{"id":20845,"date":"1997-11-09T11:16:43","date_gmt":"1997-11-09T10:16:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20845"},"modified":"2025-03-10T11:19:49","modified_gmt":"2025-03-10T10:19:49","slug":"lukas-1720-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1720-30\/","title":{"rendered":"Lukas 17,20-30"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 09.11.1997 | Lk 17, 20-30 | Ulrich Nembach |<\/h3>\n<p>Die Predigt ist konzipiert als Rede f\u00fcr die Stephanus-Gemeinde in Geismar, im S\u00fcden von G\u00f6ttingen. Die Gemeinde ist vor 30 Jahren in einem Neubaugebiet gegr\u00fcndet worden, Auf ihrem Gebiet lag eine Kaserne f\u00fcr fast 3000 Soldaten. Inzwischen ist die Kaserne komplett geschlossen worden. Sie wird zur Zeit umgebaut f\u00fcr Wohnzwecke, eine Fachhochschule und Firmen. Die Gemeinde verlor im Zuge der Sparma\u00dfnahmen eine ganze Pfarrstelle, obwohl das Neubaugebiet auf dem ehemaligen Kasernengel\u00e4nde hinzukam.<\/p>\n<p>Predigttext:<\/p>\n<p>&#8222;Als er aber von den Pharis\u00e4ern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, da\u00df man\u2019s beobachten kann: man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Er sprach aber zu den J\u00fcngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da! oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. Zuvor aber mu\u00df er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird\u2019s euch auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: Sie a\u00dfen, sie tranken, sie heirateten, sie lie\u00dfen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um. Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie a\u00dfen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird\u2019s auch geschehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>es gibt Tage mit sehr guter Fernsicht. Dann k\u00f6nnen wir, auf einem Berg stehend, weit \u00fcber Berge und T\u00e4ler hinwegsehen. An solchen besonderen Tagen informiert der Rundfunk extra \u00fcber diese M\u00f6glichkeit. Nicht wenige nutzen dann die Chance, um an einem solchen Tag auf den Brocken oder die Zugspitze zu fahren. Ich tat das auch und fuhr an einem solchen Tag auf den Brocken. Wundersch\u00f6n war der Blick und weit. Ich sah die anderen Berge des Harzes. Ich sah St\u00e4dte, Braunschweig, Halberstadt, Magdeburg. Ich konnte mich gar nicht satt sehen. Erst sp\u00e4t verlie\u00df ich den Berg.<\/p>\n<p>Um so eine Fernsicht geht es im heutigen Predigttext. Dieser gleicht dabei einer jener Orientierungstafeln, die auf hohen Bergen f\u00fcr den Blick in die Ferne angebracht sind. Auf diesen Tafeln wird angegeben, wo eine Stadt, ein Dorf, ein anderer Berg liegt. Auf diese Weise k\u00f6nnen Interessierte sich orientieren, leicht ihr Ziel finden, das sie sehen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Das Ziel unseres Predigttextes ist zun\u00e4chst in Jesu Antwort an die Pharis\u00e4er das Reich Gottes, auf das die Menschen zur Zeit Jesu in Israel mit Spannung, gro\u00dfer Spannung warteten. Es soll bald, m\u00f6glichst schon morgen kommen. Jesus wird darum nach diesem Reich gefragt, und er antwortet.<\/p>\n<p>Um seine Antwort verstehen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir noch einige Fakten zuvor wissen. Jesu Reden wurden erstaunlich gut \u00fcberliefert, um uns heute, 2000 Jahre sp\u00e4ter, zu erreichen. So wurde Jesu Antwort auf diese ihm gestellte Frage schon bald zusammen mit anderen Reden Jesu gesammelt, aufgeschrieben und weitergegeben. Keiner in den christlichen Gemeinde konnte oder wollte an dieser Sammlung von Reden vorbeigehen. Deshalb nahm sie auch Lukas in seine umfassende Darstellung des Lebens Jesu auf, als er sich entschlossen hatte, ein so umfangreiches Werk zu schreiben.<\/p>\n<p>Von Lukas ging es dann mit der \u00dcberlieferung ziemlich direkt bis zu uns heute morgen. Da man zun\u00e4chst nur die Reden von Jesus gesammelt hatte, mu\u00dfte Lukas den Reden einige Erkl\u00e4rungen hinzuf\u00fcgen Sonst h\u00e4tten die Leser sp\u00e4ter nicht mehr verstanden, was Jesus wann zu wem sagte. Es erging Lukas so wie uns, wenn wir auf unseren Urlaubsfotos das Datum vermerken. Oft f\u00fcgen wir noch die Namen von Personen hinzu, die auf den Bildern zu sehen sind. Kinder schauen sp\u00e4ter interessiert hin, wenn sie auf alten Fotos ihre Eltern in jungen Jahren oder Tante Renate oder Onkel Thomas sehen. Auf dem Bild allein h\u00e4tten sie weder die Tante noch den Onkel erkannt. Deshalb steht im Text: Jesus spricht zu den Pharis\u00e4ern und spricht zu den J\u00fcngern.<\/p>\n<p>Was sagt er?<\/p>\n<p>1. Er antwortet auf eine Frage nach der Zukunft, zun\u00e4chst auf die, wann das Reich Gottes komme. Die Zukunft interessierte damals besonders in Israel, weil das Land eine schwere Zeit durchmachte. Das Land war von den R\u00f6mern besetzt worden, und diese hatten eine harte Herrschaft errichtet. In der Situation erhofften sich die Menschen in dem Israel von damals, da\u00df das Reich Gottes die Wende bringen und dann, ja dann, alles, wirklich alles gut werde. Darum erwarteten Alt und Jung mit Spannung das Reich. Je eher es k\u00e4me, um so besser. Nach Anzeichen f\u00fcr die Ankunft des Reiches schauten die Menschen begierig aus. Niemand wollte die Entwicklung verpassen, falls das Reich leise k\u00e4me. Niemand wu\u00dfte, wie es kommen w\u00fcrde, nur da\u00df es bald kommen w\u00fcrde, davon waren alle \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Aber Jesu Antwort ist nicht die, die die Leute erwartet, erhofft hatten. Er nennt kein Datum, nicht einmal ein ferneres in der Zukunft. Er sagt: Das Reich Gottes kann man nicht sehen, auch nicht von Bergen und bei guter Fernsicht, Das Reich ist mitten unter euch, sagt er. Luther \u00fcbersetzte noch sch\u00e4rfer: das Reich ist inwendig in euch, will hei\u00dfen: in euch selbst drinnen. Man hat oft und viel dar\u00fcber ger\u00e4tselt, was das wohl bedeutet: in euch oder inwendig in euch. Gemeinden und Theologen beteiligten sich an der Forscherarbeit, was das hei\u00dfen k\u00f6nne. Die bislang \u00fcberzeugendste Antwort ist wohl die: Die Zeit, die ganze Zeit, wie sie sich Lukas darbietet &#8211; und nicht nur die n\u00e4chsten Tage oder Wochen &#8211; , l\u00e4\u00dft sich in vier Zeitabschnitte einteilen, die Zeit vor Jesus, die Zeit mit Jesus, die Zeit nach ihm und die Zeit des Menschensohnes, wie er im Predigttext genannt wird. Er, Lukas, schreibt zur Zeit nach Jesus. Das Gespr\u00e4ch findet zu der Zeit statt, als Jesus lebt. Dabei hat Jesus drei Zeiten im Blick, seine Gegenwart, die Zeit nach ihm &#8211; wir k\u00f6nnen auch sagen, die Zeit, zu der Lukas schreibt &#8211; und als dritte die, wenn der Menschensohn kommen wird.<\/p>\n<p>Den Pharis\u00e4ern sagt Jesus, da\u00df das Reich Gottes unter ihnen, mitten unter ihnen ist. Er selbst, Jesus, ist damit gemeint. Ihn k\u00f6nnen sie zwar sehen, aber sie erkennen ihn nicht. Sie schauen hin, aber sehen nicht, da\u00df das Reich schon mit ihm gekommen ist. Den J\u00fcngern sagt Jesus sp\u00e4ter, wie es weitergehen wird. Allerdings ist die Antwort f\u00fcr die J\u00fcnger erstaunlich, schier unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>2. Uns wird es gleich genauso ergehen. Wir lieben Angaben \u00fcber die Zukunft. Wir bezahlen Institute daf\u00fcr. Wir fragen unseren Arzt, wie es mit unserer Krankheit weitergehen wird, und hoffen auf eine gute und m\u00f6glichst genaue Antwort. &#8222;In zwei oder drei Tagen k\u00f6nnen Sie wieder nach Hause&#8220;, h\u00f6rt jede Patientin, jeder Patient im Krankenhaus gern, am liebsten. Genauso gern h\u00f6ren wir Prognosen f\u00fcr die Wirtschaft, f\u00fcr unser berufliches Fortkommen, f\u00fcr die Partnerschaft, die gerade begonnen hat oder die schon Jahre dauert. Heilsbotschaften f\u00fcr die Zukunft sind beliebt. Darum ist es kein Wunder, wenn Leute sich auch heute unter ganz anderen Umst\u00e4nden wie die damals in Israel gern von anderen sagen lassen: Der Menschensohn kommt, vielleicht schon morgen. Du mu\u00dft dich darum beeilen, um hinzukommen, dabeizusein. Wenn Leute heute weite, teuere Wege auf sich nehmen, um bei einem Fu\u00dfballspiel oder einer Formel 1 Meisterschaft dabeizusein, wieviel mehr gilt das f\u00fcr das Kommen des Menschensohnes.<\/p>\n<p>Nur, so lesen wir, Jesus sagt: Nein, so geht das nicht. Der Menschensohn kommt nicht leise, sondern pl\u00f6tzlich und un\u00fcbersehbar. Der Blitz am Himmel ist nicht zu \u00fcbersehen. Wir m\u00fcssen also nicht Prognosen lauschen, die ihn ank\u00fcndigen. Davor steht das Kreuz, das Leiden. Jesus &#8222;mu\u00df viel leiden&#8220;. Das Reich ist schon mit Jesus gekommen. Er kam in diese Welt, &#8222;Gott von Gott&#8220;, wie ein altes christliches Bekenntnis ihn nennt. Der Menschensohn wird sp\u00e4ter kommen. Und f\u00fcr diese Zeit, die Zeit nach Lukas und auch die von uns heute, stehen die weiteren Ausf\u00fchrungen. Wir lesen dort von Noah und von Lot. Die liegen aus unserer heutigen Sicht in einer noch weiter zur\u00fcckliegenden Zeit, bevor Jesus in Israel lebte; und weil das so ist, sind sie Jesu Zeitgenossen bekannt. Er kann auf sie hinweisen.<\/p>\n<p>3. Noah und Lot: Die Geschichte von Noah wird auch heute oft erz\u00e4hlt. Aber hier, in unserem Predigttext, wird sie nicht ganz so erz\u00e4hlt, wie wir sie gewohnt sind. Nichts ist gesagt von den Tieren, die in die Arche gingen. Kein einziges Tier wird erw\u00e4hnt. Genannt &#8211; und zwar ausgiebig geschildert &#8211; werden die Menschen. Was sie tun, interessiert. Ihre Besch\u00e4ftigungen sind die normalen, die allt\u00e4glichen. Sie essen, sie trinken, sie heiraten, sie lassen sich heiraten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, Jahrhunderte sp\u00e4ter, sagte einmal ein Mann, als ein Krieg gerade ausgebrochen war. &#8222;Business als usual.&#8220; Alles geht seinen gewohnten Gang. Wir k\u00f6nnen auch die Worte \u00fcbersetzen: &#8222;Nichts Besonderes, nichts Neues.&#8220; So, genauso, war es zur Zeit des Noah und ebenso, als Lot lebte, jener Mann, der Sodom fluchtartig verlassen mu\u00dfte, um dem pl\u00f6tzlichen, alles zerst\u00f6renden Unwetter zu entkommen.<\/p>\n<p>Das ist der Punkte der unseren Text interessiert, das Leben und seine pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderung. Wir Deutsche, gerade wir Deutsche, kennen solche Ver\u00e4nderungen auch, und besonders an einem Tag wie heute, dem 9. November, erinnern wir uns daran. Am 9. November 1989 ging die Grenze in Berlin auf; am 9. November 1938 brannten die Synagogen in Deutschland; am 9. November 1918 brach das Kaiserreich zusammen. Weitere Daten k\u00f6nnte ich hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Alle diese Ereignisse kamen mehr oder weniger pl\u00f6tzlich \u00fcberraschend. Der Brand der Synagogen, von den Nazis geplant, organisiert, kam f\u00fcr die Menschen in Deutschland \u00fcberraschend. Sie waren schockiert, tief betroffen, wie der Schriftsteller und Theologe Jochen Klepper in seinem Tagebuch vermerkt, er, der sp\u00e4ter, von den Nazis in die Enge getrieben, mit Frau und Tochter Selbstmord begehen mu\u00dfte. Der 8. November 1989 kam ebenfalls \u00fcberraschend. G\u00fcnter Schabowski, als Mitglied des Politb\u00fcros der SED f\u00fcr die Presse zust\u00e4ndig, wu\u00dfte noch nicht einmal in dem Augenblick, als er die \u00d6ffnung der Mauer ank\u00fcndigte, was er sagte. Heute wissen wir, da\u00df er meinte, eine gro\u00dfz\u00fcgige Reiseerleichterung anzuk\u00fcndigen. Tats\u00e4chlich waren seine Worte das Ende der Berliner Mauer, ja der DDR. Alles, was in jener Nacht und in den Tagen danach folgte, war nur die Folge der Worte von Schabowski auf jener Pressekonferenz.<\/p>\n<p>Genauso, pl\u00f6tzlich, wird der Menschensohn kommen wenn er wiederkommt. Wir erinnern uns: Unser Predigttext spricht zun\u00e4chst von Jesu Zeit damals und dann von der Zeit nach ihm. Hier geht es nun um diese Zeit danach. In dieser Zeit wird eines Tages der Menschensohn kommen. Wie k\u00f6nnen, ja sollen wir uns darauf vorbereiten?<\/p>\n<p>4. Das ist die Frage, die sich uns allen stellt. Nur, ich mu\u00df gestehen, ich bin in einer Situation, wo ich wenig darauf antworten kann. Das mag manche und manchen entt\u00e4uschen. Das kann ich sogar verstehen. Wir sehen gern in die Ferne, &#8211; auf den Bergen und deshalb auch zu Hause. Jesus sagt &#8211; und es liegt ihm viel an seinen Worten, wie der weitere Text zeigt -: Lauft nicht hin, wenn Leute sagen, hier oder dort ist der Menschensohn.<\/p>\n<p>Die Zeit nach Jesus ist eine Zeit des Wartens. Warten ist nicht jedermanns Sache. Manche aber lieben das Warten geradezu. Ich denke zum Beispiel an die Angler. Sie sitzen am Wasser und warten. Sie stehen daf\u00fcr nicht selten fr\u00fchmorgens auf, und das in ihrer Freizeit, wenn sie eigentlich liegenbleiben und einmal richtig ausschlafen k\u00f6nnten. Sie lassen sich auch finanziell ihr Hobby einiges kosten. Dann warten sie.<\/p>\n<p>Ich schaute einmal einem Angler l\u00e4ngere Zeit zu, wie er so da sa\u00df. Sp\u00e4ter kam ich mit ihm ins Gespr\u00e4ch. Es war spannend, ihm zuzuh\u00f6ren. Nicht das Anglerlatein war spannend, obwohl es auch schon seine Reize hat zu h\u00f6ren, wie ein gefangener Fisch w\u00e4chst, immer l\u00e4nger wird. Man hat schlie\u00dflich fast den Eindruck, ein Wal sei gefangen worden, m\u00f6glichst noch in dem kleinen Teich, den der Anglerverein gepachtet hat. Nein. Spannend fand ich, wie begeistert jener Mann von seinem Hobby, den Vorbereitungen, seiner Vorfreude sprach. Der Mann war wirklich be-geistert und konnte dadurch auch mich be-geistern.<\/p>\n<p>Die Rede im Predigttext handelt vom Alltag, dem sehr allt\u00e4glichen Alltag mit seinem Essen und Trinken, und dem besonderen Alltag, wie er sich bei einer Hochzeit darstellt. Kurz: Alltag meint unser Leben. Dieser Alltag braucht auch den Blick in die Ferne. Jeder Unternehmer mu\u00df sich fragen, wie es mit der Konjunktur weitergehen wird, damit er planen kann. Kann er es sich leisten, die neue Maschine zu kaufen, oder mu\u00df er sich die Maschine leisten, um gegen die Konkurrenz bestehen zu k\u00f6nnen? Immer mehr Arbeitnehmer m\u00fcssen sich heute fragen: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wie werde ich morgen leben? Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe morgen sind weniger als mein Lohn heute. Und \u00fcberhaupt, werde ich einen neuen Arbeitsplatz bekommen, wenn ich meinen jetzigen verliere? Die Zukunft ist Teil der Gegenwart. Das ist richtig. Heute zu heiraten hei\u00dft, mit der bzw. dem anderen morgen zusammenzuleben.<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Warten ist auch eine Form, in die Zukunft zu blicken. Der Unterschied zwischen Warten und dem Hinterherrennen hinter jeder Prognose, jedem Guru ist gravierend, entscheidend. Jener Angler macht sich wie alle Angler auf den Weg. Er nimmt seine Angelrute, die Haken und alles das andere mit, was er braucht. Er trifft die n\u00f6tigen Vorbereitungen. Studenten, die ins Semester fahren, nehmen den Computer und all das andere mit, was sie brauchen. Sie w\u00e4ren t\u00f6richt, wenn sie das nicht t\u00e4ten. Das geh\u00f6rt zu ihren Aufgaben, die sie heute erf\u00fcllen m\u00fcssen, Dabei hoffen sie, eines Tages ein gutes Examen zu machen und danach einen guten, m\u00f6glichst sicheren Arbeitsplatz zu finden. Heute, wenn sie sich auf den Weg machen, ist ihre konkrete Aufgabe, die Sachen einzupacken und mitzunehmen.<\/p>\n<p>Darum gleicht unser Predigttext mit seiner Aufforderung, zu warten und nicht in Aktionismus zu verfallen, einer Tafel auf einem Berg mit guter Fernsicht. Dort steht auf dieser Tafel auch eine Richtungsangabe f\u00fcr das Kommen des Menschensohnes. Es ist ein Pfeil, der ins Tal weist. Wenn man ihm mit dem Blick folgt, sieht man dort unten den Angler sitzen, der wartet. Das mag manchen irritieren, andere schockieren. Das Reich Gottes ist entsprechend der Erwartung in Israel zur Zeit Jesu etwas Gro\u00dfes, Gewaltiges, etwas, das einem riesigen Berg vergleichbar ist. Dasselbe gilt f\u00fcr das Kommen des Menschensohnes. Man mu\u00df darum beide klar erkennen und insbesondere sich darauf einstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einstellen soll hei\u00dfen zu warten? Eine solche Antwort haben Jesu Zeitgenossen so wenig erwartet wie viele unter uns heute. Sie sind deshalb irritiert. Dazu kommt, da\u00df Jesus auf das Allt\u00e4gliche verweist. Eben auf eine Einstellung wie die eines Anglers im Tal, am Teich. Um das Allt\u00e4gliche geht es der Bibel und den rechten Gebrauch des Alltags. Das Allt\u00e4gliche ist wichtig, so wichtig, da\u00df es in der Bibel immer wieder vorkommt. Der Alltag zu Noahs und &#8211; gleich doppelt &#8211; auch der zu Lots Zeit wird genannt. Auf sie verweist unser Text.<\/p>\n<p>Auf den Alltag blicken wir heute wie stets im Gottesdienst, wenn wir im Vaterunser um das t\u00e4gliche Brot bitten. Wir bitten um das t\u00e4gliche Brot, um das f\u00fcr heute und nicht um das f\u00fcr morgen. Jener reiche Kornbauer, von dem die Bibel ebenfalls erz\u00e4hlt, vergi\u00dft diese Tatsache. Er schaut so sehr in die Ferne der Zukunft, da\u00df er radikale Neubauten plant. Dabei vergi\u00dft er die Gegenwart, die kommende Nacht. Noch vor dem Bitten um das t\u00e4gliche Brot steht im Vaterunser aber die Bitte um das Reich Gottes und sein Kommen. Wir beten: &#8222;Dein Reich komme.&#8220; Wir beten! Wir laufen nicht einer Prognose hinterher, auch keiner von Theologen angefertigten.<\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Berg und Tal geh\u00f6ren zusammen. Sie bilden gemeinsam eine Landschaft, etwa das Leinetal mit G\u00f6ttingen mitten drin. Berg und Tal geh\u00f6ren auch zusammen im Sinne Jesu, wobei die Tafel auf dem Berg mit dem Pfeil ins Tal zeigt, wo Warten angesagt ist, wo jener Angler am Teich sitzt und wartet. Luther bringt Berg und Tal, das Kommen des Reiches Gottes und unser Warten darauf auf den Punkt, wenn er unser Bitten um das Kommen des Reiches Gottes in die Worte kleidet: &#8222;Gottes Reich kommt wohl ohne unser Gebet von ihm selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, da\u00df es auch zu uns komme.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach, Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2, 37073 G\u00f6ttingen E-Mail: <a href=\"mailto:unembac@gwdg.de\">unembac@gwdg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 09.11.1997 | Lk 17, 20-30 | Ulrich Nembach | Die Predigt ist konzipiert als Rede f\u00fcr die Stephanus-Gemeinde in Geismar, im S\u00fcden von G\u00f6ttingen. 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