{"id":21018,"date":"1998-11-12T19:51:33","date_gmt":"1998-11-12T18:51:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21018"},"modified":"2025-03-12T19:54:29","modified_gmt":"2025-03-12T18:54:29","slug":"roem-818-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roem-818-23\/","title":{"rendered":"R\u00f6m 8,18-23"},"content":{"rendered":"<h3>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, Volkstrauertag | 15.11.1998 | R\u00f6m 8,18-23 | Heinz Behrends |<\/h3>\n<p>&#8222;Denn ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das \u00e4ngstliche Harren der Kreatur wartet darauf, da\u00df die Kinder Gottes offenbar werden. Die Sch\u00f6pfung ist ja unterworfen der Verg\u00e4nglichkeit &#8211; ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Sch\u00f6pfung wird frei werden von der Knechtschaft der Verg\u00e4nglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, da\u00df die ganze Sch\u00f6pfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich \u00e4ngstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erl\u00f6sung unseres Leibes.<\/p>\n<p>Eine Kirche kann sprechen. Ich h\u00f6re die Klosterkirche sprechen, wenn ich aus meinem unruhigen allt\u00e4glichen Tun in meine Kirche gehe. Einige Stufen den Berg hinab gehe ich, vorbei an den Gr\u00e4bern, die die Kirche umgeben, dann in der T\u00fcrschwelle eine Stufe hinab. Wie in ein Schiff steige ich. Aus meiner bedrohten Umwelt komme ich in das Haus Gottes. Habe mich von den Gr\u00e4bern an den gr\u00f6\u00dften Feind des Lebens, den Tod erinnern lassen, bin aber dann im bergenden Schiff. Wie Noah seine Leute und die Tiere in der Arche bergen und wie Jesus seinen J\u00fcngern auf dem schwankenden Boot auf st\u00fcrmischer See die Angst nehmen konnte, so erfahre ich den Kirchenraum als St\u00e4tte der Bewahrung. Ich setze mich hinten neben an den Mittelgang und werde ruhig. Mein Blick richtet sich nach vorn in den Altarraum. Er ist konzentriert auf diese Mitte wie alles in diesem Mittelschiff auf dieses Zentrum dort vorne konzentriert ist. Das Zentrum meines Glaubens. Die Geschichte vom Kreuz Christi. Die Bilder des Schnitzaltares sind mir vertraut, ich erkenne sie von weiterem. Aber hinter der hohen Wand des Altares ist noch Raum. Er scheint mir heller zu strahlen als das Licht drau\u00dfen vor der Kirche. In der achteckigen Rundung des Chorraumes verdichten sich auf engstem Raum in der Wand f\u00fcnf hohe Fenster. Sie lassen alles Licht dieser Welt in den Raum. Am Ende meines Blickes ist Licht. Am Ende ist Hoffnung, ist Auferstehung. Je heller der lichte Raum hinter dem Altar mir erscheint, desto dunkler ist die Wand des Schnitzaltares. Wo Licht ist, ist viel Dunkel, so dr\u00fcckt der Volksmund diese vertraute Erfahrung aus. Ich schaue noch einen Augenblick von meinem Platz in der Richtung Osten, Richtung Orient. Ich bin orientiert an der Geschichte von Kreuz und Auferstehung. Diese Blickrichtung in meiner Kirche, diese Erfahrung und Grundeinsicht hat sich tief in meine Seele eingegraben. Und ich freue mich \u00fcber jede andere Kirche, in der ich das wieder entdecke. Am Ende ist Licht, ist Leben. Diese Erkenntnis ist leicht zu tragen, wenn sie einge\u00fcbt ist und ich munter in der letzten Reihe der Kirche meine Sinne ausrichte.<\/p>\n<p>Wenig greifen, wenig \u00fcberzeugen und tr\u00f6sten mag sie, wenn ich mittendrin stecke im Leid. Wenn die H\u00fctte, der einzige Lebensraum, von der Flut in Sekunden weggeschwemmt und die Armut doppelt bestraft wird wie bei Menschen in Mittelamerika in diesen Tagen. Wenn der Bruder trotz Rettungsversuch und die eigene Frau in wenigen Tagen nacheinander an Krebs sterben, wie es dem Mann in dieser Woche geschehen ist, dessen Lieder ich leidenschaftlich gerne laut mitsinge: Herbert Gr\u00f6nemeyer. Da klingt der Zuspruch des Apostels zynisch, vollmundig, fast unertr\u00e4glich. &#8222;Ich bin gewi\u00df, da\u00df dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.&#8220; Ich lebe jetzt und leide jetzt. Ja, vielleicht mag ich das Bild meiner Kirche einmal erinnern, wenn es mir selbst elend geht. Aber Leiden gegen Herrlichkeit in einen Vergleich bringen, klingt nach Vertr\u00f6stung oder Nicht-Ernst-Nehmen.<\/p>\n<p>Oder des Apostels Versuch einer Tr\u00f6stung l\u00e4\u00dft mich v\u00f6llig unbeteiligt, weil es mir zur Zeit gut geht. Was soll ich st\u00f6hnen \u00fcber Leiden? Ich pers\u00f6nlich k\u00f6nnte damit den Text als nicht aktuell zur Seite legen. Trifft zur Zeit nicht zu! La\u00df uns \u00fcber etwas anderes reden.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte das tun, wenn der Apostel nicht weit \u00fcber das pers\u00f6nliche Geschick hinaus denken w\u00fcrde. Er bezieht in sein Nachdenken die ganz Sch\u00f6pfung mit ein. Er tut das \u00fcbrigens hier f\u00fcr uns erkennbar das einzige Mal. Darum macht er mich besonders neugierig. Ich blicke aus Anla\u00df des Volkstrauertages in die Erfahrungen des letzten Krieges zur\u00fcck. Anschaulich wurde es mir in den Erz\u00e4hlungen meiner Eltern. Die ganze Sch\u00f6pfung st\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Aufregend war das, wenn mein Vater mit den Nachbarn am Abend zusammenkam, die M\u00e4nner unter sich, und sie erz\u00e4hlten von ihren Kriegserlebnissen. Es schien das einzige Mal zu sein, da\u00df sie in ihrem Leben aus ihrer begrenzten Heimat Ostfriesland herausgekommen waren, die gro\u00dfe weite Welt erfahren hatten. Auf dem Flakbunker in Hamburg, an der wunderbaren K\u00fcste Norwegens, und in Frankreich vor allem, Wein und Brot kam in F\u00fclle auf den Tisch. Mit Begeisterung erz\u00e4hlten sie davon und \u00fcberboten sich mit ihren tollen Erlebnissen. Und ich h\u00f6rte als Junge staunend und gerne zu. Andere Erfahrungen wurden nicht mitgeteilt. Da\u00df die Panzer ganze Landschaften aufrissen, da\u00df die Atlantik-K\u00fcste zum Schutz gegen Alliierte mit Beton zugegossen wurde, da\u00df die zum Gesch\u00fctztransport eingesetzten Pferde bei Granateneinschl\u00e4gen zerfetzt wurden. Das habe ich erst sp\u00e4ter aus B\u00fcchern erfahren. Es gibt kaum eine Zeit wie den Krieg, in der alle Sch\u00f6pfung st\u00f6hnt und geschlagen wird. Die Erfahrung der Verg\u00e4nglichkeit allen Lebens kann nicht deprimierender sein als in den Zeiten, in denen der Mensch selbst das Zerst\u00f6rungswerk in Gang setzt.<\/p>\n<p>Was meine Mutter vom Krieg erz\u00e4hlte, klang sehr anders. Selten erz\u00e4hlte sie davon, dann aber in stillem Ton. Als Kind hielt ich beim Zuh\u00f6ren den Atem an. Ihr Mann, mein Vater, freiwillig von 1939-45 Soldat, Mutter allein mit ihren drei Kindern und dem polnischen Zwangsarbeiter auf dem Hof. Englische Tiefflieger brummten \u00fcber die Wiese, wenn sie die K\u00fche molk, und bedrohten alles Leben um sie herum. Ihre Angst \u00fcbertrug sich Jahre nach allem immer noch auf mich. Meine Mutter in Lebensgefahr. Und nur sie deutet an, wie aus Tieffliegern auf dem nicht flakgesch\u00fctzten flachen Land K\u00fche erschossen wurden. Wie der Feuerschein vom drei\u00dfig Kilometer entfernten Emden ahnen lie\u00df, da\u00df nicht nur H\u00e4user und Menschen elend verbrannten-.<\/p>\n<p>Die ganze Sch\u00f6pfung seufzst unter der Last der Verg\u00e4nglichkeit. Die M\u00fctter und Frauen scheinen daf\u00fcr ein empfindsameres Gef\u00fchl zu haben als die Soldaten, die M\u00e4nner.<\/p>\n<p>&#8222;Die Sch\u00f6pfung ist unterworfen der Verg\u00e4nglichkeit,&#8220; schreibt der Apostel. Und er meint damit offensichtlich mehr als unsere etwas melancholischen Herbstgef\u00fchle angesichts der fallenden Bl\u00e4tter und schwindenden Haare. Und ich denke, er meint mehr als unsere Einsichten in \u00f6kologische Katastrophen, die Menschen im gro\u00dfen und kleinen der Natur antun. Dies Gef\u00fchl umfassender Verg\u00e4nglichkeit, das alles Leben ergreift, meint er. Und das sitzt tief. Es ist uns in unsrer gegenw\u00e4rtigen Situation nur deshalb nicht bedr\u00e4ngend, weil wir gen\u00fcgend materielle M\u00f6glichkeiten der Zerstreuung und Verdr\u00e4ngung haben, die uns daran vorbeisehen lassen.<\/p>\n<p>Wer aber mitten drin steckt, der wei\u00df, wovon Paulus redet. Er harrt, wartet auf Besserung. Er seufzst, um seinem Schmerz f\u00fcr einen Augenblick Erleichterung zu verschaffen. In seinem Sehnen dr\u00fcckt er aus, da\u00df er \u00c4nderung, Besserung w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Es wird anders werden, sagt der Apostel. Damit meint er offensichtlich nicht nur ein Leben nach dem Tod. &#8222;Sie warten darauf, da\u00df die Kinder Gottes offenbar werden.&#8220; &#8222;Sie sehnen sich nach der Kindschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Wo liegt die Rettung, die Erl\u00f6sung von der Kraft der Verg\u00e4nglichkeit. Sie ist schon in uns angelegt. &#8222;Die wir den Geist als Erstlingsgabe haben.&#8220; Da ist offensichtlich schon etwas in uns angelegt. Der Geist als Geschenk Gottes. Der Geist Gottes macht frei, sagt er kurz vorher. Dieser Geist ist bei Paulus immer der Geist, der Christus auferweckt hat. Es ist etwas unverw\u00fcstliches in mir. Gott hat es geschenkt, Erstlingsgabe, sein erstes Geschenk f\u00fcr mich. Er tritt mir zur Seite, wenn ich schwach werde. Er spricht f\u00fcr mich, wenn ich nicht mehr kann, weil ich kein Wort mehr \u00fcber die Lippen bringe, nur seufzen kann.<\/p>\n<p>Aber wie wird in mir wirksam, was in mir angelegt ist, aber ged\u00e4mpft, erstickt ist durch Erfahrungen von Leid und Qual? Ich glaube, das geschieht durch Worte und Bilder, die sich in mich eingepflanzt haben. Hoffnungsbilder. Eine bl\u00fchende Rose im Winter, ein flie\u00dfender Bach, eine lachende Frau nach drei Jahren schlimmster Erfahrungen. Das k\u00f6nnten meine Bilder sein. Aber auf keinen Fall sind es Argumente. Hoffnung speist sich nicht aus Argumenten. Sondern aus Bildern wie der einge\u00fcbte und verinnerlichte Blick in meiner Kirche. Hinter dem Kreuz der Raum des Lichtes. Ob er mir einmal helfen wird, ich wei\u00df es nicht. Ich hoffe es. &#8222;Denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht?!<\/p>\n<p>Am Ende werde ich das Gef\u00fchl nicht los, ich bin in meiner Predigt doch leicht mit einem schweren Wort umgegangen. Mag sein. Bew\u00e4hren werde ich es im Leben m\u00fcssen. Und dann noch einmal eine ganz andere Tiefe durchschreiten m\u00fcssen, um mit Paulus sagen zu k\u00f6nnen: &#8222;Ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.&#8220; Davon bin ich \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Nachtrag: Zur Erl\u00e4uterung der Predigt:<\/p>\n<p>Das Thema von Leiden und Hoffnung ist t\u00fcckisch f\u00fcr den Prediger. Zu oft ist er durch die Perikopenordnung dazu aufgefordert, dar\u00fcber zu predigen. Die Gefahr der Banalisierung ist gro\u00df. Wenn Paulus in R\u00f6m 8 die ganze Sch\u00f6pfung in seine Reflexion des Leidens mit einbezieht, darf Hoffnung nicht in kleine M\u00fcnze verwandelt werden.<\/p>\n<p>Der Kasus des Volkstrauertags ist f\u00fcr viele Gemeinden aufgrund traditioneller Strukturen oder des Nachdenkens im Rahmen einer Friedenswoche in diesen Tagen noch aktuell. So sollte der Prediger daran nicht vorbeisehen.<\/p>\n<p>Der vorliegende Entwurf beginnt aus theologischen und rhetorischen Gr\u00fcnden positiv, bezieht Erfahrungen des Krieges mit ein und schlie\u00dft mit Bildern der Hoffnung.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Heinz Behrends, In der Wort 7, 37077 G\u00f6ttingen, Tel.\/Fax 0551\/21222<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, Volkstrauertag | 15.11.1998 | R\u00f6m 8,18-23 | Heinz Behrends | &#8222;Denn ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 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