{"id":21022,"date":"1998-02-12T19:57:46","date_gmt":"1998-02-12T18:57:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21022"},"modified":"2025-03-12T20:00:48","modified_gmt":"2025-03-12T19:00:48","slug":"hebraeer-412-f","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-412-f\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 4,12 f."},"content":{"rendered":"<h3>Sexagesim\u00e4 | 15.2.1998 | Hebr 4,12 f. | Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/h3>\n<p>Predigttext: Hebr\u00e4er 4,12 f.<\/p>\n<p>&#8222;Denn das Wort Gottes ist lebendig und kr\u00e4ftig und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.<\/p>\n<p>Und kein Gesch\u00f6pf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles blo\u00df und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Mit diesem Text wird zum Thema, was allsonnt\u00e4glich hier und anderswo auf der Kanzel geschieht: Verk\u00fcndigung des Wortes Gottes. Man mag fragen, ob Gott \u00fcberhaupt ein Wort f\u00fcr die Menschen hat. Ob er sich vielmehr, wie die Mystiker aller Zeiten sagen, in Schweigen h\u00fcllt. Und oft genug kann selbst uns Christen die Sorge \u00fcberfallen, es k\u00f6nnte so sein: Gott ist verstummt. Der Glaube aber lebt von der Gewi\u00dfheit: Gott hat geredet und redet jetzt. So beginnt der Hebr\u00e4erbrief mit den S\u00e4tzen: &#8222;Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat durch den Sohn, Jesus Christus.&#8220;<\/p>\n<p>Unsere Verse sprechen aus, was geschieht, wenn dieses Wort das Innerste unseres Wesens ber\u00fchrt, uns ver\u00e4ndert und erneuert. Ver\u00e4ndern? Erneuern? Von dem heiligen Antonius erz\u00e4hlt die Legende, er habe den Tieren gepredigt. Das Ergebnis wird in folgendem bitterkomischen Vers \u00fcber die Fischpredigt des heiligen Antonius mit Seitenblick auf uns Menschen geschildert: &#8222;Die Predigt geendet, \/ ein jeder sich wendet. \/ Die Hechte bleiben Diebe, \/ die Aale viele lieben, \/ die Krebse gehen zur\u00fccke, \/ die Stockfisch bleiben dicke, \/ die Karpfen viel fressen,\u00a0\/\u00a0 die Predigt vergessen.&#8220; Also: keine \u00c4nderung, keine Umkehr, keine Besserung? Alles bleibt, wie es ist?<\/p>\n<p>Nun, wer das Wort Gottes mit einem zweischneidigen Schwert vergleicht, der traut ihm eine erhebliche Durchschlagskraft zu. Es mu\u00df ja nicht gleich ein t\u00f6dlicher Hieb sein, doch ein Stich sollte Dir und mir wenigstens durchs Herz fahren, wenn Gott mit uns redet. Und wenn es nicht sticht, nun, dann mag ich selber oder der Teufel zu mir geredet haben! Wir sind allzumal S\u00fcnder, sagt die Bibel mit Recht. Leute also, die eher den Splitter im Auge des anderen sehen als den Balken im eigenen; Leute, die mit dem Gro\u00dfteil der zehn Gebote eher auf Kriegsfu\u00df stehen, als sie freudig zu erf\u00fcllen. M\u00e4nner und Frauen, die wissen, was gut ist und es dennoch &#8211; aus Tr\u00e4gheit oder Unentschlossenheit &#8211; nicht tun. Menschen, die den eigenen Kindern und Enkelkindern gegen\u00fcber \u00fcberbordend gro\u00dfz\u00fcgig sind, aber die Stra\u00dfen- und Bettelkinder wie l\u00e4stige Fliegen behandeln k\u00f6nnen. Mu\u00df solchen Leuten die Predigt und Gottes Wort nicht wie ein Schwert durch die Seele gehen? Aber soll um Gottes Willen nicht jeder Mensch, wer er auch sei, eine frohe, tr\u00f6stliche, ermutigende, aufbauende, weiterf\u00fchrende Botschaft h\u00f6ren?<\/p>\n<p>Doch vielleicht ist das gar keine Alternative? Vielleicht geh\u00f6ren durch Gottes Wort Schmerz und Trost, Verletzung und Ermutigung, ein Stich im Herzen und Fr\u00f6hlichkeit, Aufdeckung von Schuld und Vergebung, Verwundung und Heilung aufs Engste zusammen? Wahrheiten sind selten Zuckerschnecken. Sie k\u00f6nnen bitter schmecken.<\/p>\n<p>Hitlers Chef-Architekt und R\u00fcstungsminister Albert Speer, der im N\u00fcrnburger Proze\u00df zu 20 Jahren verurteilt wurde, schildert in seinen Tageb\u00fcchern die Wirkung des ersten Gottesdienstes in der Spandauer Haft. Der franz\u00f6sische Gef\u00e4ngnispfarrer hatte in der Predigt gesagt: &#8222;Die Auss\u00e4tzigen waren in Israel von der Gemeinschaft des Volkes durch eine Masse von Rechtsverboten getrennt; diese waren un\u00fcbersteigbar wie eine Gef\u00e4ngnismauer.&#8220; &#8222;Raeder, D\u00f6nitz und von Schirach&#8220;, so schreibt Speer, &#8222;f\u00fchlten sich beleidigt, sie behaupten, der Pastor habe sie &#8218;Auss\u00e4tzige&#8216; genannt.&#8220; Und dann schreibt er: &#8222;Es ist wohl so: Sie wollen vom Pastor keine Wahrheiten h\u00f6ren.&#8220; Vor dem n\u00e4chsten Gottesdienst beschwert sich der einstige Admiral Raeder geradezu bei dem franz\u00f6sischen Pfarrer im Namen von f\u00fcnf seiner Mitgefangenen. Sie verlangen von ihm die Verk\u00fcndigung des Evangeliums und nichts anderes. Im bewu\u00dften Gegensatz dazu sagt Speer: &#8222;Ich bin kein Nervenkranker, ich m\u00f6chte nicht geschont werden, ihre Predigten sollen mich beunruhigen.&#8220;<\/p>\n<p>Nun gibt es aber in diesem Drama noch einen dritten Akt. Eine Woche sp\u00e4ter legt der Gef\u00e4ngnispastor den Text aus, in dem Jesus sagt, er sei nicht zu den Gesunden gekommen, die keinen Arzt brauchen, sondern zu den Kranken. Er sei nicht gekommen, die Gerechten zur Reue zu rufen, sondern die S\u00fcnder. Und der Pastor f\u00fcgt hinzu, unter S\u00fcndern sei er selbst der gr\u00f6\u00dfte. Durch dieses Wort war die Vers\u00f6hnung vorl\u00e4ufig hergestellt. Ein rhetorischer Trick? Ein fauler Kompromi\u00df? Ich wei\u00df nicht. Auf jeden Fall lehrt diese kleine Episode aus dem Spandauer Gef\u00e4ngnis, was die Predigt des Wortes Gottes auf keinen Fall sein darf, ein moralisches Abkanzeln anderer. Der oder die andere mu\u00df vielmehr sp\u00fcren, der Prediger ist mitgemeint.<\/p>\n<p>Eine liederliche Vertr\u00e4glichkeit mit dem B\u00f6sen jedoch, ein Unter-den-Teppich-Kehren des Unangenehmen ist Gottes Wort auch nicht. Schwerter k\u00f6nnen verletzen! Da\u00df man mit Worten verletzen kann, das wissen wir aus dem Zusammenleben mit Menschen nur allzu gut. Von den vielen F\u00e4llen will ich gar nicht reden, in denen Menschen andere aus Bosheit verletzten, mit Absicht, in wohl\u00fcberlegtem Kalk\u00fcl, nicht wahr! Doch oft genug haben wir andere mit unseren Worten unabsichtlich verletzt, weil wir uns ihre Lage nicht zureichend klar gemacht haben, weil wir, statt ihre Sorgen und Fragen &#8211;\u00a0auch die an Gott &#8211; ernst zu nehmen, sie, z.B. in der Seelsorge, mit einem Bibelspruch abgespeist haben. Gottes Wort aber ist sensibel, und in ihm ist keine Bosheit.<\/p>\n<p>Wie aber, wenn es verletzen mu\u00df, weil es retten will? Auch daf\u00fcr gibt es Beispiele aus dem allt\u00e4glichen Leben. \u00c4rzte m\u00fcssen oft genug, um zu heilen, Schmerzen zuf\u00fcgen. Wer als Politiker wirklich dem Gemeinwohl dient, wird ebenfalls von Mal zu Mal Opfer und Einschnitte verlangen m\u00fcssen. Oder nehmen wir an, Eltern haben erkannt, da\u00df ihr Kind zwar au\u00dferordentlich begabt ist, musikalisch oder mathematisch oder f\u00fcr fremde Sprachen, aber aus diesem Talent so gar nichts zu machen willens ist. Oder nehmen wir an, von den Kindern sein jemand in eine schlechte Umgebung geraten. M\u00fcssen da nicht unter Umst\u00e4nden harte Wort fallen und vielleicht sogar schmerzhafte Dinge passieren?<\/p>\n<p>Augustin hat recht: &#8222;Der getarnte Feind heuchelt und ha\u00dft. Der Freund schl\u00e4gt zu und liebt.&#8220; Kann das bei unserem himmlischen Vater so anders sein, dessen Wort im Text ein Richter, w\u00f6rtlich ein &#8222;Kritiker der Gedanken und Sinne des Herzens&#8220; ist. Kritik nennt das Falsche, Unechte und Elende beim Namen, um es wegzur\u00e4umen, um es zu vernichten. Sicher, das mu\u00df mit Freundlichkeit und Humor und Liebe geschehen, wenn es in Gottes Namen geschieht. Aber die Angeredeten d\u00fcrfen sich nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen: Hier kommt ein entschlossenes Nein zur Sprache, das kein Mensch gerne h\u00f6ren kann, weil es ihn in der Wurzel seiner Existenz in Frage stellt.<\/p>\n<p>Und nun hei\u00dft es weiter im Text: &#8222;Kein Gesch\u00f6pf ist vor dem Worte Gottes verborgen; vielmehr ist alles unverh\u00fcllt und offen gelegt f\u00fcr die Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.&#8220; Rechenschaft schulden, wem? Um diese Frage zu beantworten, m\u00fcssen wir noch einmal auf das Bild vom Schwert zur\u00fcckblicken. Es ist das Zeichen der Gerechtigkeit, das Zeichen von Macht und Souver\u00e4nit\u00e4t. Es steht aber auch daf\u00fcr, da\u00df etwas ganz und gar Verwickeltes getrennt wird. Ein Richter mu\u00df Wahrheit und L\u00fcge trennen, um zu einem gerechten Urteil zu kommen. Darin erweist sich seine Souver\u00e4nit\u00e4t.<\/p>\n<p>Trennung ist aber nicht nur etwas Negatives und Schmerzliches. Es ist ein sch\u00f6pferischer Akt, der dem Leben zugute kommt. Erst durch die Scheidung von Licht und Finsternis und die Trennung von Wasser und Land wird die Erde bewohnbar, erz\u00e4hlt die biblische Sch\u00f6pfungsgeschichte. Einst waren Staat und Kirche verquickt im Staatskirchentum. Erst durch ihre klare Unterscheidung konnte es zu Partnerschaften kommen. Die Souver\u00e4nit\u00e4t des g\u00f6ttlichen Richters besteht darin, da\u00df er mich von all dem trennt, was ich falsch gemacht habe. Dieser Richter meiner Gedanken und der Regungen meines Herzens, dieser Richter, vor dem nichts verborgen bleibt, spricht sein Nein und sein Ja. Sein Nein gilt meinen Verfehlungen. Sein Ja gilt meiner Person und also der Zukunft des Lebens mit ihm. Das Schwert ist Zeichen von Hoheit und Souver\u00e4nit\u00e4t. Die souver\u00e4nste Macht aber ist die Gnade. Luther hat recht: Sich streiten ist menschlich, sich nicht vergeben und vers\u00f6hnen aber ist teuflisch.<\/p>\n<p>Was Vergebung unter Menschen ist, hat die englische Kriminalschriftstellerin Dorothy Sayers einmal einem Freund mit folgendem Beispiel erl\u00e4utert: Denken Sie sich, ich h\u00e4tte im Zorn Ihre beste Teekanne aus dem Fenster geworfen. Was w\u00e4re in diesem Falle Vergebung? Da\u00df wir zusammen unseren Fr\u00fchst\u00fcckstee aus Ihrem Rasierwasserkrug tr\u00e4nken, ohne uns dabei ungem\u00fctlich zu f\u00fchlen und ohne das Thema Teekannen ostentativ zu vermeiden.<\/p>\n<p>So ist das auch mit Gott. Nur da\u00df bei ihm anstelle des Rasierwasserkruges der Abendmahlskelch gereicht wird: Christi Blut f\u00fcr dich vergossen. Wir d\u00fcrfen trotz allem, was wir ihm angetan haben, mit ihm zusammensein, ja, es uns mit ihm gut sein lassen, ohne da\u00df das, was wir falsch und verkehrt gemacht, verschwiegen werden mu\u00df Vor ihm kann es zur Sprache kommen, weil er es uns abnimmt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Kirchenkanzlei der EKU, Jebensstra\u00dfe 3, 10623 Berlin, Tel.:\u00a0030-31\u00a000 12 01<\/p>\n<p>Die Predigt wurde f\u00fcr den Berliner Dom konzipiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesim\u00e4 | 15.2.1998 | Hebr 4,12 f. | Wilhelm H\u00fcffmeier | Predigttext: Hebr\u00e4er 4,12 f. &#8222;Denn das Wort Gottes ist lebendig und kr\u00e4ftig und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 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