{"id":20765,"date":"2025-02-10T19:31:26","date_gmt":"2025-02-10T18:31:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20765"},"modified":"2025-02-10T19:31:26","modified_gmt":"2025-02-10T18:31:26","slug":"matthaeus-201-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-201-15\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20,1-15"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Septuagesimae | 16.02.25 | Matth\u00e4us 20,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Bereichert und bodenlos verschuldet<\/strong><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es gibt eine j\u00fcdische Weinberg-Erz\u00e4hlung, die Jesus zweifellos gekannt hat. Sie handelt von einem K\u00f6nig, der einen gro\u00dfen Weinberg hatte. Viele Arbeiter waren in diesem Weinberg besch\u00e4ftigt, drunter auch ein junger Mann, der sehr t\u00fcchtig war. Er arbeitete flei\u00dfiger als alle die anderen. Nachdem einige Stunden vergangen waren, kam der K\u00f6nig hin zu ihm und sagte, er solle aufh\u00f6ren zu arbeiten. Den Rest des Tages sieht man den K\u00f6nig mit dem jungen Mann umherwandern, vertieft in Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dann war Feierabend, und die Arbeiter sollten ihren Lohn bekommen. Zur \u00dcberraschung der anderen bekommt der junge Mann genauso viel ausbezahlt wie sie. Dar\u00fcber waren sie sehr ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eDas ist nicht in Ordnung\u201c, sagen sie. \u201eWir haben den ganzen Tag hart gearbeitet. Aber der junge Kerl da hat nur zwei Stunden gearbeitet\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u201eJa\u201c, sagte der K\u00f6nig, \u201edas stimmt, er hat zwar nur zwei Stunden gearbeitet, aber in den zwei Stunden hat er genauso viel geschafft wir ihr an einem ganzen Tag\u201c.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Sie brauchten sich also nicht aufzuregen. Der K\u00f6nig ist gerecht. Der junge Mann hat bekommen, was er voll verdient hat.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist eine moralische Geschichte. Und die Moral ist, dass man nur zusehen soll, etwas zu tun. Sei flei\u00dfig, sagt diese Geschichte. Dann kannst du in kurzer Zeit einen ganzen Tageslohn verdienen. Jesus hat diese Geschichte sicher geh\u00f6rt, jemand hat sie ihm erz\u00e4hlt, vielleicht mit einem erhobenen Zeigefinger: Du kannst es selbst sehen, es geht darum, etwas zu leisten. Aber als er die Geschichte selbst erz\u00e4hlt, gibt er ihr eine andere Wendung, so dass der lange Zeigefinger verschwindet und etwas ganz Neues ans Licht kommt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Geschichte aus dem Matth\u00e4usevangelium handelt von einem Weinbergbesitzer, der laufend Tagel\u00f6hner anstellt, die in seinem Weinberg arbeiten sollen. Einige zehn Stunden, andere sieben Stunden und einzelne nur eine Stunde. Aber der Besitzer bezahlt denselben Lohn an alle Arbeiter, ganz gleich wie lange und wie hart sie gearbeitet haben, zu gro\u00dfer Entr\u00fcstung bei denen, die am l\u00e4ngsten gearbeitet haben. Sie f\u00fchlen sich ungerecht behandelt, weil sie nicht mehr Lohn bekommen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist eine \u00dcberraschung in Bezug auf die j\u00fcdische Geschichte. Der Weinbergbesitzer sagt kein Wort dar\u00fcber, dass die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, besonders flei\u00dfig waren, so dass sie einen ganzen Tageslohn verdienen. Er sagt vielmehr zu dem Klagenden: \u201eMein Freund, bist du nicht mit mir einig geworden \u00fcber einen Silbergroschen?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ja sicher, das waren sie. Sein waren sogar froh \u00fcber die Absprache. Sie war gut. Der Tag war gerettet, bis dann die zuletzt angekommenen auch einen Silbergroschen bekamen. Dann wird der eigene Silbergroschen weniger wert, finden sie. Der Weinbergbesitzer sagt: \u201eBist du nicht mit mir einig geworden \u00fcber einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so g\u00fctig bin?\u201c<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es ist kein moralischer Zeigefinger, was die zornigen und gekr\u00e4nkten Leute hier vorfinden. Es ist eine unvorstellbare G\u00fcte. Die Leute bekommen einen Silbergroschen. Alle bekommen so viel, dass der Tag gerettet ist, auch wenn sie nicht zu einem ganzen Silbergroschen berechtigt sind. Dieser Weinbergbesitzer ist offenbar nicht darauf fixiert, was die Leute verdienen. Er ist gro\u00dfz\u00fcgig \u00fcber alle Ma\u00dfe. Die Zornigen sind nicht zornig, weil sie zu wenig bekommen haben, sie sind w\u00fctend, weil es den anderen so gut geht. Eigenes Gl\u00fcck ist gut, aber das Ungl\u00fcck anderer ist auch nicht zu verachten. Dass es anderen gut geht, obwohl sie das nicht verdient haben, k\u00f6nnen wir nur schwer ertragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Siehst du darum scheel, weil ich so g\u00fctig bin? Das ist eine scharfe Frage. Ist es in Wirklichkeit die G\u00fcte, die dir missf\u00e4llt? Kannst du es nicht ertragen, dass deinem Bruder Gutes widerf\u00e4hrt?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Man kann gut merken, dass es hier nicht um Lohnpolitik geht. Es geht nicht um die Verh\u00e4ltnisse am Arbeitsplatz. Es geht hier im Gleichnis um das Reich Gottes. Das Reich Gottes ist dort, wo das Vorzeichen f\u00fcr das Leben der Menschen nicht Selbstgerechtigkeit ist, nicht Neid, sondern unverdiente G\u00fcte \u2013 das, was wir Gnade nennen: Dass das, wovon wir Menschen leben, uns grundlegend geschenkt wird.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Als der d\u00e4nische Dichter Henrik Pontoppidan mit seinem erst en Kind auf dem Arm stand, sagte er: Wir sind insolvente Schuldner. Er wusste in seinem innersten Wesen, dass all das Gute, was uns hier im Leben widerf\u00e4hrt, g\u00e4nzlich unverdient ist. Wir sind stets Schuldner, und das ist gut so.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der d\u00e4nische Autor C.V. J\u00f8rgensen sagt es so: \u201eBereichert und bodenlos verschuldet\u201c. Und das ist auch gut so. Wir sind reich, weil uns der Reichtum geschenkt ist \u2013 sonst w\u00e4ren wir arm, wieviel wir auch bes\u00e4\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Es w\u00e4re v\u00f6llig fehl am Platz, seine Eltern zu fragen: Was kriege ich daf\u00fcr, dass ich euer Sohn oder eure Tochter bin? Oder den Geliebten bzw. die Geliebte zu fragen: Was bekomme ich daf\u00fcr, dass ich dich liebe? Oder welchen Sinn macht es zu fragen: Was bekomme ich daf\u00fcr, dass ich mich morgens \u00fcber den Sonnenaufgang freue? Oder daf\u00fcr, dass ich meine Arbeit mache und mein Bestes gebe? Du bist grundlegend gar nicht berechtigt, daf\u00fcr bezahlt zu werden. Das ist ja dein Leben, das dir gegeben ist. Es ist ja dein Leben, Sohn oder Tochter, Nachbar, Mann oder Frau zu sein, morgens aufzustehen. Keiner schuldet dir etwas. Wir haben viel mehr empfangen als wir verdienen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christus kommt nicht mit dem, was wir unter Gerechtigkeit verstehen. In der Nacht, als er verraten wird, reicht er Brot und Wein an Judas und Johannes, an Gute und B\u00f6se, Schuldige und Unschuldige. Hier begegnen wir einem Gro\u00dfmut, der Tiefe einer Liebe, die keiner ergr\u00fcnden kann, ohne die aber keiner leben kann. Er reicht uns unseren t\u00e4glichen Silbergroschen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Deshalb: Nimm ihn \u2013 und gehe!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Oder wie auf einem Schild an einem Wirtshaus in Kopenhagen steht: Sie meinen vielleicht nicht, dass sie so behandelt wurden, wie Sie es verdienen \u2013 Seinen sie froh dar\u00fcber! Amen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pastor Anders Kj\u00e6rsig<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">DK 5881 Sk\u00e5rup<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Email: ankj(at)km.dk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Septuagesimae | 16.02.25 | Matth\u00e4us 20,1-15 (d\u00e4nische Perikopenordnung) | Von Anders Kj\u00e6rsig | Bereichert und bodenlos verschuldet Es gibt eine j\u00fcdische Weinberg-Erz\u00e4hlung, die Jesus zweifellos gekannt hat. Sie handelt von einem K\u00f6nig, der einen gro\u00dfen Weinberg hatte. Viele Arbeiter waren in diesem Weinberg besch\u00e4ftigt, drunter auch ein junger Mann, der sehr t\u00fcchtig war. 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