{"id":20923,"date":"1998-07-26T16:24:41","date_gmt":"1998-07-26T14:24:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20923"},"modified":"2025-03-10T16:27:25","modified_gmt":"2025-03-10T15:27:25","slug":"predigt-zum-unser-vater-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zum-unser-vater-2\/","title":{"rendered":"Predigt zum Unser Vater"},"content":{"rendered":"<h3>26. Juli 1998 | Predigt zum Unser Vater | Gottfried Niemann |<\/h3>\n<p><span style=\"color: #0000a0;\"><b>Orgelvorspiel: Max Reger ; &#8222;Unser-Vater&#8220;, op. 67 Nr. 41<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000a0;\"><b>EG 408, 1-6; 412, 1.2.4.6; 232, 1-3.4; 188<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000a0;\"><b>Predigttext:<\/b><\/span><\/p>\n<p>Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute.<br \/>\nUnd vergib uns unsere Schuld,<br \/>\nwie auch wir vergeben unsern Schuldigern.<br \/>\nUnd f\u00fchre uns nicht in Versuchung,<br \/>\nsondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Hier sind wir in der Reihe &#8222;Unser Vater&#8220; ganz eindeutig bei dem weltlichen, dem diesseitigen, dem menschlichen Teil. Wie bei dem anderen Text, den wohl alle Konfirmanden intensiv kennenlernen &#8211; den 10 Geboten &#8211; gibt es eben auch im Vater unser in den verschiedenen Bitten und Aussagen auf Gott und den Menschen hin gerichtete.<\/p>\n<p>Am letzten Sonntag ging es vielleicht eher um Gott, sein Reich, seinen Willen, heute geht es um unser Brot, unsere Schuld, unsere Versuchung.<\/p>\n<p>Es gibt in der alten vorneutestamentlichen Schriften, im Judentum und auch sonst keine echte Entsprechung zu dieser Bitte: Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute. Eigentlich merkw\u00fcrdig &#8211; das das doch das Wichtigste &#8211; wie soll ich leben ohne Essen und Trinken? Vorhin in der Lesung klang das schon an &#8211; vierzig Tage und N\u00e4chte fastete Jesus &#8211; und dann &#8230;&#8230;.. Brot soll aus Steinen werden &#8211; und er lehnt ab!<\/p>\n<p>Nein, nicht weil er das Brot ablehnt, nicht weil Jesus meint, es ginge uns um geistliche und geistige Werte &#8211; der Mensch lebt zwar nicht vom Brot allein, aber eben auch vom Brot. Das urspr\u00fcngliche Abendmahl war Teil einer richtigen Mahlzeit, die satt machte. Nein, Jesus von Nazareth, das ist bezeugt in der biblischen Schrift, war sehr, sehr diesseitig. Bei ihm lie\u00df sich das nicht trennen: leibliches Wohl-sein und: Heil-sein der Seele.<\/p>\n<p>Diesseitigkeit und Jenseitigkeit, Horizontale und Vertikale gehen bei ihm in eines &#8211; deshalb die Kreuzform &#8211; Gott wird Mensch, dir Mensch zugute und deshalb eben diese kleine Bitte in seinem Gebet: &#8222;unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute&#8220;<\/p>\n<p>Brot f\u00fcr die Welt m\u00fc\u00dfte es nicht geben, wenn wir das erste Wort der Bitte ernst nehmen w\u00fcrden, nicht mein Brot f\u00fcr den heutigen oder morgigen Tag, sondern\u00a0<b>unser<\/b>\u00a0Essen und Trinken nur f\u00fcr mich geht nicht, nicht weil es in Gemeinschaft besser schmeckt, sondern weil sich dieses\u00a0<b>unser<\/b>\u00a0gegen den menschlichen Egoismus wendet.<\/p>\n<p>Ich, ich, ich&#8230;.sagen wir in West-Europa und Nordamerika&#8230;. und dann wundern wir uns auch noch, wenn sie aus \u00e4rmeren L\u00e4ndern zu uns kommen wollen &#8211; und da hei\u00dft es dann schnell &#8222;sie nehmen mir meinen Arbeitsplatz weg, meine Freundin, meine Butter vom Brot, ja am Ende essen sie mein Brot.&#8220; Aber der ganzen Welt d\u00fcrfen wir alle beten: Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000a0;\"><b>Orgelzwischenspiel: D. Buxtehude, &#8222;Vater Unser&#8220;, BuxWV 219<\/b><\/span><\/p>\n<p>Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern<\/p>\n<p>Da ist das Bild mit der Waage- zwei Schalen im Gleichgewicht. Auf die eine Seite wird flei\u00dfig aufgeladen, meine erste L\u00fcge, als meine Mutter (berechtigterweise) mir vorwarf, ich h\u00e4tte genascht &#8211; &#8222;nein, ich doch nicht!&#8220; Sp\u00e4ter der Mitsch\u00fcler, den ich nicht abschreiben lie\u00df &#8211; vielleicht w\u00e4re er versetzt worden, vielleicht sein Leben ganz anders verlaufen. Und dann die Zeit, die ich schuldig geblieben bin &#8211; Eltern und anderen Verwandten, meiner Frau, meinen Kindern, Menschen, die ich nicht besucht habe.<\/p>\n<p>Wenn man anf\u00e4ngt, \u00fcber Schuld nachzudenken, ernsthaft, wirklich ehrlich &#8211; dann h\u00f6rt man nicht auf: Die eine Waagschale wird immer schwerer, immer voller.<\/p>\n<p>Und das hat man in der Kirchengeschichte ja gut ausgenutzt &#8211; Schuldgef\u00fchle wurden den Menschen geradezu eingeimpft, um sie zu &#8222;guten&#8220; Taten zu bringen. Man denke nur an den Abla\u00dfhandel und sein Umfeld &#8211; eine der Ursachen oder doch Anl\u00e4sse f\u00fcr die Reformation.<\/p>\n<p>Und &#8211; wie kommt die Waage ins Gleichgewicht? Was mu\u00df, was kann in die andere Schale? Fromme Leistungen, wie 10 Vater unser nach erfolgter Beichte, wie es in manchen Filmen jedenfalls so vorkommt? Oder eben unsere gute Tat, da\u00df wir geben, beigeben, schenken denen die uns etwas schulden. Manchmal meinen wir, so k\u00f6nnte es gehen &#8211; und sind dann so entt\u00e4uscht, denn obwohl wir so &#8222;gut&#8220; waren, blieb doch die Vers\u00f6hnung aus.<\/p>\n<p>Nein, Vergebung unserer Schuld &#8211; sie gibt uns nur Gott allein. Sie h\u00e4ngt am Kreuz von Golgatha; und nur daraus &#8211; aus geschenkter Schuld kommt dann das andere: da\u00df auch wir anders, neu leben k\u00f6nnen, da\u00df auch wir vergeben denen, die uns etwas schulden.<\/p>\n<p><b><span style=\"color: #0000a0;\">Orgelzwischenspiel: J.N.David, &#8222;Kleine Partita \u00fcber Vater-Unser&#8220;<\/span><\/b><\/p>\n<p>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8230;.<\/p>\n<p>Das Gebet bleibt ganz, ganz menschlich. Die wirklich frommen Menschen im Judentum, im Christentum, in anderen Religionen, die w\u00fcrden wohl beten: Ja, Herr, lege manche Pr\u00fcfung auf mich, schicke mir Krankheit oder Armut, ich bleibe dir treu! Schicke mir Ablenkung und \u00dcberflu\u00df, ich lasse mich nicht abbringen vom Weg zu dir.<\/p>\n<p>In Jesu Gebet hei\u00dft es aber: f\u00fchre uns nicht uns Versuchung&#8230; Denn Gott wei\u00df, wie schwach wir sind, wie schwer manche Situationen auszuhalten sind, wie man manche Lasten einfach nicht tragen kann.<\/p>\n<p>Ja, f\u00fchre uns nicht in Versuchung. Aber wie ist es, wenn das der B\u00f6se tut, wie wir es in der Schriftlesung geh\u00f6rt haben? Wenn der B\u00f6se Macht \u00fcber uns bekommt, was machen wir dann? Die Geschichte von Jesu Versuchung, 2 Kapitel vor dem Vater unser im Matth\u00e4us-Evangelium zeigt deutlich, wo die Gefahr liegt: Alle Macht der Welt soll er bekommen, wenn er nur niederf\u00e4llt und anbetet.<\/p>\n<p>Ja, alle Macht der Welt streben wir an &#8211; global schicken sie ihre Boten, ihre Faxe und e-mails &#8211; ihr geliehenes, eigenes, auch aus Verbrechen erzieltes Kapital um die Welt, kaufen und verkaufen &#8211; mehr, mehr, mehr hei\u00dft die Devise. Global gesehen &#8211; Wachstum &#8211; aber hier wird ein weiterer Betrieb stillgelegt, &#8211; dort noch mehr Kinderarbeit &#8211; aber einer der ganz Gro\u00dfen &#8211; auf Kosten vieler, die immer kleiner werden. Ja &#8211; und wer unter uns ehrlich ist, der gibt das doch zu, wie faszinierend das ist, Macht zu haben &#8211; nicht nur die kleine Schwester qu\u00e4len &#8211; nicht nur zuhause die Puppen tanzen lassen (Ich bin doch der Verdiener!) sondern richtig, so oder so machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Am Ende so sein wie Gott. Am Anfang mu\u00dften sie deshalb aus dem Paradies. Aber die Versuchung blieb, sie hat unendlich viele Facetten und ist h\u00f6chst real. Gut, da\u00df wir das bitten d\u00fcrfen: f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n<p>AMEN<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000a0;\"><b>Orgelnachspiel: Georg B\u00f6hm, &#8222;Vater-Unser&#8220;<\/b><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>Organistin Telma Guise-P\u00fcschel, Plesseweg 21, 37120 Bovenden, Tel. 0551 &#8211; 8 23 43<br \/>\nPastor Gottfried Niemann, Zehntenstr. 25, 37120 Bovenden, Tel. 0551 &#8211; 85 53<\/p>\n<p>Die Idee und die Gemeinde:<\/p>\n<p>Evangelische Kirchengemeinde Bovenden Gottesdienste am 19. Juli, 26. Juli und 2. August 1998 Am Anfang war die Idee &#8230;. Unsere Organistin Telma Guise-P\u00fcschel hatte sie. Sie war der Meinung, es g\u00e4be viele Bearbeitungen des Unser-Vater in der Musik, die so verschieden in ihrem Charakter seien, da\u00df sie es wert w\u00e4ren, in einer Reihe von Gottesdiensten den Menschen zu Geh\u00f6r gebracht zu werden. Auch ohne Kenntnisse auf diesem Gebiet hat mich die Idee begeistert.<\/p>\n<ol>\n<li>gab sie die M\u00f6glichkeit noch mehr als in den Gottesdiensten \u00fcblich, musikalische und gesprochene Verk\u00fcndigung miteinander zu einem Ganzen werden zu lassen.<\/li>\n<li>bot dieses Vorhaben die Chance, einem sehr vertrauten und st\u00e4ndig genutzten Gebetstext Raum zu geben. Wie gesagt, am Anfang war die Idee, und es folgte die Umsetzung In der Planung mit meinem Kollegen Gottfried Niemann und unserer Organistin entschieden wir uns f\u00fcr eine dreiteilige Predigtreihe. Dabei sind wir uns sehr wohl bewu\u00dft, da\u00df die Dreiteilung nicht jedem Aspekt und jeder Bitte gerecht werden kann. So sind alle Gottesdienste eher ein Andenken gewesen. Die musikalische Ausgestaltung lag in den H\u00e4nden von Telma Guise-P\u00fcschel, die in den Orgelvor-, Zwischen- und den Nachspielen die bekannteste Vater Unser Melodie (EG 344) in Form von Choralbearbeitungen zu Geh\u00f6r gebracht hat. Diese Melodie sollte der Gemeinde als musikalischer Leitfaden dienen. Die Orgelbearbeitungen stammten aus 4 Jahrhunderten, aus Werken von Scheidemann, B\u00f6hm, Buxtehude, Mendelssohn, Reger und David. Sie wurden nach ihrem Affekt ausgesucht und im Gottesdienst so plaziert, da\u00df die Orgelmusik und die gesprochene Sprache zusammen ein Ganzes bildete. Zum Teil wurden die Predigtabschnitte durch Orgelmusik bzw. Liedstrophen voneinander getrennt. F\u00fcr den Gemeindegesang haben wir drei verschiedene Vater-Unser Lieder ausgew\u00e4hlt (EG 344, 186, 188) und aus weiteren Liedern Strophen gesucht, die inhaltlich Bezug zur Auslegung hatten. Neben den Predigten sind die Lieder und Orgelst\u00fccke, die in dem jeweiligen Gottesdienst gesungen bzw. gespielt wurden, vermerkt. Die Liedangaben folgen der Ausgabe des EG f\u00fcr die Evangelisch-reformierte Kirche; hier findet sich vor dem Stammteil der komplette Psalter. Anne T\u00f6pfer<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ausf\u00fchrende:<\/p>\n<p>Organistin Telma Guise-P\u00fcschel, Plesseweg 21, 37120 Bovenden, Tel. 0551 &#8211; 8 23 43 Pastor Gottfried Niemann, Zehntenstr. 25, 37120 Bovenden, Tel. 0551 &#8211; 85 53 Pastorin Anne T\u00f6pfer, Steffensweg 65, 37120 Bovenden, Tel. 0551 &#8211; 8 32 55<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>26. Juli 1998 | Predigt zum Unser Vater | Gottfried Niemann | Orgelvorspiel: Max Reger ; &#8222;Unser-Vater&#8220;, op. 67 Nr. 41 EG 408, 1-6; 412, 1.2.4.6; 232, 1-3.4; 188 Predigttext: Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 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