{"id":20852,"date":"1997-11-16T11:36:05","date_gmt":"1997-11-16T10:36:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20852"},"modified":"2025-03-10T11:39:02","modified_gmt":"2025-03-10T10:39:02","slug":"genesis-126-27","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/genesis-126-27\/","title":{"rendered":"Genesis\u00a01,26-27"},"content":{"rendered":"<h3>Gott &#8211; der Leibhaftige | Volkstrauertag | 16.11.1997 | Gen 1,26-27 | Wolfgang Steck |<\/h3>\n<p>Gott &#8211; der Leibhaftige, Gott, ein Abbild des Menschen und der Mensch ein Spiegelbild Gottes, so hat Michelangelo die beiden M\u00e4nner an der Decke der Sixtinischen Kapelle portr\u00e4tiert, so wie er es auf den ersten Seiten der Bibel gelesen hatte.<\/p>\n<p>Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen \u00fcber die Fische im Meer und \u00fcber die V\u00f6gel unter dem Himmel und \u00fcber das Vieh und \u00fcber alle Tiere des Feldes und \u00fcber alles Gew\u00fcrm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau (Gen 1, 26-27).<\/p>\n<p>1. Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als Michelangelo an einem strahlenden Morgen mit seinen Farbk\u00fcbeln in die Sixtinische Kapelle kam, sein Ger\u00fcst zusammenbaute, in die Kuppel hinaufkletterte und zum Pinsel griff. \u00dcber sich die Leere, ein gestaltloser Baldachin aus nassem Putz; und im Kopf das fertige Bild: auf der einen Seite Gott, auf der anderen der erste Mensch, f\u00fcr jeden die H\u00e4lfte der Fl\u00e4che, so mu\u00dfte es sein, Gott und Mensch in Analogie zueinander.<\/p>\n<p>Aber dann z\u00f6gert er: Warum die Vorlage nur im Kopf, als vages inneres Vorstellungsbild, als Imagination? Er legt den Pinsel weg und steigt noch einmal die Leiter hinunter. Aus der Sakristei schafft er einen mannshohen Spiegel heran und postiert ihn direkt neben sich auf der Plattform. Eigentlich ist er ja Bildhauer. Jetzt hat er sein Bild plastisch vor Augen. Er braucht w\u00e4hrend der Arbeit nur immer wieder in den Spiegel zu schauen; da sieht er sie leibhaft vor sich, die Imago Dei.<\/p>\n<p>Michelangelo war 33, als er mit seiner Arbeit begann, im besten Mannesalter. Er stellt den Spiegel in die Mitte; den linken der beiden M\u00e4nner machte er ein bi\u00dfchen j\u00fcnger, den rechten ein paar Jahre \u00e4lter und beide nat\u00fcrlich einen Strich sch\u00f6ner als das Original im Spiegel. Aber vertuscht wurde nichts; alles sollte stimmen. Und war er schon nicht in seinem Metier, so sollte man den plastischen K\u00fcnstler doch auf dem Deckengem\u00e4lde wiedererkennen. Also versuchte er, die Fl\u00e4che zu \u00fcberlisten, Gottes K\u00f6rperf\u00fclle zu modellieren, nicht schemenhaft und mit heiliger Scheu, sondern in pastosem Strich aus dem Farbk\u00fcbel in den feuchten Gips, satt aufgetragen. Und nicht nur die Gesichtsz\u00fcge sollten zu erkennen sein, die Haarpracht und der Ausdruck der Augen; den ganzen K\u00f6rper sollte der Betrachter sehen, ein durchtrainierter K\u00f6rper, ein Sportler, k\u00f6nnte man denken, muskul\u00f6s, voller Energie, Dynamik und Potenz. Aber da merkte Michelangelo erst, da\u00df er gerade auf der linken Seite arbeitete. Er wu\u00dfte gar nicht mehr, wo er angefangen hatte; war Gott zuerst da oder war es Adam; oder hatte er beide zugleich portr\u00e4tiert, wom\u00f6glich mit beiden H\u00e4nden? Die Bilder verschwammen ihm vor den Augen.<\/p>\n<p>Er sah genau hin. Die \u00c4hnlichkeit war verbl\u00fcffend; der eine dem anderen wie aus dem Gesicht geschnitten; wie zwei Br\u00fcder, vielleicht auch wie Vater und Sohn: Adam wie ein junger Gott und Gott wie Adam senior. Und beide schauten sich an, als tr\u00e4fen sie auf sich selbst. &#8218;Das bin ja ich in jungen Jahren&#8216;, sagt der eine; &#8218;und so wirst du einmal aussehen, wenn du noch ein paar J\u00e4hrchen mehr auf dem Buckel hast&#8216;, der andere.<\/p>\n<p>Michelangelo sah sich um. Jetzt waren sie zu viert. Oben auf dem Malerpodest: der Maler, der Spiegel und die beiden M\u00e4nner an der Decke. Michelangelo tippte mit dem Finger an den Spiegel, um zu testen, ob das Bild wirklich da war und nicht nur das Original. Da hatte er die Idee. Er machte es an der Decke genauso. Und wie die beiden sich mit ihren Fingern ber\u00fchrten, da kam Leben in die K\u00f6rper. Der Senior r\u00e4kelte sich gen\u00fc\u00dflich in seinem Himmelbett, der Junior strotzte voller Manneskraft, wie ein junger Adonis, barocker K\u00f6rperkult; da mag jede und jeder denken, was wohl auch dem K\u00fcnstler durchs Blut scho\u00df. Das war der Sch\u00f6pfungsakt.<\/p>\n<p>Michelangelo legte den Pinsel aus der Hand. Er h\u00e4ngte ein Tuch \u00fcber den Spiegel und lie\u00df die beiden dort oben mit sich allein. Ein letzter Blick in die Kuppel. Er betrachtete alles, was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut geworden, das Spiegelbild an der Decke. Auf dem Heimweg mu\u00dfte er kurz lachen: Gott schuf den Menschen nach seinem eigenen Bild, so h\u00e4tte er es ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, wenn es ihm nicht ein bi\u00dfchen zu blasphemisch vorgekommen w\u00e4re. Da lie\u00df er es lieber beim Gegenst\u00fcck: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Und damit hatte er, ohne es zu wissen, den religionskritischen Nagel auf den Kopf getroffen.<\/p>\n<p>Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, so war es und so mu\u00dfte es sein: Gott in Menschengestalt, mit einem Herz, das innig liebt und unendlich leidet; mit Augen, die herzhaft lachen und traurig weinen; mit einem Mundwerk, das munter erz\u00e4hlen kann, frech fragen und ausgelassen scherzen; mit H\u00e4nden, die kraftvoll zupacken und z\u00e4rtlich streicheln. Gott &#8211; der Leibhaftige. Gott &#8211; der Lebendige. Gott, wie er leibt und lebt.<\/p>\n<p>2. Michelangelo war nicht der erste, der Gott mitten in seinem Leben portr\u00e4tierte, ihm Manneskraft zutraute und weiblichen Charme, Gef\u00fchl f\u00fcr die anderen und Empfindsamkeit f\u00fcr sich selbst. Er war nicht der erste, der die tiefsinnigen Spekulationen \u00fcber Gottes Existenz mit einer Handbewegung vom Tisch wischte, um im Geist der Renaissance eine neue Vorstellung von Gott zu kreieren.<\/p>\n<p>Den Anfang der sch\u00f6pferischen Gotteskritik finden wir in einem Buch, das schon vor Michelangelo viele gelesen hatten, auf den ersten Seiten der Bibel. &#8218;Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde&#8216; &#8230;; wir wissen, wie es weitergeht. Aber in der religi\u00f6sen Szene des alten Orients war das eine kleine Revolution. Nicht ein grandioser Sch\u00f6pfungsmythos wird dort entfaltet, der Kampf der Au\u00dferirdischen um die Macht \u00fcber die \u00dcberwelt und die Unter-welt, Science Fiction in Reinform. Die Sch\u00f6pfung aus dem Nichts l\u00e4\u00dft sich auch ganz anders erz\u00e4hlen, unpr\u00e4tenti\u00f6s und nat\u00fcrlich, als eine kleine Geschichte von der Entstehung der Arten, der Tiere und des Menschen, ein kleiner Brehm also. Die alttestamentliche Sch\u00f6pfungserz\u00e4hlung ist zugleich ein Ausri\u00df aus einem Tagebuch, 7 Tage im Leben Gottes, oder besser: es sind ein paar Seiten aus dem Skizzenbuch eines bildenden K\u00fcnstlers, im R\u00fcckblick auf die allererste Weltwoche aufgeschrieben. Denn vorher gab es nichts, keine Welt, kein Leben, keinen Himmel und keine Erde, nur Gott. Und der machte sich nun an die Arbeit.<\/p>\n<p>Die 1. H\u00e4lfte der Woche arbeitete Gott drau\u00dfen, im Freien. Er schuf zuerst die Zeit und den Raum; Dienstag kultivierte er dann die Vegetation; am Mittwoch Nachmittag zog er sich schlie\u00dflich in seine T\u00f6pferwerkstatt zur\u00fcck. Zuerst modellierte er verschiedene Fische, sp\u00e4ter eine Serie V\u00f6gel. Er formte sie in den H\u00e4nden, bemalte sie und hauchte ihnen das Leben ein. Dann \u00f6ffnete er die H\u00e4nde und sah den V\u00f6geln mit offenen Augen nach, wie sie durch das Fenster nach drau\u00dfen flatterten.<\/p>\n<p>Die Woche verging wie im Flug. Am Freitag, dem letzten Werktag der j\u00fcdischen Woche, modellierte Gott noch bis in die Mittagszeit Vieh, Gew\u00fcrm und Tiere des Feldes. Dann legte er die lehmigen H\u00e4nde in den Scho\u00df. Es kam ihm so vor, als sei nun alles fertig. Nichts war ihm mi\u00dflungen. Aber irgendwie war doch noch kein Feierabend. Nach der Mittagspause ging er &#8211; oder war es eine sie? &#8211; voller Tatendrang noch einmal in die Werkstatt. Und Gott sprach &#8211; so lesen wir in Vers 26 &#8211; &#8218;Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, menschliche Gesch\u00f6pfe, die \u00fcber die Fische des Meeres herrschen, \u00fcber die V\u00f6gel unter dem Himmel, \u00fcber das Vieh, \u00fcber alle Tiere des Feldes und \u00fcber alles Gew\u00fcrm, das auf Erden kriecht&#8216;. Und dann das Protokoll: &#8218;Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und als Frau; und Gott sah an, was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut.&#8216;<\/p>\n<p>Jetzt erst ist der Sch\u00f6pfer mit seiner Arbeit zu Ende. Er hat sich seine Welt geschaffen, die Welt, in der er atmen kann, arbeiten und ruhen, nachdenken und phantasieren, h\u00f6ren und f\u00fchlen, schmecken und sehen. Die Wirklichkeit ist genauso, wie er sie sich vorgestellt hat. Im Augenblick gibt es nichts mehr zu tun. Also l\u00e4\u00dft der K\u00fcnstler sein Werk auf sich wirken. Und da geschieht am heiligen Sabbat genau dasselbe wie gestern um die Mittagszeit, nur umgekehrt. Gestern sah er sich selbst im Spiegel an und formte das Spiegelbild, die leibhafte Gestalt Gottes. Jetzt erkennt er sich in den beiden Menschen wieder. Er sieht die beiden drau\u00dfen sitzen, mit den Tieren an einem Tisch. Aber sie sind von anderer Gestalt. Der Mann und die Frau, das bin ja ich, sagt Gott zu sich selbst. Sie sind meine Gesch\u00f6pfe und zugleich mein Abbild &#8211; ein g\u00f6ttlicher Anblick.<\/p>\n<p>3. Was waren das f\u00fcr Zeiten, in denen der eine in ungebrochener Naivit\u00e4t von Gottes Handwerk erz\u00e4hlen und der andere mit ungeb\u00e4ndigter Lust einen leibhaftigen Gott malen konnte. Der Mensch: ein Spiegelbild Gottes? Und Gott: ein Spiegelbild des Menschen? Und nicht in der Idee, sondern in der sinnlichen Anschauung &#8211; das taugt nicht f\u00fcr die aufgekl\u00e4rte Gottestheorie der Moderne. Die Anthropomorphismen der alttestamentlichen Religion wirken archaisch, wie die Eierschalen einer fr\u00fchen religi\u00f6sen Entwicklungsstufe. Die philosophische Gotteslehre hat sich daraus Zug um Zug befreit; es hat den Schwei\u00df edler Denker gekostet, bis der abstrakte Gott der Philosophen installiert war, der Gott der reinen Vernunft. Die lustvolle Pr\u00e4sentation von Gottes K\u00f6rper in der Kunst der Renaissance kommt einem geschmacklos vor, schw\u00fclstig und der Gottesidee ganz unangemessen. Gottes Leib wurde im Feuerbach der neuzeitlichen Religionskritik beigesetzt.Was geblieben ist, das ist der Geist Gottes, so wie er einst \u00fcber den Wassern schwebte, leblos und gestaltlos. Wir verehren ihn, indem wir unsere Phantasie z\u00fcgeln und emotionslos \u00fcber Gott r\u00e4sonieren.<\/p>\n<p>Fromm gestimmte B\u00fcrgerkinder m\u00f6gen gelegentlich noch dem gro\u00dfen Michelangelo nacheifern. Sie schauen sich im Spiegel an und malen dann Gott in Menschengestalt, mit breiten Beinen und ausgestreckten Armen, manchmal auch mit dem ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Gesichtsschmuck, dem langen grauen Bart des alten Mannes. Die Gro\u00dfen lassen die Kleinen schmunzelnd gew\u00e4hren; wenn die Kinder \u00e4lter werden, legt sich der fr\u00fchkindliche Anthropomorphismus von selbst. Dann werden sie genauso vern\u00fcnftig, wie wir es l\u00e4ngst sind. Man darf sich Gott nicht bildlich vorstellen, man mu\u00df ihn abstrakt denken: als das unab\u00e4nderliche Schicksal, als den majest\u00e4tischen Weltenlenker oder als \u00fcberirdischen Uhrenmacher, &#8218;der k\u00fcnstlich sein Werk gef\u00fcgt&#8216;. Und nun l\u00e4uft das R\u00e4derwerk und l\u00e4uft und l\u00e4uft. Und keiner wei\u00df, wie es Gott ergeht, ob er mit uns hadert, oder \u00fcber unsere Gedankenspiele lacht, ob er mit seiner Weisheit am Ende ist, oder seine Gesch\u00f6pfe immer noch so liebt wie am Anfang.<\/p>\n<p>Er braucht es gar nicht zu wissen, denn der aufgekl\u00e4rte Mensch hat sich von den sinnlichen Gottesbildern l\u00e4ngst verabschiedet. Gott: das ist ein gro\u00dfer Gedanke, der \u00e4u\u00dferste, den ein Mensch je zu denken vermag, ein riskantes Gedankenexperiment, eine logische Operation jenseits der Grenzen unseres Vorstellungsverm\u00f6gens. Gott ist nicht wie ein Mensch, verletzlich, launisch und unentschlossen. Gott &#8211; das ist das ganz andere, der Inbegriff der Allwissenheit, der Allmacht und der Allgegenwart. Irren ist menschlich; Gott irrt sich nie. M\u00fcdigkeit ist menschlich; Gott schl\u00e4ft und schlummert nicht. Sterben ist menschlich; Gott bleibt in alle Ewigkeit.<\/p>\n<p>Deshalb kann kein Mensch so sein wie Gott. Denn keiner kann die Grenzen seines Leibes \u00fcberschreiten. Sein Denken bleibt auf sein Gehirn beschr\u00e4nkt, seine Kraft auf seine Muskeln begrenzt, sein Leben auf die Summe seiner Herzt\u00f6ne. Und Gott kann nicht so sein wie der Mensch. Endlich, seinem K\u00f6rper ausgeliefert, in eine Geschichte verstrickt, von der er nicht loskommt. Gott ist unendlich und unsterblich, unwandelbar und unsichtbar. Nur wenn Gott all das zugesprochen wird, was der Mensch nicht hat, und nur wenn Gott \u00fcber all das in unbegrenztem Ma\u00dfe verf\u00fcgt, was den Menschen ausmacht, nur dann kann er als Gott gedacht werden. Sonst w\u00e4re Gott nichts anderes als ein Ebenbild des Menschen und der Mensch ein Ebenbild Gottes. Man sieht: Die Rechnung geht auf.<\/p>\n<p>Wenn uns Michelangelo eben zugeh\u00f6rt h\u00e4tte oder der alttestamentliche Geschichtenerz\u00e4hler, dann h\u00e4tten sie \u00fcber den Fortschritt unserer Gottesgedanken sicherlich ihre K\u00f6pfe gesch\u00fcttelt. Ihr dreht euch im Kreis, h\u00e4tten sie gesagt, wie aus einem Mund. Denn alles, was ihr euch ausdenkt, sind nicht Gottes Gedanken, sondern eure, nicht aus der Sorge um Gott geboren, sondern vom menschlichen Eigensinn getrieben. Ihr habt die Sch\u00f6pfungsgeschichte nicht fortgeschrieben, sondern eine neue aufgesetzt. Sie erz\u00e4hlt vom Raubzug des beutegierigen Menschen durch Gottes Welt. Und der Plan, den ihr daf\u00fcr ausgebr\u00fctet habt, ist eine Raubkopie. Sie stammt aus einem alten Buch, aus dem Tagebuch Gottes.<\/p>\n<p>Erst habt ihr Gott seinen Raum genommen und den Himmel den Engeln und den Spatzen \u00fcberlassen; Gott ist nicht im Himmel, so lehrt eure begrenzte Vernunft; er ist \u00fcberall, also nirgends. Dann habt ihr Gott seine Zeit gestohlen; Gott hat keine Geschichte, er ist immer und ewig; deshalb kann man auch nicht so einfach sagen, da\u00df es ihn gibt. Und das Schlimmste: Ihr habt auf eurem Beutezug auch vor Gott selbst nicht haltgemacht. Ihr habt ihn seines K\u00f6rpers beraubt, ihr habt Gott get\u00f6tet, nur damit ihr am Ende mit euch allein bleiben k\u00f6nnt, ungest\u00f6rt eure Wege gehen, in Mu\u00dfe euren Gedanken nachh\u00e4ngen und listig eure Pl\u00e4ne schmieden. Jetzt gibt es nur noch euch, die Neunmalklugen, die \u00fcber Gott reden und dabei an sich selbst denken.<\/p>\n<p>Nachdem ihr Gott aus seiner Welt ausgewiesen und in ein undefinierbares Refugium abgeschoben habt, werft ihr euch zu seinen Nachla\u00dfverwaltern auf und bringt alles, was Gott mit seinen eigenen H\u00e4nden geschaffen hat, in eure fein sortierten Warenlager. In eurer Selbstherrlichkeit habt ihr Gott seine Fische geraubt und seine V\u00f6gel; jetzt wird der kleine Brehm immer kleiner. Am Ende bleibt nur noch ein Blatt \u00fcbrig. Es zeigt die ganze Sch\u00f6pfung in einer Gestalt. Aber es ist nicht der Mensch, wie wir ihn aus der alttestamentlichen Erz\u00e4hlung und aus der Sixtinischen Kapelle kennen. Was bleibt, ist der Leibhaftige in Reinformat, so wie wir ihn am Ende des Textes bewundern k\u00f6nnen: Gott und Mensch und Tier in einer Figur, das Fell der erbeuteten Tiere um den K\u00f6rper, die Jagdtroph\u00e4e auf dem Kopf, das Szepter in der Hand. Der Mensch hat seine Gestalt verloren. Nun sitzt er als teuflischer Wolpertinger auf der Kante der Wirklichkeit; und keiner wei\u00df, wie lange er sich in seinem Spagat zwischen Himmel und Erde halten kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"teufel.gif\" alt=\"\" \/>4.\u00a0Man h\u00f6rt den H\u00e4uptling von Seattle und denkt: Wenn wir uns wieder mit den Tieren an einen Tisch setzen und die Pflanzen dort stehen lassen, wo sie gedeihen, dann haben wir Gottes Sch\u00f6pfung saniert. Und wer sollte das tun, wenn nicht wir, die \u00dcberlebenden Gottes? So k\u00f6nnten wir wenigstens den Geist Gottes in Ehren halten, Gott in den Lebewesen verehren, in den Steinen und den B\u00e4chen, so wie wir unsere Verstorbenen ehren, indem wir sie in lebendiger Erinnerung bewahren. Jedes Gesch\u00f6pf: eine geheimnisvolle Repr\u00e4sentanz seines g\u00f6ttlichen Ursprungs; und der Mensch mitten unter ihnen, allgegenw\u00e4rtig, allwissend und allm\u00e4chtig, kreativ und einfach g\u00f6ttlich.<\/p>\n<p>Und dann entdecken wir, da\u00df wir uns in den alten Steinen nicht wiedererkennen k\u00f6nnen; sie sind nicht wie wir, sie wissen nichts von uns, auch wenn wir uns noch so tief in sie versenken. Wir entdecken, da\u00df wir uns mit den Tieren nicht solidarisieren k\u00f6nnen; sie suchen unsere N\u00e4he nicht, auch wenn wir ihnen unsere ganze Zuwendung schenken. Wir entdecken, da\u00df wir uns in den B\u00e4chen nicht spiegeln k\u00f6nnen; das Wasser sieht uns nicht, es treibt sein Spiel mit sich selbst und manchmal auch mit der Sonne; aber wir kommen in den Lichtspielen nicht vor. Nur wenn wir den Teufel an die Wand malen und Gottes Sch\u00f6pfung zum apokalyptischen Szenario stilisieren, dann entdecken wir unsere Handschrift wieder, die zitternde Hand des von allen guten Geistern verlassenen Menschen.<\/p>\n<p>5. Gott &#8211; ein Ebenbild des Menschen? Und der Mensch &#8211; ein Abbild Gottes? Wenn wir den Spiegel zerbrechen, geht uns nicht nur das Bild Gottes verloren; wir verlieren dann auch unsere eigene Gestalt, die Imago Dei. Deshalb haben die Christen die Geschichte Gottes und die Geschichte des Menschen von Anfang an andersherum geschrieben. Nicht vom Ende her, von der Gottesferne des Menschen, sondern so, wie sie es aus den alttestamentlichen Erz\u00e4hlungen kannten: von der urspr\u00fcnglichen Gottesn\u00e4he des Menschen und von der Menschenfreundlichkeit Gottes, beide in K\u00f6rperkontakt zueinander, so wie Michelangelo die beiden im Bild festgehalten hat. Und sie haben beide Bilder, den menschennahen Gott und sein Gegenst\u00fcck, den gottesnahen Menschen, in einer Figur vereint, in der Gestalt des Menschen, dessen Namen die Christen tragen.<\/p>\n<p>Die Geschichten, die sich die Christen bis heute erz\u00e4hlen, portr\u00e4tieren den lebendigen Gott als leibhaftigen Menschen. Wir sehen ihn in unserer Kirche vor uns, am Ende seines Lebens, als Kruzifixus, am Ende seiner Leidensgeschichte. In einigen Wochen sehen wir ihn am Anfang seines Lebenslaufs, als neugeborenes Kind in der Krippe; das g\u00f6ttliche Kind braucht die Menschen um sich, seine Mutter und seinen Vater; und es hat auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Tiere in den Stall hereinkommen. Zwischen Lebensanfang und Lebensende liegt die Geschichte eines Mannes, der jedes Jahr ein Jahr \u00e4lter wurde, der wie alle anderen Hunger hatte und Durst, der die Menschen, mit denen er seine Geschichte teilte, liebte und auch ha\u00dfte, so wie Gott sich \u00fcber seine Abbilder freut und sich \u00fcber sie \u00e4rgert und sie das auch sp\u00fcren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Und weil die Christen ihren Gott am Leben glauben, als ein lebendiges Wesen mit einem klopfenden Herzen, mit wachen Augen und griffbereiten H\u00e4nden, deshalb haben sie sich auch die Wirklichkeit, die Gott f\u00fcr sich und seine Abbilder geschaffen hat, lebendig vorgestellt, als eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Die biblische Erz\u00e4hlung, \u00fcber die heute, am zweitletzten Sonntag des Kirchenjahres, in den evangelischen Kirchen gepredigt wird, nimmt sich wie ein Gegenbild zur Sch\u00f6pfungsgeschichte aus. Sie beginnt so, wie die anderen Religionen damals das Weltende beschrieben: &#8218;Wenn Gott kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron der Herrlichkeit und alle V\u00f6lker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den B\u00f6cken scheidet&#8216;. Aber dann nimmt das apokalyptische Szenario eine eigent\u00fcmliche Wende. Den Weltenrichter nannten die Christen den Menschensohn; und die Gerichtsszene, in der die Ebenbilder Gottes von ihren Zerrbildern unterschieden werden, erz\u00e4hlten sie so, als spiele sie sich mitten im Leben ab.<\/p>\n<p>&#8218;Kommt her&#8216;, sagt Gott zu denen, die er als seine Ebenbilder erkennt, &#8217;nehmt die Welt, die ich am Anfang f\u00fcr euch geschaffen habe, als euer Erbe&#8216;. &#8218;Warum gerade wir?&#8216; fragen sie ungl\u00e4ubig. &#8218;Ich bin hungrig gewesen&#8216;, antwortet der Menschensohn, &#8218;und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gef\u00e4ngnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.&#8216;<\/p>\n<p>Ecce homo; was f\u00fcr ein Gott!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Steck, Schellingstr.3\/VG, 80799 M\u00fcnchen Tel. 089\/2180-3483; Fax 089\/3823<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott &#8211; der Leibhaftige | Volkstrauertag | 16.11.1997 | Gen 1,26-27 | Wolfgang Steck | Gott &#8211; der Leibhaftige, Gott, ein Abbild des Menschen und der Mensch ein Spiegelbild Gottes, so hat Michelangelo die beiden M\u00e4nner an der Decke der Sixtinischen Kapelle portr\u00e4tiert, so wie er es auf den ersten Seiten der Bibel gelesen hatte. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3862,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,2,727,157,120,853,114,100,109,918,1530],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20852","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-genesis","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-kapitel-1","category-predigten","category-volkstrauertag","category-wolfgang-steck"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20852"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20852\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20853,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20852\/revisions\/20853"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3862"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20852"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20852"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20852"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20852"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}