{"id":20944,"date":"2025-03-11T07:51:11","date_gmt":"2025-03-11T06:51:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=20944"},"modified":"2025-03-11T07:51:11","modified_gmt":"2025-03-11T06:51:11","slug":"johannes-314-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-314-21-2\/","title":{"rendered":"Johannes 3,14-21"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"font-weight: 400;\">Lux in tenebris | Reminiszere | 16.03.25 | Joh 3,14-21 | Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Liebe Gemeinde<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\u00abLux in tenebris\u00bb, das war das Thema des Kurses des Pfarrvereins der Evangelischen Kirche der b\u00f6hmischen Br\u00fcder, der Ende Januar in Prag stattfand. Ich durfte daran teilnehmen.<br \/>\nLux in tenebris. Licht in der Finsternis.<br \/>\nMit \u00abFinsternis\u00bb \u2013 das war mir sofort klar \u2013 musste die gegenw\u00e4rtige Weltlage gemeint sein. Wahrlich finstere Zeiten! Auf das Licht war ich neugierig. Und wurde eine Woche lang auf die Folter gespannt. Referent:innen verschiedener Expertise, nicht nur Theolog:innen, berichteten von den vielf\u00e4ltigen aktuellen Krisen, von der Klimakrise, von der Spaltung der Gesellschaft, von der Schere zwischen arm und reich, die immer weiter aufgeht, von geopolitischen Verwerfungen, von der Krise der Demokratie.<br \/>\n\u00abEs ist wichtig, das ganze Spektrum der Krisen wahrzunehmen, mit denen die tschechische, europ\u00e4ische und weltweite Gesellschaft konfrontiert ist\u00bb, so der Pr\u00e4sident des Pfarrvereins. \u00abEs ist ein guter christlicher Ansatz, zu versuchen zu verstehen, was da passiert.\u00bb<br \/>\nJa, das gefiel mir. Der Realit\u00e4t in die Augen schauen. Keine Weltflucht. Nichts sch\u00f6nreden. Das passt zum Christ:insein. Im Lauf der Woche wurden wir Kursbesucher:innen aber sehr herausgefordert von den vielerlei Dunkelheiten der journalistischen, soziologischen, \u00f6kologischen knallharten und ehrlichen Situationsanalysen. Je l\u00e4nger je mehr fragte ich mich: Und wo ist das Licht?<br \/>\nJa, es gab wohl Beispiele von guten Projekten, mit Gefl\u00fcchteten oder mit psychisch Kranken. Eindr\u00fcckliche Initiativen, aber nicht mehr als Tropfen auf den heissen Stein, so kam es mir vor. Harte Kost also, eine ganze Woche lang.<br \/>\nUnd dann war da dieser Vortrag \u00fcber christliche Hoffnung in der fr\u00fchen Kirche, ein theologisches Konzept, das sich anscheinend die verschiedenen theologische Traditionen des fr\u00fchen Christentums teilen, vom Johannesevangelium \u00fcber Paulus, Augustin usw.<br \/>\nChristinnen und Christen geht es nicht besser als allen anderen, aber da ist die Hoffnung. Das macht den Unterschied. Licht in der Finsternis. Aber woher kommt diese Hoffnung, die sich so gar nicht aus einer Erfahrung heraus begr\u00fcnden l\u00e4sst?<br \/>\nAn die Woche in Prag musste ich denken bei der Lekt\u00fcre des heutigen Predigttextes, aus dem dritten Kapitel des Johannesevangeliums.<br \/>\n<em>Und wie Mose in der W\u00fcste die Schlange erh\u00f6ht hat, so muss der Menschensohn erh\u00f6ht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er den einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Dies aber ist das Gericht: Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren b\u00f6se.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Jeder, der B\u00f6ses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Wer aber tut, was der Wahrheit entspricht, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott gewirkt sind (Joh 3,14-21).<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Heute, noch ziemlich zu Beginn der Passionszeit, steht mit diesem Text eine Art Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis dieser Zeit zur Verf\u00fcgung. So ist hier vom Passionsgeschehen die Rede: <em>Aus Liebe sandte Gott seinen Sohn, aus Liebe gab er sein Ein und Alles. So hat Gott die Welt geliebt. <\/em>Das sind theologisch durchdachte Spitzens\u00e4tze. Sch\u00f6ne Worte. So verdichtet, dass es mir schwerf\u00e4llt, sie mit meinem Empfinden und Erleben zu verbinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, sondern gerettet. Wer an ihn glaubt\u2026 das heisst doch, an diese Liebe zu glauben und dieser Liebe zu trauen. Und da frage ich mich halt schon: Ist das \u00fcberhaupt m\u00f6glich, angesichts der vielen offenen Fragen? Angesichts all des Leidens in der Welt. Angesichts der bedrohten Sch\u00f6pfung. Angesichts der politischen Weltlage. Wie kann man da von der Liebe Gottes sprechen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">M\u00fcsste ich nicht eher klagen und fragen: Wo, mein Gott, ist sie, diese Liebe? Ist sie mehr als sch\u00f6ne Worte, mehr als ein leeres Versprechen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ausgerechnet der erste geheimnisvolle Satz unseres Predigtwortes hilft hier weiter:<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und wie Mose in der W\u00fcste die Schlange erh\u00f6ht hat, so muss der Menschensohn erh\u00f6ht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Der Evangelist nimmt hier Bezug auf eine Begebenheit des Volkes Israel in der W\u00fcste, die im vierten Buch Mose erz\u00e4hlt wird: Die Israeliten sind unterwegs Richtung Schilfmeer. Wieder einmal verleidet es ihnen und sie begehren einmal mehr auf gegen Mose und gegen Gott: <em>Warum habt ihr uns aus \u00c4gypten gef\u00fchrt, dass wir sterben in der W\u00fcste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Einmal mehr scheint sich die Verheissung des gelobten Landes als leeres Versprechen zu entpuppen. Gott schickt als Antwort eine Schlangenplage, viele sterben an den giftigen Bissen, worauf das Volk sich besinnt und Mose um F\u00fcrbitte bei Gott bittet. Gott befiehlt Mose, eine eherne Schlange zu schmieden und sie auf einer Stange hoch aufzurichten. Wer gebissen wird, soll zu diesem Rettungszeichen hochschauen und wird \u00fcberleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>So muss der Menschsohn erh\u00f6ht werden.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Christus, erh\u00f6ht am Kreuz. Ein rettendes Zeichen wie die eherne Schlange. Sichtbar f\u00fcr alle, die den Blick heben m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Das ist vielleicht nicht gerade das, was ich als erstes erwarten w\u00fcrde in der Passionszeit, die doch eine Zeit der Besinnung ist, eine Zeit der Einkehr, eine Zeit, sich eigener Schuld gewahr zu werden. Geht da der Blick nicht automatisch eher nach unten?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><em>Und wie Mose in der W\u00fcste die Schlange erh\u00f6ht hat, so muss der Menschensohn erh\u00f6ht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gefragt ist paradoxerweise ein Aufrichten, ein Aufschauen, weg von den Entbehrungen der W\u00fcste, weg von der Finsternis.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Unser Predigttext ist also eine Einladung, Passion zu bedenken und Passion zu verstehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gottes rettendes Handeln darin zu erkennen. Und darauf zu vertrauen. Dies kann freilich nicht angeordnet werden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Dieser Blick nach oben an den am Kreuz erh\u00f6hten Menschensohn macht den Unterschied.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Die Hoffnung, von der alle fr\u00fchchristlichen Autoren schreiben, die Christinnen und Christen in aller Dunkelheit Licht erkennen l\u00e4sst. Lux in tenebris.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Gott alles Gute zutrauen. Trotz allem Augenschein. Unter diesem Vorzeichen ist die Passionsgeschichte zu lesen und zu durchleben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Und so weiss ich, wann ich den Kopf senken muss, um meine Schuld zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Ich weiss, wann ich den Kopf nutzen muss, um nachzudenken und zu verstehen. Und ich weiss, dass ich den Kopf heben muss, um Rettung vor Augen zu haben.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Pfrn. Verena Salvisberg<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Merligen<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;\">Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Regionalpfarrerin seit 1. August 2022, vorher Gemeindepfarrerin in Laufenburg und Frick und Roggwil<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lux in tenebris | Reminiszere | 16.03.25 | Joh 3,14-21 | Verena Salvisberg | Liebe Gemeinde \u00abLux in tenebris\u00bb, das war das Thema des Kurses des Pfarrvereins der Evangelischen Kirche der b\u00f6hmischen Br\u00fcder, der Ende Januar in Prag stattfand. Ich durfte daran teilnehmen. Lux in tenebris. Licht in der Finsternis. 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