{"id":21020,"date":"1999-09-12T19:54:33","date_gmt":"1999-09-12T17:54:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21020"},"modified":"2025-03-12T19:57:43","modified_gmt":"2025-03-12T18:57:43","slug":"lukas-1828-30","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1828-30\/","title":{"rendered":"Lukas 18,28-30"},"content":{"rendered":"<h3>15. Sonntag nach Trinitatis | 12.9.1999 | Lk 18,28-30 | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nEben hatte Jesus den &#8222;reichen J\u00fcngling&#8220;, diesen gesetzestreuen, gerechten jungen Mann, traurig gemacht und vor den Kopf gesto\u00dfen mit der Forderung, alle G\u00fcter zu verkaufen, den Erl\u00f6s an die Armen zu verschenken und ihm, Jesus, nachzufolgen. Das brachte der nicht \u00fcbers Herz und zog bedr\u00fcckt ab. Und dann hatte Jesus den J\u00fcngern gegen\u00fcber noch nachgesetzt: &#8222;Es ist leichter, da\u00df ein Kamel gehe durch ein Nadel\u00f6hr, als da\u00df ein Reicher in das Reich Gottes komme.&#8220; (V.25) Dar\u00fcber wird diesen die eigene Situation bewu\u00dft: Sie hatten um Jesu willen alles verlassen und waren ihm nachgefolgt &#8211; einfach so, nur weil er sie in seine Nachfolge gerufen hatte. Nun weisen sie Jesus darauf hin &#8211; die darin steckende Frage braucht gar nicht eigens gestellt zu werden; sie liegt auf der Hand: &#8222;Und was ist f\u00fcr uns dabei herausgekommen?&#8220;<\/p>\n<p>Ja &#8211; was kommt eigentlich dabei heraus, wenn Jesus einen Menschen in seine Nachfolge ruft, und dieser Mensch folgt dem Ruf? Um es klipp und klar auszusprechen: Rechnet es sich? Wird dieser Mensch wenigstens am Ende sagen k\u00f6nnen: Es hat sich gelohnt?<\/p>\n<p>Die standen im Leben und kamen aus dem Alltag; Heilige im Sinne von Legende oder Fabel waren sie nicht, sondern n\u00fcchterne und &#8211; wie ihr Hinweis zeigt &#8211; n\u00fcchtern denkende und klar sehende M\u00e4nner. Nun ist die Stunde der Wahrheit gekommen: Alles hatten sie um Jesu willen aufgegeben &#8211; und was hatte er ihnen zu bieten? Unterschwellig lauert dabei die Frage: Hat sich &#8222;der reiche J\u00fcngling&#8220; nicht vern\u00fcnftig, nicht kl\u00fcger verhalten?<\/p>\n<p>Jesu Antwort ist \u00fcberraschend und unbefriedigend zugleich. Unbefriedigend &#8211; denn die Erfahrung lehrt: Wer um Jesu willen alles aufgibt und zur\u00fcckl\u00e4\u00dft, ist ein Depp und kommt zu kurz. In einer diesseitigen, in Soll und Haben denkenden und berechnenden Welt sowieso. Doch auch in der Kirche und unter Frommen. Auch hier wird ein solcher Mensch &#8211; wie stets und \u00fcberall &#8211; ausgenutzt, \u00fcbergangen, benutzt, doch bei Gelegenheit auch gerne vorgezeigt und in Sonntagszeitung oder Schulfibel fallweise zum Vorbild stilisiert, wom\u00f6glich Anla\u00df zu Worten wider den Materialismus&#8230; Und die J\u00fcnger selbst? Haben sie &#8222;in dieser Zeit&#8220; das Verlassene &#8222;vielf\u00e4ltig wieder empfangen&#8220;? Soweit wir wissen: kaum; sondern als Exponenten der ersten christlichen Gemeinde teilten sie deren Los: Bedr\u00fcckung, Verfolgung und Armut. Allerdings: sie waren seither nicht allein. Sondern sie hatten seither Familie und Zuhause, wo immer Christenmenschen lebten.<\/p>\n<p>Und Jesu Antwort ist \u00fcberraschend, und das gleich doppelt. \u00dcberraschend einmal darin, da\u00df Jesus sich als nicht weltfern oder jenseitig fixiert erweist. Er versteht die unausgesprochene Frage sofort, er nimmt sie ernst und gibt Antwort. Eine Antwort, die die J\u00fcnger erh\u00f6ht und auszeichnet. Denn in ihr steckt: Ich wei\u00df, ich wei\u00df doch nur zu gut, da\u00df ihr um des Reiches Gottes willen alles zur\u00fcckgelassen habt, was Menschen lieb ist, was Menschen bindet, was menschliche Werte \u00fcberhaupt ausmacht; ihr, ihr habt vollzogen, was dieser junge Mann verweigert. Das habe ich durchaus im Blick: IHR SOLLT UND WERDET EMPFANGEN. In dieser Zeit bereits &#8211; nein, nicht in Mark und Pfennig, in Haben und Gewinn. Vielmehr indem ihr all\u00fcberall Menschen finden sollt und auch finden werdet, die euch sein werden, was ihr verlie\u00dft: n\u00e4chste Menschen, die euch tragen oder die, umgekehrt, euch Ziele und Sinn geben. Und insgesamt: Ihr sollt und werdet LEBEN, und dieses Leben wird neu sein und keine Einschr\u00e4nkung mehr kennen, auch dem Tode nicht. Kurzum, die Antwort lautet: Ich habe euch verstanden; ich wei\u00df, was f\u00fcr euch auf dem Spiel steht. F\u00dcR EUCH IST GESORGT.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend aber ist Jesu Antwort vor allem darin, da\u00df er mit ihr in einen anderen, unerwarteten Zusammenhang stellt, und zwar ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie leise. Das macht, er bricht aus den normalen, den \u00fcblichen Zusammenh\u00e4ngen aus. Wir sind es gewohnt, in Soll und Haben zu denken, in Einsatz und Gewinn, in Investition und Rendite, kurzum: in Geben und Nehmen. Wer dieses Schema verl\u00e4\u00dft, ist entweder ein Verschwender, der es dick haben mu\u00df, um sich&#8217;s leisten zu k\u00f6nnen, oder ein Spinner. So oder so aber gibt ein solcher Mensch Anla\u00df, nach seiner Verantwortlichkeit zu fragen. Um es scharf zu sagen: Das macht unsere Lebenswelt aus, da\u00df gerechnet wird &#8211; gerechnet auch im nicht Berechenbaren, etwa: Wir haben die N.s nun schon so oft eingeladen; jetzt sind die auch mal dran; oder: Ich habe so viel von meiner Zeit und auch aus Eigenem hineingebuttert; ich sehe doch gar nicht ein, da\u00df nun ausgerechnet der hier etwas sagt, der nur&#8230;; oder auch: Ich will nichts geschenkt; und wenn einmal die gro\u00dfe Abrechnung kommt, dann will ich mit gutem Gewissen sagen k\u00f6nnen&#8230;<\/p>\n<p>Mit seiner Antwort streift Jesus diese Zusammenh\u00e4nge und dieses Denken einfach ab: Die um des Reiches Gottes willen etwas aufgegeben haben, die sollen und werden empfangen. Dabei meint \u00bbReich Gottes\u00ab: was Jesus verk\u00f6rpert und wof\u00fcr er steht. Und die daf\u00fcr hingegeben, die daf\u00fcr sich selbst hingegeben haben, die sollen empfangen. Soll und Haben oder auch Einsatz und Gewinn sind die gewohnten Denkweisen dieser unserer Welt. Die des Reiches Gottes aber sind Hingabe und Empfangen. Hingabe &#8211; sie rechnet nicht, sie schielt auch nicht auf Vorteil, Gewinn oder Nutzen. Sie ist ganz und gar, selbstvergessen, im besten Sinne dieses alten Wortes einf\u00e4ltig. Empfangen &#8211; wer empf\u00e4ngt, lebt aus der freien Zuwendung anderer und ist darin wie ein Bettler oder wie ein Kind im Haus, so oder so also dem entnommen, sich das N\u00f6tige selber erarbeiten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Erinnerung an Bettler oder Kind im Haus st\u00f6\u00dft nat\u00fcrlich ab. Es ist nicht nur unser nat\u00fcrlicher Stolz, sondern auch unser elementares Recht, als Erwachsene f\u00fcr uns selber zu stehen. Unbestritten! Doch als Gesch\u00f6pfe unseres Sch\u00f6pfers &#8211; ? Auch in der Zeit der Nachkommen des Schafes Dolly und der von Pfaffen posaunten &#8222;Verantwortung f\u00fcr die Sch\u00f6pfung&#8220; (Wir! F\u00fcr die Sch\u00f6pfung!!) sind wir von ihm abh\u00e4ngig wie je und eh und vor ihm blo\u00dfe Bettler. Und dank Jesus Christus ist er unser Vater, sind wir also nicht zuf\u00e4llige Ameisen im All, sondern haben beim Sch\u00f6pfer Hausrecht, und wir nehmen es wahr, indem wir beten: &#8222;Unser Vater im Himmel&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Hingabe und Empfangen &#8211; das klingt frei und f\u00fcrstlich, das spiegelt eine Welt, einen Geist, in denen Kr\u00e4mertum und Berechnung, in denen Erwerbsdenken und Streberei abgetan sind; das l\u00e4\u00dft vor unserem inneren Auge eine durch und durch menschliche Welt aufsteigen, eine Lebenswelt, in der es nicht an erster Stelle darum geht, ob sich etwas rechnet &#8211; weil n\u00e4mlich die Neigung, ja der Zwang zum Rechnen \u00fcberwunden ist. Hingabe und Empfangen als die Begriffe des Reiches Gottes &#8211; nehmen wir getrost das Geheimnis des Werdens von menschlichem Leben als dessen Inbegriff. Die Gegenwelt, die des Rechnens und des Erwerbdenkens, das ist die der Fabrikation, des Klonens und auch der Produktion von Menschen &#8211; alles mit hohem Aufwand nicht nur an Gelehrsamkeit und Technik, sondern nicht zuletzt insbesondere an Kapital; und es soll Rendite erbringen, und zwar nicht zu knapp &#8211;<\/p>\n<p>Hingabe und Empfangen als gleichsam Strukturmerkmal des Reiches Gottes &#8211; in einer Zeit, wo zwischen r\u00f6mischen Katholiken und Lutheranern seit Jahr und Tag um die Rechtfertigungslehre gestritten und Einvernehmen gesucht wird, mag die Erinnerung n\u00fctzlich sein: Dies, da\u00df wir uns Gott einfach hingeben und darauf vertrauen, von ihm alles, alles zu empfangen &#8211; ohne Rechnen, ohne Abw\u00e4gen &#8211; , das war es, was Luther als das Geschehen der Rechtfertigung verk\u00fcndigte. Das, was er als Inbegriff und Summe des Evangeliums erkannte und ihm selber zum Lebensinhalt wurde.<\/p>\n<p>Kurz vor seinem Tode hatte er auf einem Zettel notiert: &#8222;Wir sind Bettler, das ist wahr.&#8220; Er war Gottes Bettler gewesen und darin stolz und stark; er hat etwas von dem vor unseren Augen erkennbar werden lassen, wie wir reichlich empfangen, wo wir dazu frei geworden sind, hinzugeben, uns selber hinzugeben.<\/p>\n<p>Wir haben auch andere Beispiele vor Augen. Darum ist uns die &#8211; unausgesprochene &#8211; Frage der J\u00fcnger n\u00e4her: Was kommt f\u00fcr uns dabei heraus? Und in dieser Frage stecken viele Zweifel, Skepsis und auch Mi\u00dftrauen gegen gro\u00dfe Worte.<\/p>\n<p>Es gibt allein die Antwort, die Jesus gibt &#8211; eine Antwort, die herausf\u00fchrt aus dem Schema von Geben und Nehmen, die hineinf\u00fchrt in die Welt von Hingabe und Empfangen; eine Antwort, die er selber bew\u00e4hrt hat mit seinem eigenen Weg und die Gott best\u00e4tigt hat mit Ostern:<\/p>\n<p>Es ist niemand, der ein Haus verl\u00e4\u00dft oder Eltern oder Br\u00fcder oder Weib oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielf\u00e4ltig wieder empfange in dieser Zeit, und in der zuk\u00fcnftigen Welt das ewige Leben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Lied: EG 346<\/p>\n<p>Klaus Schwarzw\u00e4ller<br \/>\nEmail: kschwarzl@gwdg.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 12.9.1999 | Lk 18,28-30 | Klaus Schwarzw\u00e4ller | Liebe Gemeinde! 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