{"id":20865,"date":"1997-12-24T12:04:13","date_gmt":"1997-12-24T11:04:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20865"},"modified":"2025-03-10T12:12:58","modified_gmt":"2025-03-10T11:12:58","slug":"titus-211-14-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/titus-211-14-3\/","title":{"rendered":"Titus 2,11-14"},"content":{"rendered":"<h3>Heiligabend | 24.12.1997 | Tit 2,11-14 | Walther L\u00fchrs |<\/h3>\n<p>Predigttext: Titus 2, 11 -14<\/p>\n<p>Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, da\u00df wir absagen dem ung\u00f6ttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des gro\u00dfen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, der sich selbst f\u00fcr uns gegeben hat, damit er uns erl\u00f6ste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig w\u00e4re zu guten Werken.<\/p>\n<p>Predigt<\/p>\n<p>I. In einem Buch \u00fcber das Weihnachtsfest las ich den Satz: &#8222;Wir sind alle anf\u00e4llig f\u00fcr Weihnachten.&#8220; Das stimmt! Dieses Fest zieht uns in eigent\u00fcmlicher Weise an. Wir lassen uns in seinen Bann ziehen. Was erwarten wir von diesem Fest? Es gibt eine F\u00fclle verschiedenster Erwartungen: Die einen freuen sich auf ein paar festliche Stunden, die uns aus dem Alltag herausheben. Andere sehnen sich einfach nach ein bi\u00dfchen Ruhe von der Hetze der Zeit. Nicht wenige gehen in die Gottesdienste &#8211; vielleicht in dem unbestimmten Gef\u00fchl, ohne das wird es nicht Weihnachten, und vielleicht auch mit einer seltenen Bereitschaft zu h\u00f6ren. Und es gibt viele Menschen, die erwarten wenig oder nichts von diesem Fest.<\/p>\n<p>Was kann uns dieses Fest bieten? Weihnachten &#8211; so will ich es einmal formulieren &#8211; ist das Angebot Gottes an unser Leben: Gott will sich mit uns verbinden. Mit uns, die wir oft so fern von ihm sind, die wir oft nicht wissen, warum und wozu wir leben; die wir uns hin- und hergerissen f\u00fchlen zwischen Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck oder herausgefordert von dem t\u00e4glichen Stre\u00df, mit uns, die wir \u00e4lter werden und nicht wissen, wohin der Weg geht. Mit uns will sich Gott verbinden.<\/p>\n<p>Aber wie sollen wir das verstehen? Ist Gott f\u00fcr uns nicht die gro\u00dfe Unbekannte des Lebens? Wir leiden darunter, da\u00df wir ihn so wenig kennen. In einer j\u00fcdischen Anekdote hei\u00dft es: Ein Sch\u00fcler kommt zu einem Rabbi und fragt: &#8222;Fr\u00fcher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?&#8220; Darauf antwortet der Rabbi: &#8222;Weil sich heute niemand mehr so tief b\u00fccken will.&#8220; Ich kenne wenige Worte, die so treffend andeuten, was Weihnachten ist. Du mu\u00dft dich ganz tief b\u00fccken, um ihn zu entdecken.<\/p>\n<p>Wie oft suchen wir Gott in der falschen Richtung, schauen nach oben oder suchen ihn in gro\u00dfen Ereignissen und wundern uns, wenn wir Gott da nicht finden. Die Hirten von Bethlehem wurden nicht auf einen heiligen Berg geschickt, um Gott zu suchen, sondern in einen einfachen Stall ihrer Heimatstadt. Und was sie fanden, war nichts weiter als ein Kind, wie es tausendfach geboren wird. Und da war Gott!<\/p>\n<p>So sollen auch wir ihn nicht &#8222;oben&#8220;, auch nicht in spektakul\u00e4ren Ereignissen suchen. Da hat schon mancher vergeblich auf Gott gewartet. Gott kommt ganz anders: in den kleinen Dingen des Alltags, vielleicht auch in einem Kind, das mir begegnet, das mich freundlich anl\u00e4chelt oder auch weint. Vielleicht in einem unscheinbaren alten Menschen, den ich auf der Stra\u00dfe sehe oder der neben uns wohnt und den man so leicht \u00fcbersehen kann.<\/p>\n<p>Das ist das \u00dcberraschende, das Revolution\u00e4re der Weihnachtsgeschichte, da\u00df Gott so menschlich, so niedrig begegnet. Als das Kind geboren wurde in Bethlehem, da haben Kaiser Augustus und die M\u00e4chtigen der Welt nichts gemerkt; wie sollten sie auch? Die Weltgeschichte kann sich doch um die Geburt eines einzelnen Kindes nicht k\u00fcmmern. Die l\u00e4uft nach anderen Kategorien und Ma\u00dfst\u00e4ben. Da geht es um das Schicksal von V\u00f6lkern, um Macht und Politik, um Krieg und Frieden, um Wirtschaft und \u00d6lvorkommen, um Wachstum und Umweltsch\u00e4den. Was z\u00e4hlt da der Einzelne? Was z\u00e4hlen da zwei unbekannte Menschen, die ein Kind bekommen?<\/p>\n<p>Doch gerade hier liegt das Faszinierende der Weihnachtsgeschichte, da\u00df sie die gro\u00dfen Ma\u00dfst\u00e4be beiseite l\u00e4\u00dft und etwas erz\u00e4hlt, das t\u00e4glich unter uns geschieht. Da kommen wir vor. &#8211; So will uns Gott begegnen. Und vielleicht ist er uns viel \u00f6fter begegnet, wir haben&#8217;s nur nicht gemerkt, wir haben&#8217;s \u00fcbersehen. Wir haben Gott im falschen Ma\u00dfstab gesucht, nach oben geblickt, in die Ferne geschaut, und dabei ist er l\u00e4ngst bei uns!<\/p>\n<p>II. Und was will nun Gott? Er will das, wonach wir uns sehnen: Er will unser Leben sinnvoll machen. Unser Bibelwort sagt: &#8222;Erschienen ist die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.&#8220; &#8222;Gnade&#8220; &#8211; ein angestaubter Begriff? Wir reden von &#8222;Gnade vor Recht&#8220;, von Gnadengesuch und Begnadigung. Dies Wort steht in irgendeiner Beziehung zu Unrecht, zu Schuld und Strafe. Oder ganz anders: Da redet man von &#8222;gn\u00e4diger Frau&#8220; und fr\u00fcher vom &#8222;gn\u00e4digen Fr\u00e4ulein&#8220; &#8211; eine seltsam unpers\u00f6nliche Anrede; das Wort &#8222;gn\u00e4dig&#8220; ist zu schade daf\u00fcr!<\/p>\n<p>Das biblische Wort Gnade meint etwas ganz anderes. Darin steckt Leben, Bewegung, Bejahung. Das griechische Wort im Urtext hei\u00dft &#8222;charis&#8220;, kommt von freuen, von Freude. Ich denke an eine festliche Feier. Wenn jemand Geburtstag hat oder ein Jubil\u00e4um feiert, dann will er nicht allein sein mit seiner Freude, er l\u00e4dt die anderen ein, spendet ein Festessen oder l\u00e4dt sie zum Umtrunk ein. Festlich, aufgeschlossen, fr\u00f6hlich &#8211; das ist die Atmosph\u00e4re der Gnade. Gott l\u00e4dt uns zum Fest ein, zur Freude am Leben, das er uns gab, zur Freude am andern, den er uns gibt, zur Freude an der Geburt des Kindes. Wer m\u00f6chte nicht hineingezogen werden in diese Atmosph\u00e4re der Gnade, die Gott uns umsonst, aus freien St\u00fccken anbietet!<\/p>\n<p>Oder wollen wir darauf verzichten; nicht aus der Gnade Gottes leben? Es gibt Menschen, die das kategorisch ablehnen; sie wollen aus sich selbst leben; wollen empfangen, was sie verdienen, wollen beurteilt werden nach dem, was sie leisten, wollen nichts umsonst &#8211; &#8222;Ich m\u00f6chte nichts geschenkt haben!&#8220;, wollen nur Recht und Ordnung, Verdienst und Leistung. Ja, dann ist das Leben ein Rechenexempel, das \u00fcbrigens in den seltensten F\u00e4llen aufgeht.<\/p>\n<p>Und au\u00dferdem: Wer nicht aus Gnade leben will, der ist auch mit anderen ungn\u00e4dig und mi\u00dft sie nach seinem Ma\u00dfstab und nach ihrer Leistung und gibt ihnen, was sie &#8222;verdienen&#8220;. Wieviel Unmenschlichkeit und Unheil entspringen dieser Haltung (die sich fr\u00fcher h\u00e4ufig genug auch im Strafvollzug verwirklichte).<\/p>\n<p>III. Gott aber will das Leben aller heilen: &#8222;Erschienen ist die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.&#8220; So ist Weihnachten f\u00fcr die heil-lose Welt gedacht, f\u00fcr ein Leben, das nicht heil ist.<\/p>\n<p>Wer jetzt meint: &#8218;Das betrifft mich nicht&#8216;, der mag dies ruhig denken. Dann ist halt Weihnachten f\u00fcr ihn im Augenblick oder wenigstens in diesem Sinn nicht akut. Denn Weihnachten ist nicht Glanz \u00fcber einer heilen Welt. Ach, wie oft ist dies Fest so mi\u00dfverstanden und so gefeiert worden. Und daher kommt ja der Verdru\u00df vieler ernster Menschen an dieser Feierei. Und daher kommt der fatale Irrtum, Weihnachten sei nur f\u00fcr gl\u00fcckliche Menschen feierbar. Nein, umgekehrt: f\u00fcr die Traurigen zuerst, f\u00fcr die Machtlosen, f\u00fcr die Einfachen (die Hirten), f\u00fcr die Suchenden (die Weisen), f\u00fcr alle, die sich danach sehnen, da\u00df ihr Leben sinnvoll und heil wird.<\/p>\n<p>Wie soll das geschehen? Unser Bibelwort sagt: &#8222;Die Gnade Gottes erzieht uns&#8220;. Luther \u00fcbersetzt sch\u00e4rfer: &#8222;Sie nimmt uns in Zucht&#8220;. Das klingt seltsam am Heiligabend. Sind wir auf Erziehung oder sogar Zucht eingestimmt? Das klingt so nach falschem Preu\u00dfentum und Disziplin. M\u00f6chten wir uns nicht von solchen Dingen wenigstens in diesen Stunden dispensieren? War nicht zuerst von Fest und Festlichkeit, von der Atmosph\u00e4re der Freiheit und der Freude die Rede? Nun, ein gutes Fest zieht seine Kreise. Und ihm folgt kein blauer Montag oder Aschermittwoch. (Eine gute Geburtstagsfeier macht auch am n\u00e4chsten Tag noch Spa\u00df und bestimmt, ja ver\u00e4ndert sogar unser Leben.)<\/p>\n<p>Unser Weihnachtsfest ist in drei Tagen vorbei. Aber wenn es etwas wert war, dann arbeitet es in uns weiter. Und genau darum geht es: Gottes Gnade will an uns, in uns arbeiten. &#8211; Im griechischen Urtext steht das Wort &#8222;paideuein&#8220;. Das hat also etwas mit P\u00e4dagogik, mit Erziehung zu tun. Ja, das will Weihnachten bei uns: einen Lernproze\u00df in Gang setzen; etwas in unserem Leben zum Heil ver\u00e4ndern. Oder &#8211; wie es im Text hei\u00dft &#8211; da\u00df wir mit bestimmten Dingen, die uns und andere belasten, aufh\u00f6ren, da\u00df wir uns nicht auf falschen Wegen verirren, sondern ein Ziel haben. Es k\u00f6nnte soviel Gutes daraus werden!<\/p>\n<p>Vielleicht sind wir solchen Lernprozessen gegen\u00fcber heute bereiter, als man das in fr\u00fcheren Zeiten f\u00fcr m\u00f6glich hielt. Fr\u00fcher hatte man mit 18 Jahren in der Regel ausgelernt. Da war man fertig. Man konnte etwas, man war f\u00fcr Beruf und Leben ausgebildet. Und blieb dann ja auch meistens in diesem Beruf ein Leben lang. &#8211; Heutzutage m\u00fcssen wir alle viel \u00f6fter umlernen, dazu lernen, umschulen, neue Wege gehen. D.h., wir sind flexibler geworden. Und ich kann mir denken, da\u00df dies auch auf unser Christsein seine Auswirkung hat: da\u00df wir die P\u00e4dagogik Gottes an uns arbeiten lassen und bereit sind, um zu neuen Ufern aufzubrechen, neue Wege zu beschreiten und dem Ziel entgegenzugehen, das Gott f\u00fcr uns bereith\u00e4lt.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Superintendent i.R. Walther L\u00fchrs, Unter den Linden 28, 37085 G\u00f6ttingen,<\/p>\n<p>Tel.0551 &#8211; 79 34 07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiligabend | 24.12.1997 | Tit 2,11-14 | Walther L\u00fchrs | Predigttext: Titus 2, 11 -14 Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, da\u00df wir absagen dem ung\u00f6ttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und warten auf die selige Hoffnung und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":19210,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,727,157,853,545,114,647,349,3,109,1531],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20865","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-titus","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-christvesper","category-deut","category-kapitel-02-chapter-02-titus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-walther-luehrs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20865","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20865"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20866,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20865\/revisions\/20866"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20865"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20865"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20865"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20865"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}