{"id":21002,"date":"1998-06-12T08:24:17","date_gmt":"1998-06-12T06:24:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21002"},"modified":"2025-03-12T08:26:57","modified_gmt":"2025-03-12T07:26:57","slug":"predigtreihe-zum-vaterunser-4-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigtreihe-zum-vaterunser-4-teil\/","title":{"rendered":"Predigtreihe zum Vaterunser 4. Teil"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Unser t\u00e4glich Brot gib uns heute&#8220; | Predigtreihe zum Vaterunser 4. Teil | 21. Juni 1998 |\u00a0Ulrich Nembach |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ein Brot liegt auf dem festlich gedeckten Tisch. Unter all den sch\u00f6nen, leckeren Sachen, die es zu essen gibt, liegt ein Brot. Meine Eltern legten wert darauf, da\u00df ein Brot gerade an diesem Tag auf dem Tisch liegt. Wir Kinder hatten ganz andere Dinge im Kopf. Die Speisen dufteten, sahen wundersch\u00f6n aus. Wir hatten Sorgen, ob wir nachher noch Platz f\u00fcr den Nachtisch haben werden. Vielleicht gerade, weil das Brot dort deplaziert lag, ist es mir noch heute in Erinnerung.<\/p>\n<p>Die Absicht meiner Eltern war: Das Brot soll uns daran erinnern, da\u00df wir von ihm leben und dankbar gegen\u00fcber dem Geber sein sollen.<\/p>\n<p>1. Brot ist mehr als zu Mehl gemahlenes und anschlie\u00dfend gebackenes Korn. Brot meint, was wir zum Leben brauchen, n\u00f6tig haben, unbedingte Voraussetzung ist, damit wir leben k\u00f6nnen. Kuchen sieht lecker aus, reizt den Gaumen, wenn wir ihn nur sehen. Kuchen l\u00e4\u00dft uns das Wasser im Munde zusammenlaufen. Aber ohne Kuchen k\u00f6nnen wir leben. Manche m\u00f6gen Kuchen gar nicht besonders, sondern essen lieber einen Schweinebraten. Aber auch von ihnen gilt, wenn es ernst wird, auf den Schweinebraten k\u00f6nnen wir verzichten, aber nicht auf das Brot, das Wasser, die Arbeit.<\/p>\n<p>Brot meint alles, was wir zum Leben brauchen. Luther z\u00e4hlt in seiner Erkl\u00e4rung der 4. Bitte alles auf, was ein Mensch im Wittenberg seiner Tage zum Leben braucht. Das Haus, die Partner, die Kinder, die Kleidung usw. Die lange Aufz\u00e4hlung ist nicht langweilig. Wer sie liest, denkt automatisch: recht hat Luther. Heute m\u00fcssen wir noch einige Dinge hinzuf\u00fcgen. Die Welt hat sich ge\u00e4ndert. Der Arbeitsplatz ist nicht sicher, dabei brauchen wir ihn. Zu trinken ist lebensnotwendig. Das Wasser ist in Deutschland in seiner Reinheit bedroht, und weltweit wird es knapp.<\/p>\n<p>2. Weil das so ist, sind die Probleme gro\u00df, wenn es Probleme mit dem Brot gibt. Zwei Beispiele sollen die Schwere der Probleme zeigen.<\/p>\n<p>Luther rechnet zum Brot die Partnerschaft. Frau und Mann, Eltern und Kinder. Sie alle leben miteinander und m\u00f6glichst gut miteinander. Seit Luther hat sich viel bei uns ge\u00e4ndert. Die Partnerschaft ist davon besonders betroffen. F\u00fcr die Partnerschaft ist vieles getan worden. Jungen und M\u00e4dchen werden nicht mehr lange voneinander ferngehalten. WGs sind entstanden. Paare leben mit oder ohne Trauschein zusammen. Scheidungen sind so umgestaltet worden, da\u00df sie ohne Schwierigkeiten durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Alle diese M\u00f6glichkeiten haben nur den einen Zweck, Partnerschaft zu versch\u00f6nern, wenigstens zu erleichtern. Tatsache ist aber, da\u00df Probleme aus dem Beziehungsbereich ganz oben stehen auf der Liste menschlicher Schwierigkeiten. Paare beschimpfen sich, laufen schon nach kurzer Zeit auseinander, obwohl sie vor kurzem sich noch nach Gemeinsamkeit gesehnt, sie geradezu herbei gew\u00fcnscht haben. In einer solchen Situation hilft auch nicht mehr die Erinnerung an sch\u00f6ne gemeinsame Tage. Das Paar hat h e u t e Hunger, braucht h e u t e das Brot.<\/p>\n<p>Genauso liegen die Dinge in einem anderen Bereich. Luther z\u00e4hlt auch ihn zum Brot. Es geht um die schon erw\u00e4hnte Arbeit. Vor wenigen Jahren hatten wir Arbeit, die im Osten und die im Westen. Arbeit zu schaffen, war nicht leicht in den Jahren nach 1945. Das Land war in West und Ost zerst\u00f6rt. Dennoch gelang es, Arbeit zu schaffen. Im Westen gelang das so gut, da\u00df die im Osten am Westen teilhaben wollten. Die Basis der Arbeitsbeschaffung war die soziale Marktwirtschaft. Der Markt war frei, jede und jeder konnte kaufen und verkaufen, aber die Grenze des Marktes war der Andere. \u00dcber all dem Gesch\u00e4ftlichen wurde nicht vergessen der Mensch, seine Bed\u00fcrfnisse, sein &#8222;W\u00fcrde&#8220;, wie es das Grundgesetz nennt. So wurde die biblische Frage nach dem N\u00e4chsten aktuell \u00fcbersetzt und praktiziert. Die soziale Marktwirtschaft hat ihre Wurzel im biblischen Befund. Heute haben wir auf der einen Seite Arbeitslose und auf der anderen Seite gut, sehr gut Verdienende. An die Stelle der sozialen Marktwirtschaft ist das Denken in Values f\u00fcr Shareholder getreten. Nur noch der Gewinn z\u00e4hlt. &#8211; Mir scheint, wir haben vergessen, das B r o t auf den festlich gedeckten Tisch zu legen.<\/p>\n<p>3. Gott in der Situation zu bitten, f\u00e4llt manchen nicht ein. Anderen f\u00e4llt gerade Gott ein. Dabei haben wir es nicht weit gebracht. Hunger herrscht in der Welt, w\u00e4hrend manche L\u00e4nder nicht wissen, wohin sie mit ihren riesigen Getreidevorr\u00e4ten hin sollen. In G\u00f6ttingen wie anderswo m\u00fcssen Menschen bekocht werden, damit sie nicht verhungern. Arbeitslosengeld, Sozialhilfe reichen nicht aus.<\/p>\n<p>Wer selbst nicht weiter wei\u00df, wendet sich an Fachleute. \u00c4rzte werden konsultiert. Fernsehprogramme laufen mit Ratgebern f\u00fcr die Gesundheit. Wer \u00c4rger mit seinem Arbeitgeber bekommt, wendet sich Rat und Hilfe suchend an die Gewerkschaft oder einen Rechtsanwalt.<\/p>\n<p>Gott zu bitten, f\u00e4llt besonders schwer den Menschen in Westeuropa. Schon in den USA ist es anders, mit denen uns soviel in Wirtschaft und Wissenschaft verbindet. Dort ist das Gebet ein fester Bestandteil im Leben der Menschen, des Staates. Die Befragungsergebnisse sprechen eine sehr deutliche Sprache und zwar schon seit Jahren. Eine \u00fcberzeugende Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Unterschied wurde bislang nicht gefunden. Wie sollen wir auch erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, warum Menschen nach nur wenigen Jahren vergessen haben, den Nachbarn, sein Brot? Wie sollen wir erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, da\u00df Politiker und Manager innerhalb weniger Jahrzehnte vergessen haben, wie sie Elend und Not nach 1945 \u00fcberwunden haben?<\/p>\n<p>Was ist passiert, wenn M\u00fctter in Belgrad auf die Stra\u00dfe gehen m\u00fcssen, um ihre S\u00f6hne heimzuholen, die in den Kosvo geschickt wurden. Eine Mutter sagte, ich habe doch nicht meinen Sohn erzogen, damit er zum M\u00f6rder wird und nachher selbst erschossen wird. Schon vorher waren M\u00fctter in Ru\u00dfland nach Tschechenien gefahren, um ihre S\u00f6hne heimzuholen. Davor hatten M\u00fctter in Buenos Aires Klarheit wegen ihrer verschollenen S\u00f6hne verlangt. Immer ergriffen Frauen die Initiative und wehrten sich gegen die M\u00e4chtigen. Diese \u00fcbersahen \u00fcber aller ihrer Macht, ihrem Wohlstand, da\u00df andere sterben. Es geht jedesmal ums Leben. &#8222;Unser t\u00e4glich Brot gib uns heute.&#8220;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns schon an Gott selbst wenden. Er ist der Sch\u00f6pfer der Welt, und er erh\u00e4lt sie. Gott begn\u00fcgte sich nicht damit, einmal das System Weltall mit einem gro\u00dfen Knall zu starten, um sich anschlie\u00dfend zur\u00fcckzuziehen. Die Theologen sprechen von der Sch\u00f6pfung aus dem Nichts und der Fortdauer der Sch\u00f6pfung. Die Fachtermini sind creatio ex nihilo und creatio continua.. Luther mit seiner Sprachkraft sagte schlicht: Gott schuf uns und erh\u00e4lt uns.<\/p>\n<p>Die 4. Bitte, &#8222;unser t\u00e4glich Brot&#8220;, richtet sich darum an Gott, an ihn selbst.<\/p>\n<p>4. Wir bitten ihn und zwar als unseren Vater! Mit der Anrede &#8222;Unser-Vater&#8220; will uns Gott locken, damit wir zu ihm wie Kinder zu ihrem Vater, zu ihrer Mutter kommen. Kinder wenden sich ganz selbstverst\u00e4ndlich an ihre Eltern, wenn sie Hilfe brauchen. Im Alten und im neuen Testament ist oft von Frauen die Rede, die sich um andere k\u00fcmmern. Einer der \u00e4ltesten Teile der Bibel, wohl der \u00e4lteste \u00fcberhaupt, handelt von einer Frau. Im Neuen Testament findet sich die Geschichte von einem alten Vater. In j\u00fcngeren Jahren war einer seiner beiden S\u00f6hne zu ihm gekommen und hatte Geld verlangt, er wollte sein Erbteil. Der Vater gab ihm das Geld. Der Sohn nutzte das Geld nicht, gab alles aus, kam bettelarm zur\u00fcck. Er konnte sich nicht mehr Brot kaufen. Der Vater nahm ihn trotzdem auf.<\/p>\n<p>Ich denke, wir sollen nicht \u00fcber jenen Sohn gleich die Nase r\u00fcmpfen. Der biblische Text tut das jedenfalls nicht. Der wenig hoffnungsvolle Sohn wird kommentarlos vorgestellt. Ich denke, das ist gut, sogar sehr gut. Wir gleichen jenem Sohn. Es ist geradezu aberwitzig, wie sehr wir jenem Sohn gleichen. Wir produzieren zuviel Korn in unserem Land. Die EU wei\u00df nicht, wie sie mit den Agra\u00fcbersch\u00fcssen fertig werden soll. Sie zahlt zig Milliarden daf\u00fcr und schafft es nicht, die \u00dcbersch\u00fcsse die \u00dcbersch\u00fcsse zu reduzieren. Gleichzeitig hungern Menschen in unserer Stadt. In dieser Situation ist es beruhigend, sehr beruhigend, da\u00df wir einen Vater haben. Wir k\u00f6nnen zu ihm kommen. Wir k\u00f6nnen ihn um das t\u00e4gliche Brot bitten. Dieser Vater wei\u00df um unsere Probleme. Wir brauchen nicht lange Untersuchungen anzufertigen, gelehrte und zudem komplizierte Abhandlungen zu schreiben. Wir k\u00f6nnen ihm einfach 6 W\u00f6rter sagen: unser t\u00e4glich Brot gibt uns heute.<\/p>\n<p>Trostvoll ist ferner, da\u00df, obwohl viele nicht beim t\u00e4glichen Brot an Gott denken, viele gerade an Gott denken. Das &#8222;Vater-unser&#8220; wird bei ganz unterschiedlichen Anl\u00e4ssen gesprochen, in unseren Gottesdiensten, am Grabe, bei Unf\u00e4llen auf Landstra\u00dfen und Bahnstrecken. Keine und keiner braucht sich zu sch\u00e4men, wenn sie, wenn er zum Vater als Kind kommt, das nicht weiter wei\u00df. Kinder genieren sich nicht, zu ihren Eltern zu gehen, sie zu bitten.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir \u00f6fters ein Brot auf den Tisch legen &#8211; auch und gerade dann, wenn wir uns anschicken, K\u00f6stlichkeiten zu verspeisen, wenn das B\u00fcfett reichlich gedeckt ist. Meine Eltern begannen das Essen der sch\u00f6nen Speisen mit dem Brot mittendrin, indem sie ein Gebet sprachen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, meine Eltern legten nur e i n Brot auf den Tisch. Das Fest veranla\u00dfte sie nicht, auch beim Brot \u00fcppig zu werden, vielleicht zwei oder drei hinzulegen oder gar eine Brotpyramide zu bauen.<\/p>\n<p>&#8222;Vater, unser t\u00e4glich Brot gib uns heute.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Ulrich Nembach, Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2, 37073 G\u00f6ttingen,<\/p>\n<p>e-mail: <a href=\"mailto:unembac@gwdg.de\">unembac@gwdg.de<\/a><\/p>\n<p>Martin Luther und Ernst Lohmeyer leiteten die \u00dcberlegungen einerseits und die christliche Soziallehre andererseits. Das Bort ist die Verkn\u00fcpfung beider Bereiche. Luthers Aufz\u00e4hlung biette daf\u00fcr die Basis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Unser t\u00e4glich Brot gib uns heute&#8220; | Predigtreihe zum Vaterunser 4. Teil | 21. Juni 1998 |\u00a0Ulrich Nembach | Liebe Gemeinde, ein Brot liegt auf dem festlich gedeckten Tisch. Unter all den sch\u00f6nen, leckeren Sachen, die es zu essen gibt, liegt ein Brot. 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