{"id":21028,"date":"1998-04-12T20:07:03","date_gmt":"1998-04-12T18:07:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21028"},"modified":"2025-03-12T20:09:24","modified_gmt":"2025-03-12T19:09:24","slug":"philipper-25-11-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-25-11-7\/","title":{"rendered":"Philipper 2,5-11"},"content":{"rendered":"<h3>Sonntag Palmarum | 5.4.98 | Phil 2,5-11 | Heinz Behrends |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Apostel sitzt im Gef\u00e4ngnis und schreibt an die Gemeinde, der er sich am st\u00e4rksten von allen verbunden f\u00fchlt. Er sorgt sich, da\u00df sich die alten Gesetze von oben und unten wieder durchsetzen, da\u00df der Egoismus sich breit macht.<\/p>\n<p>Nun antwortet er, indem er sie an ein Lied, das alle kennen, erinnert. &#8222;Seid unter euch so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht&#8220; und dann sagt er das Lied auf:<\/p>\n<p>&#8222;Er, der in g\u00f6ttlicher Gestalt war, hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern ent\u00e4u\u00dferte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Kreuz, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erh\u00f6ht und hat ihm den Namen gegeben, der \u00fcber alle Namen ist, da\u00df in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollen, da\u00df Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.&#8220;<\/p>\n<p>Ein dichter Text, in dem das ganze Leben, Anliegen und Wesen Jesu verborgen ist. Ich m\u00f6chte nur einen Aspekt herausgreifen. Von Gl\u00fcck und Hingabe m\u00f6chte ich heute reden.<\/p>\n<p>Sind Sie gl\u00fccklich? Ich denke, nur zwei oder drei in einem gro\u00dfen Kreis antworten jeweils mit &#8222;Ja&#8220;, Die meisten denken &#8222;Nein, gl\u00fccklich bin ich nicht, aber zufrieden, das bin ich wohl.&#8220; Und etliche f\u00fchlen sich einfach nur schlecht. Es ist keine gute Zeit f\u00fcr sie. Gl\u00fccklich? Das ist man vielleicht nur vier-, f\u00fcnfmal im Leben.<\/p>\n<p>Nun sagt die Theologin Dorothee S\u00f6lle, Jesus sei der gl\u00fccklichste Mensch der Geschichte. Sie kommt zu der Einsicht, nachdem sie viel \u00fcber den Predigttext nachgedacht hat. Er ist gl\u00fccklich, weil er zur Hingabe f\u00e4hig ist, sagt sie.<\/p>\n<p>Denn mit &#8222;Hingabe&#8220; k\u00f6nnte man zusammenfassen, was das alte Lied von ihm sagt. Er ent\u00e4u\u00dfert sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward gehorsam, wurde Mensch. Er hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein. Er gibt seine Vorrechte auf. Er h\u00e4lt es nicht f\u00fcr ein gefundenes Fressen, Gott gleich zu sein. Er ist der gl\u00fccklichste Mensch, weil er die Hingabe lebt.<\/p>\n<p>Was gibt er hin? Sich und sein Leben gibt er hin. Alles, was er erlebt und erlitten hat, was er errungen hat, was er selbst empfangen hat, die Gabe des Zuh\u00f6rens und Helfens, des Wahrnehmens und Sehens. Hingabe ist immer ungeteilt und ganz. Darum gipfelt seine Hingabe am jenem letzten Abend in dem Brot,das er teilt, wenn er sagt: &#8222;Das ist mein Leib&#8220; Das bin ich ganz. Da, nehmt es hin.<\/p>\n<p>Das m\u00f6chte ich auch gerne leben. Ich denke, es ist eine gro\u00dfe Sehnsucht unter uns, sich hingeben zu k\u00f6nnen. Wir bewundern die Menschen, die das k\u00f6nnen. Die gro\u00dfen und ber\u00fchmten Menschen wie Mutter Teresa, Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer, die modernen Heiligen. Und wir bewundern die Kleinen, die hingeben k\u00f6nnen: die Mutter, die Frau, einen Mann.<\/p>\n<p>Was hindert uns an der Hingabe? Die Angst, mi\u00dfbraucht zu werden, wenn wir alles geben.<\/p>\n<p>Wir sind sehr verletzlich. Je mehr Erfahrung mit Beziehung jemand hat, desto vorsichtiger, abgekl\u00e4rter und gesch\u00fctzter verh\u00e4lt er sich. Und \u00fcberhaupt: Hingeben kann nur, wer was zu geben hat. Aber was habe ich denn, was bin ich denn, das ich geben k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Da mu\u00df ich erst mal auf mich schauen. Da bin ich dann mit mir selbst besch\u00e4ftigt. Und pl\u00f6tzlich gerate ich in einen Proze\u00df, der das Gegenteil von Selbsthingabe und Selbstent\u00e4u\u00dferung zu sein scheint, in einen Proze\u00df der Selbstverwirklichung. Er hat viel gemeinsam mit einer pubert\u00e4ren Phase in gutem Sinne. Die Frage des Jugendlichen, der wissen will, wer er eigentlich ist. Da bin ich mit mir selbst besch\u00e4ftigt. Die anderen haben die Funktion, da\u00df ich an ihnen pr\u00fcfen kann, wie ich auf sie wirke. Ich bin ganz bei mir selbst, unglaublich verletzlich. Niemand traue ich Kenntnis \u00fcber mich zu. Nur ich kenne mich. Und von niemandem akzeptiere ich ein Urteil \u00fcber mich. Und das Urteil \u00fcber sich selbst f\u00e4llt oft sehr hart aus. Ein Jugendlicher mag sich in der Regel nicht. Er wei\u00df nicht, was er will. Er mu\u00df sich absetzen von anderen, sich in der Abgrenzung selbst definieren. Er sucht die Wahrheit in sich selbst. Und die ist oft zum Verzweifeln. Wir kommen oft aus dieser Phase schwer heraus oder fallen immer wieder in sie zur\u00fcck. Es ist als hielte man sich st\u00e4ndig den Finger am Puls oder messe sich t\u00e4glich seine K\u00f6rpertemperatur, um zu pr\u00fcfen, ob man Fieber hat. Durch das Selbsturteil kann ich nicht ergr\u00fcnden, wer ich bin, meinen Wert nicht erfahren, nicht erfassen, was ich habe.<\/p>\n<p>Den Wert erfahre ich durch den Zuspruch von au\u00dfen, von anderen. Durch den Zuspruch Gottes. In das Urteil Gottes hineinkriechen, hat Luther das genannt, nachdem er den geistlichen, pubert\u00e4ren Proze\u00df im Kloster erinnernd beschreibt.<\/p>\n<p>Du verklagst dich? Ich spreche dich gerecht, sagt Gott. Den Wert erfahre ich, wenn andere mich m\u00f6gen und wertvoll finden. Und: Hingeben kann ich nur aus meinem Reichtum, der mir geschenkt ist. Wer sich f\u00fcr wertlos h\u00e4lt, kann nichts hingeben.<\/p>\n<p>Christus hat von Anfang an um seinen kostbaren Wert gewu\u00dft. Das schwingt mit, wenn er sich selbst ent\u00e4u\u00dfert. In der Hingabe wird er gl\u00fccklich. Wer sich unsagbar geliebt wei\u00df, kann alles geben. Warum gl\u00fccklich? Weil ich von mir weg bin. Bei sich zu sein, ist sehr anstrengend. Wenn ich nur mit meinem Weg besch\u00e4ftigt bin., wenn ich st\u00e4ndig \u00fcberlege, was ich alles tun und planen k\u00f6nnte, lege ich eine gro\u00dfe Last auf mich. Gl\u00fccklich, wer losl\u00e4\u00dft, wer hingibt.<\/p>\n<p>So viel wollte ich erst mal sagen: Die Bibel meint mit Gl\u00fcck immer eine Hingabe an eine Sache, die auf andere Menschen ausgerichtet ist. Nicht das materielle Gl\u00fcck, genug haben, reisen k\u00f6nnen, gute Erlebnisse und gute Musik, eine materialistische Form von Gl\u00fcck, nicht das private Gl\u00fcck. Er hielt es nicht f\u00fcr einen Raub. Er raubte nicht sein Gl\u00fcck, gro\u00df zu sein. Rauben hei\u00dft lateinisch &#8222;privare&#8220;. Das private Gl\u00fcck hat immer etwas r\u00e4uberisches.<\/p>\n<p>Ein jeder sehe nicht auf das seine, sondern was dem anderen dient, so leitet der Apostel das alte Christuslied in Vers 4 ein. Wer hingibt, kommt von sich selber los, aber er gibt sich dabei nicht auf. So verwandelt er dann alle Begriffe und Verh\u00e4ltnisse: Der Knecht wird zum Dienenden, Gehorsam wird zum freiwilligen Opfer, das nicht zum Verlust wird. Erniedrigung wird zur Erh\u00f6hung.<\/p>\n<p>Das Problem der Verletzbarkeit ist damit nicht gel\u00f6st. Mancher und vor allem manche von uns wei\u00df von dem Schmerz zu erz\u00e4hlen, der ihr oder ihm zugef\u00fcgt wurde. Aber sie h\u00e4lt aus. Hingabe berechnet nicht. Liebe berechnet nicht, sie verh\u00e4lt sich nicht buchhalterisch. Denn diese Wahrheit hat sie verstanden: Der Mensch ist nicht bei sich zu Hause, sondern bei dem, der ihn liebt. Diese Hingabe belohnt Gott. Darum hat Gott ihn auch erh\u00f6ht, ihm einen gro\u00dfen Namen gegeben, dem, der sich erniedrigt hatte. Gott wird aktiv.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, interessant ist diesem \u00e4ltesten Text der Christuslehre, da\u00df die Aktivit\u00e4t von Christus ausgeht. Er spricht von keinem Opfer, das Gott durch den Tod seines Sohnes bringt, sondern der Satz ist aktiv formuliert. &#8222;Er erniedrigte sich selbst.&#8220; In gro\u00dfer Freiheit und in dem Wissen, geliebt zu werden, gibt er sich hin. Und dann wird Gott aktiv: Er erh\u00f6hte ihn.<\/p>\n<p>So sei die Gesinnung unter euch: Nicht als moralisches Vorbild, dem nachzueifern gilt, wird Jesus hier verstanden, sondern: Wer in diesem Vertrauen Christi liebt, der wird so hingebungsvoll leben wir er.<\/p>\n<p>Bist du gl\u00fccklich? M\u00f6chtest du dich hingeben k\u00f6nnen? Eine Sache, die auf Menschen und ihr Wohl ausgerichtet ist, vertreten und leben. Die Selbstverwirklichung kommt erst in der Selbsthingabe an ihr Ziel.<\/p>\n<p>Das ist ein m\u00fchsamer Weg. Die ersten Christen haben dieses Christus-Lied gesungen. Im Singen haben sie zum Ausdruck gebracht, was sie noch nicht erreicht haben, aber was sie erhoffen..<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Heinz Behrends, G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Palmarum | 5.4.98 | Phil 2,5-11 | Heinz Behrends | Liebe Gemeinde! Der Apostel sitzt im Gef\u00e4ngnis und schreibt an die Gemeinde, der er sich am st\u00e4rksten von allen verbunden f\u00fchlt. Er sorgt sich, da\u00df sich die alten Gesetze von oben und unten wieder durchsetzen, da\u00df der Egoismus sich breit macht. 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