{"id":21000,"date":"1998-06-12T08:21:12","date_gmt":"1998-06-12T06:21:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21000"},"modified":"2025-03-12T08:24:13","modified_gmt":"2025-03-12T07:24:13","slug":"predigtreihe-zum-vaterunser-3-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigtreihe-zum-vaterunser-3-teil\/","title":{"rendered":"Predigtreihe zum Vaterunser 3. Teil"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden&#8220; \u2013 Predigt \u00fcber die dritte Bitte des Vaterunser | Predigtreihe zum Vaterunser 3. Teil | 15. Juni 1998 | Klaus Steinmetz |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Dein Wille geschehe &#8211; eine eigenartige Bitte, wenn man erst einmal anf\u00e4ngt, dar\u00fcber nachzudenken. Geschieht er denn nicht sowieso, der Wille Gottes? Gilt nicht der Satz: Alles geschieht durch Gottes Willen &#8211; und umgekehrt: Nichts, was geschieht, geschieht gegen Gottes Willen? Das ist in dieser Grunds\u00e4tzlichkeit und Allgemeinheit so richtig, wie es f\u00fcr den Einzelfall nichtssagend und darum m\u00f6glicherweise sogar falsch ist.<\/p>\n<p>Man versuche einmal, diesen Satz anzuwenden auf das entsetzliche Zugungl\u00fcck von Eschede: Alles geschieht durch Gottes Willen. Da wirkt er geradezu zynisch. Wenn die Seelsorger dort nur so einen Satz als Hilfe und Trost parat gehabt h\u00e4tten, dann h\u00e4tten sie wohl niemandem helfen, niemanden tr\u00f6sten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dieser Satz hat nur Sinn, wenn er aus einem gro\u00dfen Vertrauen heraus gesagt werden kann. Wenn aber dies Vertrauen weggebrochen ist in Entsetzen und Verzweiflung, dann hilft er gar nichts. Als angeblich objektive Feststellung taugt er nicht. Aber um diesen Willen Gottes im allgemeinen, der uns immer wieder v\u00f6llig verborgen und qu\u00e4lend r\u00e4tselhaft ist, geht es hier in dieser Bitte des Vaterunsers nicht. Um einen Willen Gottes, der sowieso geschieht, brauchten wir nicht zu beten.<\/p>\n<p>Dein Wille geschehe &#8211; wenn man den einfachen Wortlaut ernst nimmt, dann hei\u00dft das doch: Er soll erst noch geschehen. Es ist hier noch nichts entschieden; es ist anscheinend noch offen, m\u00f6glicherweise sogar noch strittig, ob der Wille Gottes geschieht. Er mu\u00df sich offenbar erst noch durchsetzen. Durchsetzen &#8211; wogegen?<\/p>\n<p>Der Blick kann sich nach au\u00dfen richten: auf andere Menschen, M\u00e4chte, Zust\u00e4nde. Wenn die Landlosen in Brasilien beten: Dein Wille geschehe, dann k\u00f6nnen sie ziemlich genau sagen, was an Unrecht, Gewalt und Unterdr\u00fcckung dem Willen Gottes entgegensteht und wogegen er sich durchsetzen m\u00f6ge. Aber der Blick nach au\u00dfen ist nicht der erste, vielleicht nicht einmal der wichtigste. N\u00e4her liegt dem, der betet, der Blick auf sich selbst. Dein Wille geschehe, das besagt dann vor allem auch: Dein Wille, nicht mein Wille. Das macht diese kleine, nur aus drei Worten bestehende Bitte schwer. Denn ich habe doch Ziele, an deren Erreichung mir liegt. Ich habe doch W\u00fcnsche, um deren Erf\u00fcllung ich bitte. Das ist mein Wille, der mich oft ganz erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>In dieser Bitte, die Jesus uns sprechen lehrt, wird unsere Aufmerksamkeit von uns selbst weggelenkt auf den, an den wir uns im Gebet wenden: Dein Wille geschehe.<\/p>\n<p>Es gibt eine Geschichte, die so etwas wie eine Veranschaulichung, eine erz\u00e4hlende Auslegung dieser Bitte ist: Jesus selbst &#8211; am Abend seiner Festnahme im Garten Getsemane; er betet, nein er ringt geradezu mit Gott darum, da\u00df der bittere Kelch des Leidens ihm erspart bleiben m\u00f6ge. Das ist sein so naheliegender Wunsch, und er f\u00fcgt dann doch hinzu: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.<\/p>\n<p>Noch im Wortlaut dieser Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung klingt an, wie schwer das ist. Jesus selbst mu\u00df lernen, sich in den Willen Gottes hineinzugeben. Das ist die Schule des Gebets, die immer wieder ge\u00fcbt und einge\u00fcbt werden mu\u00df. Das geht nicht von selbst.<\/p>\n<p>Kann man dann \u00fcberhaupt noch um etwas bitten, wenn am Ende doch immer steht: Nicht mein Wille geschehe, sondern deiner? Nun, Jesus &#8211; gleichsam unser Vorbeter &#8211; l\u00e4\u00dft im Vaterunser als n\u00e4chstes die Bitte um das t\u00e4gliche Brot folgen. Er h\u00e4lt sich zwar an seinen Ratschlag, beim Beten nicht allzu viele Worte zu machen. Aber er fa\u00dft doch in diesem einen Wort &#8222;Brot&#8220; alles zusammen, was wir zum Leben brauchen und l\u00e4\u00dft uns ohne jedes Bedenken darum bitten. An anderer Stelle h\u00f6ren wir von ihm, da\u00df er uns geradezu ermuntert, zu Gott zu sprechen in aller Unbefangenheit wie ein Kind zu seinem Vater oder seiner Mutter, oder wie einer zu seinem Freund redet. Und wie sollte denn im Gebet einer nicht alles vor Gott bringen, wo er doch durch das Beten vor allem zum Ausdruck bringt, da\u00df er diesem Gott vertraut, da\u00df er ihm alles Gute zutraut, alles Gute von ihm erhofft. Wie sollte es nicht die Mutter tun, die f\u00fcr ihr krankes oder gef\u00e4hrdetes Kind betet? Wie sollte es nicht einer f\u00fcr den anderen tun, den er liebt und um den er sich Sorgen macht? Ja, und wenn es einem wirklich so wichtig ist, warum sollte er nicht f\u00fcr den Ausgang eines Fu\u00dfballspiels beten &#8211; auch wenn er wei\u00df, da\u00df bei Gott mehr Freunde \u00fcber das Fair-Play sein wird als \u00fcber ein bestimmtes Ergebnis. Auch das Sto\u00dfgebet, das der Schrecken, die Angst um uns selbst und um andere aus uns herauspressen, es hat sein Recht und seinen Platz. Wohl ist uns klar, da\u00df es nicht die h\u00f6chste und tiefste Form des Betens ist. Trotzdem geraten wir immer wieder in die Lage, da\u00df uns nichts anderes einf\u00e4llt und sind dann immer wieder darauf zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n<p>Im Beten stehen wir immer wieder auch ganz am Anfang. Erst sp\u00e4ter, und daf\u00fcr gibt es das Vaterunser, h\u00f6ren und sprechen wir auch wieder: Dein Wille geschehe. Und das ist dann Ausdruck des Vertrauens, aus dem alles Beten entspringt und zu dem es hinf\u00fchrt, da\u00df n\u00e4mlich der Wille dessen, zu dem wir als Vater beten, letztlich gut f\u00fcr uns sei. Gut &#8211; nicht nur f\u00fcr uns, nicht nur f\u00fcr mich allein. So sehr wir darauf setzen, da\u00df Gott f\u00fcr uns da ist, so wenig k\u00f6nnen wir ihn doch f\u00fcr uns allein vereinnahmen. Wer an Gott glaubt, der g\u00f6nnt ihn zugleich allen. Gott steht f\u00fcr das Ganze.<\/p>\n<p>Und so weitet die Bitte: Dein Wille geschehe &#8211; unseren Blick \u00fcber uns hinaus, bezieht die ganze Erde und den Himmel, die ganze Sch\u00f6pfung ein. In dieser Bitte liegt die gro\u00dfe Hoffnung beschlossen, da\u00df Gottes guter Wille nicht nur f\u00fcr mich, sondern auch f\u00fcr die anderen, f\u00fcr alle, f\u00fcr die ganze Welt und Sch\u00f6pfung in Erf\u00fcllung geht. Die Hoffnung, da\u00df er seine Sch\u00f6pfung, die er ja aus Liebe geschaffen hat, nicht aus seiner Liebe fallen l\u00e4\u00dft, sondern gegen alles, was so oft an R\u00e4tselhaftem und Entsetzlichen in ihr ist, sich durchsetzt und sie ganz hineinholt in seine Liebe. Das ist dann, schon hier auf Erden der Himmel, in dem Gott alles in allem ist.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Klaus Steinmetz, Superintendent Johanneskirchhof 2 37073 G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden&#8220; \u2013 Predigt \u00fcber die dritte Bitte des Vaterunser | Predigtreihe zum Vaterunser 3. Teil | 15. Juni 1998 | Klaus Steinmetz | Liebe Gemeinde! 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