{"id":20927,"date":"1998-04-01T16:30:29","date_gmt":"1998-04-01T14:30:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20927"},"modified":"2025-03-10T16:34:26","modified_gmt":"2025-03-10T15:34:26","slug":"markus-1417-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1417-26\/","title":{"rendered":"Markus 14,17\u201326"},"content":{"rendered":"<h3>Gr\u00fcndonnerstag | 1. April 1999 | Mk 14,17-26 | Hans Theodor Goebel |<\/h3>\n<p>1.<br \/>\n<i>Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. &#8211;<br \/>\nBin ich\u2019s?<\/p>\n<p><\/i>Jesus hat sich mit den Zw\u00f6lfen zu Tisch gesetzt &#8211; so wird erz\u00e4hlt. Er sagt, dass ihrer Einer sein Verr\u00e4ter sein werde.<br \/>\nDas l\u00e4sst sie traurig werden, nachfragen Einen nach dem Anderen:\u00a0<i>Bin ich\u2019s? Doch nicht ich?<br \/>\n<\/i>Als ob es so sein k\u00f6nnte. Als ob jeder von ihnen seinen Herrn verraten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung scheint por\u00f6s zu uns hin. Bin ich\u2019s?<br \/>\nDas kann nicht ausgeschlossen werden.<br \/>\nDie Grenze zwischen damals und heute scheint durchl\u00e4ssig. Der historische Abstand nicht entscheidend.<br \/>\nEs kann nicht ausgeschlossen werden, dass ich heute meinen Herrn verrate.<\/p>\n<p>F\u00fcr drei\u00dfig Silberlinge soll es damals Judas getan haben.<br \/>\n<i>Ihr k\u00f6nnt nicht Gott dienen und dem Mammon.<br \/>\n<\/i>Christliches Kompromisslertum will beides: Gott dienen und einem anderen Herrn.<br \/>\n<i>Niemand kann zwei Herren dienen: entweder wird er den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen h\u00e4ngen und den andern verachten.<br \/>\n<\/i><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\n<\/span>War der Fall des Judas damals nicht doch ein besonderer? Ein einmaliger Fall? Ein extremer?<br \/>\nJudas war Einer aus dem engen J\u00fcngerkreis der Zw\u00f6lf. Er verr\u00e4t in der Nacht, die jetzt anbricht, seinen eigenen Rabbi. Mit einem Kuss liefert er ihn aus an die Soldaten, Ankl\u00e4ger, Blutrichter, Folterer, Henker &#8211; und die bringen Jesus gegen das Recht grausam zu Tode. Auch wenn Judas sein Tun so weit nicht hatte aus-denken wollen.<\/p>\n<p>Es stimmt: Wir alle sind nicht Judas, der den Jesus von Nazareth verriet.\u00a0<i>\u00dcber-lieferte<\/i>\u00a0oder\u00a0<i>aus-lieferte<\/i>\u00a0&#8211; wie man es w\u00f6rtlich \u00fcbersetzen kann<i>.<\/i><\/p>\n<p>Dasselbe wie er taten die anderen elf J\u00fcnger nicht. Nur dieser Eine.<br \/>\nWir &#8211; Christen in sp\u00e4terer Zeit &#8211; tun auch nicht dasselbe.<br \/>\nUnd doch fragen die anderen J\u00fcnger:\u00a0<i>Bin ich\u2019s?<br \/>\n<\/i>Einer nach dem Anderen fragen sie so. Sind sich ihrer nicht sicher.<br \/>\nDie Geschichte wird por\u00f6s. Die J\u00fcnger damals, wir heute k\u00f6nnen uns in diesem besonderen Verr\u00e4ter und \u00dcberlieferer entdecken. Jedenfalls nicht ausschlie\u00dfen: Auch wir h\u00e4tten es gewesen sein k\u00f6nnen. Wir sind uns unsrer unsicher.<\/p>\n<p>Noch mehr. Wir erkennen hier: Dieser Judas steckt in uns und kann aus jedem von uns, die wir auch anderen Herren dienen wollen, hervorbrechen.<br \/>\nWie ja auch der Bruderm\u00f6rder Kain aus der Urgeschichte im Herzen eines jeden von uns steckt.<\/p>\n<p>Unsre evangelischen Passionslieder haben das ausgedr\u00fcckt. Im Wittenberger Gesangbuch von 1544 heisst es nicht mehr &#8211; wie fr\u00fcher:<i>\u00a0O du armer Judas, was hast du getan?<\/i>\u00a0&#8211;<br \/>\nSondern:<br \/>\n<i>Unsre gro\u00dfe S\u00fcnde und schwere Misstetat<br \/>\nJesus, den wahren Gott(e)ssohn<br \/>\nans Kreuz geschlagen hat.<br \/>\nDrum wir dich , armer Judas,<br \/>\ndazu der Juden Schar,<br \/>\nnicht feindlich d\u00fcrfen schelten,<br \/>\ndie Schuld ist unser f\u00fcrwahr.<\/i><\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\">2.<br \/>\n<\/span><i>Zwar des Menschen Sohn gehet hin , wie von ihm geschrieben stehet. Wehe aber dem Menschen, durch welchen des Menschen Sohn verraten wird.<\/p>\n<p><\/i>Wir stehen hier vor dem abgr\u00fcndigen Geheimnis.<br \/>\nJesus geht in den Tod. Nach Gottes Willen muss es so sein &#8211;\u00a0<i>wie geschrieben steht.<\/i><br \/>\nErinnerung taucht auf an die prophetische Weissagung von dem Gottesknecht:\u00a0<i>Der Herr warf unser aller S\u00fcnde auf ihn.<br \/>\n<\/i>Und trotzdem wird da die Schuld dieses Judas festgestellt, die Schuld\u00a0<i>jenes Menschen,<\/i>\u00a0<i>durch den der Menschensohn \u00fcberliefert wird.<br \/>\n<\/i>Gott will es so. Darum muss es so geschehen. Und schuldig wird der Mensch, durch den es geschieht.<br \/>\nBeides geht hier zusammen.<br \/>\nUnd wir k\u00f6nnen es uns doch nicht zusammen reimen.<br \/>\nEs bleibt uns abgr\u00fcndig.<\/p>\n<p><i>Es w\u00e4re jenem Menschen besser, er w\u00e4re nie geboren worden.<br \/>\n<\/i>Auch geboren zu werden steht in keines Menschen Macht. Und doch bleibt jedem Geborenen die Verantwortung, was er mit seinem Leben macht, wenn ihm dieser Jesus begegnet. Wie er dem Judas begegnet ist. Vielleicht auch uns.<br \/>\nJudas ist ihm zuerst gefolgt und hat ihn dann ausgeliefert an seine Hinrichter. Judas hat, als er Jesus verriet, sein Leben verfehlt. Besser er h\u00e4tte es gar nicht begonnen. Aber das lag nicht in seiner Verantwortung.<br \/>\nBleibt, dass Einer sein Leben verfehlt hat, das Letzte, was \u00fcber ihn zu sagen ist.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nEs folgt in der Erz\u00e4hlung nicht von ungef\u00e4hr Jesu Abendmahl mit seinen J\u00fcngern.<br \/>\nSp\u00e4tere haben diese Erz\u00e4hlung aufgeschrieben. Als Erz\u00e4hlung vom letzten Abendmahl vor Jesu Tod. Sp\u00e4tere in den ersten Gemeinden, die wahrscheinlich selber das Abendmahl feierten und zur\u00fcck dachten an den Tod ihres Herrn. Sie haben davon uns noch Sp\u00e4teren erz\u00e4hlt.<br \/>\nUnd wollen uns wohl sagen: So wie wir das Abendmahl heute feiern, war es damals, und wie damals so heute: Jesus mit den Seinen an einem Tisch beim selben Mahl. Er lebendig bei uns &#8211; wie vor seinem Tod so auch heute.<\/p>\n<p>Seine Geschichte von damals ist por\u00f6s geworden f\u00fcr uns heute. Sie \u00fcbergreift die Zeit und bezieht uns mit ein. Jesu Tod ist \u00fcbergriffen von seinem Leben. Jetzt sitzen wir am Tisch von damals und Jesus heute an unserem Tisch, bei unserem Abendmahl.<br \/>\nDas Brot, das wir essen vertritt ihn.<br \/>\nUnd der Becher, aus dem wir den Wein trinken, steht f\u00fcr den Bund, den er in Gottes Namen mit uns geschlossen hat. Gott mit uns in einem ewigen Bund &#8211; daf\u00fcr hat er sein Blut vergossen.<\/p>\n<p>Aber am Brot und am Becher mit Wein h\u00e4ngt es nicht. Die bewirken von sich aus nichts.<br \/>\nEs ist\u00a0<i>sein<\/i>\u00a0Wunder, dass er uns heute seine Gemeinschaft schenkt. Dass er seinen Tod damals auf Golgatha gestorben ist\u00a0<i>f\u00fcr uns<\/i>, die wir hier leben. Dass er uns heute zusagt: Gott ist mit euch im Bund. Es ist\u00a0<i>sein Wunder.<\/i><\/p>\n<p>Wem das Essen des Brotes und das Trinken aus dem Becher hilft, es zu glauben, der lasse sich so helfen.<br \/>\nUnd wer Schwierigkeiten hat, hier zu verstehen, der lasse sich dadurch nicht st\u00f6ren in seinem Zutrauen.<\/p>\n<p>Wir sollen ja nicht glauben, dass mit Brot und Wein etwas geschieht. Sondern mit uns. Glauben sollen wir, dass zwischen unserem lebendigen Herrn und uns etwas geschieht. Dass er, der sich f\u00fcr uns hat dem Tod\u00a0<i>\u00fcberliefern<\/i>\u00a0lassen, uns heute seine Gemeinschaft schenkt. Dass er sich heute neu an uns\u00a0<i>\u00fcberliefert.\u00a0<\/i>Sich an uns<i>\u00a0ausliefert\u00a0<\/i>Und sich\u00a0<i>von uns<\/i>\u00a0<i>nehmen l\u00e4sst.<br \/>\n<\/i>Das ist das Wunder &#8211; mit oder ohne das Essen und Trinken von Brot und Wein.<\/p>\n<p>Gemeinschaft hielt er ja schon zu seinen Lebzeiten. A\u00df und trank mit den Z\u00f6llner und S\u00fcnderinnen. Musste sich als Vorwurf vorhalten lassen, dass er die annahm. Und sich von denen nehmen liess als Einen ihresgleichen. Er, der von Gott kam, der Z\u00f6llner und S\u00fcnder Geselle.<\/p>\n<p><i>4.<br \/>\nZw\u00f6lf<\/i>\u00a0waren es, die in der Geschichte von jenem letzten Mahl mit Jesus am Tisch sa\u00dfen. Seine zw\u00f6lf J\u00fcnger. Judas eingeschlossen. Der tunkte mit ihm die Hand in die Sch\u00fcssel und lieferte ihn dann aus.<br \/>\nAber nun war dieser Judas beim Abendmahl dabei. Jesus a\u00df und trank auch mit ihm.<br \/>\nWas bedeutet das?<br \/>\n<span style=\"font-size: small;\"><br \/>\n<\/span>Es zeigt sich: Die Geschichte Jesu ist offen auch f\u00fcr Judas. Auch f\u00fcr ihn, der ihn in den Tod stie\u00df,\u00a0<i>ging<\/i>\u00a0Jesus in den Tod. Auch ihm schenkt er seine Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Mag ja sein, dieser Mensch w\u00e4re besser nicht geboren worden. Aber nun ist er geboren worden. Hat Jesus und sein Leben verfehlt. Und Jesus ist doch auch f\u00fcr ihn gestorben. Auch er ist einbezogen in den Bund Gottes.<\/p>\n<p>So wird Judas, der Jesus in den Tod \u00fcberliefert hat, f\u00fcr uns zum \u00dcberlieferer des Evangeliums:<i>\u00a0Jesus nimmt die S\u00fcnder an, mich hat er auch angenommen.<\/i><br \/>\nDas Evangelium bleibt Jesu letztes Wort. \u00dcber jeden Judas.<\/p>\n<p>5.<br \/>\nZuletzt \u00f6ffnet Jesus am Abendmahlstisch den Blick in die Zukunft des Reiches Gottes.<br \/>\n<i>Amen, ich sage euch, dass ich hinfort nicht trinken werde vom Gew\u00e4chs des Weinstocks bis auf den Tag, da ichs neu trinke in dem Reich Gottes.<\/p>\n<p><\/i>Erinnerung kommt auf an die Zukunft, die der Prophet\u00a0<i>Jesaja<\/i>\u00a0angesagt vom Freudenmahl Gottes:<br \/>\n<i>Und der HERR&#8230; wird auf diesem Berge allen V\u00f6lkern ein&#8230;Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein&#8230;darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die H\u00fclle wegnehmen, mit der alle V\u00f6lker verh\u00fcllt sind &#8230;Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott, der HERR wird die Tr\u00e4nen von allen allen Angesichtern abwischen&#8230;<\/p>\n<p><\/i>Mit Abraham, Isaak und Jakob werden im Himmelreich Viele zu Tisch sitzen aus dem Westen und aus dem Osten, aus dem S\u00fcden und aus dem Norden.<br \/>\nUnd Jesus wird seinen Wein als Einer unter ihnen trinken.<\/p>\n<p>So wird es sein in Gottes Reich, in dem Reich des Friedensk\u00f6nigs, der\u00a0<i>ohne Gewalt<\/i>\u00a0in unsere Welt gekommen ist und ist\u00a0<i>mit Gewalt<\/i>\u00a0aus ihr hinaus gedr\u00e4ngt worden.<br \/>\nNoch immer herrscht diese Gewalt in unsrer Welt, wie wir gerade dieser Tage in Jugoslawien erfahren. Die Politiker haben zuletzt keinen anderen Weg gefunden, als die unmenschliche Gewalt durch die kriegerische Gewalt zu bek\u00e4mpfen. Nun ist ein beklemmendes T\u00f6ten und Get\u00f6tetwerden in Gang. Und keine Aussicht, einen Weg heraus zu finden. Das bleibt zum \u00c4u\u00dfersten bedr\u00e4ngend.<\/p>\n<p>Jesus \u00f6ffnet den Blick in eine andere Zukunft: In Gottes Reich wird er mit Menschen aus allen V\u00f6lkern seinen Wein trinken. Lasst uns gerade jetzt die Erinnerung an diese Zukunft, an die andere Zukunft wach halten!<\/p>\n<p>6.<br \/>\nNach dem Mahl singen Jesus und seine J\u00fcnger den Lobgesang und gehen hinaus in die Nacht. Es ist die Nacht, in der er ausgeliefert wird &#8211; in die Finsternis seines<br \/>\nTodes. Gerade aus dieser Nacht ist f\u00fcr uns alle das Licht aufgebrochen. Amen.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Century Gothic; font-size: small;\">Literatur:<br \/>\n<\/span>Joachim Gnilka, Das Evangelium nach Markus II\/2, EKK, Neukirchen-Vluyn, 1989 (3.Aufl.).<br \/>\nVolker Weymann, Gr\u00fcndonnerstag &#8211; 1.4.1999. Markus 14, 17-26, in: GPM 53, 1999 (Heft 2), 185-191.<br \/>\nZur Lehre vom Heiligen Abendmahl. Bericht \u00fcber das Abendmahlsgespr\u00e4ch der Evangelischen Kirche in Deutschland 1947-1962 und Erl\u00e4uterungen seines Ergebnisses, erstattet von G. Niemeier u.a., M\u00fcnchen (1958) 1964 (6.Aufl.).<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hans Theodor Goebel<br \/>\nIm Wasserblech 1c, 51107 K\u00f6ln<br \/>\nTel.: 0221\/861135<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag | 1. April 1999 | Mk 14,17-26 | Hans Theodor Goebel | 1. Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. &#8211; Bin ich\u2019s? Jesus hat sich mit den Zw\u00f6lfen zu Tisch gesetzt &#8211; so wird erz\u00e4hlt. Er sagt, dass ihrer Einer sein Verr\u00e4ter sein werde. 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