{"id":21008,"date":"1998-07-12T09:19:23","date_gmt":"1998-07-12T07:19:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21008"},"modified":"2025-03-12T09:22:24","modified_gmt":"2025-03-12T08:22:24","slug":"predigtreihe-zum-vaterunser-7-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigtreihe-zum-vaterunser-7-teil\/","title":{"rendered":"Predigtreihe zum Vaterunser 7. Teil"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Und erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.&#8220; \u2013 Predigt \u00fcber die 7. Bitte und den Schlu\u00df des Vater Unser | Predigtreihe zum Vaterunser 7. Teil | 17. Juli 1998 | Heinz Behrends |<\/h3>\n<p>Wir haben am Sonntag in der Klosterkirche Nikolausberg oberhalb G\u00f6ttingens ein interessantes\u00a0<a href=\"https:\/\/www.notion.so\/archivpredigten-1b0f6c6b7ab680c09cb4cf9c154e33cf?pvs=21\">Projekt mit Konfirmanden<\/a>\u00a0erfolgreich abgeschlossen. An 12 Nachmittagen im letzten halben Jahr haben sie jeweils an einem Verb aus dem Text des Glaubensbekenntnisses der Kirche gearbeitet, die Schl\u00fcsselworte von empfangen, geboren, gelitten, gekreuzigt bis richten die Lebenden und die Toten f\u00fcr sich erarbeitet. Sie haben zun\u00e4chst jeweils reflektiert, wo das Wort in ihrem eigenen Erfahrungsbereich eine Rolle spielt und wie es im Leben Jesu vorkommt. Dann hat abwechselnd eine Teilgruppe dazu ein Bild auf Leinwand mit Abt\u00f6nfarbe gemalt.<\/p>\n<p>Am Ende des Projektes lagen zehn Bilder zum Leben Jesu und dem Glauben an ihn vor. Das Werk kam zum Abschlu\u00df, indem alle gemeinsam sich auf ein Jesus-Bild einigten und der Sammlung als elftes hinzuf\u00fcgten. Schlie\u00dflich mu\u00dften sie eine Anordnung der elf Bilder finden. Auf diese Weise entstand ein Konfirmanden-Altar, in dem M\u00e4dchen und Jungen von 13 Jahren ihren Zugang zu den Grundthemen des Lebens und des Glaubens ausdr\u00fccken. Der Konfirmanden-Altar wurde in einem Gottesdienst am Sonntag eingeweiht und h\u00e4ngt nun \u00fcber den Sommer in unserer Kirche. Texte der Konfirmanden schlie\u00dfen ihr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Betrachter auf. Unsere gro\u00dfe Entdeckung als Erwachsene war, da\u00df das Thema, das sie am meisten besch\u00e4ftigte, das von &#8222;Gut und B\u00f6se&#8220; ist.<\/p>\n<p>&#8222;Wer Freiheit und Licht erreichen will, sollte nicht s\u00fcndigen,&#8220; so schreiben sie unter ein Bild, das sie zu dem Wort &#8222;zu richten die Lebenden und die Toten&#8220; gemalt haben. Eine nach unten geneigte Waage haben sie auf der rechten Bildh\u00e4lfte vor einem dunklen Gef\u00e4ngnisfeld gemalt, auf der linken Bildh\u00e4lfte die nach oben zeigende Waage vor einem hellen, gr\u00fcnen Hintergrund, auf dem ein Weg in eine Zukunft weist. &#8222;Wir haben eine Waage dargestellt, die zwischen Licht und Freiheit, Unfreiheit und Dunkel abwiegt. Freiheit und Licht sind wie ein Weg, der in einen weiten Horizont f\u00fchrt. Unfreiheit und Dunkelheit sind wie ein vergittertes Gef\u00e4ngnisfeld&#8220;, schreiben Konfirmanden zu ihrem Bild. Sie haben das Bild gleich unter dem oben stehenden Schlu\u00dfbild, dem Jesus-Bild geh\u00e4ngt. Andere meinen, es m\u00fcsse gleich nach dem Bild \u00fcber die Geburt eingeordnet werden. Denn wenn du in die Welt kommst, bist du schon einer, der b\u00f6ses tut.<\/p>\n<p>Wir Unterrichtenden sind verbl\u00fcfft und \u00fcberrascht. Die Kinder kommen aus den H\u00e4usern einer intellektuellen und liberalen Gemeinde. Sie werden von einer Pastoren- und Lehrergeneration erzogen, die den 68igern entwachsen ist, f\u00fcr die Gut und B\u00f6se keine moralischen Kategorien mehr sind. Eine Generation, die auf die Sozialwissenschaften setzte, auf die Psychotherapie. Man kann innere und \u00e4u\u00dfere Prozesse erkennen, bewu\u00dft machen und ver\u00e4ndern. Eine Generation, die auf die P\u00e4dagogik setzte: Man kann Menschen zu Erkenntnissen und ver\u00e4nderten Verhaltensweisen erziehen. Gut und B\u00f6se sind keine Frage von Moral, sondern von Bewu\u00dftsein, angeeigneter Einsicht und daraus folgender Verhaltens\u00e4nderung.<\/p>\n<p>Aber pl\u00f6tzlich reden 13j\u00e4hrige von dem B\u00f6sen, von Urteil und Gericht \u00fcber den Menschen. Es scheint tief im Menschen drin zu stecken, das Wissen um das Abgr\u00fcndige. Die Jugendliche verschlie\u00dfen das Auge davor nicht. Sie sind davon umgeben durch Filme mit apokalyptischen Themen. Rock-Bands schm\u00fccken sich mit Namen von Endzeit und Zerst\u00f6rung. Bilder vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien haben einen Blick in die Abgr\u00fcnde menschlicher Seele gegeben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Arbeit am Konfirmanden-Altar wurden in ihrem ruhigen Stadtteil auf dem Berg ein Nachbar wie zuf\u00e4llig und wahllos bestialisch von einem Mann ermordet, der vor zwei Jahren als geheilt aus der Psychiatrie entlassen wurde. Und in Lens finden Hooligans nur Solidarit\u00e4t und Sinn in ihrem Leben, indem auf b\u00f6se Weise gew\u00e4ltig werden. Von den subtileren Formen der Gewalt ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Das B\u00f6se ist eine Realit\u00e4t. Es ist nicht durch Erziehung, Therapie oder Modelle gesellschaftlicher Ordnung einfach abzuschaffen. Die Konfirmanden scheinen das zu sp\u00fcren und begriffen zu haben. Und pl\u00f6tzlich erscheinen uns mit ihrer Seh-Hilfe die Tierdarstellungen in unserer romanischen Kirche wieder aktuell. Da sind auf den Kapitellen der linken Seite des Hauptschiffes die Drachen zu sehen und der Luchs. Und die linke S\u00e4ule des Torbogens zum Altarraum wird von einem L\u00f6wen getragen, der einen Menschen fri\u00dft. Hier dr\u00fcckt sich nicht die Angst des mittelalterlichen Menschen aus, sondern seine tiefe Einsicht in das Wesen des Menschen. Das B\u00f6se bleibt selbst im Hause Gottes nicht au\u00dfen vor. Aber der L\u00f6we wird von der S\u00e4ule heruntergedr\u00fcckt und die Schw\u00e4nze der Drachen sind verknotet. Das B\u00f6se ist da, aber es ist im Hause Gottes bezwungen.<\/p>\n<p>Die Sprache dieses Raumes, der Konfirmanden-Altar in unserer Kirche und die letzte Bitte des Vater Unser helfen erkennen: Die Erl\u00f6sung von der Kraft des B\u00f6sen mu\u00df von au\u00dfen kommen. Die Versuchung des Menschen ist immer, sein Vertrauen allein auf seine Kraft und auf die eigene Machbarkeit zu setzen. Erl\u00f6se du mich, Gott, von der Macht der Abgr\u00fcnde in mir. Denn Aggressivit\u00e4t und Zerst\u00f6rungslust, Todessehnsucht und Apokalypse schlummern in jedem Menschen. Sie haben eine gesunde, auch kreative Kraft. Aber losgemacht von allen Beziehungen, gewachsen auf einem Boden mangelnden Selbst-Vertrauens wirken sie vernichtend. Ungeb\u00e4ndigt und losgelassen ist das B\u00f6se anzuschauen wie die Fratze des Teufels auf alten Darstellungen in den Kirchen. Wer sch\u00fctzt den Menschen vor sich selbst? Nur Gott allein. Darum sch\u00fctzt der Mensch sich, der sich in die N\u00e4he Gottes bewegt. So findet Schutz, wer sich in das Haus Gottes, in eine Kirche setzt und sich \u00f6ffnet. So findet Schutz der betende Mensch. &#8222;Erl\u00f6se mich von dem B\u00f6sen.&#8220; Meine kleine Kraft reicht nicht aus. Mein Vertrauen ist zu schwach.<\/p>\n<p>Gott wird das B\u00f6se nicht abschaffen. Das Gebet wird ihn nicht bewegen, die Gegenkraft zu vernichten. Der Proze\u00df der Erl\u00f6sung vom B\u00f6sen mu\u00df im Glauben jedes einzelnen geschehen. &#8222;Erl\u00f6se mich von dem B\u00f6sen,&#8220;, formuliert das Vater Unser sehr pers\u00f6nlich. Wenn ich das Vater Unser bete, bringe ich nicht Gott in Bewegung, etwas zu tun, sondern ich bringe mich in Bewegung zu Gott. Seine N\u00e4he wird mich sch\u00fctzen vor Versuchung und Lust des B\u00f6sen. Denn Gott wei\u00df alles, was ich brauche.<\/p>\n<p>Das Gebet ist nicht dazu da, ihm meine W\u00fcnsche mitzuteilen. Es ist der Ort, an dem ich mich ihm n\u00e4here und meine Macht aus dem H\u00e4nden gebe. Das Gebet gibt die Welt in Gottes Hand. &#8222;Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit&#8220;, nicht nur heute und morgen,sondern alle Zeit, &#8222;bis in Ewigkeit&#8220;. Herrschaft, Energie, Macht und Klarheit sind bei Gott. Das Beten des Vater Unser ist ein Schritt, sich in das Vertrauen zu Gott einzu\u00fcben.<\/p>\n<p>Exegetische Anmerkung:<\/p>\n<p>Die Auslegung orientiert sich an einer Theologie des Gebetes, die das Beten als Handeln des Menschen versteht: Der Beter \u00f6ffnet sich, h\u00f6rt, schweigt, klagt, bittet. Gott mu\u00df nicht handeln. Der Beter versetzt sich im Gebet in die N\u00e4he Gottes (Hans Weder, Die Rede der Reden, Z\u00fcrich 1987 S. 176ff).<\/p>\n<hr \/>\n<p>Heinz Behrends<\/p>\n<pre><\/pre>\n<p>In der Worth 7<\/p>\n<p>37077 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Tel 0551\/21222<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Und erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen. Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.&#8220; \u2013 Predigt \u00fcber die 7. Bitte und den Schlu\u00df des Vater Unser | Predigtreihe zum Vaterunser 7. Teil | 17. 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