{"id":20914,"date":"2006-12-10T16:07:49","date_gmt":"2006-12-10T15:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20914"},"modified":"2025-03-10T16:10:46","modified_gmt":"2025-03-10T15:10:46","slug":"jesaja-353-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-353-10-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 35,3\u201310"},"content":{"rendered":"<h3>2. Advent | 10. Dezember 2006 | Jes 35,3-10 | Peter Taeger |<\/h3>\n<p>Wenn ich \u00fcber den Weihnachtsmarkt gehe, ist das sch\u00f6n und ersch\u00fctternd zugleich. Gl\u00e4nzende Kinderaugen bestaunen eine glitzernde Welt. Ich sehe Menschen, die etwas suchen. Vordergr\u00fcndig nat\u00fcrlich Geschenke aber hintergr\u00fcndig, denke ich, einen Rest von Gl\u00fcck, Frieden und Heil.<br \/>\nIch mag Menschen, die etwas suchen.<br \/>\nErsch\u00fctternd ist nur, dass diese Suche nach Gl\u00fcck radikal ausgebeutet wird. Kauft Leute, kauft noch mehr, dann wird euer Leben gl\u00fccklicher. Das ist nicht nur Weihnachten so, aber Weihnachten springt es deutlicher ins Auge. S\u00fc\u00dfer die Kassen nie klingeln als in der Weihnachtszeit. Aber ein ganz artiger Weihnachtsmarkt w\u00e4re auch komisch.<br \/>\nAlso, es st\u00f6rt mich nicht wirklich. Ich bemerke es. Emp\u00f6rt? Nein, eher erstaunt.<\/p>\n<p>Ich bleibe vielmehr am Gedanken der Suche, an der Sehnsucht h\u00e4ngen.<br \/>\nWarum ist so etwas in unser Herz gelegt. Warum sind wir zutiefst erf\u00fcllt von einer unstillbaren Sehnsucht? Warum ist die Sehnsucht nach Gl\u00fcck, nach Frieden und Heil so gro\u00df? Warum ist sie so gro\u00df, dass wir immer wieder, auch auf dem Weihnachtsmarkt danach suchen?<br \/>\nIch denke, das h\u00e4ngt mit unserer Welt zusammen.<br \/>\nDie Welt ist wie sie ist, sch\u00f6n und faszinierend aber oft auch schrecklich, vernichtend, bedrohlich, eben ganz anders, als wir es uns w\u00fcnschen.<br \/>\nUnd da h\u00f6ren wir zum 2. Advent: Seht auf, erhebt eure H\u00e4upter, weil sich eure Erl\u00f6sung naht. Am 2. Advent sind wir dieser Erl\u00f6sung auf der Spur.<br \/>\nGenau davon redet unser heutiger Predigttext, den der Prophet Jesaja f\u00fcr sein Volk in einer schwierigen Lage geschrieben hat.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdigerweise deckt sich unser Blick mit dem des Jesaja.<br \/>\nM\u00fcde H\u00e4nde und wankende Knie sehen wir damals wie heute. Auch an verzagten Herzen mangelt es nicht.<br \/>\nEr wie wir entdeckt an den Stra\u00dfen und Wegen Blinde, Taube und Lahme. Leib und Seele sind betroffen. Menschen, die f\u00fcr sich und die Welt keinen Weg mehr sehen.<br \/>\nAnderen, denen die Stimmen dieser Zeit viel zu schrill und zu laut geworden sind, sind ertaubt. Auf wen soll ich noch h\u00f6ren. Dann lieber gar nicht. Auch Menschen, die dem Tempo der Zeit nicht mehr folgen k\u00f6nnen, denen deshalb im Herzen bange ist. Was soll nur werden.<br \/>\nW\u00fcste erstreckt sich bis an den Horizont.<br \/>\nIch denke, sie sind uns nah, die Heimkehrer aus Babylon. Die erst mal nur W\u00fcste und Verw\u00fcstung vorfinden, nichts von glorreicher Heimkehr.<\/p>\n<p>Aber bei Jesaja verwandelt sich der Zug der Heimkehrenden vor unseren Augen. Triste Gegenwart bekommt einen besonderen Glanz.<br \/>\nDie Blinden beginnen zu sehen, den Tauben \u00f6ffnen sich die Ohren, die Lahmen lassen sich zu Spr\u00fcngen verleiten und die Stummen reden nicht irgend etwas, sondern sie frohlocken. Welch wunderbares altes Wort. Ihre Zunge macht Spr\u00fcnge und sie loben und preisen Gott.<br \/>\nUnd nicht nur die Menschen ver\u00e4ndern sich, auch die Umgebung ist mit einem Schlag eine andere. Es brechen Wasser in der W\u00fcste hervor und Str\u00f6me ergie\u00dfen sich. Teiche und Brunnen machen das Land fruchtbar, sogar Rohr und Schilf beginnen zu wachsen. Wie in einer gro\u00dfen Prozession sieht er die Menschen, jetzt nicht mehr m\u00fchsam, mit allen Gebrechen sich schleppend, sondern auf heiligem Wege schreitend. Keine rei\u00dfenden Tiere und keine Gefahr mehr. Freude und Wonne, statt Schmerzen und Seufzen.<\/p>\n<p>Wie ist das mit euren Visionen, fragt mich jemand, der noch von DDR-Zeiten her sehr vorsichtig mit Visionen ist: Helfen sie zu \u00fcberleben oder verf\u00fchren sie zur Weltflucht oder gar in Diktaturen?<br \/>\nAlso f\u00fchren sie in die Zukunft oder in Sackgassen?<\/p>\n<p>Die Geschichte zeigt deutlich, die Vision des Sozialismus hat \u00fcberall auf der Welt, unter welchen Vorzeichen er auch immer begonnen wurde, schlimme Folgen gehabt. Der Mensch hatte sich gef\u00e4lligst der Vision anzupassen, ob er wollte oder nicht. Nicht dem Bild des vision\u00e4ren Menschen zu entsprechen, bedeutete Repressalien, Verfolgung, Lager. Daher ist die Frage, Nutzen oder schaden Visionen nicht uninteressant.<br \/>\nF\u00fcr die Israeliten jedenfalls l\u00e4sst sich erst einmal sagen, sie h\u00e4tten ohne ihre Visionen als Volk nicht \u00fcberlebt. Ihre Identit\u00e4t hing geradezu an der Vision, dass Gott sein Volk nicht im Stich l\u00e4sst, sondern es wiederbringt ins gelobte Land, durch alle Schwierigkeiten hindurch.<br \/>\nAm 3. Advent wird als Evangelium Matth\u00e4us 11 gelesen.<br \/>\nJohannes sitzt schon im Gef\u00e4ngnis und h\u00f6rt von den Taten Jesu und l\u00e4sst durch seine J\u00fcnger anfragen: \u201eBist du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?\u201c Und Jesus antwortet ihm auf verschl\u00fcsseltet Weise genau mit der Vision des Jesaja: Blinde sehen und Lahme gehen, Auss\u00e4tzige werden sein und Taube h\u00f6ren, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt und selig ist, wer sich nicht an mir \u00e4rgert.<br \/>\nDas Neue Testament nimmt also die Vision des Jesaja auf und spitzt sie auf das mit Christus hereinbrechende Gottesreich zu.<\/p>\n<p>Diese Art von Verzauberung und Ver\u00e4nderung der Wirklichkeit kann nicht angeordnet oder befohlen werden. Wir k\u00f6nnen sie auch nicht selbst herbeizwingen.<br \/>\nWir k\u00f6nnen uns ihr nur anvertrauen und wenn wir es tun, ver\u00e4ndert sie unser Leben und unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit. Welt und Leben stehen dann unter dem Vorbehalt, dass sie nicht letzte Wirklichkeit sind. Unsere Wirklichkeit wird relativiert und unter die Verhei\u00dfung des Kommenden gestellt. Sie wird sozusagen schon von der verhei\u00dfenen Wirklichkeit angestrahlt und wir nehmen sie auf ver\u00e4nderte Weise wahr.<br \/>\nIn Th\u00fcringen spielt das Elisabethjahr nat\u00fcrlich eine besondere Rolle. Und f\u00fcr die Heilige Elisabeth ver\u00e4ndert sich die Wirklichkeit so, dass sie im Angesicht des Siechen und Kranken das Angesicht Christi erkennt und ihr Herz in Liebe entflammt. Die Vision f\u00fchrt hier beispielhaft zur t\u00e4tigen Liebe. Sie ver\u00e4ndert sie Wahrnehmung von Wirklichkeit durch Elisabeth genauso wie die Wirklichkeit der Siechen und Kranken.<br \/>\nBei Jesaja betrifft die Ver\u00e4nderung und Erl\u00f6sung \u00fcbrigens nicht nur den Menschen, sondern die ganze Sch\u00f6pfung. Das, finde ich, ist ein ausgesprochen beruhigender Gedanke, wo wir uns zunehmend nur im Zusammenhang allen Lebens auf dieser Welt begreifen k\u00f6nnen. Und die Perspektiven dieser Sichtweisen sind bis heute noch nicht wirklich ausgelotet.<\/p>\n<p>Im Advent r\u00fcckt uns der Gedanke der Erl\u00f6sung nah.<br \/>\nEs lohnt sich, das Haupt zu erheben und nicht nur den kleinen Umkreis unseres Gesichtsfeldes im Blick zu haben. Wer sein Haupt auf die Erl\u00f6sung hin erhebt, sieht mehr und nimmt unsere Welt anders wahr, denn im Zusammenhang Gottes ver\u00e4ndern sich die Dinge.<br \/>\nDiesen Ausblick w\u00fcnsche ich Ihnen an diesem 2. Sonntag im Advent.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent Peter Taeger<br \/>\nSaalfeld-Rudolstadt<br \/>\n<a href=\"mailto:Peter_Taeger@gmx.de\">Peter_Taeger@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Advent | 10. Dezember 2006 | Jes 35,3-10 | Peter Taeger | Wenn ich \u00fcber den Weihnachtsmarkt gehe, ist das sch\u00f6n und ersch\u00fctternd zugleich. Gl\u00e4nzende Kinderaugen bestaunen eine glitzernde Welt. Ich sehe Menschen, die etwas suchen. Vordergr\u00fcndig nat\u00fcrlich Geschenke aber hintergr\u00fcndig, denke ich, einen Rest von Gl\u00fcck, Frieden und Heil. 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