ein wenig weiter in dem Brief nach vorne, dann sto\u00dfen wir auf eine Formulierung, die uns eine Ahnung davon vermittelt, was gemeint sein k\u00f6nnte. Im vierten Kapitel hei\u00dft es:<em> Wir haben gesehen und k\u00f6nnen bezeugen, dass Gott seinen Sohn als Retter der Welt zu uns gesandt hat; und wenn sich jemand zu Jesus als dem Sohn Gottes bekennt, lebt Gott in ihm und er lebt in Gott<\/em> (1. Joh 4,14\u201315). Der Verfasser des ersten Johannesbrief l\u00e4dt dazu ein, sich auf eine Wirklichkeit einzulassen, die die eigene Wahrnehmung durchbricht. Dies ist \u2013 gerade, wenn wir Weihnachten auf beengtem Raum in der Familie feiern \u2013 nicht immer einfach, aber es ist im R\u00fcckblick auf Weihnachten das, was in der Christnacht seinen Anfang nimmt. Wir sind eingeladen, uns selbst von Grund auf, als ver\u00e4nderte Personen wahr- und vor allem anzunehmen. Wenn jemand bekennt, dass in diesem hilflosen Kind Gott selbst in die Welt gekommen ist, lebt Gott in ihm und er lebt in Gott. Was kann das nun aber f\u00fcr das Leben bedeuten? Wer den Sohn hat, hat das Leben. Und wer das Leben hat, kann auch dem beengten Zusammenleben im familialen Raum einen spezifischen Sinn abgewinnen. Nicht so, dass die eigenen Wahrnehmungen nichts mehr gelten sollten \u2013 es gibt kein richtiges Leben im falschen \u2013, aber so, dass das St\u00f6rende gegen\u00fcber dem ver\u00e4nderten Leben in den Hintergrund tritt. In diesem Sinne darf dann gelten: Wer den Sohn hat, hat das Leben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Das ewige Leben: ein Glaubensgeschenk: <\/strong>Und warum ist sich der Verfasser des 1. Johannesbriefs am Ende so sicher, seine Adressaten als solche anzusprechen, die wissen, welchen Weg sie gehen sollen? Nun, gerade dann, wenn wir versuchen, die Weihnachtsbotschaft in die Gegenwart zu \u00fcberf\u00fchren, nehmen wir wahr, wie schwierig es ist, das Weihnachtszeugnis hinter all den Erwartungen, die mit dem Christfest verbunden sind, frei zu legen. Gott hat seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt, um uns durch ihn das Ewige Leben zu geben. Ja, aber das wissen wir doch, werden wir ihm vielleicht antworten, aber was bringt es uns gerade jetzt zu wissen, dass Gott uns zusagt, uns in einer noch fernen Zukunft durch seinen Sohn zu retten? Nicht, dass mir nicht auch manchmal danach am liebsten zumute w\u00e4re, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschlie\u00dfen, um mich an einen anderen Ort zu tr\u00e4umen. Aber das w\u00e4re nicht die Antwort, die das Weihnachtszeugnis geben will.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Um uns eine wahrhaftige Antwort auf die Frage nach der Weihnachtsbotschaft zu geben, ruft der Verfasser des ersten Johannesbriefs <em>eine Reihe von Bildern<\/em> auf: So verweist er uns auf die lichtvoll nachklingende Erinnerung vom Anfang seines Briefes: \u201eGott ist Licht\u201c (1. Joh 1,5). Und auch der Beginn des Johannesevangeliums kommt f\u00fcr ihn in Frage: Am Anfang war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit (Joh 1,1). Und schlie\u00dflich thematisiert der anonyme Verfasser auch die f\u00fcr ihn \u2013 nicht zuletzt der Form nach \u2013 ganz und gar typische Einsicht, dass<em> Gott die Liebe ist: Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe <\/em>(1. Joh 4).<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott ist einer von uns geworden, er hat sich in die Niedrigkeit der menschlichen Wirklichkeit hineinbegeben. Gott ist Mensch geworden, auf dass er nachf\u00fchlen kann, was wir als Menschen schon jetzt ben\u00f6tigen. Das Licht n\u00e4mlich, von dem sein Wort zeugt, erhellt nicht nur die menschliche Wirklichkeit, sondern es beginnt die menschliche Wirklichkeit in ihrer Erb\u00e4rmlichkeit durch Liebe zu verwandeln: Mit und in dem Wort hat uns Gott den gr\u00f6\u00dften Liebesbeweis erbracht. Er ist einer von uns geworden, damit er uns schon jetzt w\u00e4rmen, tr\u00f6sten und beistehen kann. Dadurch dass wir die Wirklichkeit vom Wort, das an Weihnachten Mensch geworden ist und Licht in die Dunkelheit gebracht hat, zulassen, wird es zunehmend die Nacht und den Tag f\u00fcr uns erhellen: das Zeugnis vom ewigen Leben wird so auch f\u00fcr uns wahr. Hier in dieser Kirche, aber auch drau\u00dfen in der noch tr\u00fcben Morgenstimmung. Und so k\u00f6nnten wir die Herrlichkeit des Lichts dessen, den wir an Weihnachten gesehen haben, und den wir bezeugen, mit hinein nehmen in das neue Jahr.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Antje Roggenkamp<\/p>\n<p>Predigt \u00fcber 1. Joh 5,11\u201313 am zweiten Sonntag nach dem Christfest in St. Albani, G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach dem Christfest | 05.01.2025 | 1. Joh 5,11\u201313 | Antje Roggenkamp | 1. Joh, 5:11a Und dies ist das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat. Und dieses Leben ist in seinem Sohn. 12 Wer den Sohn hat, hat (auch) das Leben. 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