{"id":20882,"date":"1997-11-30T14:00:26","date_gmt":"1997-11-30T13:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20882"},"modified":"2025-03-10T14:03:42","modified_gmt":"2025-03-10T13:03:42","slug":"roemer-138-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-138-14\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 13,8-14"},"content":{"rendered":"<h3>1. Advent | 30.11.1997 | R\u00f6m 13,8-14 | Hans-Gottlieb Wesenick |<\/h3>\n<p>Textfassung Lutherbibel 1984<\/p>\n<p>8 Seid niemandem etwas schuldig, au\u00dfer, da\u00df ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erf\u00fcllt. 9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): &#8222;Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht t\u00f6ten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren&#8220;, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefa\u00dft (3. Mose 19,18): &#8222;Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst.&#8220; 10 Die Liebe tut dem N\u00e4chsten nichts B\u00f6ses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erf\u00fcllung. 11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, n\u00e4mlich da\u00df die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt n\u00e4her als zu der Zeit, da wir gl\u00e4ubig wurden. 12 Die Nacht ist vorger\u00fcckt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So la\u00dft uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 La\u00dft uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht, 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt f\u00fcr den Leib nicht so, da\u00df ihr den Begierden verfallt.<\/p>\n<p>Predigt<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Ihr kennt doch schlie\u00dflich die Zeit! Ihr wi\u00dft, was die Stunde geschlagen hat!&#8220; sagt der Apostel Paulus. Wissen wir&#8217;s wirklich?<\/p>\n<p>Klar wissen wir das: Heute ist der 1. Advent, und der gibt gleichsam das offizielle Startkommando f\u00fcr die hektische Zeit vor Weihnachten. Aber nein, die ist nat\u00fcrlich nicht gemeint! Im Gegenteil: Insgeheim m\u00f6chten wir ja so gern, da\u00df uns diesmal die Adventszeit als stille, besinnliche Zeit gelingt, da\u00df wir wirklich zugehen und uns vorbereiten auf das Kind im Stall und etwas erfahren von dem, was die Engel den Hirten in Bethlehem gesungen haben, n\u00e4mlich das von dem &#8222;Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens&#8220;. Dieses Jahr wirklich!<\/p>\n<p>Aber indem wir uns das so vornehmen, sp\u00fcren wir zugleich die Zwiesp\u00e4ltigkeiten unseres Lebens: wie wir immer irgendwie &#8222;dazwischen&#8220; stecken: zwischen Nacht und Tag, zwischen Schlafen und Wachen, zwischen dem, was wir eigentlich wollen, und dem, was wir tats\u00e4chlich tun.<\/p>\n<p>Und auch mit der Zeit, die wir doch schlie\u00dflich kennen m\u00fc\u00dften, wie der Apostel meint, ist das eine schwierige Sache. Dieser Tage wurde mir ein Buchprospekt zugeschickt. Beim Bl\u00e4ttern stie\u00df ich auf den Titel &#8222;Die Wiederentdeckung der Zeit&#8220;. Ach, war die denn verloren gegangen? Das ging mir gleich durch den Kopf.<\/p>\n<p>Wenn man ein wenig \u00fcber die Zeit nachdenkt, wird es allerdings schwierig damit. Denn dabei kommt einem ja unweigerlich die eigene Lebenszeit mit zu Bewu\u00dftsein. Wo sind die Jahre geblieben? Und man f\u00fchlt sich dabei wie in einem st\u00e4ndig weiterrollenden Wagen, den nichts aufhalten, an dessen Kurs keiner etwas \u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>G\u00fcnter Eich hat diesen Alptraum einmal in einem H\u00f6rspiel beschrieben: da leben Menschen wie in einem Eisenbahnwagen; tagein tagaus rollen sie dahin, immer weiter, ohne Halt. Sie wissen: dieser Zug ist unser Leben. Einige erinnern sich: Es m\u00fc\u00dfte noch etwas anderes geben. Die anderen dagegen wollen nichts weiter wahrhaben als das, was sie nun einmal gewohnt sind, eben dieses Leben &#8211; im Dunkel, auf Schienen, in einem fahrenden Zug, f\u00fcr den alle Weichen bereits gestellt sind.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich werden die Leute wach. Der Zug f\u00e4hrt schneller. Das kann nichts Gutes bedeuten. Wohin geht die Fahrt? Offenbar unaufhaltsam weiter &#8211; ins Verderben. &#8222;Hilft uns denn niemand?&#8220; fragt angstvoll ein uralter Mann. Sein Enkel fragt dagegen: &#8222;Wer, wer k\u00f6nnte uns denn helfen?&#8220;<\/p>\n<p>Ist unser Leben wirklich so festgelegt, so aussichtslos, so unver\u00e4nderbar und so ohne Hilfe? Wird es dann am Ende auch dieses Jahr wieder nichts mit dem seligen Advent?<\/p>\n<p>Viele Menschen sind m\u00fcde geworden, weil sie meinen: F\u00fcr mich gibt es keine Aussichten mehr! Nicht nur Alte denken so, sondern auch immer mehr Junge. Wir k\u00f6nnen es ihnen nicht verdenken, wenn die Arbeitslosenzahlen schier unaufhaltsam steigen und mancher die Anzahl von 5 Millionen im n\u00e4chsten Jahr jetzt f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, und wenn es immer weniger Arbeitspl\u00e4tze gibt und gerade junge Menschen immer schwerer eine Anstellung finden. Das Leben ist f\u00fcr viele sehr anstrengend geworden. Immer mehr Umwege sind n\u00f6tig. R\u00fcckschl\u00e4ge h\u00e4ufen sich. Viel Vergeblichkeit ist da, viel Entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p>Wenn wir das aber erleben &#8211; wie reagieren wir darauf? Lassen wir&#8217;s geschehen und weiterlaufen? Fragen wir nicht mehr nach? Lassen wir die anderen machen und sehen allenfalls zu, auf die eigenen Kosten zu kommen, so lange das geht?<\/p>\n<p>Nach Meinung des Apostels Paulus reagieren so Menschen, die der Nacht verfallen sind. Sie werden ratlos, erschrecken, fliehen in Bet\u00e4ubungen &#8211; Mallorca-Party, hemmungsloses Vergn\u00fcgen, Alkohol, Drogen, fliehen in lauter verzweifelte Bem\u00fchungen also, ihre Aussichtslosigkeit und die geheime Angst vor Dunkelheit und Leere zu \u00fcberspielen.<\/p>\n<p>Das alles h\u00e4lt der Apostel f\u00fcr Schl\u00e4frigkeit; so denken und handeln Menschen, die im Dunkel leben. Dagegen hei\u00dft f\u00fcr ihn das Gebot der Stunde: Aufwachen, den Schlaf aus den Augen reiben, hinsehen und wahrnehmen, da\u00df alles, was geschieht &#8211; mit uns und um uns herum &#8211; da\u00df dies alles uns angeht und herausfordert, aber da\u00df es uns nicht \u00fcberfordert. Und das hei\u00dft: Man kann ja doch etwas machen!<\/p>\n<p>Paulus begr\u00fcndet seine Meinung eigenartig: &#8222;Unser Heil ist jetzt n\u00e4her als zu der Zeit, da wir gl\u00e4ubig wurden.&#8220; Er blickt also zur\u00fcck &#8211; in die Vergangenheit, h\u00e4lt sie neben die Gegenwart und stellt fest: es stimmt, die Zeit ist vorangeschritten. Sie hat sich nicht im Kreis bewegt. Es ist nicht immer wieder dasselbe gewesen. Nein, die Zeit ist weitergegangen, und wir sind weitergekommen.<\/p>\n<p>Das beschreibt Paulus in allerlei Bildern und sagt mit ihnen: Die Nacht geht zu Ende. Zwar ist es noch dunkel, aber am Horizont d\u00e4mmert es bereits. Der Tag ist nahe und mit ihm das helle Licht. Darauf k\u00f6nnen wir fest rechnen, darauf k\u00f6nnen wir uns jetzt schon einstellen. Wir gehen ja Gott entgegen. Und bei Gott, da ist unser Heil! Sein Licht erhellt unser Dunkel. Und es macht auch unsere Zukunft hell mit dem Lichtschein seiner neuen Welt. Dieses g\u00f6ttliche Licht ist seine Liebe. Gottes Liebe wird alle Dunkelheit, alles angstvolle Fragen, alle Sorge, alle Mutlosigkeit und Resignation, alles Leid vertreiben. In seiner Welt gibt es sie jetzt schon. Wir k\u00f6nnen sie erfahren.<\/p>\n<p>Doch wo und wie k\u00f6nnen wir das? Wo sp\u00fcren wir etwas von dieser Morgend\u00e4mmerung, von dem neuen Licht? Jeden Tag wieder erleben wir soviel Lieblosigkeit und Kraftlosigkeit. Kann man denn Gottes Liebe herbeireden? Ist das nicht eine billige Vertr\u00f6stung, wom\u00f6glich auch wieder nur eine Fluchtbewegung in die Innerlichkeit, in eine Innenwelt, die mit den Realit\u00e4ten nichts zu tun hat?<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist, da\u00df Paulus hier gar nicht argumentiert; in den voraufgehenden Kapiteln seines Briefes an die Christen in Rom hat er das bereits ausgiebig getan. Er will auch nichts &#8222;beweisen&#8220;. Er erz\u00e4hlt ganz einfach von seinem Glauben und erinnert daran: Das ist doch auch euer Glaube! Und er erinnert an die Liebe, nennt sie &#8222;Erf\u00fcllung des Gesetzes&#8220;. Wo wir wirklich Gott lieben, da wenden wir auch unserem Mitmenschen unsere Liebe zu, und wo wir das tun, da ist Gottes Heil. Wird es nicht schon hell? Ist es nicht Zeit, aufzustehen vom Schlaf und auf die Kraft seiner Liebe zu setzen, auf sie vertrauen?<\/p>\n<p>Wir leben im Jahr 1997 nach Christi Geburt Es ist wie alle Jahre ein &#8222;Jahr des Herrn&#8220;, annus domini. Und heute haben wir den 1. Advent. Advent hei\u00dft &#8222;Ankunft&#8220;, und gemeint ist damit Gottes Ankunft. Advent will uns erinnern, an unseren christlichen Glauben erinnern und auf dessen zwei grundlegende \u00dcberzeugungen hinweisen. Die eine lautet: Gott wird kommen am Ende der Zeit und sein Reich, seine Herrschaft \u00fcber alle Welt in Herrlichkeit aufrichten. Davon sprach Jesus st\u00e4ndig in seiner Verk\u00fcndigung.<\/p>\n<p>Die andere grundlegende \u00dcberzeugung unseres Glaubens lautet: Gott ist schon gekommen. In Jesus Christus ist er Mensch geworden. Dies feiern wir an Weihnachten. Von dem Licht in der Krippe wirft das Licht des kommenden Tages seinen hellen Schein auf die ganze Welt. Dieses Licht strahlt uns Menschen und die Dinge um uns herum an, und in diesem Licht bekommen sie ein anderes Aussehen.<\/p>\n<p>Nicht von ungef\u00e4hr geh\u00f6ren deshalb zur Advents- und Weihnachtszeit die zahlreichen Kerzen: am Adventskranz zuerst, an Zweigen und Gestecken und schlie\u00dflich am Tannenbaum. Die Kerzen sind Symbole, sind Hinweise auf jenes Licht, das Gott mit der Geburt seines Sohnes in unsere Welt gesandt hat. &#8222;Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt.&#8220; (1. Joh. 2, 8) Das predigen die Kerzen zu Advent und Weihnachten geradezu, als wollten sie sagen:<\/p>\n<p>Was uns \u00fcberall so dunkel erscheint, das erscheint im Licht der unendlichen M\u00f6glichkeiten Gottes als etwas, was \u00fcberwunden wird. Es bekommt eine andere Bedeutung, als unser Augenschein sie wahrnimmt. Die Dinge und die Menschen, die Verh\u00e4ltnisse und die festgefahrenen Fronten bekommen im Licht der Liebe Gottes gleichsam andere Vorzeichen, n\u00e4mlich Vorzeichen des Lebens, der Rettung, der Befreiung f\u00fcr uns, f\u00fcr andere Menschen, f\u00fcr unsere Welt.<\/p>\n<p>Das ist so wie bei einem Akkord in der Musik. Gebe ich zum Beispiel in einem Dreiklang nur einer Note ein anderes Vorzeichen, so \u00e4ndert sich gleich alles. Ein trauriger, mutloser Akkord klingt auf einmal fr\u00f6hlich, hoffnungsvoll, mitrei\u00dfend, ermutigend.<\/p>\n<p>Gottes Liebe will die Vorzeichen in unseren Klageliedern \u00e4ndern, damit daraus fr\u00f6hliche, hoffnungsvolle, zuversichtliche und mutige Lieder werden. Gottes unwiderrufliche Liebe zu uns, zu unseren Mitmenschen, zu unserer Welt annehmen und gelten lassen &#8211; das ist ein hoffnungsvolles Erwachen und Aufstehen vom Schlaf. Da wachsen uns auf einmal neue Kr\u00e4fte zu, so da\u00df wir &#8222;die Werke der Finsternis&#8220;, wie Paulus sagt, ablegen und die Waffen des Lichtes in die Hand nehmen und k\u00e4mpfen gegen alles, was unsere Welt verdunkelt. &#8222;Waffen des Lichtes&#8220;? K\u00e4mpfen? Ja, es kostet schon Kraft und Fantasie, es kostet Tapferkeit, \u00dcberwindung und viel Geduld, mit Gottes Liebe gleichsam als Waffe in der Hand gegen Angst und Resignation, gegen Bet\u00e4ubung und Flucht, gegen das ma\u00dflose &#8222;Verbrauchen&#8220; von Menschen und Sachen anzuk\u00e4mpfen und Menschen und Dinge im Licht des neuen Tages wahrzunehmen. Aber solch ein Kampf ist nicht vergeblich.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir leben zwischen dem 1. Advent, als Christus zur Welt kam, und dem 2. Advent, wenn Gott endg\u00fcltig kommt. Unsere Zeit ist die Zeit zwischen den Adventen. Gott hat sie uns gegeben und zur Zeit der Liebe bestimmt. Die Liebe treibt den Menschen aus sich selbst heraus, aus dem engen Geh\u00e4use, in das er sich immerfort in sich selbst verkr\u00fcmmt, treibt ihn hinaus zu den anderen Menschen, die unter der Dunkelheit leiden und noch nichts bemerkt haben davon, da\u00df &#8222;der Tag nahe herbeigekommen&#8220; ist.<\/p>\n<p>Erkennen wir unsere Zeit als &#8222;Zeit der Liebe&#8220;? Haben wir begriffen, da\u00df die Stunde gekommen ist, aufzustehen vom Schlaf und hellwach auf Gottes kommenden Tag zuzugehen? Dann wollen wir unsere Zeit nutzen, uns erf\u00fcllen lassen von der Liebe Christi und in seinem Lichte &#8222;am Tage&#8220; leben. Der Herr Christus soll unser Leben bestimmen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pastor Hans-Gottlieb Wesenick, Grotefendstr. 36, 37075 G\u00f6ttingen Predigt \u00fcber R\u00f6m. 13, 8-14 am 1. Dezember 1997, 1. Advent, in der Corvinus-Kirche zu G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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