{"id":20871,"date":"1997-12-24T12:24:12","date_gmt":"1997-12-24T11:24:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20871"},"modified":"2025-03-10T12:27:03","modified_gmt":"2025-03-10T11:27:03","slug":"heiligabend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/heiligabend\/","title":{"rendered":"Heiligabend"},"content":{"rendered":"<h3>Heiligabend | 24.12.1997 | Christian Krause |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde zum Heiligen Abend,<\/p>\n<p>keine Frage: Dies ist die Nacht der N\u00e4chte. In fast 2000 Jahren Menschheitsgeschichte kommt keine Nacht an Bedeutung dieser einen, heiligen Nacht auch nur ann\u00e4hernd nahe.<\/p>\n<p>Kaum eine Ebene menschlicher Lebens\u00e4u\u00dferung, die nicht von dieser Heiligen Nacht ber\u00fchrt, bisweilen fasziniert worden ist &#8211; oder umgekehrt immer neue Geschichten auf sich gezogen hat. Die B\u00fccherschr\u00e4nke der Weltliteratur quellen \u00fcber von Weihnachtserz\u00e4hlungen und &#8211; gedichten, die Musik gro\u00dfer und kleiner Meister variiert das Thema \u00fcber die Zeiten hinweg, und auch in der bildenden Kunst ist es nicht anders.<\/p>\n<p>Wer die Braunschweiger Buchhandlungen in der Adventszeit f\u00fcr ein Geschenk durchst\u00f6bert hat, sah sich einem so reichen Angebot weihnachtlicher Literatur gegen\u00fcber wie selten zuvor.<\/p>\n<p>Vielleicht spiegelt sich darin eine gemeinsame Erfahrung dieses Jahres wieder. Wir suchen Zug\u00e4nge zu einer Welt, die nicht ausschlie\u00dflich von Leistung und Konsum bestimmt ist. Wir lassen uns gerne erinnern an eigene Erfahrungen mit dieser Welt der Kindheit, ihren Bildern und Stimmungen, in denen das Leben noch etwas Geheimnisvolles ist. Wir verbinden damit eigene Sehnsucht nach einem freundlichen, erf\u00fcllten Bild des Lebens.<\/p>\n<p>1997 war ein Jahr der Sehnsucht und der gro\u00dfen Gef\u00fchle. Vielleicht gerade weil die Vernunft so oft versagte. Der Sehnsucht nach Heil, wo soviel in uns und zwischen uns auch in diesem Jahr kaputtgegangen ist. Der Sehnsucht nach Frieden und Rettung aus Not und Unterdr\u00fcckung f\u00fcr die Menschen in Afrika, im Nahen Osten, in Nord Korea und vielen anderen Orten der Welt. Der Sehnsucht nach Trost in der wachsenden Einsamkeit und K\u00e4lte unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wir f\u00fchlen, da\u00df unser gro\u00dfer Reichtum allein nicht gl\u00fccklich macht. Wir k\u00f6nnen \u00fcber dieses eine Leben hinaus nichts mitnehmen. Aber wir f\u00fchlen, wie sehr uns die Menschen fehlen, die wir verloren haben. Weihnachten erinnert, da\u00df die Menschlichkeit unser gr\u00f6\u00dfter Reichtum ist &#8211; eine Gnade, ein Kind in den Armen zu halten; eine Gnade, Freunde zu haben, eine Familie, Menschen, die einen nicht vergessen.<\/p>\n<p>Ob die Gef\u00fchle, die diese Sehnsucht nach Menschlichkeit tragen, verwelken wie die Blumenstr\u00e4u\u00dfe auf dem Trauerweg der Prinzessin von Wales? Oder werden sie &#8222;in unseren Herzen wachsen&#8220;, wie es im Song von Elton John hei\u00dft. Trauen wir unserer Sehnsucht zu, da\u00df sie uns die Augen f\u00fcr ein freundliches, erf\u00fclltes Bild des Lebens \u00f6ffnet, in dem sich die Liebe Gottes spiegelt? Finden wir in dieser glaubensarmen Zeit wieder Zug\u00e4nge zu Gott, dessen Liebe in Bethlehem Mensch wurde und in unseren Herzen weiterleben will?<\/p>\n<p>In dieser Nacht bl\u00fcht eine Rose &#8211; mitten im kalten Winter. In dieser Nacht hat das Leben eine Chance, warm und reich und geborgen zu sein, so erz\u00e4hlen es die M\u00e4rchen, Sagen und Geschichten. Im Neuen Testament, in einem Brief des Apostel Paulus hei\u00dft es dar\u00fcber: &#8222;Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.&#8220; &#8211; Mit diesen Worten beschreibt der Apostel seiner Gemeinde die Bedeutung der Geburt Jesu Christi.<\/p>\n<p>Mit Christi Geburt ist etwas Neues, Unvordenkliches in unsere Welt und unser Leben gekommen. Wie die Sonne am Morgen, ist Gottes Gnade aufgegangen \u00fcber unserer Welt. Etwas W\u00e4rmendes, Lichtes ist in das Leben hineingekommen, etwas, das es vorher nicht gab. Das ist das Geheimnis von Weihnachten. Es liegt in der Art, wie Gott erschienen ist: in einem kleinen Kind, nackt und unscheinbar, arm und am Ende der Welt. So ist Gott da, einfach da, uns zugute, auch wenn wir ihn nicht sehen oder an ihm zweifeln angesichts der Not und Gnadenlosigkeit in der Welt.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen&#8220;. In unserer eigenen menschlichen Armut ist der barmherzige Gott einer von uns geworden. Die Geschichte, die davon erz\u00e4hlt, wie Gott erschienen ist und wie diese Nacht zur Weihnacht wurde, ist einfach und schlicht. So einfach, da\u00df es unsere eigene Geschichte sein k\u00f6nnte und es ja auch immer wieder geworden ist. In unseren Herzen ist sie weiter gewachsen. Von Kindheit an, durch Krieg und Frieden, Hass und Liebe, gute und b\u00f6se Zeiten ist die Geburt Jesu, das Kind in der Krippe vor unser aller Augen geblieben.<\/p>\n<p>Viele andere Geschichten von Gott und den Menschen geraten immer mehr in Vergessenheit, werden au\u00dferhalb der Gottesdienste nur noch selten erz\u00e4hlt und noch viel seltener geh\u00f6rt. Das ist anders mit der Weihnachtsgeschichte. So wie wir haben sich heute abend Tausende von Menschen \u00fcberall im Land auf den Weg gemacht, um an dieser Geschichte teilzunehmen, wie Gott einer von uns wurde &#8211; ein Kind unter Kindern, ein Mensch unter Menschen.<\/p>\n<p>Es ist wohl eine ganz normale Nacht gewesen, die zur Heiligen Nacht werden sollte. Die meisten Leute schlafen l\u00e4ngst und haben das Licht ausgemacht. Die letzten Restaurants und Bars haben l\u00e4ngst geschlossen, und die Taxifahrer schalten die Standheizung ein, weil es jetzt nur noch wenige Fahrg\u00e4ste gibt. Da klopft ein Kollege ans Autofenster und reicht einen Pappbecher mit hei\u00dfem Kaffee und ein St\u00fcck Kuchen rein. &#8222;Na so was&#8220;, murmelt der andere. &#8222;Aber klar, heute in dieser Nacht!&#8220; &#8211; Eine Krankenschwester schaut leise in die still gewordenen, dunklen Zimmer, gibt hier einer Schlaflosen eine Tablette, deckt dort einen frisch Operierten zu. &#8222;Hoffentlich kommt er durch&#8220;, denkt sie und geht zur\u00fcck ins Schwesternzimmer. &#8211; Auf dem Kontrollturm des Flughafens starren die Lotsen auf ihre Monitore. &#8222;Warum m\u00fcssen die nun ausgerechnet in dieser Nacht auch noch fliegen? K\u00f6nnten die nicht wenigstens einmal zu Hause bleiben?&#8220; &#8211; Frau und Kinder gehen dem Lokf\u00fchrer durch den Kopf, der sich einen winzigen, k\u00fcnstlichen Tannenbaum aufs Armaturenbrett montiert hat. &#8211; Als wir die Bachkantate h\u00f6ren &#8222;Jesus bleibet meine Freude&#8220;, l\u00e4uft meinem s\u00fcdafrikanischen Freund Eric Molobi eine Tr\u00e4ne \u00fcbers Gesicht. In der einen Nacht kam diese Melodie \u00fcber die Lautsprecher in die Gef\u00e4ngniszellen, \u00fcber die sonst nur Kommandos und Drangsalierungen t\u00f6nten. Einmal ein Hauch von Menschlichkeit und W\u00e4rme! &#8211; Und mitten im Krieg sitzen sie \u00fcbern\u00e4chtigt und ersch\u00f6pft im zerbombten Haus und lauschen ungl\u00e4ubig in die Stille hinaus: F\u00fcr heute, wenigsten f\u00fcr die eine Nacht, wurde eine Feuerpause vereinbart. Und sie wird eingehalten.<\/p>\n<p>Eine einzige Nacht in der langen Geschichte des Lebens, eine Nacht, wie auch wir unsere N\u00e4chte kennen, wird zur Heiligen Nacht. Der Bannkreis der Angst und der Einsamkeit, der Verzweiflung und der unerf\u00fcllten Sehnsucht wird durchbrochen.<\/p>\n<p>Es ist etwas Neues erschienen in jener Nacht: Heilsame Gnade. Feuerpause im Krieg und ein Becher mit hei\u00dfem Kaffee in der K\u00e4lte, F\u00fcrsorge f\u00fcr andere Menschen und eine Bachkantate statt Kommandogedr\u00f6hn. Die Heilige Nacht ist der Anfang einer Hoffnung geworden. In der Hoffnung sind wir \u00fcberall auf der Welt und quer durch alle Kirchen und Konfessionen verbunden: Wir schauen in eine neue Welt, f\u00fcr die es Zeichen und Wunder heute schon unter uns gibt. Eine Welt, in der die Traurigen getr\u00f6stet werden, wo Krieg, Krankheit, Hunger, Habgier, Last und Leid des Lebens zwar nicht verschwunden sind, aber auch nicht mehr alles erdr\u00fccken und ersticken. Eine Welt, wo Menschen aufstehen und zufassen, N\u00e4chstenliebe und Menschlichkeit zu \u00fcben. Eine Welt, wo die Menschen am Rande nicht aus dem Blick geraten. Wo sich eine Gesellschaft nicht in arm und reich aufspalten l\u00e4\u00dft. Wo das Leben mehr ist als Effizienz und Sch\u00f6nheit und Fun. Eine gn\u00e4dige Welt mit begnadeten Menschen, die etwas sp\u00fcren oder ahnen vom Geheimnis Gottes, von der Liebe, die st\u00e4rker ist als der Tod.<\/p>\n<p>Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen. Dir und mir und uns allen! Keiner ist davon ausgeschlossen &#8211; wirklich keiner! Jede und jeder darf die Geschichte der Geburt Gottes weitererz\u00e4hlen, mit ganz eigenen Erfahrungen davon erz\u00e4hlen: wie wieder etwas heil wird in meinem Leben und Zusammenleben! Da\u00df ich nicht mehr unter dem Zwang stehe, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Da\u00df mich das Schicksal anderer ber\u00fchrt und ich zu helfen versuche, wo ich kann. Oder auch davon, da\u00df ich mich vor dem Ende des Lebens nicht mehr f\u00fcrchten mu\u00df. Davon, da\u00df die Nacht der Welt ein f\u00fcr allemal ein Ende haben mu\u00df, wenn Gott abwischen wird alle Tr\u00e4nen und wiederbringt alle Gefangenen.<\/p>\n<p>Weihnachten lebt die Sehnsucht auf nach dieser Welt &#8211; und sie findet ein Ziel: &#8222;Welt ging verloren, Christ ward geboren. Freue dich, freue dich Christenheit!&#8220; &#8211; &#8222;Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.&#8220;<\/p>\n<p>Und weil es unerwartet kommt und niemand mit einer solchen M\u00f6glichkeit zu seinen Lebzeiten gerechnet hat, ist das erste Wort der Boten Gottes: &#8222;F\u00fcrchtet euch nicht! Kriegt keinen Schreck! Zieht euch nicht gleich wieder in eure N\u00e4chte zur\u00fcck! Nicht gleich wieder Skepsis, Zynismus, Resignation! Wahrlich eine Heilige Nacht, von der wir Frieden auf Erden und ein Wohlgefallen f\u00fcr uns und die Menschen mit uns nehmen m\u00f6gen, wenn es wieder Tag wird.<\/p>\n<p>F\u00fcrchtet euch nicht, vertraut der N\u00e4he Gottes in eurem Leben. Wenn es wieder losgeht in den vielen kleinen und gro\u00dfen Kriegen jeder gegen jeden, wenn die eigenen Wege eng werden, wenn nach den Festtagen der Alltag unsere Hoffnung auf Frieden wieder zur Gleichg\u00fcltigkeit umzubiegen droht &#8211; dann wollen wir uns erinnern, es anderen weitersagen und einander Mut machen: denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen &#8211; also auch uns!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Landesbischof Christian Krause, Wolfenb\u00fcttel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiligabend | 24.12.1997 | Christian Krause | Liebe Gemeinde zum Heiligen Abend, keine Frage: Dies ist die Nacht der N\u00e4chte. 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