{"id":20888,"date":"1998-01-01T14:18:47","date_gmt":"1998-01-01T13:18:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20888"},"modified":"2025-03-10T14:23:00","modified_gmt":"2025-03-10T13:23:00","slug":"jakobus-413-15-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-413-15-4\/","title":{"rendered":"Jakobus 4,13\u201315"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;gut gesurft und nun gelesen&#8220; | Neujahr | 1.1.1998 | Jak 4,13\u201315 | Joachim Hempel |<\/h3>\n<p align=\"LEFT\">&#8218;Ein Mann hatte einen gro\u00dfen Terminkalender und sagte zu sich selbst: Nun sind alle Termine eingeschrieben, aber noch sind die Tagung X und die Tagung Y, die Sitzungen der Aussch\u00fcsse und des Gemeinderates nicht eingeplant. Wo soll ich die nur alle unterbringen? Und er kaufte sich einen gr\u00f6\u00dferen Terminkalender mit Einteilungsm\u00f6glichkeiten der Nachtstunden. Er disponierte noch einmal, schrieb alle Tagungen und Sitzungen ein und sagte zu sich selbst: Nun sei ruhig, liebe Seele. Du hast alles gut eingeplant, vers\u00e4ume nur nichts. Und je weniger er vers\u00e4umte, um so mehr stieg er im Ansehen und wurde in den Ausschu\u00df Q und in den Ausschu\u00df K gew\u00e4hlt, zweiter und erster Vorsitzender, Pr\u00e4sident!<\/p>\n<p>Und eines Tages war es dann soweit und Gott sagte: Du Narr, diese Nacht stehst Du auf meinem Terminkalender!&#8216;<\/p>\n<p>Und dabei sind doch Termingesch\u00e4fte unsere gro\u00dfe St\u00e4rke; planen, verplanen, terminieren, verabreden und disponieren, &#8211; unser t\u00e4gliches Brot im Zeitalter des &#8222;world-wide&#8220;. Wer auch nur im Kleinen erfolgreich etwas projektieren und umsetzen will, der kommt doch ohne &#8222;time table&#8220; gar nicht aus. M\u00fchsam genug, die Zeitzonen der Welt zu bedenken, die Feiertage richtig im Blick zu haben; Gesch\u00e4fte mit der islamischen Welt am Freitag sind eben schwierig, wenn in Tokio oder New York die B\u00f6rse wegen eines &#8222;National Holiday&#8220; geschlossen ist, gibt&#8217;s eben keine aktuellen Daten.<\/p>\n<p>Wer sich hier nicht auskennt oder wenigstens einen oder mehrere kennt, die sich einen \u00dcberblick verschaffen, verstrickt sich schnell im Gestr\u00fcpp. Und wer im kleinen Orientierungsrahmen seines eigenen pers\u00f6nlichen Lebens den \u00dcberblick verliert, wann und wo er sich mit wem und warum treffen wollte, dem geht es bald wie jenem &#8222;Herrn Zett, der sich einen Knoten ins Taschentuch machte, der ihn daran erinnern sollte, da\u00df er am Abend mal fr\u00fch ins Bett gehen wollte. Am Abend fand Herr Zett den Knoten in seinem Taschentuch, wu\u00dfte aber nicht mehr, woran er ihn erinnern sollte. Er gr\u00fcbelte den ganzen Abend dar\u00fcber nach, bis ihm kurz nach Mitternacht einfiel, da\u00df er eigentlich an diesem Abend einmal fr\u00fch schlafen gehen wollte &#8230; &#8220;<\/p>\n<p>Ja, ohne Terminkalender ohne Planen und Einteilen geht nichts mehr, ja mehr noch, ohne Planen, Terminieren und Einteilen geht vieles, manchmal sogar alles &#8222;in die Binsen&#8220;.<\/p>\n<p>Wir haben uns eingerichtet in unseren Pl\u00e4nen und geben uns alle redlich M\u00fche, sie zu erf\u00fcllen. Nur manchmal, wenn es zu unvorhergesehenen Turbulenzen kommt, gucken wir etwas \u00fcberrascht: Da sagt einer einen Termin ab, weil er krank geworden ist, da erreichen wir einen geplanten Anschlu\u00df nicht, weil es zu einer Versp\u00e4tung kam, &#8211; da gibt&#8217;s Eisregen, und der Verkehr bricht zusammen, &#8211; da bricht ein nicht bedachter Zusammenhang auf, und einiges bricht zusammen. In h\u00e4rteren F\u00e4llen nennen wir solche Einbr\u00fcche &#8222;Herzinfarkt&#8220;, &#8222;Schlaganfall&#8220; oder &#8222;Verkehrsunfall mit Folgen&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei wird uns schlagartig deutlich, wie gro\u00df jene Welt ist, &#8222;die unverf\u00fcgbar sich um uns weitet&#8220;, auf die wir &#8211; immer noch &#8211; keinen Zugriff haben. Leben ist mehr, als vor Augen ist; Leben ist mehr als die Summe der Termine, Projekte, Taten; Leben ist mehr als die Auflistung einer pers\u00f6nlichen Vita.<\/p>\n<p><i>&#8222;Und darum ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die oder die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen -, und wi\u00dft nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.<\/i><\/p>\n<p><i>Dagegen solltet ihr sagen. Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun. &#8220; (Jakobus-Brief 4, 13-15)<\/i><\/p>\n<p>Manchmal ist das ja nicht schlecht, wenn uns mal einer sagt, wie er uns sieht, wie wir auf ihn wirken, welchen Eindruck wir machen. &#8222;Fremdwahrnehmung&#8220; wird in vielf\u00e4ltigsten Analysen gro\u00df geschrieben und soll helfen, die &#8222;Eigenwahrnehmung&#8220; zu schulen oder auch zu korrigieren. In den ersten christlichen Gemeinden, in denen Menschen versuchten, als Christen im Alltag der Welt zu leben, stellt sich genau diese Situation ein; der Verfasser des Jakobus-Briefes versucht, helfend aber doch auch deutlich das Koordinaten-System zu befragen; richtige Selbsteinsch\u00e4tzung wird v\u00f6lliger Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung gegen\u00fcbergestellt; die Unverf\u00fcgbarkeit des Lebens, seine Lebendigkeit und st\u00e4ndige Kreativit\u00e4t, seine sch\u00f6pferische Kraft wird betont.<\/p>\n<p>Christen bekennen Gott als den &#8222;Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde, all des, das sichtbar ist und unsichtbar&#8220;. Und darin eingebettet bleibt alles Leben, &#8211; das hei\u00dft eben auch, all meine Planspiele im Leben finden im Rahmen der von Gott geschaffenen Eck- oder Rahmendaten statt. Zwischen Geburt und Tod, zwischen Jugend und Alter, zwischen Tag und Nacht, zwischen Gestern und Morgen, &#8211; eben in Raum und Zeit &#8211; und nur in Raum und Zeit gibt es mein Leben.<\/p>\n<p>Bei allen Erfolgen, die wir kreativen Menschen im Laufe der Geschichte verbuchen k\u00f6nnen: die Lebensdauer und die Lebensbedingungen sind positiv entwickelt worden, die Lebensqualit\u00e4t und Lebensgestaltung sind von vielerlei Zw\u00e4ngen befreit, Krankheiten besiegt oder wenigstens behandelbar, wir k\u00f6nnen Zwischenr\u00e4ume mit gro\u00dfer Geschwindigkeit und komfortabel dazu \u00fcberwinden, &#8211; ja das Universum steht uns offen, &#8211; bei allen Erfolgen bleibt die Grunderkenntnis bestehen und wahr: Jeder Mensch ist ein einmaliges Gesch\u00f6pf in Raum und Zeit. Das nicht aus den Augen zu verlieren, gerade angesichts aller M\u00f6glichkeiten und Erfolge, &#8211; das nicht aus den Augen zu verlieren, ist die biblische Aufforderung, die wir im Jakobus-Brief lesen.<\/p>\n<p>&#8222;Biblischer Realismus&#8220; sieht den Menschen, wie er wirklich ist; es steckt zuviel Lebenserfahrung hinter den jahrtausende alten Texten, als da\u00df Worte der Bibel durch Kurzsichtigkeit ausgehebelt werden k\u00f6nnten. &#8222;Biblischer Realismus&#8220; f\u00fchrt uns Menschen zur\u00fcck auf den Boden der Tatsachen:\u00a0<i>Darum solltet ihr sagen: Wenn Gott will, werden wir leben und dies und das tun.<\/i><\/p>\n<p>Hier bleibt Gott Gott, und wir Menschen werden vor allem Hybriden bewahrt; da, wo ich nicht Gott spielen mu\u00df, um mich zu beweisen, da wo ich wei\u00df, welchen Wert ich von Gott zuerkannt bekommen habe, da kann ich in der &#8222;Freiheit der Kinder Gottes&#8220; wirklich &#8222;frisch, fromm, fr\u00f6hlich, frei&#8220; aufleben und in aller nur m\u00f6glichen Kreativit\u00e4t mein Leben gestalten, zur Ehre des Sch\u00f6pfers und zur Freude der mir anvertrauten Menschen &#8211; und nat\u00fcrlich auch, um mir und anderen zu zeigen, was ich alles kann.<\/p>\n<p>Jesus, dieser von Gott mit besonderer Liebe und Autorit\u00e4t ausgestattete Bruder, sagt uns:\u00a0<i>Ihr seid das Licht der Welt! Man z\u00fcndet doch nicht ein Licht an, um es zu verstecken; sondern man stellt es auf einen Leuchter, dann sehen es m\u00f6glichst viele Menschen. So auch ihr: La\u00dft euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und EUREN VATER IM HIMMEL LOBEN.<\/i><\/p>\n<p>Eigenlob stinkt, das wei\u00df auch der Volksmund; aber meinem Sch\u00f6pfer zu danken, da\u00df er mich so wunderbar gemacht hat, mit allem, was ich bin und habe, das ist gut und richtig.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Joachim Hempel, Domprediger, Dom St. Blasii, Braunschweig<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;gut gesurft und nun gelesen&#8220; | Neujahr | 1.1.1998 | Jak 4,13\u201315 | Joachim Hempel | &#8218;Ein Mann hatte einen gro\u00dfen Terminkalender und sagte zu sich selbst: Nun sind alle Termine eingeschrieben, aber noch sind die Tagung X und die Tagung Y, die Sitzungen der Aussch\u00fcsse und des Gemeinderates nicht eingeplant. 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