{"id":21010,"date":"1999-05-12T09:24:11","date_gmt":"1999-05-12T07:24:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21010"},"modified":"2025-03-12T09:29:49","modified_gmt":"2025-03-12T08:29:49","slug":"sinn-und-geschmack-fuers-unendliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/sinn-und-geschmack-fuers-unendliche\/","title":{"rendered":"&#8222;Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche&#8220; | 16. Mai 1999 | Jan Rohls |<\/h3>\n<p>Predigtreihe: &#8222;Ku\u00df des Universums&#8220; Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Sommersemester 1999 in der Markuskirche M\u00fcnchen<\/p>\n<p>&#8222;Es war, als h\u00e4tt\u2019 der Himmel\/ Die Erde still gek\u00fc\u00dft,\/ Da\u00df sie im Bl\u00fctenschimmer\/ Von ihm nur tr\u00e4umen m\u00fc\u00dft.&#8220; Mit diesem Ku\u00df des Universums beginnt eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Romantik: die &#8222;Mondnacht&#8220; des schlesischen Freiherrn Joseph von Eichendorff.<\/p>\n<p>Der Himmel k\u00fc\u00dft die Erde. Unendliches und Endliches ber\u00fchren sich, verschmelzen wie zwei Liebende, werden eins. Ist es nicht eine neue Welt, ist es nicht die ganze Welt, die man in der Geliebten, dem Geliebten anschaut? Und das Gef\u00fchl, das damit verbunden ist, hebt es nicht alle Schranken auf? Erhebt es einen nicht \u00fcber alles Kleinliche, Begrenzte, Endliche? Anschauung und Gef\u00fchl des Universums, Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche-: so hat der reformierte Prediger an der Berliner Charit\u00e9, so hat Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher die Religion verstanden wissen wollen.<\/p>\n<p>Die Religion, das ist kein Wissen, das Kindern durch den Katechismus eingetrichtert wird und das Erwachsene durch die Lekt\u00fcre von kirchlichen Dogmen und Bekenntnisschriften oder gar theologischer Fachliteratur erlernen. Die Religion besteht aber auch nicht in der korrekten Erf\u00fcllung der zehn Gebote. Sie ist weder Wissen noch Moral, weder Denken noch Handeln. Nein, sie ist Anschauung und Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Schleiermacher wollte damit die Religion den Gebildeten unter ihren Ver\u00e4chtern nahebringen. Jenen, die weder mit trockenen Katechismen, Dogmen und imposanten theologischen Lehrgeb\u00e4uden noch mit einem Katalog von Gesetzen, Vorschriften und Verboten mehr etwas anzufangen wu\u00dften. Und die Gebildeten der jungen Generation um 1800 wu\u00dften damit nun einmal nichts mehr anzufangen. Das traditionelle kirchliche Christentum mit seinen Dogmen und Bekenntnissen war ihnen fremd geworden. Aber ebenso fremd geworden war ihnen die trockene Moralreligion, die die Aufkl\u00e4rer an seine Stelle gesetzt hatten, die Pflichterf\u00fcllung und das gute Handeln, das man als das einzig wahre Glaubensbekenntnis statt des toten Buchstabenglaubens empfahl.<\/p>\n<p>Die Gebildeten der jungen Generation, das waren die Romantiker, die ihren Goethe gelesen und &#8222;Werthers Leiden&#8220; mitgelitten hatten. Das war die Generation, der Schleiermacher selbst, der die Br\u00fcder Schlegel, Novalis und Schelling angeh\u00f6rten. F\u00fcr sie war die neue Antwort auf die alte Frage gedacht. Was ist Religion? Weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gef\u00fchl des Universums, Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche. Eine Sache des Herzens mehr denn eine Sache des Verstandes oder des Willens. Nichts, was \u00e4u\u00dferlich an einen herangetragen wird, sondern etwas zutiefst Innerliches, ein heiliger Instinkt, der bei dem frommen Hindu, Muslim oder Juden ebenso vorhanden ist wie bei dem frommen Orthodoxen, Katholiken, Lutheraner, Reformierten und Pietisten der Herrnhuter Br\u00fcdergemeine. Wer immer religi\u00f6s und fromm ist, der hat eben dies: Anschauung und Gef\u00fchl des Universums, Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche.<\/p>\n<p>Sinn und Geschmack, das sind zwei Begriffe, die man gew\u00f6hnlich nicht in erster Linie mit der Religion verbindet. Sie sind doch eher im Umkreis von Kunst und \u00c4sthetik daheim. Sinn und Geschmack sind vonn\u00f6ten, wenn man Kunstwerke verstehen und beurteilen will. Kunstgeschmack und Kunstsinn, das sind gel\u00e4ufige Wortverbindungen. Wenn man daher von Sinn und Geschmack auch im Zusammenhang mit der Religion spricht, dann stellt man eine Beziehung her zwischen der Religion und der Kunst.<\/p>\n<p>Und in der Tat: Religion und Kunst sind f\u00fcr Schleiermacher zwei befreundete Seelen. \u00dcber ihre Beziehung l\u00e4\u00dft sich gerade an diesem Ort gut reden, angesichts der benachbarten Pinakotheken und des nahen Ensembles von Musentempeln am K\u00f6nigsplatz. Leo von Klenze, der Architekt sowohl der Alten Pinakothek als auch des K\u00f6nigsplatzes, hatte seine eigenen Vorstellungen \u00fcber das enge Verh\u00e4ltnis von Kunst und Religion. Der urspr\u00fcngliche Plan des K\u00f6nigsplatzes sah vor, da\u00df der Glypthothek als dem Tempel der Kunst eine Apostelkirche als Tempel Gottes gegen\u00fcberstehen sollte. Der Plan gelangte zwar nicht zur Ausf\u00fchrung. Aber auch in seiner jetzigen Form verleiht das Ensemble am K\u00f6nigsplatz mit seiner Verbindung der Museen und der Basilika St. Bonifaz der Verbindung von Kunst und Religion lebhaften Ausdruck.<\/p>\n<p>Schon die Begriffe &#8211; &#8222;Kunsttempel&#8220; oder &#8222;Musentempel&#8220; &#8211; machen deutlich, wie stark man damals in der Epoche der Romantik die Verwandtschaft von Kunst und Religion empfand. Das Museum wurde ebenso wie das Theater, das Opernhaus oder der Konzertsaal zur \u00e4sthetischen Kirche. Es gibt, gleichzeitig mit Schleiermachers Reden &#8222;\u00dcber die Religion&#8220; erschienen, also vor zweihundert Jahren, ein literarisches Dokument, das wie kein zweites diese Verwandtschaft der Kunst mit der Religion besingt. Seine Verfasser sind zwei junge Romantiker, Wackenroder und Tieck, die den g\u00f6ttlichen Raffael und den frommen N\u00fcrnberger Meister D\u00fcrer als Kunstheilige verehren. &#8222;Herzensergie\u00dfungen eines kunstliebenden Klosterbruders&#8220;, so der Titel ihrer kunstfrommen kleinen Traktats.<\/p>\n<p>Die Kunst spricht wie die Religion das Herz an. Ja, mehr noch: die Kunst ist eine Sprache Gottes, in ihr offenbart sich Gott. Daher ist das angemessene Verh\u00e4ltnis zur Kunst eigentlich religi\u00f6s. Der wahre Kunstsinn und Kunstgeschmack ist selbst Religion, ist Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche. Und ist es nicht tats\u00e4chlich so?<\/p>\n<p>Wenn wir einmal einen klaren Trennungsstrich ziehen zwischen Kunst und Kulturindustrie, w\u00fcrden wir da nicht sagen, da\u00df uns im Kunstwerk eine h\u00f6here Wahrheit begegnet? Ist das Kunstwerk nicht der Vorschein einer \u00fcberlegeneren Wirklichkeit? Tritt uns in ihm nicht etwas entgegen, dem wir Absolutheit nicht absprechen k\u00f6nnen? Ist Tizians &#8222;Dornenkr\u00f6nung&#8220; in der Alten Pinakothek nicht mehr als eine farbige Illustration einer biblischen Erz\u00e4hlung? Und ist der Schlu\u00dfsatz von Beethovens Neunter Symphonie nicht mehr als nur die Vertonung einer Ode von Schiller?<\/p>\n<p>Es klingt altmodisch, wenn man heutzutage vom erhebenden Charakter der Kunst spricht. Dabei hat der im selben Umkreis beheimatete Begriff des Erhabenen in letzter Zeit eine erstaunliche Renaissance erfahren. Die Kunst erhebt-: das bedeutet, da\u00df wir uns im Kunstwerk auf eine andere, h\u00f6here Wirklichkeit beziehen, auf das, was man zur Zeit Schleiermachers das Unendliche, das Universum oder das Absolute nannte. Kunst und Religion scheinen somit etwas miteinander gemein zu haben. Noch die Kunstwerke von Beuys beziehen ja ihr Pathos aus dieser Affinit\u00e4t. Beide scheinen sich als Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche, als Anschaung und Gef\u00fchl des Universums beschreiben zu lassen. Denn beide erheben uns vom Endlichen zum Unendlichen, zum Absoluten.<\/p>\n<p>Bislang war von Gott zumindest nicht w\u00f6rtlich die Rede. Stattdessen fielen Begriffe wie &#8222;das Universum&#8220;, &#8222;das Absolute&#8220;, &#8222;das Unendliche&#8220;. Steckt dahinter Methode? Erinnern wir uns an den Dialog zwischen Gretchen und Faust! &#8222;Glaubst du an Gott?&#8220;, fragt die fromme Kirchg\u00e4ngerin Gretchen. Und der studierte Theologe antwortet ausweichend mit einer Gegenfrage: &#8222;Wer darf ihn nennen?&#8220; Warum dieses Ausweichen, und warum die Vermeidung des Gottesbegriffs?<\/p>\n<p>Schleiermachers Antwort deckt sich in diesem Fall mit derjenigen von Faust. Mit dem Gottesbegriff verbinden beide die Vorstellung eines h\u00f6chsten Wesens, das der Welt transzendent ist und sie mit Verstand und Willen regiert. Kurzum, der Gottesbegriff ist personal. Wenn man von Gott spricht, dann stellt man sich ein pers\u00f6nliches Gegen\u00fcber vor, ein Du, das man anreden kann und das in einem Jenseits wohnt, das man als Himmel bezeichnet. Das ist eine Vorstellung von Gott, wie sie Gretchen in der Kirche aus dem Munde des Pfarrers vermittelt bekommen haben d\u00fcrfte. Aber zugleich ist das eine Vorstellung, mit der die Gebildeten unter den Ver\u00e4chtern der Religion zur Zeit Schleiermachers herzlich wenig anfangen konnten.<\/p>\n<p>Ein pers\u00f6nlicher Jenseitsgott, das ist gewi\u00df nicht der Allm\u00e4chtige und Alliebende, dessen Gegenwart Goethes Werther in der Natur f\u00fchlt. Das ist nicht der Allumfasser und Allerhalter, von dem Faust spricht. Nein, der Gott Goethes und Schleiermachers ist ein anderer Gott. Er ist der Gott, den Paulus meint, wenn er auf dem Areopag zu den Athenern sagt: &#8222;F\u00fcrwahr, Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.&#8220; In ihm leben, weben und sind wir. Das l\u00e4\u00dft sich nicht von einem pers\u00f6nlichen Wesen sagen, da\u00df welttranszendent in einem himmlischen Jenseits wohnt.<\/p>\n<p>Goethe greift denn auch die paulinische Botschaft begierig auf, wenn er in Bezug auf Gott erkl\u00e4rt: &#8222;Ihm ziemt\u2019s, die Welt im Innern zu bewegen,\/ Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,\/ So da\u00df, was in Ihm lebt und webt und ist,\/ Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermi\u00dft&#8220;. Diesen Gott, der uns nicht ferne ist wie der transzendente Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde, der das Abbild des absoluten Herrschers zu sein scheint, diesen nahen Gott, in dem wie leben, weben und sind, von ihm las man damals nicht nur bei dem orthodoxen Paulus, sondern auch noch bei einem weit moderneren Autor. Gemeint ist der heterodoxe, aus der Synagoge ausgesto\u00dfene Amsterdamer Jude Spinoza. Gott und Natur, f\u00fcr Spinoza sind beide eins.<\/p>\n<p>Und dieser Gottesbegriff, der nun gar nichts mehr gemein hat mit der traditionellen Vorstellung eines transzendenten pers\u00f6nlichen Weltsch\u00f6pfers und Weltherrschers, ist es, der sich hinter Schleiermachers Begriff des Universums, des Unendlichen verbirgt. Denn um die Unendlichkeit Gottes w\u00e4re es schlecht bestellt, wenn er uns und allem Endlichen als ein Du gegen\u00fcberst\u00fcnde. Er h\u00e4tte dann ja seine Grenze am Endlichen und w\u00e4re damit selbst endlich. Und ein endlicher Gott, das ist doch ein Widerspruch in sich. So ist Gott also nicht der transzendente pers\u00f6nliche Weltregent, sondern er ist das Unendliche, das Universum, das Absolute, in dem wir leben, weben und sind.<\/p>\n<p>Die Religion als Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche, Anschauung und Gef\u00fchl des Universums. Wo aber schaue ich das Universum an, wo offenbart es sich mir? F\u00fcr viele K\u00fcnstler der romantischen Generation war das die Natur. Man denke nur an die Bilder von Phillip Otto Runge oder Caspar David Friedrich. Man mu\u00df sich nur einmal die Landschaftsbilder Friedrichs dr\u00fcben in der Neuen Pinakothek anschauen, und man merkt sofort, wie die Landschaft den Betrachter hier in eine and\u00e4chtige Stimmung versetzt. Die Natur wird zur Offenbarung des Unendlichen. Nicht umsonst tr\u00e4gt eines der Bilder Friedrichs den Titel &#8222;Der M\u00f6nch am Meer&#8220;. Einsam und winzig verglichen mit der unendlichen Weite des Himmels steht da an der Spitze der K\u00fcste ein M\u00f6nch, versunken in der and\u00e4chtigen Betrachtung des Alls. Er schaut das Unendliche in der Natur an, und er f\u00fchlt es in der Natur. Ist das nicht ein Erlebnis, das wir kennen, an das wir uns zumindest erinnern, wenn wir zur\u00fcckgehen in unsere Jugend? Ist das nicht das, was &#8211; in welch verd\u00fcnnter Form auch immer &#8211; noch dem Erlebnis des Sonnenaufgangs in der W\u00fcste, des Alpengl\u00fchens oder der Waldeinsamkeit zugrundeliegt?<\/p>\n<p>Doch so naheliegend es auch ist, das Unendliche in der Natur zu suchen, f\u00fcr Schleiermacher ist die Natur nur der Vorhof zum eigentlichen Tempel, in dem das Unendliche gegenw\u00e4rtig ist. Dieser Tempel ist f\u00fcr ihn die Menschheit, ja, die Menschheitsgeschichte. Und auch hier wieder klingt die Verwandtschaft von Religion und Kunst an. Die Geschichte der Menschheit, sie wird ihm zum Tempel der Zeit, zur Galerie religi\u00f6ser Ansichten, in denen die Kunstwerke der Religion ausgestellt sind, gro\u00dfe historische Bilder, die das Universum gemalt hat. Nicht die Natur also, sondern die Geschichte ist die eigentliche Offenbarung des Unendlichen. Hier, in der Geschichte vollzieht sich das immer weiter fortschreitende Erl\u00f6sungswerk der ewigen Liebe.<\/p>\n<p>Wie ja, und man darf an diese Worte Schleiermachers nicht erinnern angesichts der gegenw\u00e4rtigen Kriegsgreuel, &#8222;wie die lebendigen G\u00f6tter nichts hassen als den Tod, wie nichts verfolgt und gest\u00fcrzt werden soll als er, der erste und letzte Feind der Menschheit. Das Rohe, das Barbarische, das Unf\u00f6rmliche, soll verschlungen und in organische Bildung umgestaltet werden&#8220;. Die Menschheitsgeschichte vor allem wird so zu dem Ort, an dem sich das Unendliche offenbart. Und es offenbart sich in der Weise, da\u00df der Tod durch das Leben, die Knechtschaft durch die Freiheit besiegt wird. Es offenbart sich in der Liebe. Wo sie geschieht, da ist das Absolute, da ist Gott gegenw\u00e4rtig. Und Religion ist es, wenn man das Universum, das Unendliche, wenn man Gott in der Menschheitsgeschichte anschaut und f\u00fchlt, in der sich f\u00fcr Schleiermacher der Sieg des Lebens \u00fcber den Tod, also die Humanit\u00e4t verwirklicht. Gott wird also angeschaut und gef\u00fchlt im Proze\u00df der Kultur, und Religion und Kultur geh\u00f6ren daher aufs engste zusammen.<\/p>\n<p>Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche. Vielleicht mu\u00df man in einer Zeit wie der unsrigen betonen, da\u00df die Religion auf das Unendliche, das Absolute geht. Die Gefahr ist relativ gering, da\u00df man das Absolute zu sehr theoretisch oder praktisch behandelt. Die Gefahr d\u00fcrfte eher darin liegen, da\u00df das Absolute \u00fcberhaupt aus dem Bewu\u00dftsein der westlichen Zivilisation verschwindet.<\/p>\n<p>Wo immer Religionen lebendig sind, wird das Bewu\u00dftsein des Absoluten, des Unendlichen, kurzum Gottes zumindest wachgehalten. Es mag dann zum Streit um die Art und Weise kommen, wie das Absolute gefa\u00dft wird. Auch diesen Streit zwischen den Religionen kennen wir. Aber das Ende der Religion \u00fcberhaupt w\u00e4re gleichbedeutend mit dem Ende des lebendigen Bewu\u00dftseins vom Absoluten. Den Anfang dieses Bewu\u00dftseins hat Schleiermacher in der Sprache der Mystik als br\u00e4utliche Umarmung beschrieben, in dem Anschauung und Gef\u00fchl, Endliches und Unendliches, der Mensch und Gott noch ganz eins sind. &#8222;Ich liege am Busen der unendlichen Welt: ich bin in diesem Augenblick ihre Seele, denn ich f\u00fchle alle ihre Kr\u00e4fte und iher unendliches Leben wie mein eigenes, sie ist in diesem Augenblicke mein Leib, denn ich durchdringe ihre Muskeln und ihre Glieder wie meine eigenen, und ihre innersten Nerven bewegen sich nach meinem Sinn und meiner Ahndung wie die meinigen&#8220;.<\/p>\n<p>Das ist der Ku\u00df des Universums, in dem Endliches und Unendliches, Mensch und Gott eins sind. So haben es die Mystiker aller Zeiten gesehen. Ein anderer Schlesier, Johannes Scheffler, hatte es hundert Jahre vor Schleiermacher so ausgedr\u00fcckt: &#8222;Gott ist in mir\/ und ich in Ihm.\/ Gott ist in mir das Feur\/ und ich in Ihm der Schein:\/ Sind wir einander nicht gantz jnniglich gemein?&#8220; F\u00fcr diese gegenw\u00e4rtige Einheit von Mensch und Gott, Endlichem und Unendlichem willen gibt Schleiermacher sogar die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode preis. Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein im Augenblick, das ist f\u00fcr ihn die wahre Unsterblichkeit. Es ist die Erhebung zum Unendlichen, es ist die Religion, die uns von den Fesseln der Endlichkeit befreit und den Weg in eine Welt \u00f6ffnet, zu der uns der platte Empirismus ebensowenig bringt wie der Materialismus, Relativismus oder Skeptizismus. Darin gleicht die Religion ja gerade der Kunst, die uns auch in eine h\u00f6here Welt f\u00fchrt und dadurch die Wirklichkeit mit anderen Augen sehen lehrt. Erst durch diese Erhebung zum Unendlichen aber gelangt die Seele des Menschen zur Ruhe.<\/p>\n<p>Um an Eichendorffs Gedicht vom Anfang wieder anzukn\u00fcpfen. Dessen letzte Strophe lautet, nachdem zuvor vom Ku\u00df des Himmels die Rede gewesen war: &#8222;Und meine Seele spannte\/ Weit ihre Fl\u00fcgel aus,\/ Flog durch die stillen Lande,\/ Als fl\u00f6ge sie nach Haus.&#8220;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Jan Rohls<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche&#8220; | 16. 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