{"id":21006,"date":"1998-07-12T09:16:27","date_gmt":"1998-07-12T07:16:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21006"},"modified":"2025-03-12T09:19:19","modified_gmt":"2025-03-12T08:19:19","slug":"predigtreihe-zum-vaterunser-6-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigtreihe-zum-vaterunser-6-teil\/","title":{"rendered":"Predigtreihe zum Vaterunser 6. Teil"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;&#8230; und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220; | Predigtreihe zum Vaterunser 6. Teil | 11. Juli 1998 | Werner Reich |<\/h3>\n<p>Manche kennen diese Geschichte. 40 Tage lang lebt Jesus in der W\u00fcste, bevor er seine Predigt und sein Wirken unter den Menschen begann. In dieser Zeit, so erz\u00e4hlt es der Evangelist Matth\u00e4us, wurde er vom Teufel versucht. Am Ende dieser Pr\u00fcfungen aber kommt es zu den drei Angeboten des Teufels, die wohl die schwersten Versuchungen bedeuten.<\/p>\n<p>Er bietet dem hungernden Jesus die Macht an, aus Steinen Brot zu machen.<\/p>\n<p>Er f\u00fchrt Jesus auf die h\u00f6chste Zinne des Tempels in Jerusalem und fordert ihn auf: &#8222;Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab.&#8220;<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich zeigt er ihm alle Reiche der Welt und will ihm die Macht \u00fcber sie geben, wenn er nur ihn, den Teufel, anbetet.<\/p>\n<p>Aus Steinen Brot machen f\u00fcr die Hungernden; vor allen Menschen etwas Einmaliges tun: Herrscher sein \u00fcber die ganze Welt &#8211; was f\u00fcr eine Versuchung f\u00fcr Jesus &#8211; auch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>&#8222;Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220; beten wir im Vaterunser. Und doch werden wir immer wieder versucht, Macht haben zu wollen, Macht auszu\u00fcben \u00fcber andere, zu herrschen \u00fcber andere, die man sich gef\u00fcgig und abh\u00e4ngig macht.<\/p>\n<p>Diese Versuchung gibt es im Gro\u00dfen und im Kleinen. Den anderen Menschen zu \u00fcbertrumpfen, eigenen Vorteil auf Kosten anderer zu erzielen, besser sein zu wollen, sich durchzusetzen und andere herabsetzen: Das scheint unser Leben im Gro\u00dfen und im Kleinen, in der Familie und im Staat, in der Schule und im Beruf zu pr\u00e4gen. Ellenbogengesellschaft sagt man dazu und meint genau dies: Ich setze mich durch, und andere bleiben auf der Strecke.<\/p>\n<p>Manche k\u00f6nnen da nicht mehr mit. Sie gehen unter, werden ganz klein oder krank. Oder sie schlagen um sich und werden gewaltt\u00e4tig, weil sie nur noch so auf sich aufmerksam machen k\u00f6nnen. Mir gehen die Kinder und die Jugendlichen nicht aus dem Kopf, von denen wir in den letzten Wochen so viel geh\u00f6rt haben. Kinder und Jugendliche, die Gewalt aus\u00fcben, Menschen \u00fcberfallen und auch t\u00f6ten. Und ich frage mich, was da passiert ist, was mit diesen Kindern geschehen ist, Kinder, die in unserer Weit, in unseren Familien und Schulen gro\u00df werden.<\/p>\n<p>Oft ist es so: Nur noch, wer laut schreit oder um sich schl\u00e4gt, wird geh\u00f6rt. Die Leisen, die Vorsichtigen, die K\u00fcmmerlichen gehen unter und haben keine Chance mehr.<\/p>\n<p>Macht zu haben und sie auf Kosten anderer auszu\u00fcben zum eigenen Vorteil, ist eine gro\u00dfe Versuchung. Aber sie sch\u00e4digt Menschen, Kinder und Jugendliche, die immer wieder gedeckelt werden, die immer wieder unterdr\u00fcckt und klein gehalten werden, verlieren\u00a0****wie alle andere das Leben. Sie lernen Gewalt und Unterdr\u00fcckung und werden selber zu Gewaltt\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Jesus widersteht dieser Versuchung der Macht. Er antwortet: &#8222;Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist mehr als ein Gebot. Das ist eine grundlegende Lebens- und Glaubenseinstellung, die uns hier gesagt wird. Gott alleine dienen, das hei\u00dft: Alles. was wir tun, denken, sagen und entscheiden, steht unter diesem Vorzeichen: Es soll Gott dienen. So, wie auf vielen unserer Orgeln der lateinische Satz steht: &#8222;Soli Deo Gloria&#8220;. Allein Gott zur Ehre, zum Ruhm. Ein Satz, der den Musiker oder die Musikerin daran erinnert, f\u00fcr wen er diese Musik macht. Nicht zum eigenen Ruhm, sondern zur Ehre Gottes.<\/p>\n<p>Das ganze Leben unter das Motto &#8222;Gott dienen&#8220; stellen: Das ist schwer. Das schaffen wir doch gar nicht. Gott ist in unserem Alltag oft so fern und nicht in unseren Gedanken. Und doch: Das Vaterunser mit seinen Bitten, auch mit der Bitte, nicht in Versuchung gef\u00fchrt zu werden, hilft uns &#8211; von Zeit zu Zeit, wenn wir es beten &#8211; uns daran zu erinnern und diesen Gedanken nicht zu vergessen. Wenn wir versuchen, unser Leben und Handeln ganz unter das Vorzeichen der Ehre Gottes, des Gott-Dienens zu stellen, dann sind wir gesch\u00fctzt vor den Versuchungen der Macht; gesch\u00fctzt dagegen, wie Gott sein zu wollen und \u00fcber andere zu bestimmen.<\/p>\n<p>Jesus hat das einmal in noch anderer Weise im\u00a0**sogenannten Doppelgebot der Liebe gesagt: &#8222;Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen. von ganzer Seele und von ganzem Gem\u00fct. Das ist das h\u00f6chste und gr\u00f6\u00dfte Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben, wie dich selbst.&#8220;<\/p>\n<p>Es geht also in unseren \u00dcberlegungen noch einen Schritt weiter. Wenn wir Gott aus ganzem Herzen lieben, dann kommt dies unserem N\u00e4chsten zugute, dann handeln wir zu Gunsten unserer Mitmenschen, dann folgt aus der Gottesliebe die N\u00e4chstenliebe. So wie der Musiker oder die Musikerin, die die Orgel zur Ehre Gottes spielt, dann erst recht etwas f\u00fcr die Menschen, die zuh\u00f6ren, tut. Sie hilft ihnen zum Leben, zum Glauben, so wie Musik nur helfen kann.<\/p>\n<p>Das Vaterunser-Beten gibt uns also zweierlei. Wir beten zu Gott um das, was wir brauchen, da\u00df er uns z.B. Brot gebe, aber auch, da\u00df wir nicht versucht werden, unser Leben ohne Gott auf Kosten anderer f\u00fchren zu wollen. Dieses Beten aber ver\u00e4ndert unser Verhalten und f\u00fchrt uns zur Tat f\u00fcr den Mitmenschen und nicht gegen ihn. Es hat einen Sinn, das Vaterunser immer wieder zu beten.<\/p>\n<p>Noch einmal: So zu leben, das ist schwer. Das schaffen wir doch gar nicht. Aber dennoch: Das ist eine Lebensaufgabe, dem wollen wir nachjagen, wie das Paulus einmal ausdr\u00fcckt. Ich bin \u00fcberzeugt, ich glaube, wenn wir es einmal schaffen w\u00fcrden, so zu leben, dann k\u00f6nnten auch wir gleichsam aus Steinen Brot machen, weil wir teilen k\u00f6nnten. So wie Jesus mit f\u00fcnf Broten und zwei Fischen einmal Tausende von Menschen satt gemacht hat, nachdem er Gott gedankt hat.<\/p>\n<p>Ich glaube, wenn wir so leben w\u00fcrden, dann geh\u00f6rt uns die ganze Welt mit ihrer F\u00fclle und ihrem Reichtum, mit ihrer Herrlichkeit. die ganze Sch\u00f6pfung Gottes. Aber sie w\u00fcrde uns allen geh\u00f6ren und uns allen zugute kommen.<\/p>\n<p>Ein letzter Gedanke: Die Kehrseite des Machthaben-Wollens ist die Versuchung, sich fallen zu lassen und sich aufzugeben, ist die Hoffnungslosigkeit. Manche haben viel Anla\u00df dazu. Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Ungl\u00fccke. Es gibt so viel Leid und Krankheit in unserer Welt und in unserem Leben. F\u00fcr viele ist es manchmal zum Verzweifeln.<\/p>\n<p>Da ist die Frau, die pl\u00f6tzlich umf\u00e4llt. Eine Blutung im Gehirn. Seit einem Jahr kann sie sich kaum noch bewegen und ist fast immer bewu\u00dftlos. Zwei Kinder sind da, 11 und 13 Jahre alt und der Ehemann. Ein Schicksal aus der Nachbarschaft. Wie soll man da noch Hoffnung haben? Wie soll man da nicht der Resignation verfallen, sich nicht aufgeben?<\/p>\n<p>Von manchen Menschen wird erz\u00e4hlt: In Augenblicken der h\u00f6chsten Not blieb ihnen nur noch das Vaterunser. Fr\u00fcher mal gelernt, l\u00e4ngst vergessen, kommt es in die Erinnerung zur\u00fcck als Sto\u00dfgebet, als Hilfe in der gr\u00f6\u00dften Not.<\/p>\n<p>Das Gebet, das Vaterunser ist hilfreich in unserem Leben. Die Bitte, nicht in Versuchung gef\u00fchrt zu werden, kann uns zur\u00fcckbringen zu dem Grund unseres Lebens, zu Gott. Das kann uns bewahren vor der Versuchung der Macht, es kann uns sch\u00fctzen vor der Anfechtung der Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Werner Reich<\/p>\n<p>De-Steeg-Weg 1<\/p>\n<p>31303 Burgdorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;&#8230; und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220; | Predigtreihe zum Vaterunser 6. Teil | 11. Juli 1998 | Werner Reich | Manche kennen diese Geschichte. 40 Tage lang lebt Jesus in der W\u00fcste, bevor er seine Predigt und sein Wirken unter den Menschen begann. In dieser Zeit, so erz\u00e4hlt es der Evangelist Matth\u00e4us, wurde er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16362,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[727,157,853,114,3,109,126,913,1549],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21006","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-nt","category-predigten","category-predigtreihen","category-unser-vater","category-werner-reich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21006","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21006"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21006\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21007,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21006\/revisions\/21007"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16362"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21006"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21006"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21006"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21006"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21006"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21006"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21006"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}