{"id":20931,"date":"1998-04-02T16:38:07","date_gmt":"1998-04-02T14:38:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20931"},"modified":"2025-03-10T16:41:23","modified_gmt":"2025-03-10T15:41:23","slug":"lukas-2333-49-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2333-49-3\/","title":{"rendered":"Lukas 23,33\u201349"},"content":{"rendered":"<h3>Karfreitag | 2. April 1999 | Lk 23,33\u201349 | Hildegard Hamdorf-Ruddies |<\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Erinnern Sie sich an das M\u00e4rchen von den Bremer Stadtmusikanten?<br \/>\nEin Esel, ein Hund und eine Katze gehen zusammen nach Bremen, weil sie f\u00fcr ihren Beruf zu alt geworden sind und als unn\u00fctze Fresser get\u00f6tet werden sollen.<br \/>\nDer Esel ist unter den Tieren der Kl\u00fcgste. Als sie unterwegs noch einen alten Hahn treffen, der zum Morgenkr\u00e4hen zu schwach geworden ist und noch am Abend in die Suppe kommen soll sagt der Esel zu ihm:<br \/>\n&#8222;Ei was, du Rotschopf &#8230; zieh lieber mit uns fort. Wir gehen nach Bremen. Etwas Besseres als den Tod findest du \u00fcberall.&#8220;<\/p>\n<p>Etwas Besseres als den Tod findest du \u00fcberall&#8220; &#8211; diese Eselsweisheit aus dem M\u00e4rchen &#8211; ist sie nicht l\u00e4ngst eine Allerweltsweisheit unter uns geworden?<br \/>\nDa\u00df jemand etwas Besseres sucht als den Tod, das versteht wohl jeder, der nicht todess\u00fcchtig oder lebensmatt geworden ist.<br \/>\nAber wir versuchen, dem Tod aus dem Weg zu gehen. Wir verdr\u00e4ngen ihn aus unserem Leben. Wollen nicht daran erinnert werden, da\u00df wir einmal sterben m\u00fcssen.<br \/>\nDabei kann es geschehen, da\u00df wir Menschen d\u00fcmmer sind als der Esel aus dem M\u00e4rchen.<br \/>\nDenn wer den Tod an die Seite dr\u00e4ngt, wer nicht etwas Besseres sucht als den Tod, der steht am Ende schlechter da. Der Versuch, den Tod stumm zu machen, mu\u00df scheitern. Hinter unserer Gesch\u00e4ftigkeit, dem Getriebe unseres Lebens wartet er und holt uns ein.<\/p>\n<p>Heute ist Karfreitag. Wir Christen reden heute rund um die Welt \u00f6ffentlich vom Tod.<br \/>\nWir verschweigen ihn nicht und verdr\u00e4ngen ihn nicht. Wir feiern und erinnern den Tod Jesu. Und anders als zu Weihnachten und zu Ostern sind wir heute eher unter uns. Denn Weihnachten und Ostern schmecken nach Leben und verhei\u00dfen Freude.<br \/>\nKarfreitag aber schmeckt nach Tod, nach Traurigkeit und Tr\u00fcbsal. Das ist kein Fest f\u00fcr eine Welt, die den Tod vergessen m\u00f6chte. Vielleicht ist darum Karfreitag das merkw\u00fcrdigste unter den christlichen Festen. Wir denken heute an einen Toten, wir erinnern an eine grausame Hinrichtung und glauben, da\u00df es dabei um unser Leben geht, um unsere Rettung.<\/p>\n<p>Ja, es ist ein merkw\u00fcrdiger Feiertag, heute.<br \/>\nKarfreitag &#8211; das klingt schwer, dunkel und bedr\u00fcckend &#8211;<br \/>\nund doch soll von hier aus alles Licht, alles Erl\u00f6sung ausgehen &#8211;<br \/>\nwie kann das gehen?<br \/>\nSollen wir es nicht doch lieber mit dem Esel halten, dem Tod aus dem Weg gehen und direkt zu Ostern \u00fcbergehen, zu Leben und Neuanfang?<br \/>\nEs geht nicht, liebe Gemeinde! Es geht nicht. Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag, Auferstehung nicht am Tod vorbei. Etwas Besseres als den Tod finden wir nicht auf der Flucht vor ihm, sondern indem wir uns ihm stellen. Und das k\u00f6nnen wir, wenn wir versuchen zu begreifen , was der Tod Jesu am Kreuz f\u00fcr uns bedeutet. Warum Jesus diesen Weg gegangen ist, ihn gehen mu\u00dfte und wollte. Warum sein Weg nach Golgatha so anders aussieht als der Weg der vier Stadtmusikanten nach Bremen. Nicht Flucht vor dem Tod, sondern bewu\u00dftes Sterben.<\/p>\n<p>Lesung des Textes: LK 23, 33-49<\/p>\n<p>&#8222;Das Volk stand und sah zu.&#8220; So seltsam uns das anmutet, als Zuschauer bei einer Hinrichtung dabeizusein &#8211; offenbar hat das Schreckliche immer auch etwas Faszinierendes. Und der Evangelist Lukas stellt uns mit seiner Erz\u00e4hlung quasi mitten unter die Leute beim Kreuz und l\u00e4\u00dft uns sehen und erleben, was es mit dem Tod Jesu auf sich hat. Er will uns mitnehmen zum Kreuz. Er l\u00e4dt uns ein, uns vom Kreuz mitnehmen zu lassen in ein neues Leben. Schlaglichtartig wird noch einmal deutlich, wie Jesus den Menschen begegnet. Vater vergib ihnen &#8211; er bittet noch f\u00fcr seine M\u00f6rder um Vergebung, statt nach Rache und Vergeltung zu schreien. So unterbricht er den teuflischen Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt.<br \/>\nAuch f\u00fcr den einen der beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt werden, geht es um Vergebung. Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Diese H\u00f6lle hier hat eine Grenze, so schrecklich sie jetzt ist.<br \/>\nAm Ende steht die Finsternis. Der Vorhang im Tempel zerrei\u00dft und Jesus stirbt mit den Worten: Vater, in deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist.<br \/>\nWo ist da Hoffnung in dieser Geschichte?<br \/>\nWohin will uns Lukas mitnehmen, wenn er uns diese Geschichte erz\u00e4hlt?<br \/>\nER erz\u00e4hlt diese Geschichte ja nicht wie ein M\u00e4rchen, aus dem man etwas f\u00fcrs Leben lernen kann.<\/p>\n<p>Nein, um zu unserem M\u00e4rchen zur\u00fcckzukommen: St\u00f6rrisch wie kein Esel ist, behaupten die Christen zu allen Zeiten und in aller Welt: Etwas Besseres als diesen Tod finden wir nirgendwo.<br \/>\nWie kommen wir dazu?<br \/>\nWir k\u00f6nnen das nur sagen und auch nur verstehen, wenn wir f\u00fcr einen Augenblick das Karfreitagsevangelium verlassen. So mutig k\u00f6nnen wir nur sein, wenn wir daran denken, da\u00df in zwei Tagen Ostern ist. Wenn wir uns vor Augen f\u00fchren: Gott erweckt diesen Toten zum Leben, und das hei\u00dft: Er gibt ihm recht. Er best\u00e4tigt seinen Weg, gegen allen Augenschein. Mit der Auferweckung sagt er eindeutig: Ich stehe ganz und gar auf der Seite dieses Jesus. Was er tat, war auch mein Wille. Nicht ein gro\u00dfes &#8222;Vielleicht&#8220; oder ein schlimmes &#8222;Vergebens&#8220; steht \u00fcber diesem Leben sondern ein: &#8222;So soll es sein.&#8220;<br \/>\nIm Licht von Ostern wird dieses dunkle Geschehen hell.<\/p>\n<p>Jesus ist seinen Weg bis zum bitteren Ende gegangen in \u00dcbereinstimmung mit Gott, seinem Vater. Hier, und nur hier, ist ein Menschenleben einmal richtig gewesen. Ein einziges Mal in der Weltgeschichte kann Gott einem Menschen treu sein, weil der in \u00dcbereinstimmung mit ihm ist und bleibt. In \u00dcbereinstimmung mit seinem Auftrag, den er erf\u00fcllt, den er vollbracht hat vom Stall in Bethlehem bis zum Kreuz auf Golgatha.<\/p>\n<p>Was war dieser Auftrag und f\u00fcr wen war er?<br \/>\nEr hat uns vers\u00f6hnt. Vers\u00f6hnt mit Gott, mit der Welt, mit uns selbst.<br \/>\nUns unvers\u00f6hnlichen Menschen, zerrissen in tausend Beziehungsschwierigkeiten hat er Frieden geschaffen, indem er all unsere Unvers\u00f6hnlichkeit und Zerrissenheit auf sich genommen hat. Er hat sie bis zum Ende, bis zum bitteren Ende durchlitten, damit der Lauf der Welt einmal und endg\u00fcltig durchbrochen wird. Der Lauf von Gewalt und Gegengewalt, von Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit. Wir Menschen haben es von den Uranf\u00e4ngen bis heute aus uns selbst heraus nicht geschafft, diesem Teufelskreis zu entkommen. Immer wieder, und das kann wahrscheinlich jeder von uns auf seine Weise best\u00e4tigen, verstricken wir uns in Schuld, bleiben wir anderen und uns selbst etwas schuldig.<\/p>\n<p>Aber seit Karfreitag gibt es einen, der uns diese Schuld abgenommen hat, der sie auf sich genommen hat. Wir d\u00fcrfen aufatmen. Unsere Schuld d\u00fcrfen, ja sollen wir ihm anlasten, ans Kreuz h\u00e4ngen, damit wir nicht unter dieser Last zusammenbrechen.<br \/>\nJesus seufzt auch unter unserer Last, seufzt, weil er uns mittr\u00e4gt, ja, auch Sie und mich.<br \/>\nZu seinem letzten Seufzer geh\u00f6rt unser Aufatmen.<br \/>\nDarum k\u00f6nnen wir etwas Besseres als seinen Tod nirgendwo finden.<br \/>\nIn Jesu Tod ist unser Leben verborgen.<br \/>\nWir sollten es &#8211; endlich &#8211; zutage bringen.<\/p>\n<p>Unsere Schuld ist weit weg von uns, am Kreuz von Golgatha, und nirgendwo sonst. Sie kann uns nicht mehr das Leben streitig machen. Die qu\u00e4lenden Schuldzusammenh\u00e4nge, die einem die Luft nehmen, die l\u00e4hmen und das Leben sinnlos erscheinen lassen. Die Schuldvorw\u00fcrfe, die wir uns selbst und die wir anderen machen: Unseren Partnern, unseren Eltern und wem sonst immer.<br \/>\nDer Zeigefinger, den unser Gewissen auf uns richtet, den wir auf andere richten und den andere auf uns richten, wird von Gott herumgedreht und auf das Kreuz von Golgatha gerichtet. Schau, da h\u00e4ngt der, der das alles aus freien St\u00fccken auf sich genommen hat, was dich niederdr\u00fcckt und dein Leben zerst\u00f6rt. Der das alles auf sich genommen hat, aus Liebe. Du darfst aufatmen und leben.<br \/>\nEs gibt noch Schuld und wird sie immer geben, so lange diese Welt besteht. Aber st\u00e4rker als alle Schuld ist die Liebe, die der Schuld das Recht genommen hat, Leben zu zerst\u00f6ren. Seit Karfreitag k\u00f6nnen wir uns Schuld eingestehen und sie auch bekennen, weil sie uns nicht mehr von Gott trennen kann.<\/p>\n<p>Wie war das mit den Bremer Stadtmusikanten?<br \/>\n&#8222;Komm mit&#8220;, sagt der Esel zu dem Hahn, &#8222;etwas Besseres als den Tod finden wir \u00fcberall.&#8220;<br \/>\nUnd die Tiere machen sich auf den Weg nach Bremen.<br \/>\nSie sind wohl nicht weit gekommen. Obwohl es gut war, da\u00df sie sich auf den Weg gemacht haben.<br \/>\nSie sind nicht weit gekommen, weil sie den Tod, dem sie entkommen wollten, noch vor sich hatten.<br \/>\nWer aber den Tod noch vor sich hat, der mag auswandern, wohin er will. Wohin er auch geht und wieviel L\u00e4rm er auch macht &#8211; er wird den Tod nicht verdr\u00e4ngen. Wenn es hoch kommt, wird er ihn eine Zeitlang \u00fcbert\u00f6nen.<\/p>\n<p>Wir aber feiern heute Karfreitag.<br \/>\nWir haben uns auf den Weg nach Golgatha gemacht.<br \/>\nWir loben und ehren den Mann am Kreuz. Er hat es vollbracht, da\u00df er zum Fingerzeig<br \/>\ngeworden ist f\u00fcr das Leben, das vor uns liegt. Nun liegt der Tod hinter uns, auch wenn wir noch sterben m\u00fcssen.<br \/>\nDie armen Tiere wu\u00dften das nicht.<br \/>\nWie sollten sie auch, wenn schon wir Menschen es so schwer begreifen?<\/p>\n<p>Etwas Besseres als Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung finden wir nirgendwo.<br \/>\nJetzt ist das Leben das Letzte, was wir noch vor uns haben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hildegard Hamdorf-Ruddies , Pastorin in der Ev. Stiftung Alt-und Neu-Bethlehem<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 2. April 1999 | Lk 23,33\u201349 | Hildegard Hamdorf-Ruddies | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen. 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