{"id":21012,"date":"1999-06-12T09:26:23","date_gmt":"1999-06-12T07:26:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21012"},"modified":"2025-03-12T09:29:04","modified_gmt":"2025-03-12T08:29:04","slug":"das-allerheiligste-der-geselligkeit-die-lebendigkeit-der-religion-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-allerheiligste-der-geselligkeit-die-lebendigkeit-der-religion-2\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Allerheiligste der Geselligkeit &#8211; Die Lebendigkeit der Religion&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Das Allerheiligste der Geselligkeit &#8211; Die Lebendigkeit der Religion&#8220; | 13. Juni 1999 | Wolfgang Steck |<\/h3>\n<p>Predigtreihe: &#8222;Ku\u00df des Universums&#8220; Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Sommersemester 1999 in der Markuskirche M\u00fcnchen<\/p>\n<p>1. Preis, Lob und Dank &#8211; ein dreifaches Hoch auf die Kirche haben wir eben gesungen und damit unseren religi\u00f6sen Beitrag zum s\u00e4kularen Stadtgr\u00fcndungsfest geliefert. Man kann sich M\u00fcnchen nicht ohne seine Stra\u00dfen und Gassen vorstellen, ohne seine Pl\u00e4tze und G\u00e4rten, ohne die Orte der Betriebsamkeit, der Geselligkeit und der Mu\u00dfe. Aber was w\u00e4re M\u00fcnchen ohne seine religi\u00f6se Silhouette, ohne den Wald von T\u00fcrmen, die den Blick vom Alltagspflaster l\u00f6sen und nach oben lenken, zu der himmlischen Stadt, in der Gottes Geist regiert. Und was w\u00e4re unsere irdische Heimatstadt ohne die gro\u00dfen und kleinen Kirchenschiffe, in denen sich &#8218;Gottes Hausgenossen&#8216; an jedem Sonntag versammeln und dabei ihr himmlisches &#8218;B\u00fcrgerrecht&#8216; genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein dreifaches Hoch auf die Kirche. Denn wenn es die Kirche nicht g\u00e4be, dann w\u00e4re es um die Religion schlecht bestellt. Wo sollte das religi\u00f6se Leben sonst herkommen als aus dem Scho\u00df der Kirche; und wie k\u00f6nnte die Fr\u00f6mmigkeit bl\u00fchen und gedeihen, wenn sie nicht von der Kirche gehegt und gepflegt w\u00fcrde. Die Kirche ist der Ursprung alles Religi\u00f6sen und die Mutter aller Gl\u00e4ubigen; bei ihr finden wir Schutz und Geborgenheit, sie &#8218;wehrt unserem Jammer&#8216;, so haben wir eben gesungen, sie tr\u00f6stet uns in dunklen Stunden, und sie geleitet uns durch die Wechself\u00e4lle des Lebens. Am Beginn unseres Lebenswegs, wenn wir aus der Taufe gehoben werden, steht die Kirche Pate, sp\u00e4ter, am Traualtar, segnet sie den Bund unserer Ehe; und wenn sich einst der Kreis unseres Lebens schlie\u00dft, dann kehren wir in den Scho\u00df der Kirche zur\u00fcck. Die Kirche umf\u00e4ngt uns mit ihrem Segen. Au\u00dferhalb der Kirche gibt es kein geheiligtes Leben.<\/p>\n<p>Die Kirche begleitet jeden auf seinem Lebensweg; sie ist die Institution der im Leben verwirklichten Religion. Aber sie ist noch mehr: sie ist der Ort, an dem die Religion Gestalt gewinnt, wo sie gesellig wird, wo Menschen die Religion in der Gemeinschaft pflegen, im kleineren und im gr\u00f6\u00dferen Kreis, in Gottesdiensten und in Gemeindegruppen, auf dem Hesselberg und auf dem Stuttgarter Kirchentag. Die Kirche ist die Heimat der Religion, die religi\u00f6se B\u00fcrgerstadt. Wer in der Kirche zuhause ist, der braucht die Welt nicht zu f\u00fcrchten. Im Gegenteil: sein religi\u00f6s geschultes Auge findet auch drau\u00dfen im Leben verdeckte Spuren der Religion, in der Musik und in der Kunst, in der Bildung und in der Wissenschaft. Aber das alles ist nur ein matter Abglanz der Religion. Die wahre Religion gibt es nur in der Kirche.<\/p>\n<p>2. Religion ist Kirche, Kirche ist Religion &#8211; das ist eine einfache Gleichung. Aber die Rechnung geht nicht so einfach auf. Das wei\u00df jeder aus eigener Erfahrung. Es gibt heutzutage vieles in der Kirche, was mit Religion wenig zu tun hat. Und es gibt vielf\u00e4ltige Gestalten gelebter Religion, die mit der Kirche wenig im Sinn haben. Und ob die lebendige Religion in den H\u00e4nden der kirchlichen Gro\u00dforganisationen gut aufgehoben ist, das scheint zumindest den Kritikern der Kirche durchaus zweifelhaft. Und Kirchenkritiker finden sich nicht nur unter den aus der Kirche Ausgetretenen; gerade wer es mit der Kirche gut meint, leidet nicht selten unter ihr.<\/p>\n<p>Vermutlich geh\u00f6rt keiner von uns zu den radikalen Religionskritikern, zu den &#8218;Ver\u00e4chtern der Religion&#8216;, die Schleiermacher in seinen &#8218;Reden \u00fcber die Religion&#8216; anspricht. F\u00fcr sie ist Religion nichts als Aberglaube, eine Verwirrung des gesunden Menschenverstandes, eine &#8218;Zerr\u00fcttung des Gem\u00fcts&#8216;. Dem aufgekl\u00e4rten Zeitgenossen sind die religi\u00f6sen Fanatiker l\u00e4stig. Aber er kommt nicht so leicht gegen sie an. Denn erfahrungsgem\u00e4\u00df ist den von der Religion Verblendeten kaum zu helfen; sie wissen nichts von ihrer Krankheit und halten ihre verquerten Ansichten f\u00fcr die reine Wahrheit. Man l\u00e4\u00dft sie deshalb am besten, wie sie sind, toleriert ihre Absonderlichkeiten und h\u00e4lt sich von ihnen fern.<\/p>\n<p>Aber auch das ist leichter gesagt als getan. Denn die religi\u00f6s Gesinnten ziehen sich nicht aus dem Leben zur\u00fcck, sondern schlie\u00dfen sich zu Religionsgemeinschaften zusammen und legen alles darauf an, die menschliche Gemeinschaft mit ihrem Ungeist zu durchtr\u00e4nken. Solange der religi\u00f6se Bazillus auf wenige begrenzt bleibt, schreibt Schleiermacher mit ironischem Unterton, solange kann sich jeder &#8218;durch eine zweckm\u00e4\u00dfige Behandlung, gleichsam durch eine der Entz\u00fcndung widerstehende Di\u00e4t und durch gesunde Luft&#8216; vor religi\u00f6sen Infektionen sch\u00fctzen. Kommen sich die Menschen aber zu nahe, dann wird durch einige wenige &#8218;bald die ganze Atmosph\u00e4re vergiftet&#8216; und auch &#8218;der ges\u00fcndeste K\u00f6rper von dem fieberhaften Wahnsinn ergriffen&#8216;. &#8218;Deshalb ist euer Widerwille gegen die Kirche noch gr\u00f6\u00dfer als gegen die Religion selbst&#8216;.<\/p>\n<p>Die scharfen T\u00f6ne sind inzwischen au\u00dfer Mode gekommen. Religionskritiker halten die Kirche heutzutage eher f\u00fcr &#8218;eine unbedeutsame als f\u00fcr eine gef\u00e4hrliche Erscheinung&#8216;, wie Schleiermacher schon f\u00fcr seine Zeit notiert. Seitdem sind 200 Jahre vergangen, eine Epoche, in der die Kirchen weiter an Bedeutung verloren haben; und keiner wei\u00df so recht, ob er in das sattsam bekannte Klagelied \u00fcber die Entkirchlichung der Religion einstimmen soll; oder ob er die Befreiung der pers\u00f6nlichen Fr\u00f6mmigkeit von der Herrschaft der Kirche nicht lieber als eine Errungenschaft der Moderne feiern soll. Denn ein K\u00f6rnchen Wahrheit m\u00fcssen auch wir, die Liebhaber der Religion, den Gegnern der Kirche zugestehen.<\/p>\n<p>Ist die Religion das Allerpers\u00f6nlichste im Leben, eine Gestimmtheit des frommen Gem\u00fcts, der sensible &#8218;Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche&#8216;, dann l\u00e4\u00dft sich die lebendige Religion nicht in die toten Gem\u00e4uer der Kirchen einsperren. Die Herzensreligion l\u00e4\u00dft sich keine Vorschriften machen; sie l\u00e4\u00dft sich nicht reglementieren, nicht organisieren und schon garnicht verwalten; sie braucht die frische Luft und den weiten Raum; sie braucht die innere Freiheit von \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4ngen. Religi\u00f6se Freiheit und kirchliche Reglementierung der Religion vertragen sich nicht miteinander. Gerade f\u00fcr die religi\u00f6s beseelten Menschen &#8211; so schreibt Schleiermacher &#8211; ist das Kirchenchristentum die &#8218;knechtische Aufopferung des Eigent\u00fcmlichen und Freien&#8216;, der religi\u00f6sen Originalit\u00e4t und Spontanit\u00e4t, ein Schematismus &#8218;geistloser Mechanismen und leerer Gebr\u00e4uche&#8216;, ganz davon zu schweigen, wieviele &#8218;verkehrten Bestrebungen&#8216; und wieviele &#8218;traurigen Schicksale&#8216; den &#8218;Religionsvereinigungen&#8216; anzulasten sind.<\/p>\n<p>Deshalb stehen nicht nur die Ver\u00e4chter der Religion, sondern gerade ihre Liebhaber der Kirche kritisch gegen\u00fcber. Sie verwahren sich im Interesse der gelebten Religion gegen die Gleichsetzung von Religion und Kirche. Religion ist etwas anderes als Kirche, geradezu ihr Gegenst\u00fcck. Die Religion verliert ihren bl\u00fchenden Charme, wenn sich der kalte Reif der Kirche auf sie legt.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Vielleicht kommen wir der Religion sogar am besten auf die Spur, wenn wir die Gleichung von Religion und Kirche nicht nur aufl\u00f6sen, sondern wenn wir sie zur Probe einmal auf den Kopf stellen: Kirche und Religion passen einfach nicht zueinander; wer die Religion finden will, der darf sie nicht in der Kirche suchen. Denn die wahre Religion lebt nicht in \u00f6ffentlichen Institutionen und Organisationen, sondern im privaten Leben, im Verborgenen, im stillen &#8218;K\u00e4mmerlein&#8216;, wie wir von Jesus gelernt haben, tief drinnen im Herzen. Das fromm gestimmte Gem\u00fct ist die ureigenste &#8218;Provinz&#8216; der Religion, wie Schleiermacher sagt, der gesch\u00fctzte Raum, in dem sich die Religion ungest\u00f6rt entfalten kann und in dem sie auf nat\u00fcrliche Weise gedeiht.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir kennen wohl alle Momente im Leben, in denen uns die Religion ergreift und uns so in Beschlag nimmt, da\u00df wir ganz mit uns selbst im Reinen sind und zugleich die ganze Welt umarmen k\u00f6nnten, heilige Augenblicke, in denen die Zeit still steht und der Raum um uns verschwindet, Momente unendlichen Gl\u00fccks, in denen die Ewigkeit und das All nach uns greifen und wir den &#8218;Ku\u00df des Universums&#8216; auf unseren Lippen sp\u00fcren, zeitlose Momente, in denen wir &#8211; mit Schleiermachers poetischen Worten &#8211; &#8218;am Busen der unendlichen Welt&#8216; liegen: &#8218;ich bin in diesem Augenblick ihre Seele, denn ich f\u00fchle ihr unendliches Leben wie mein eigenes; sie ist in diesem Augenblicke mein Leib, denn ich durchdringe ihre Muskeln und ihre Glieder wie meine eigenen&#8216;. Wir f\u00fchlen die Religion, tief im Innern, und wissen zugleich, da\u00df sie von weit drau\u00dfen kommt.<\/p>\n<p>Die Betrachtung der Natur kann einem solche Grenzerfahrungen vermitteln. Drau\u00dfen auf dem Meer, wo die Erde zur Insel wird, in enge Grenzen gefa\u00dft, und dar\u00fcber die Grenzenlosigkeit des Himmels. Der Blick geht \u00fcber das ausgespannte Wasser. Der Himmel spiegelt sich darin, tags\u00fcber die Wolken, luftiger Stoff, Sinnbild leichten Lebens, und bei Nacht die Sterne, Fixpunkte, an denen der Blick nach oben gleitet, in die unendliche Weite des Kosmos. Am Horizont, dort wo die Luft zwischen Himmel und Wasser flimmert, geht alles ineinander \u00fcber. Das Universum schlie\u00dft sich und nimmt uns in sich auf. Ein Gef\u00fchl von Unendlichkeit, grenzenloses Gl\u00fcck. Ein Augenblick, der ohne Zeit ist, unverg\u00e4nglich und ewig.<\/p>\n<p>Oder allein auf dem Gipfel, \u00fcber den Wolken, dort, wo die Freiheit grenzenlos ist, dem Himmel n\u00e4her als der Erde. Wenn der Wolkenteppich an ein paar Stellen zerrei\u00dft, dann schimmern von unten sonnenbestrahlte Ausschnitte durch, &#8218;aufgerissene Aussichten&#8216; einer verzauberten Welt. Was auf der Erde gro\u00df erscheint, nimmt sich in der himmlischen Optik ganz klein aus, Seen glitzern wie Sternbilder, Almen liegen wie Mooskissen da, W\u00e4lder wie dunkle Flicken. Um uns der Himmel, der Wind und die Sonne &#8211; alles auf einer Ebene. Leicht werden wir, schwerelos, als g\u00e4lten die Gesetze der Schwerkraft hier oben nicht. Dort, wo sich Himmel und Erde begegnen, an der Grenze des weiten Horizonts, verliert sich der Blick im Unendlichen.<\/p>\n<p>Solche lichten Momente sind selten; sie reihen sich nicht aneinander wie die Stunden und Tage der grauen Alltagswelt; die heiligen Augenblicke, die Sternstunden und die Gipfelpunkte eines Lebens, sind einzigartig; sie lassen sich nicht voraussehen, und sie kehren niemals wieder. Und sie sind zerbrechlich; sie verfliegen, wie sie gekommen sind. Wir k\u00f6nnen die religi\u00f6se Stimmung nur auskosten, wenn wir sie f\u00fcr uns behalten, in uns nachklingen lassen, in ihrer reinen, himmlischen Harmonie. Man kann solche Gl\u00fccksmomente deshalb nicht mit anderen teilen; man kann sie nicht einmal ausdr\u00fccken. Sobald wir das Unbeschreibliche in Worte fassen, geht sein Zauber verloren. Das Erlebnis der Religion ist das Allerintimste, es geh\u00f6rt nur mir selbst; und es bleibt f\u00fcr immer mein Geheimnis. Ist die Religion also in der freien Natur zuhause, an einsamen Pl\u00e4tzen, wo kein Mensch hinkommt, wo jeder mit sich allein ist. Ist die Einsamkeit der Ort der Religion?<\/p>\n<p>Auch in der Moral findet die Religion der Einsamkeit eine Heimat. Wer immer nach den anderen schielt und es allen Leuten recht machen m\u00f6chte, der wird nie zu sich selbst finden; er verliert sich in der Menge. Wer dagegen nur seiner eigenen \u00dcberzeugung folgt, wer nur auf die Stimme seines Gewissens h\u00f6rt und sich nicht in das Regelwerk gesellschaftlicher Konventionen einspannen l\u00e4\u00dft, der f\u00fchlt die Religion in sich, der wei\u00df sich ganz mit sich eins und doch zugleich von einer h\u00f6heren Macht geleitet. Es mag sein, da\u00df einen seine religi\u00f6se \u00dcberzeugung einsam werden l\u00e4\u00dft; am Ende versteht einen vielleicht keiner mehr. Aber solange einer im Einklang mit sich selbst lebt, ist er sich seiner selbst gewi\u00df. Ist das auf sich selbst gestellte Gewissen also der Ort der Religion?<\/p>\n<p>Oder ist die Religion in der Einsamkeit zuhause, die wir in stillen Stunden pflegen, irgendwo und zugleich nirgendwo, wo einer alles um sich vergi\u00dft, den Raum und die Zeit, das Ger\u00e4usch des Alltags und das Licht des Tages, wo einer im Innenraum lebt, ganz in sich selbst versunken, dort, wo nichts zwischen mich und meinen Gott treten kann und ich mir sicher bin, mit ihm eins zu sein, mit ihm zu verschmelzen. Ist die mystische Einkehr der Ort, an dem die Religion zu finden ist? Ist die Religion also auf jener \u00e4u\u00dfersten Grenze des Lebens angesiedelt, die wir nur erreichen, wenn wir die Sinne nach innen kehren und der Au\u00dfenwelt den Abschied geben? &#8218;La\u00df vergehen das Gesicht, H\u00f6ren, Schmecken, F\u00fchlen weichen, la\u00df das letzte Tageslicht mich auf dieser Welt erreichen: wenn der Lebensfaden bricht; meinen Jesum la\u00df ich nicht&#8216; &#8211; so hat der Bach-Chor die Erfahrung innerer Ent\u00e4u\u00dferung vorhin intoniert.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Die Religion des Herzens hat viele Gesichter. Wir erleben sie in der symbolischen \u00c4sthetik der Natur, in der verpflichtenden Stimme des Gewissens und in der meditativen Versenkung in uns selbst. Wie immer sich die Religion in solchen heiligen Augenblicken aber zur Erfahrung bringt, es ist nicht die vorgeformte, die ritualisierte Kirchenreligion, die Religion, die das zerflie\u00dfende Leben in geordnete Bahnen bringt. Es ist das Gegenst\u00fcck dazu: das au\u00dfergew\u00f6hnliche und au\u00dferallt\u00e4gliche Ereignis, das die Wirklichkeit auf den Kopf stellt und die Welt in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4\u00dft, das unbedingte Ergriffensein von der Transzendenz, die Faszination des ganz anderen. Es ist die ungeb\u00e4ndigte, die nat\u00fcrliche Religion und zugleich die ganz und gar pers\u00f6nliche Religion, die Fr\u00f6mmigkeit, die sich mit niemand teilen und die sich keinem mitteilen l\u00e4\u00dft; denn es gibt keine Sprache, die das religi\u00f6se Erleben jemals ganz erfassen k\u00f6nnte. Die private Religion ist die Religion der Einsamkeit, die verschwiegene und zugleich die stumme Religion.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Gerade deshalb sind Naturfr\u00f6mmigkeit, Moralfr\u00f6mmigkeit und Herzensfr\u00f6mmigkeit unvollkommene Formen der Religion. Sie vermitteln uns zwar einen Eindruck von der Lebendigkeit der Religion, von der lebensstiftenden Kraft des Religi\u00f6sen; aber sie sind nicht die lebendige Religion selbst. Denn lebendig wird die Religion erst, wenn sie nicht in die Einsamkeit des frommen Herzens verbannt wird, sondern wenn sie auf den Markt des Lebens tritt, wenn sie sich mitten im Alltagsleben abspielt und alle Verh\u00e4ltnisse des Lebens mit ihrem Geist durchtr\u00e4nkt. Bleibt die Fr\u00f6mmigkeit im stillen K\u00e4mmerlein eingeschlossen, dann geht es ihr genauso wie der vom Alltagsleben abgetrennten Sonntagsfr\u00f6mmigkeit: sie bleibt im &#8218;Vorhof&#8216; der Religion stehen, wie Schleiermacher sagt, und dringt nicht in das &#8218;Allerheiligste&#8216; vor, dorthin, wo sich Religion und Leben miteinander vereinen. Die Religion findet ihren Ort im Allerheiligsten. Aber das Allerheiligste ist nicht der vom Leben abgetrennte heilige Bezirk, die spirituelle Einsamkeit, sondern die im Leben verwirklichte und von der Religion durchdrungene Geselligkeit.<\/p>\n<p>Deshalb kann das religi\u00f6se Erleben nicht bei sich selbst stehen bleiben; es mu\u00df sich \u00e4u\u00dfern: &#8222;Ist die Religion einmal, so mu\u00df sie notwendig auch gesellig sein; es liegt nicht nur in der Natur des Menschen, sondern ganz vorz\u00fcglich auch in der Natur der Religion. Wie sollte einer gerade die Einwirkungen des Universums f\u00fcr sich behalten, die ihm als das Gr\u00f6\u00dfte und Unwiderstehlichste erscheinen? Wie sollte er gerade das in sich festhalten wollen, was ihn am st\u00e4rksten aus sich heraustreibt?&#8220;<\/p>\n<p>Erst in der Geselligkeit wird die Religion vollkommen. Dort, wo einer die Religion nicht im Geheimen pflegt und keinen daran teilhaben l\u00e4\u00dft, sondern dort, wo Menschen die Religion zum Medium ihres geselligen Lebens machen. Erst dann k\u00f6nnen wir die Faszination des Religi\u00f6sen in ihrem vollen Umfang entdecken. Gewi\u00df, keiner kann sein religi\u00f6ses Erleben mit anderen teilen, keiner kann so empfinden wie ein anderer. Aber er kann sich mit anderen \u00fcber das Geheimnis der Religion austauschen und dabei neuartige Erfahrungen mit der Religion machen. Im Gespr\u00e4ch zwischen Lebenspartnern, zwischen Eltern und Kindern, im Freundeskreis unter Gleichgesinnten und auch in der Begegnung mit dem Fremden: im Dialog zwischen Kirchlichen und Unkirchlichen, zwischen Katholiken und Protestanten, in der Gemeinschaft von Angeh\u00f6rigen verschiedener Religionen. Wenn wir den Geist des Lebens nicht hemmen, sondern ihm freien Lauf lassen, dann zieht die Religion bei uns ein: in unsere Herzen, in unsere Kirchen und in die vielf\u00e4ltigen Gestalten des geselligen Lebens. &#8218;Komm, o komm du Geist des Lebens, wahrer Gott von Ewigkeit&#8216;.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Wolfgang Steck<\/p>\n<hr \/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Das Allerheiligste der Geselligkeit &#8211; Die Lebendigkeit der Religion&#8220; | 13. Juni 1999 | Wolfgang Steck | Predigtreihe: &#8222;Ku\u00df des Universums&#8220; Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher Universit\u00e4tsgottesdienste der Universit\u00e4t M\u00fcnchen im Sommersemester 1999 in der Markuskirche M\u00fcnchen 1. 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