{"id":21030,"date":"1998-04-12T20:09:27","date_gmt":"1998-04-12T18:09:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21030"},"modified":"2025-03-12T20:12:03","modified_gmt":"2025-03-12T19:12:03","slug":"1-korinther-1123-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-1123-26\/","title":{"rendered":"1. Korinther 11,23-26"},"content":{"rendered":"<h3>Gr\u00fcndonnerstag | 9. April 1998 | 1. Kor 11,23-26 | Hanna Kreisel-Liebermann |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Bei uns wurde am Gr\u00fcndonnerstag alles &#8222;gr\u00fcn&#8220; gegessen; mit Kr\u00e4utern, Salat und Spinat garniertes und gef\u00e4rbtes Fastenessen&#8220; erz\u00e4hlt mir die alte Dame. Mir ist das neu. &#8222;Ja, so wu\u00dften wir Kinder, da\u00df wirklich Gr\u00fcn-Donnerstag ist. Heute mache ich f\u00fcr meine Enkelkinder gr\u00fcnen Wackelpudding, da haben sie Spa\u00df dran&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Gr\u00fcndonnerstag und Spa\u00df haben&#8220;, das befremdet mich. Ich verbinde mit dem heutigen Abend ein trauriges Ereignis.<\/p>\n<p>Ich habe nachgesehen, woher der Name &#8222;Gr\u00fcndonnerstag&#8220; stammt. Vom mittelhochdeutschen &#8222;gronan&#8220; &#8211; das hei\u00dft &#8222;weinen&#8220; soll er kommen. Heute kennen wir das Wort als &#8222;greinen&#8220; &#8211; weil: die B\u00fc\u00dfer und B\u00fc\u00dferinnen, die Weinenden, wurden an diesem Tag wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen.<\/p>\n<p>Also hat die alte Dame recht: Es ist ein Freudenfest, wenn die, die vorher Weinende waren, nun wieder lachen k\u00f6nnen. Ist der Wackelpudding f\u00fcr die Kinder doch das richtige &#8211; wenn auch nicht sehr gesunde und wenig feierliche Essen?<\/p>\n<p>Um Essen und Trinken geht es auch im Predigttext. Allerdings um ein ganz spezielles:<\/p>\n<p>Ich lese aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 11 die Verse 23 bis 26: &#8222;Ich habe von Gott empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach&#8217;s und sprach: &#8222;Das ist mein Leib, der f\u00fcr euch gegeben wird; das tut zu meinem Ged\u00e4chtnis.&#8220; Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: &#8222;Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Ged\u00e4chtnis.&#8220; Denn sooft ihr von diesem Brot e\u00dft und aus diesem Kelch trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn bis er kommt.&#8220;<\/p>\n<p>Klingen diese Worte in Ihren Ohren vertraut? In jeder Abendmahlsfeier sprechen wir sie &#8211; \u00fcber dem Brot und dem Wein oder unvergorenen Traubensaft. Es geht um das Essen, aber nicht um das Sattwerden. Das Brot-brechen und aus einem Kelch trinken ist auch eine zeichenhafte Handlung. Eine, die Gemeinschaft stiften will. Wenn wir heute abend uns gemeinsam um diesen Tisch setzen, erinnern wir uns. Wir erinnern uns, so wie die Gemeinde in Korinth es tun sollte: warum wir eigentlich hier sitzen. Ein Bild ist mir vor Augen: Jesus in der Mitte, neben ihm Johannes, der sog. Lieblingsj\u00fcnger und die anderen Elf und der eine: &#8222;in der Nacht, da er verraten ward&#8220;. Nur angedeutet ist in diesen S\u00e4tzen, die zu Formeln wurden, was sich ereignete.<\/p>\n<p>Im Korintherbrief wird &#8211; das f\u00e4llt auf &#8211; nicht gesagt, WER dabei ist. Stimmt vielleicht das Bild von den zw\u00f6lfen, das durch malerische Darstellung in unseren K\u00f6pfen ist, gar nicht? Es waren, das ist erforscht worden, nat\u00fcrlich mehr, die mit Jesus durch Galil\u00e4a wanderten. Und es waren viele Frauen dabei. Zahlreiche erw\u00e4hnt auch Paulus in den Anreden seiner Briefe. In Korinth, wohin dieser Brief gesandt wurde, waren die Frauen in der Gemeinde wichtig. Es ist nicht zuf\u00e4llig, da\u00df die Mitfeiernden nicht genannt werden: Es sind alle dabei, die mit Jesus gelebt haben, seine Gef\u00e4hrten und Gef\u00e4hrtinnen.<\/p>\n<p>Paulus ist geborener Jude &#8211; wie viele Christen und Christinnen des ersten Jahrhunderts. Diese Feier ist ihnen vertraut. Das Passahfest wird begangen. Unges\u00e4uertes Brot und Wein &#8211; und manches andere &#8211; steht auf dem Tisch. Brot und Wein werden gedeutet. Erinnerung geh\u00f6rt dazu: an Gottes Heilshandeln, der das Volk aus der Sklaverei befreite. Jesus fordert dazu auf, die Feier zu wiederholen &#8211; und dies in Gemeinschaft. Die soll bleiben &#8222;bis er kommt&#8220;. Im j\u00fcdischen Passahmal steht ein Kelch auf dem Tisch f\u00fcr den Propheten Elia, &#8222;wenn er kommt&#8220;.<\/p>\n<p>Gemeinschaft untereinander, Gemeinschaft mit den fr\u00fcheren Generationen und Hoffnung auf die kommende Erl\u00f6sung &#8211; all diese Elemente hat unsere Abendmahlsfeier vom Passahfest \u00fcbernommen. Das Passahfest ist ein freudiges Fest: in der Familie mit G\u00e4sten und feierlich gestaltet.<\/p>\n<p>Und unser Fest heute am Gr\u00fcndonnerstag: wie ist das mit der Traurigkeit? Bin ich auf der falschen F\u00e4hrte? Ist es doch eher ein freudiges Fest?<\/p>\n<p>Zwei Aspekte sind es, die mich traurig stimmen: Abschied &#8211; &#8222;das letzte gemeinsame Mahl&#8220; &#8211; und der &#8222;Verrat&#8220;. In der Nacht. In der Dunkelheit. Auch dies.<\/p>\n<p>Abschied ist etwas Schweres. Besonders von einem Menschen, der mir nahe war. Ich habe Jesus nicht gekannt, nicht erlebt. Aber ich stelle mir vor, wie schwer es war f\u00fcr alle, die mit ihm am Tisch sa\u00dfen. Die mit ihm in enger Beziehung waren. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie es ohne ihn weitergehen sollte. Darum sind sie &#8211; wie die Evangelien berichten &#8211; auch auseinandergelaufen. Aber: als er mit ihnen das Brot brach, so wird von den Emmausj\u00fcngern erz\u00e4hlt, da ging ihnen ein Licht auf und sie kehrten nach Jerusalem zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er wird gehen und sich dem stellen, was die Machthaber mit ihm vorhaben: den &#8222;Anf\u00fchrer&#8220; herausgreifen, um die Bewegung zu vernichten. Er hat es schweren Herzens getan. Leicht ist es ihm nicht geworden &#8211; wie auch? Aber er will nicht, da\u00df die M\u00e4chtigen siegen: Jesus stiftet eine neue Gemeinschaft, die an die alte ankn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Gemeinsam Brot brechen und aus einem Kelch trinken: das ist Beziehung untereinander &#8211; in der Hoffnung auf eine Welt, in der Menschen, Frauen und M\u00e4nner, sich gegenseitig ermutigen und nicht entmutigen. Selbst dann, wenn wir, wie Jesus und seine Freundinnen und Freunde, erleben, da\u00df uns jemand verr\u00e4t.<\/p>\n<p>Verrat ist f\u00fcr mich, wenn uns jemand alleinl\u00e4\u00dft &#8211; gerade dann, wenn wir ihren oder seinen Beistand br\u00e4uchten. Wenn er oder sie nichts sagt, wenn wir von anderen schlecht gemacht werden. Es geschieht, da\u00df uns Menschen, die wir f\u00fcr Freunde hielten, aufgeben &#8211; in Krankheit oder anderen schweren Lebenskrisen. Vielleicht f\u00fchlten sich auch manche, die zu Jesu Gruppe geh\u00f6rten, von ihm verraten und alleingelassen.<\/p>\n<p>Das Abendmahl, gemeinsames Brotbrechen und aus einem Kelche trinken, kann Wunden heilen. Kann uns helfen, uns zu vergewissern: wir sind nicht allein. Es gibt einen Ort, wo wir Gemeinschaft erfahren k\u00f6nnen &#8211; wenn es gelingt, das Wachsen zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Der letzte Satz im Predigttext, den der Schreiber des Briefes deutend geschrieben hat, liegt mir schwer im Magen: &#8222;Denn sooft ihr von diesem Brot e\u00dft und aus diesem Kelch trinkt, verk\u00fcndigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.&#8220; Tod als Inspiration f\u00fcr Gemeinschaft?<\/p>\n<p>Jesu Art und Weise zu leben wird f\u00fcr mich zur Befreiung. Weil ich durch andere, die sich von seinem Engagement anstiften lie\u00dfen, erfahren habe, was geschenkte Befreiung und gew\u00e4hrtes Verzeihen von Schuld bedeutet. Aber sein Tod schmerzt mich.<\/p>\n<p>Jede Erinnerung an seinen von Machthabern bewirkten gewaltsamen Tod stimmt mich ebenso traurig wie die sinnlosen gewaltsamen Tode von Kindern, Frauen und M\u00e4nnern in unserer Zeit.<\/p>\n<p>Vielleicht war der Schreiber des Briefes noch davon \u00fcberzeugt, da\u00df Jesus wirklich und pers\u00f6nlich wiederkommen w\u00fcrde. Vielleicht war sein Tod nicht so endg\u00fcltig, wie er mir heute erscheint &#8211; in des Schreibers Sicht. Jesu Botschaft und die von ihm gestifte Gemeinschaft hat \u00fcberlebt. Das ist das Geschenk unserer Vorm\u00fctter und -v\u00e4ter. Aber seinen Tod will und kann ich nicht verherrlichen.<\/p>\n<p>Heute abend feiern wir gemeinsam das Fest der Erinnerung: Wir werden zusammen Brot brechen und aus einem Kelche trinken. Wir werden zusammen sitzen und erz\u00e4hlen. Wir werden uns aneinander freuen. Auch Trauer hat ihren Platz. Und die Freude: wir sind nicht allein. Gott sei mit uns, wenn wir feiern.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pastorin Hanna Kreisel-Liebermann, Wilhelm-Weber-Str. 19, 37073 G\u00f6ttingen, Tel.: 0551-44713<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gr\u00fcndonnerstag | 9. April 1998 | 1. Kor 11,23-26 | Hanna Kreisel-Liebermann | Liebe Gemeinde! &#8222;Bei uns wurde am Gr\u00fcndonnerstag alles &#8222;gr\u00fcn&#8220; gegessen; mit Kr\u00e4utern, Salat und Spinat garniertes und gef\u00e4rbtes Fastenessen&#8220; erz\u00e4hlt mir die alte Dame. Mir ist das neu. &#8222;Ja, so wu\u00dften wir Kinder, da\u00df wirklich Gr\u00fcn-Donnerstag ist. 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