{"id":20904,"date":"2006-12-03T15:47:45","date_gmt":"2006-12-03T14:47:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20904"},"modified":"2025-03-10T15:51:03","modified_gmt":"2025-03-10T14:51:03","slug":"mt-211-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mt-211-9\/","title":{"rendered":"Mt 21,1\u20139"},"content":{"rendered":"<h3>1. Advent | 03.12.2006 | Mt 21,1\u20139 | Marianne Christiansen |<\/h3>\n<p>Sehnsucht ist das erste.<br \/>\nSehnsucht ist nicht Entbehrung. Entbehrung ist, wenn man etwas oder jemanden nicht hat, das oder den man kennt und liebt. Entbehrung richtet sich nach r\u00fcckw\u00e4rts.<br \/>\nSehnsucht richtet sich nach vorn, sie streckt sich, \u00f6ffnet sich f\u00fcr das, was kommen soll, das, was kommen muss, f\u00fcr den, der kommt.<\/p>\n<p>Die Liebe beginnt mit Sehnsucht \u2013<br \/>\nder Glaube beginnt mit Sehnsucht \u2013<br \/>\ndie Hoffnung beginnt mit Sehnsucht.<br \/>\nWir eng der Glaube mit der Liebe verwandt ist, vergessen wir hin und wieder, und wir bilden uns ein, dass Glaube mit Meinungen oder mit Wissen zu tun habe. Aber Glaube ist dasselbe wie Liebe, Hingabe, Vertrauen. Deshalb sind die Bilder des Glaubens auch Bilder der Liebe \u2013 Liebesbilder vom Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch.<br \/>\nDer Glaube und die Hoffnung und die Liebe sind verschiedene Seiten ein und derselben Sache: das Verlangen, die Sehnsucht nach Zusammengeh\u00f6rigkeit, nach der vollkommenen Vereinigung mit Gott und mit anderen Menschen. Und das Vollkommene gibt es nur in Gott, ist Gott.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht ist ohne Richtung, wenn wir Gott nicht in der Welt mitdenken. Dann irren der Glaube und die Hoffnung und die Liebe heimatlos umher und suchen Erf\u00fcllung nur unter Menschen, nur im sichtbaren Leben. Wir k\u00f6nnen uns gegenseitig plagen, indem wir die ganze Sehnsucht nach dem Vollkommenen aufeinander richten; der oder die Geliebte ist Gott, die Familie ist Gott, oder das Bier ist Gott, oder Fu\u00dfball ist Gott, sogar der Tour-de-France-Sieger Bjarne Riis ist Gott \u2013 es ist der Trend der Zeit, das eine oder andere zum Gott zu ernennen \u2013 aus der reinen Sehnsucht nach etwas, was die Sehnsucht nach dem Vollkommenen wirklich tragen kann. Deshalb sch\u00e4tzen wir das Verliebtsein so hoch \u2013 die Augenblicke im Leben eines Menschen, in denen die Sehnsucht sich auf einen bestimmten Menschen richtet und in denen die Sehnsucht selbst den Auserw\u00e4hlten vollkommen macht, ja, nahezu g\u00f6ttlich in den verblendeten Augen des Verliebten. Das dauert leider nicht so lange. Und wir sind gleicherma\u00dfen entt\u00e4uscht, jedesmal wenn es schief geht, \u2013 jedesmal wenn sich herausstellt, dass ein Mensch oder eine Leidenschaft nicht das Vollkommene ist, das die innerlichste Sehnsucht h\u00e4tte stillen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber die Sehnsucht kann sich auch \u00f6ffnen und das Unbekannte aufnehmen, das, was man sich nie vorgestellt hatte, das einem dann aber pl\u00f6tzlich entgegentritt. Die Sehnsucht nach Gott und Mensch kann in der Begegnung sagen: \u201dIch kannte dich nicht, du fehltest mir nicht, ich hatte mir dich nicht vorgestellt. Aber jetzt wei\u00df ich, dass du es warst, nach dem ich mich gesehnt habe.\u201d<\/p>\n<p>Es kann geschehen, dass \u201dder Prinz auf dem wei\u00dfen Pferd\u201d auf einem Esel oder einem Ziegenbock kommt.<\/p>\n<p>\u201dSagt der Tochter Zion: Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir, sanftm\u00fctig und auf einem Esel reitend\u201d \u2013 und du erkanntest ihn nicht, du hattest dir ihn anders vorgestellt, aber er kommt. Wenn du Sehnsucht empfunden hast, kannst du ihn sehen.<\/p>\n<p>Es war einmal eine K\u00f6nigstochter, die sich sehnte. Nach wem, wusste sie nicht, aber sie wollte nicht einfach einen Mann haben, sie wollte einen haben, mit dem sie sprechen konnte und der ihr etwas zu sagen hatte. Da lie\u00dfen sie die Trommel im ganzen Lande schlagen, dass die K\u00f6nigstochter den zum Manne nehmen wolle, der ihrer Meinung nach am besten f\u00fcr sich sprechen k\u00f6nne. Und alle klugen K\u00f6pfe und Schriftgelehrten des Landes kamen auf wei\u00dfen und schwarzen Pferden zum Schloss geritten, um die K\u00f6nigstochter \u00fcber ihre Weisheit zu belehren, aber keiner von ihnen entsprach ihrer Sehnsucht, und einer nach dem anderen wurde mit einem \u201der taugt nicht, weg mit ihm\u201d beschieden.<br \/>\nSchlie\u00dflich kam einer polternd durch die hohen T\u00fcren und das weite Tor quer auf einem Ziegenbock sitzend mit dem festen Entschluss: \u201dNimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie trotzdem.\u201d Was brachte er mit? Sachen, die er im Graben an seinem Weg aufgesammelt hatte und an denen die anderen vorbeigeritten waren \u2013 einen Holzschuh und eine tote Kr\u00e4he und sich selbst. Aber als er in den Saal trat, begann das Gespr\u00e4ch ganz unerwartet und erhob sich zu einem Fest. Die K\u00f6nigstochter gewann die Sprache wieder und antwortete: \u201dDas gef\u00e4llt mir! Du kannst reden, und du kannst antworten, und dich will ich zum Mann haben.\u201d<br \/>\nUnd so bekam T\u00f6lpel-Hans eine Frau und eine Krone, und er sa\u00df auf einem Thron.<\/p>\n<p>Das M\u00e4rchen w\u00e4re nie entstanden, wenn es nicht einmal gehei\u00dfen h\u00e4tte:<br \/>\n\u201dSagt der Tochter Zion: Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir, sanftm\u00fctig und auf einem Esel reitend.\u201d<\/p>\n<p>Tochter Zion \u2013 die K\u00f6nigstochter \u2013, wie die Alten die Stadt Jerusalem nannten, sie ist das Bild f\u00fcr jedes einzelne Menschenherz. Die Sehnsucht der K\u00f6nigstochter nach dem K\u00f6nig, dem Prinzen ist die Sehnsucht des Herzens nach der Erf\u00fcllung des Glaubens und der Hoffnung und der Liebe in Gott.<\/p>\n<p>Siehe, dein K\u00f6nig kommt unerwartet. Er kommt wie Jesus, er, der all das aufgesammelt hat, was alle die anderen missachtet hatten. Und die K\u00f6nigstochter fragt:<br \/>\nZeig mir dein Heer: es ist ein Gruppe mit gr\u00fcnen Zweigen in den H\u00e4nden, eine Schar von Geheilten, Blinden und Lahmen, Verr\u00fcckten und Normalen, Frauen, M\u00e4nner und Kinder, eine singende Gemeinde.<br \/>\nZeig mir deine St\u00e4rke: es ist die Liebe, die st\u00e4rker ist als der Tod.<br \/>\nZeig mir deinen Reichtum: das ist er selbst \u2013 er kommt, um sich selbst zu geben. \u201eNimmt sie mich, so nimmt sie mich, und nimmt sie mich nicht, so nehme ich sie trotzdem.\u201c\u00a0<em>Sie<\/em>\u00a0nimmt ihn nicht,\u00a0<em>sie<\/em>\u00a0lehnt ihn ab und l\u00e4sst ihn hinrichten. Aber er h\u00e4lt an ihr fest, selbst im Tod, und er kommt ihr entgegen als der Auferstandene.<br \/>\nSiehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir \u2013 er kommt immer.<br \/>\nUnd die Sehnsucht sieht ihn.<\/p>\n<p>Wenn das Herz keine Sehnsucht hat, wenn es nichts anderes n\u00f6tig hat als das, was es hat, und wenn es an sich selbst genug hat, warum sollte es sich dann die M\u00fche machen, die T\u00fcr hoch und das Tor weit zu machen f\u00fcr eine fremde g\u00f6ttliche Geschichte, die nur den Frieden st\u00f6rt?<\/p>\n<p>Wenn das Herz Sehnsucht hat und wei\u00df, dass nichts und niemand auf dieser Welt sie erf\u00fcllen kann, so kann es die T\u00fcr \u00f6ffnen und den Sohn hineinreiten lassen auf seinem sonderbaren Reittier und sehen und h\u00f6ren und fortgesetzt zuh\u00f6ren und hineinsehen, wer er ist und was er \u00fcber Gott offenbart.<br \/>\n\u201eKomm, o mein Heiland Jesu Christ, \/ meins Herzens T\u00fcr dir offen ist.<br \/>\nAch zieh mit deiner Gnade ein; \/ dein Freundlichkeit auch uns erschein.\u201c<\/p>\n<p>Er kommt und verwandelt das ganze Haus \u2013 verwandelt Schweigen in Gespr\u00e4ch, verwandelt Sehnsucht in Glauben und Hoffnung und Liebe, verwandelt die W\u00fcste in ein Rosenbeet. Freue dich, K\u00f6nigstochter, \u2013 die Rosen springen aus in deinem Haar.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Marianne Christiansen<br \/>\nAsylgade 22<br \/>\nDK- 7700 Thisted<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 97 92 03 16<br \/>\nE-mail:\u00a0<a href=\"mailto:mch@km.dk\">mch@km.dk<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent | 03.12.2006 | Mt 21,1\u20139 | Marianne Christiansen | Sehnsucht ist das erste. Sehnsucht ist nicht Entbehrung. Entbehrung ist, wenn man etwas oder jemanden nicht hat, das oder den man kennt und liebt. Entbehrung richtet sich nach r\u00fcckw\u00e4rts. 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