{"id":20884,"date":"2007-04-06T14:05:46","date_gmt":"2007-04-06T12:05:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20884"},"modified":"2025-03-10T14:13:24","modified_gmt":"2025-03-10T13:13:24","slug":"o-haupt-voll-blut-und-wunden-eg-85-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/o-haupt-voll-blut-und-wunden-eg-85-3\/","title":{"rendered":"&#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220; (EG 85)"},"content":{"rendered":"<h3>Karfreitag | 6. April 2007 | Predigreihe zu Paul Gerhardt: &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220; (EG 85) | Christoph Dinkel |<\/h3>\n<p><u>Lied<\/u>: EG 85,1-4, O Haupt voll Blut und Wunden<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die Melodie von \u201eO Haupt voll Blut und Wunden&#8220; stammt urspr\u00fcnglich von einem Liebeslied. Es trug den Titel \u201eMein Gm\u00fct ist mir verwirret, das macht ein Jungfrau zart&#8220;. Komponiert wurde die Melodie von Leo Ha\u00dfler im Jahr 1601. Schon bald wurde die Melodie f\u00fcr ein geistliches Lied verwendet, das sich mit der Todesthematik besch\u00e4ftigt. Sein Titel: \u201eHerzlich tut mich verlangen nach einem selgen End&#8220;. Johann Cr\u00fcger, Kantor der Berliner Nicolaikirche und Weggef\u00e4hrte Paul Gerhardts, hat die Melodie schlie\u00dflich dessen Passionsgedicht unterlegt und Melodie und Text im Jahr 1656 in seinem Gesangbuch \u201ePraxis pietatis melica&#8220; in Berlin ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>Unserem Passionslied liegt also die Melodie eines Liebesliedes zu Grunde. Das erscheint uns Heutigen ein wenig kurios, fast ein wenig piet\u00e4tlos sogar. Wie w\u00fcrden wir wohl reagieren, wenn jemand heute hier in der Kirche ein popul\u00e4res Liebeslied von Madonna zum Karfreitag zum Besten g\u00e4be? &#8211; Eben. Wir denken, das passt doch nicht. Aber andere Zeiten waren da liberaler als wir. Martin Luther hat hemmungslos popul\u00e4re Tanzmelodien f\u00fcr seine reformatorischen Lieder verwendet. Die Musikmilieus damals waren noch nicht so strikt voneinander geschieden wie sie es heute sind.<\/p>\n<p>Liebeslied und Passionslied, Liebe und Leiden, Liebe und religi\u00f6se Ergriffenheit &#8211; was uns heute so getrennt und verschieden erscheint, war es f\u00fcr die Menschen des Mittelalters und der Barockzeit keineswegs. Ihr Verh\u00e4ltnis zu Jesus war von inniger Hingabe und sinnlicher Leidenschaft gepr\u00e4gt. Bis heute werden in vielen Teilen der Welt Kruzifixe, Ikonen und Madonnenstatuen gek\u00fcsst und liebkost. Dem aufgekl\u00e4rt mitteleurop\u00e4ischen Protestantismus erscheint das zwar eher merkw\u00fcrdig, wenn nicht sogar absto\u00dfend. Im globalen Vergleich repr\u00e4sentieren wir damit aber nur eine Minderheit. Die gro\u00dfe Mehrheit der Christenheit wird es f\u00fcr ganz normal und nat\u00fcrlich halten, dass ihr Verh\u00e4ltnis zu Jesus oder zu den Heiligen sinnlich-erotische Qualit\u00e4ten hat.<\/p>\n<p>Liebe und Passion &#8211; die enge Verbindung von beidem geht auf den mittelalterlichen Mystiker und Zisterzienserm\u00f6nch Bernhard von Clairvaux zur\u00fcck, der von etwa 1090 bis 1153 lebte. Bernhard verbindet die Passionsbetrachtung mit der Brautmystik, er verkn\u00fcpft die erotische Liebeslyrik des Hohenlieds Salomos mit der Meditation des Leidens Christi. Christus ist f\u00fcr Bernhard der Seelenbr\u00e4utigam, der Geliebte der menschlichen Seele, die sich nach ihm verzehrt wie sich das liebende M\u00e4dchen in Salomos Hohelied nach ihrem Freund verzehrt. In der Tradition Bernhards stehend dichtete dann Arnulf von L\u00f6wen &#8211; er starb im Jahr 1250 &#8211; einen siebenteiligen Gedichtzyklus, der die unmittelbare Vorlage f\u00fcr Gerhardts Lied \u201eO Haupt voll Blut und Wunden&#8220; bildete. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hat man Arnulfs Gedichtzyklus \u00fcbrigens f\u00fcr ein Werk Bernhards von Clairvaux&#8216; gehalten. Arnulfs lateinischer Zyklus tr\u00e4gt \u00fcbersetzt den Titel \u201eRhythmisches Gebet an jedes einzelne Glied des leidenden und am Kreuze h\u00e4ngenden Christus&#8220;. Je ein Gedicht widmet sich den F\u00fc\u00dfen, den Knien, den H\u00e4nden, der Seite, der Brust, dem Herzen und dem Angesicht des leidenden Gekreuzigten. Und jedes dieser Gedichte beginnt mit dem Wort \u201eSalve!&#8220; &#8211; \u201eSei gegr\u00fc\u00dft!&#8220;<\/p>\n<p>Gerhardt h\u00e4lt sich mit seinem Lied nach Thema, Aufbau und auch nach einzelnen Motiven sehr eng an seine Vorlage. Aber er w\u00e4re kein Gro\u00dfer, wenn er dies nicht mit seinem eigenen Stil und seiner besonderen Kunstfertigkeit t\u00e4te. Das knappe \u201eSalve caput&#8220; der Vorlage dehnt er aufs \u00c4u\u00dferste. Er kehrt nicht nur die Reihenfolge der beiden lateinischen Worte um, sondern spannt eine ganze Liedstrophe dazwischen: \u201eCaput&#8220; &#8211; \u201eO Haupt&#8220; steht am Anfang der Strophe und erst am Schluss der Strophe folgt der Gru\u00df, das \u201eSalve&#8220; &#8211; \u201egegr\u00fc\u00dfet seist du mir&#8220;. Dazwischen steht eine Aufz\u00e4hlung des Entsetzens und des Staunens: Das Haupt des geliebten Br\u00e4utigams der menschlichen Seele, das sonst sch\u00f6n, ehrenvoll und geziert ist, ist nun voller Blut, Wunden, Schmerz und Hohn. Ein gewaltiger Kontrast wird aufgespannt, umklammert und in Parenthese gesetzt vom Gru\u00df an das Haupt des Gekreuzigten: Salve caput.<\/p>\n<p>Zwei Fragen dr\u00e4ngen sich auf: Warum gerade eine Nachdichtung zu einer aus r\u00f6misch-katholischer Tradition stammenden Vorlage durch den Erzprotestanten Paul Gerhardt? Und warum gerade eine Nachdichtung zum Haupt oder Angesicht des leidenden Christus? &#8211; Das zweite l\u00e4sst sich leicht beantworten. Als Gerhardt sein Gedicht schrieb, war er Pfarrer in Mittenwalde. Am Altar der dortigen Kirche ist in der Mitte unten eine Darstellung des Schwei\u00dftuchs der Veronika zu finden, einer Reliquie, die bis heute von vielen Katholiken verehrt wird. Auf der Darstellung des Schwei\u00dftuches in Mittenwalde ist das Gesicht des gekreuzigten Christus abgebildet, das Haupt voll Blut und Wunden. Gerhardts Lied greift also ganz unmittelbar die lokalen Verh\u00e4ltnisse der Kirche auf, in der er predigte.<\/p>\n<p>Dass Gerhardt dabei ohne Scheu an die mittelalterliche Reliquientradition anschlie\u00dfen konnte, verwundert dennoch. Das wird nur dann verst\u00e4ndlich, wenn man in Rechnung stellt, dass sich die evangelische Kirche jener Zeit als die legitime Fortf\u00fchrung der mittelalterlichen Kirche verstand. Bernhard von Clairvaux, dem die Vorlage damals noch zugeschrieben wurde, galt nicht als r\u00f6misch-katholischer Autor, er galt als der eigenen Tradition zugeh\u00f6rig, von der die r\u00f6mische Kirche sich dann sp\u00e4ter abgewendet hatte, was dann wiederum die Reformation der Kirche durch Luther n\u00f6tig gemacht hatte. Gerhardt sah sich von Bernhardt von Clairvaux konfessionell also in keiner Weise geschieden. Deshalb konnte er ganz unmittelbar an seine Christusmystik anschlie\u00dfen. Und in der Folge davon wiederum steht \u201eO Haupt voll Blut und Wunden&#8220; seit langem und bis heute in katholischen Gesangb\u00fcchern. Denn das Lied ist aus katholischer Sicht ja nur eine gelungene deutsche Nachdichtung des Hymnus eines der Gro\u00dfen der katholischen Kirche. Nachdichtungen, das sei dazu noch bemerkt, waren ein g\u00e4ngiges Stilmittel der Zeit Gerhardts. In der F\u00fcrstenschule in Grimma, die Gerhardt besucht hatte, geh\u00f6rte es zum Standardprogramm des Unterrichts, bedeutende klassische Vorlagen, oft auch lateinische, in eigenen Worten nachzuformen oder nachzudichten. Der Inhalt war damals wichtiger als die Originalit\u00e4t der Dichtung.<\/p>\n<p>Wenden also auch wir uns dem Inhalt zu und verlassen damit zugleich die distanzierte Haltung, die wir bislang zu Gerhardts Lied eingenommen haben. Das Lied selbst und auch Bachs Matth\u00e4uspassion, die uns heute als musikalischer Kontext des Liedes dient, verlangen nach Aneignung, nach innerlicher Anteilnahme. Sie erklingen hier ja nicht im Konzertsaal, sondern in einer Kirche. Was also k\u00f6nnen wir uns von Gerhardts Lied, was k\u00f6nnen wir uns heute von der mittelalterlichen Christusmystik, die darin zum Ausdruck kommt, f\u00fcr uns aneignen?<\/p>\n<p>Da ist zum einen das Erschrecken angesichts des Leidens des Gekreuzigten. In allen Details f\u00fchrt uns Gerhardt dieses Leiden vor Augen. Wir m\u00fcssen uns ihm stellen, wir m\u00fcssen genau hinsehen, die Todesbl\u00e4sse wahrnehmen, das Blut und die Wunden, die Spuren der Folter und der Dem\u00fctigung, das sch\u00e4ndlich zugerichtete Augenlicht. Das ganze Leiden der Welt wird darin erkennbar. Im Tod Christi spiegelt sich das Leiden der ganzen Kreatur, die Millionen Aidswaisen in Afrika, die ungez\u00e4hlten Bombenopfer im Irak, die verst\u00fcmmelten H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe der Kinder, die in ein Minenfeld geraten sind, die erschlagenen und noch halb lebend geh\u00e4uteten Robbenbabies in Kanada. Die Reihe der Schreckensbilder unserer Tage lie\u00dfe sich endlos fortsetzen. Unsere Welt ist eine Welt voller Schmerz und niemand kann diesen Schmerz stillen.<\/p>\n<p>Aber das ist noch nicht das Ende des Schreckens. Gerhardts Lied f\u00fchrt uns noch tiefer. Es geht nicht nur um Mitleid oder um wohlfeilen Weltschmerz. Gerhardts Lied mutet uns zu, unsere eigene Schuld, unsere eigene Verstrickung in das Leiden der Welt in den Blick zu nehmen. Die vierte Strophe packt den S\u00e4nger des Liedes bei der eigenen Verantwortung: \u201eNun, was du, Herr, erduldet, \/ ist alles meine Last; \/ ich hab es selbst verschuldet, \/ was du getragen hast.&#8220; &#8211; Zeilen wie diese haben das Christentum f\u00fcr viele psychoanalytisch informierte Intellektuelle unannehmbar gemacht. Hier wird ein zerst\u00f6rerischer Schuldkomplex gez\u00fcchtet, hier werden Menschen klein gemacht und von der Entfaltung ihrer eigentlichen Gr\u00f6\u00dfe abgehalten. &#8211; So k\u00f6nnte man in der Tradition Nitzsches oder Sloterdjiks einwenden. &#8211; Sicher, ich und Sie pers\u00f6nlich haben am Tod des historischen Jesus Tod keine Schuld, das ist unbestritten. Aber das ist auch nicht das, worauf es unserem Lied ankommt. Die Schuld, an der wir Heutigen genauso beteiligt sind wie die Menschen zurzeit Jesu, ist die Verstrickung in die Zusammenh\u00e4nge von Zerst\u00f6rung und Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt, die unser Leben und die Zivilisation erst m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Wir pers\u00f6nlich sind wohl keine M\u00f6rder und keine \u00dcbelt\u00e4ter, aber wir leben heute von Rohstoffen, von Kohle, \u00d6l, Gas, Gold, Kupfer und Uran, deren Gewinnung Landschaften, Menschen und Kulturen zerst\u00f6rt hat und weiter zerst\u00f6rt. Unser ressourcenfressender Lebensstil bedroht das \u00f6kologische Gleichgewicht auf diesem Planeten. Das wissen wir alle und es f\u00e4llt uns doch so unendlich schwer, daraus Konsequenzen zu ziehen. Unsere Welt strotzt vor Waffen, gegen\u00fcber denen die Waffen der r\u00f6mischen Soldaten der Zeit Jesu wie Spielzeuge erscheinen. Auch wer selbst kein T\u00e4ter ist, lebt &#8211; ob er will oder nicht &#8211; davon, dass an vielen Orten der Welt zerst\u00f6rt, get\u00f6tet und vernichtet wird, damit wir so leben k\u00f6nnen wie wir leben. Unser Lied zwingt uns dazu, uns dieser Schuld zu stellen und sie im Gesicht des gekreuzigten Christus zu erkennen. Sch\u00f6n ist das nicht. Es gibt leichtere und angenehmere Themen. Gerhardts Lied n\u00f6tigt uns, den Schrecken des Kreuzes auch in dieser Tiefe zu erfassen. Es l\u00e4sst keine Distanz zu: Ich selbst bin Teil des Schuld- und Zerst\u00f6rungszusammenhanges, der bis heute die Welt pr\u00e4gt und der im Gekreuzigten auf Golgatha aller Welt vor Augen gehalten wird.<\/p>\n<p>Wo bleibt dann aber der Trost, wo bleibt die Hoffnung, wenn der Schrecken so tief und so allumfassend ist? Der Trost des Karfreitags, der Trost unseres Liedes ist ein verhaltener Trost. Angesichts solchen Leides sind nur stille und vorsichtige Gesten angemessen. Der S\u00e4nger des Liedes, so stelle ich mir die Szene vor, die in der f\u00fcnften Strophe unseres Liedes beschrieben wird, der S\u00e4nger des Liedes kniet vor dem Gekreuzigten so wie man es in vielen alten Kirchen auf Tafeln und Bildern sehen kann. Der S\u00e4nger blickt auf zum Gesicht des Gekreuzigten. An ihn richtet er die Bitte, mit der die f\u00fcnfte Strophe beginnt: \u201eErkenne mich, mein H\u00fcter, mein Hirte, nimm mich an.&#8220; &#8211; Die Strophe folgt in Bachs Matth\u00e4uspassion \u00fcbrigens auf die Einsetzung des Abendmahls durch Jesus. Das Abendmahl ist f\u00fcr Bach die Milch und die s\u00fc\u00dfe Kost, die Himmelslust, mit der der Hirte und H\u00fcter uns labt.<\/p>\n<p>\u201eErkenne mich, mein H\u00fcter&#8220; &#8211; der Beter ist in seinen Anspr\u00fcchen auffallend bescheiden. Er fordert nicht das Ende allen Leides, wie wir es uns vielleicht bei der Begegnung mit Gott in den Sinn k\u00e4me. Nein, der Gott, an den sich Gerhardts Lied wendet, ist ein Gott, der selbst leidet. Auch wenn Gerhardt Gott sonst auch anders beschreiben kann, an Karfreitag steht f\u00fcr ihn der leidende Gott im Mittelpunkt. Nur der leidende Gott kann tr\u00f6sten, das ist f\u00fcr Gerhardt und f\u00fcr die mystische Tradition des Christentums klar. Nur der ohnm\u00e4chtige Gott kann helfen &#8211; so formuliert es knapp drei Jahrhunderte sp\u00e4ter Dietrich Bonhoeffer in einem Brief aus der Haft (vgl. Brief vom 16.7.44, Widerstand und Ergebung 192f). Nur der leidende, der ohnm\u00e4chtige Gott kann den leidenden und ohnm\u00e4chtigen Menschen nahe sein und sie erkennen, annehmen und st\u00e4rken. Nur der leidende Gott wei\u00df, wie es ihnen geht, nur er kann die tiefe ihrer Verzweiflung, ihrer Schuld, ihres Verh\u00e4ngnisses ermessen.<\/p>\n<p>Und hier nun, in der tiefsten Tiefe des Leids und der Verzweiflung f\u00e4ngt ein Spiel gegenseitiger Z\u00e4rtlichkeit an. Die Szene wandelt sich. Aus dem Bild des vor dem Kreuz knienden S\u00e4ngers wird in Strophe sechs das Bild einer Pieta-Skulptur. Wie Maria nach der Kreuzabnahme den Leichnam ihres Sohnes auf dem Scho\u00df h\u00e4lt, so z\u00e4rtlich und voller Liebe wendet sich nun der S\u00e4nger Jesus zu: \u201ealsdann will ich dich fassen \/ in meinen Arm und Scho\u00df.&#8220; Der S\u00e4nger des Liedes nimmt den gemarterten und get\u00f6teten Gott in seinen Scho\u00df. &#8211; \u201eMenschen gehen zu Gott in\u00a0<em>seiner<\/em>\u00a0Not&#8220; &#8211; so dichtet Dietrich Bonhoeffer \u00fcber den ohnm\u00e4chtigen Gott (Widerstand und Ergebung, 189). Gottes Not erbarmt den Menschen, der sonst oft so erbarmungslos ist. Gottes Leid weckt die Z\u00e4rtlichkeit im Menschen. Und dieses z\u00e4rtliche Spiel zwischen Mensch und Gott beschreibt Gerhardts Lied weiter bis zum Ende der zehnten Strophe, wenn der S\u00e4nger in seinem eigenen Sterben Jesus ganz fest an sich dr\u00fccken will: Erscheine mir zum Schilde, \/ zum Trost in meinem Tod, \/ und lass mich sehn dein Bilde \/ in deiner Kreuzesnot. \/ Da will ich nach dir blicken, \/ da will ich glaubensvoll \/ dich fest an mein Herz dr\u00fccken. \/ Wer so stirbt, der stirbt wohl.<\/p>\n<p>Gerhardt beschreibt eine z\u00e4rtliche Vereinigung des S\u00e4ngers des Liedes mit dem gekreuzigten Christus im Tod. Die Liebe h\u00f6rt niemals auf &#8211; so hei\u00dft es in 1. Korinther 13. Die Liebe ist das, was alles Verg\u00e4ngliche \u00fcberdauert. Die Liebe Gottes h\u00e4lt und tr\u00e4gt uns auch dann, wenn wir sterben. In Gottes Liebe sind wir selbst noch im Tod geborgen. Leiden, Schuld und Tod k\u00f6nnen uns nicht von Gott trennen. Diese gro\u00dfe und starke Gewissheit ist der Trost, den Gerhardts Lied uns vermitteln und nahe bringen will. Nichts kann uns von Gottes Liebe scheiden. Und so ist es vielleicht auch f\u00fcr uns Heutige ganz passend und stimmig, dass Gerhardts Lied eine Liebesmelodie zu Grunde liegt. Die Sehnsucht nach Gottes Liebe, die Sehnsucht bei Gott geborgen zu sein, die Sehnsucht nicht verloren zu gehen bei allem, was wir an Schrecken, Schuld und Verh\u00e4ngnis erleben, diese Sehnsucht kennen wohl auch wir. Vielleicht trauen wir uns nicht immer, uns diese Sehnsucht einzugestehen, vielleicht ist sie tief verborgen in unserem Herzen. Aber vielleicht gelingt es ja unserem Lied, diese Sehnsucht ans Licht zu holen, diese gro\u00dfe Sehnsucht nach einem erf\u00fcllten Leben, diese Sehnsucht nach Heil und der Liebe Gottes. Vielleicht gelingt es unserem Lied und seiner Liebesmelodie schlie\u00dflich auch, uns in der Gewissheit zu st\u00e4rken, dass wir in allem, was geschieht, bei Gott geborgen und von seiner Liebe gehalten sind. &#8211; Amen.<\/p>\n<p><u>Lied<\/u>: EG 85,5+6+9+10, Erkenne mich, mein H\u00fcter (O Haupt voll Blut und Wunden)<\/p>\n<hr \/>\n<div id=\"fuss\">Prof. Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<\/p>\n<p>E-Mail:\u00a0<a href=\"mailto:dinkel@email.uni-kiel.de\">dinkel@email.uni-kiel.de<\/a><\/div>\n<div id=\"bemerkung\"><b>Bemerkung:<\/b><br \/>\nverwendete Literatur: Ansgar Franz, O Haupt voll Blut und Wunden, in: Geistliches Wunderhorn. Gro\u00dfe deutsche Kirchenlieder, herausgegeben und erl\u00e4utert von Hansjakob Becker, Ansgar Franz, J\u00fcrgen Henkys, Hermann Kurzke, Christa Reich und Alex Stock, M\u00fcnchen 2001, 275-290<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 6. April 2007 | Predigreihe zu Paul Gerhardt: &#8222;O Haupt voll Blut und Wunden&#8220; (EG 85) | Christoph Dinkel | Lied: EG 85,1-4, O Haupt voll Blut und Wunden Liebe Gemeinde! Die Melodie von \u201eO Haupt voll Blut und Wunden&#8220; stammt urspr\u00fcnglich von einem Liebeslied. Es trug den Titel \u201eMein Gm\u00fct ist mir [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15755,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,1192,114,702,349,1370,1108,296,109,1116],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-20884","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-christoph-dinkel","category-deut","category-karfreitag","category-kasus","category-lieder-paul-gerhardts","category-liedpredigten","category-predigt-ohne-spez-bibelstelle","category-predigten","category-predigtformen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20884"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20885,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20884\/revisions\/20885"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15755"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20884"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=20884"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=20884"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=20884"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=20884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}