{"id":2092,"date":"2020-03-11T10:45:11","date_gmt":"2020-03-11T09:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2092"},"modified":"2020-03-11T20:32:19","modified_gmt":"2020-03-11T19:32:19","slug":"ein-offener-entwurf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ein-offener-entwurf\/","title":{"rendered":"Ein offener Entwurf"},"content":{"rendered":"<h3><b><span lang=\"DE\">Predigt <\/span><span lang=\"DE\">zu Lukas 9,57-62 verfasst von Udo Schmitt |<\/span><\/b><\/h3>\n<ol>\n<li>Halbzeit-Pause mit Spannungen<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es ist der dritte Sonntag der Passionszeit. Halbzeit also auf dem Weg nach Ostern \u2013 Halbzeit auf dem Leidensweg Jesu Christi. Doch was uns die Perikopen-Ordnung an diesem Sonntag beschert hat, ist alles andere als entspannend. Es ist \u00fcberaus spannend, ja, es f\u00fchrte \u2013 und f\u00fchrt \u2013 immer wieder zu Spannungen, was wir da gerade geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift \u201cVom Ernst der Nachfolge\u201d klingt ja noch eher harmlos. Dann wird in drei Szenen beschrieben, was es hei\u00dft, in der Nachfolge zu stehen bzw. in Jesu Fu\u00dfstapfen zu treten. Die Botschaft Jesu ist radikal, ja sie ist ein Skandal. Der eine darf sich nicht von seinen Verwandten verabschieden, der andere darf nicht einmal seinen Vater begraben. Lass alles zur\u00fcck. Brich die Br\u00fccken hinter dir ab.<\/p>\n<p>Was Jesus da verlangt, wurde zu allen Zeiten als eine Zumutung empfunden; zu allen Zeiten sind Menschen an diesen Worten h\u00e4ngen geblieben, sind \u00fcber diese Worte gestolpert, oder waren einfach geschockt: \u201cDas kann er doch nicht verlangen!\u201d Das geht zu weit, \u2013 das kann ich nicht! \u2013 das kann er doch nicht von mir verlangen!<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Annahme verweigert<\/li>\n<\/ol>\n<p>Machen wir uns keine Illusionen, nicht nur wir sto\u00dfen an die Grenzen dessen, was wir verstehen und akzeptieren k\u00f6nnen. Das ging auch schon den ersten J\u00fcngern so. Denn im antiken Judentum war es eine unabdingbare Pflicht, die eigenen Eltern w\u00fcrdevoll beizusetzen. Sagte nicht Gott selbst in den Zehn Geboten: \u2018Du sollst Vater und Mutter ehren\u2019? Diese Pflicht war also heilig!<\/p>\n<p>Und dann diese Antwort: \u201cLass die Toten ihre Toten begraben.\u201d Man erkennt Jesus gar nicht wieder! Ist ihm denn nichts heilig? Redet hier noch er? Oder h\u00f6ren wir nicht vielmehr den schnoddrig patzigen Ton eines Jungrevolution\u00e4rs oder Alt-68ers, der gegen die Konventionen des Establishments rebelliert. Was Jesus da sagte, klang damals schlicht unzumutbar. Und auch heute noch erregt es Widerwillen, Widerstand und Protest.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren h\u00f6rte ich mal einen Kollegen zu dieser Stelle predigen. Er wurde, kurz gesagt, auch nicht damit fertig, diesen Anspruch Jesu auf sein Leben zu \u00fcbertragen. Nicht zu trauern, das hielt er nicht nur f\u00fcr unm\u00f6glich, sondern schlicht f\u00fcr falsch, und lehnte schlie\u00dflich die Worte des Lukas als Unsinn ab. Das kann ich doch nicht. Annehmen. Lieber Jesus. Annahme verweigert.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Radikale und andere \u201efollower\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nun ja, die Exegeten, die die Bibel historisch auslegen, gehen meistens einen etwas anderen Weg. Sie sagen in etwa Folgendes: Die Forderung, einen radikalen Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen zu vollziehen, beziehe sich nicht auf (uns) alle. Sondern nur auf eine Gruppe von Wanderpredigern, die es in fr\u00fchchristlicher Zeit gab. Sie zogen durchs Land, um das Evangelium zu verk\u00fcnden. Sie hatten nur ein Gewand, einen Wanderstab und ein Paar Sandalen dabei. Was sie zum Leben brauchten, mussten sie erbitten oder durch Gelegenheitsarbeiten verdienen.&nbsp; Es gab aber daneben auch andere Formen der Nachfolge. Maria und Marta etwa, die den Herrn und seine J\u00fcnger bei sich aufnahmen und die selbst nicht durchs Land ziehen konnten. Auch sie waren \u201efollower\u201c des Herrn.<\/p>\n<p>\u201cAch so\u201d, k\u00f6nnen wir dann erleichtert ausrufen, das bezieht sich also nicht auf uns, sondern nur auf so ein paar Wanderprediger und Bettelm\u00f6nche. Erleichtert k\u00f6nnen wir die Forderung abtun, es sind ja nur irgendwie so fr\u00fchchristliche Spinner hier gemeint. Aber nicht wir. Entspannt k\u00f6nnen wir uns zur\u00fccklehnen und unser b\u00fcrgerliches Leben weiterhin genie\u00dfen. Was immer auch f\u00fcr uns dazu geh\u00f6rt: Haus und Garten, Familie und Kinder, Haustiere und Auto, K\u00fchlschrank und Fernseher, was immer auch f\u00fcr uns dazu geh\u00f6rt, wir d\u00fcrfen es genie\u00dfen. Oder? \u2013 Stimmt das?<\/p>\n<p>Jetzt f\u00fcrchten Sie vielleicht, dass ich \u201cNein\u201d sage. Aber keine Angst, auch ich sage: \u201cDoch\u201d. Wir d\u00fcrfen es genie\u00dfen, unser kleines Gl\u00fcck, sicher zu wohnen, gesund zu sein, genug zu essen zu haben, aufgehoben zu sein in einer Gemeinschaft und \u2013 wom\u00f6glich \u2013 eine Familie zu haben. All das kann man haben und dennoch dabei ein guter Christ sein, der in der Nachfolge Jesu steht und der dies ernst meint. \u201cDoch\u201d ich darf all das genie\u00dfen \u2013 ohne Wenn und Aber.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Was h\u00fclfe es dem Menschen, wenn er sein Leben gew\u00f6nne<\/li>\n<\/ol>\n<p>Und doch \u2013\u201eErnst der Nachfolge\u201c kann auch hei\u00dfen, dass ich vor die Wahl gestellt werde, dass ich in eine Situation gerufen werde, in der ich mich entscheiden muss, weil sich das eine mit dem anderen nicht mehr vereinbaren l\u00e4sst.&nbsp; Ich m\u00f6chte dies am Beispiel Dietrich Bonhoeffers verdeutlichen.<\/p>\n<p>Er war ein guter Pfarrer, beliebt bei seinen Gemeinden, er war ein Professor der Theologie, beliebt, ja verehrt bei seinen Studenten, er hatte ein sicheres Auskommen, er hatte eine Verlobte, er hatte die Chance, eine Familie zu gr\u00fcnden, Kinder zu kriegen und noch viele B\u00fccher zu schreiben. Er war schon in Sicherheit vor den Nazis, die ihn verfolgten, sein Schiff hatte Amerika erreicht, er sah schon die Skyline von New York, er h\u00e4tte nur aussteigen m\u00fcssen und w\u00e4re gerettet gewesen.<\/p>\n<p>Aber was h\u00e4tte er gerettet? Sein Leben? Gewiss. Seine b\u00fcrgerliche Existenz? Auch. Aber seine Seele? Da hatte er Zweifel. Und kehrte deshalb wieder um nach Deutschland, um sich am Widerstand gegen Hitler zu beteiligen. Er wollte sein Leben nicht retten, wo so viele ihres im Krieg verloren, er wollte sich nicht selbst retten, wo so viele ermordet wurden in den Lagern.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Lass fahren dahin<\/li>\n<\/ol>\n<p>Seine Hoffnung auf ein normales Leben, konnte er vergessen, seine Tr\u00e4ume vom kleinen stillen Gl\u00fcck, eine Familie und vielleicht Kinder zu haben, musste er begraben. Er hatte nicht einmal die Zeit, sich davon zu verabschieden. Durfte sich nicht schwach zeigen, denn die anderen, seine Mitgefangenen in den Todeszellen brauchten seine St\u00e4rke, seine Kraft. Seinem Schicksal und der Gnade Gottes ganz ergeben, musste er es zu sich sagen, was Luther gedichtet hat: \u201cNehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib \u2013 lass fahren dahin, sie haben\u2019s kein Gewinn\u201d.<\/p>\n<p>Oder anders gesagt: Er war vor die Wahl gestellt, entweder seine Gesundheit, sein Leben, seine Existenz, sein privates Gl\u00fcck, seinen guten Ruf zu verlieren oder aber seinen Glauben zu verraten. Wie er sich entschieden hat, wissen wir. Er ist den Weg der Nachfolge radikal mit allen Konsequenzen bis zum Ende gegangen. Dies zeigt, dass eine Nachfolge, die mit Familie und b\u00fcrgerlichem Gl\u00fcck bricht, nicht nur etwas ist, das damals und da galt und nur f\u00fcr ein paar umherziehende fr\u00fchchristliche Spinner.<\/p>\n<p>Nein, es kann prinzipiell jederzeit passieren, es kann auch heute geschehen, dass ich aus all meinen gewohnten Lebensbez\u00fcgen herausgerufen werde und in die Entscheidung hineingerufen werde. Dann muss ich mich entscheiden: Bin ich ein Mainstream-Follower oder ein radikaler Bekenner, der notfalls alles aufzugeben bereit ist?<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li>Ein offener Entwurf<\/li>\n<\/ol>\n<p>Unser Leben als Christen ist also prinzipiell offen. Darauf hin. Es besteht nicht nur aus Kaffee und Kuchen, Frauenhilfe und Kindergarten. So sehr man es mag oder auch nicht. So sehr man dieses Leben genie\u00dft \u2013 es ist prinzipiell aufgebbar. Der radikale Weg gilt nicht f\u00fcr jeden. Zun\u00e4chst und zumeist. Aber potentiell kann es jeden treffen. Vielleicht muss man diesen Gedanken erst einmal auf sich wirken lassen. Unser Leben als Christ ist ein Entwurf, der offen ist.<\/p>\n<p>Man soll es sich aber auch nicht w\u00fcnschen. Die F\u00fcchse haben ihre Gruben, die V\u00f6gel unter dem Himmel haben ihre Nester. Nachfolge \u2013 das kann hei\u00dfen: allein sein. Um des Evangeliums willen leiden. Sich zu Gott bekennen, das kann hei\u00dfen: Von den Menschen verachtet werden. Mit mildem Spott: \u201cOh, Gott, der \u00c4rmste, jetzt ist er religi\u00f6s geworden und rennt in die Kirche!\u201d Es kann bis zum \u00c4u\u00dfersten gehen, so wie jetzt in Syrien, im Irak, in Afrika. Menschen werden get\u00f6tet. Nur weil sie Christen sind. Die meisten Menschen, die momentan aus religi\u00f6sem Hass verfolgt, vertrieben und ermordet werden, sind unsere Schwestern und Br\u00fcder in Christus.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li>Was k\u00f6nnen wir tun?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir leben in einem reichen Land. Die Antwort ist leicht. Wir sollten unsere Herzen nicht verschlie\u00dfen, und unsere Grenzen und T\u00fcren auch nicht f\u00fcr diese Menschen, wenn sie zu uns fliehen. Sie aufnehmen wie Maria und Marta es taten. Wer Fl\u00fcchtlinge aufnimmt, nimmt Christus selbst auf. Jesus hat gesagt: Was ihr einem von diesen geringsten meiner Br\u00fcder angetan habt, das habt ihr mir angetan.<\/p>\n<p>Du sagst dir vielleicht: Was kann denn ich schon tun? Jesus und seine radikalen J\u00fcnger, auch Bonhoeffer \u2013 sch\u00f6n und gut. Alle toll. Aber alle tot. Und der Weg der radikalen Nachfolge ist mir immer noch drei Nummern zu gro\u00df \u2013 geht\u2019s nicht auch ein bisschen kleiner?<\/p>\n<p>Ja, auch das geht. Das Bekenntnis ist auch im Alltag m\u00f6glich, am Arbeitsplatz, in der Familie. Es ist m\u00f6glich, den Mund aufzumachen, wenn gel\u00e4stert wird \u00fcber \u201cdie Kirche\u201d \u2013 wenn gelacht wird \u00fcber das, was anderen heilig ist. Wenn der Kirchenaustritt propagiert wird. Dann muss ich nicht mitmachen oder mich wegducken, \u00e4ngstlich schweigen \u2013 sondern kann sagen: Moment mal! Ja, ich. Ich glaube an Gott! \u2013 Ja, ich gehe in die Kirche und bekenne mich dazu. Auf die Gefahr hin, dann als eine Art \u201csp\u00e4tchristlicher Spinner\u201d bel\u00e4chelt zu werden. Aber Jesus hat auch dies gesagt: Wer sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem will auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wenn wir ihn annehmen f\u00fcr unser Leben, dann will auch er uns annehmen f\u00fcr unser Leben in Ewigkeit.<\/p>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge:<\/strong><\/p>\n<p>Zum Eingang: \u201eWenn meine S\u00fcnd mich kr\u00e4nken\u201c (EG 82,1-2+6-7),<br \/>\noder: \u201eHolz auf Jesu Schulter\u201c (EG 97)<\/p>\n<p>Lied zur Epistel: \u201eLass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn\u201c (HuE 282),<\/p>\n<p>Lied nach der Predigt: \u201eHilf, Herr meines Lebens\u201c (EG 419),<br \/>\noder: \u201eLasset uns mit Jesus ziehen\u201c (EG 384),<\/p>\n<p>Zum Schluss: \u201eJesu geh voran\u201c (EG391),<br \/>\noder: \u201eNun ziehen wir die Stra\u00dfe\u201c (EG 585).<\/p>\n<p><strong>Udo Schmitt, geb. 1968, Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, von 2005-2017 am Niederrhein, seit 2017 im Bergischen Land.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dorfstr. 19 \u2013 42489 W\u00fclfrath (D\u00fcssel)<\/strong><\/p>\n<p><strong>udo.schmitt@ekir.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 9,57-62 verfasst von Udo Schmitt | Halbzeit-Pause mit Spannungen Es ist der dritte Sonntag der Passionszeit. 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