{"id":21032,"date":"1998-04-12T20:12:07","date_gmt":"1998-04-12T18:12:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21032"},"modified":"2025-03-12T20:14:58","modified_gmt":"2025-03-12T19:14:58","slug":"2-korinther-514b-1819-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-514b-1819-21\/","title":{"rendered":"2. Korinther 5,(14b-18)19-21"},"content":{"rendered":"<h3>Karfreitag | 10. April 1998 | 2. Kor 5,(14b-18)19-21 | Klaus Raschzok |<\/h3>\n<p>&#8222;Denn Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: La\u00dft euch vers\u00f6hnen mit Gott!<\/p>\n<p>Denn er hat den, der von keiner S\u00fcnde wu\u00dfte, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit w\u00fcrden, die vor Gott gilt.&#8220;<\/p>\n<p>Predigt<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Mit anschaulichen Worten beschreibt Paulus im 2. Korintherbrief, das was sich in der Kreuzigung Christi am Karfreitag auf Golgatha vollzogen hat. Er leitet dazu an, das Bild des gekreuzigten Christus zu betrachten und verinnerlichend aufzunehmen. &#8222;Gott vers\u00f6hnte in Christus die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu&#8220;, sagt Paulus. Das ist der tiefe Sinn des Sterbens Jesu am Kreuz: Vers\u00f6hnung zu schaffen mit Gott.<\/p>\n<p>Im zwischenmenschlichen Bereich bedeutet Vers\u00f6hnung, da\u00df etwas, das zwischen Menschen steht, wegger\u00e4umt wird. Trennendes ist wieder aufgehoben. Diejenigen, die aneinander schuldig geworden sind, indem sie sich gegenseitig Schmerzen oder Schaden zugef\u00fcgt haben, nehmen einander wieder ernst. Ein neuer Weg beginnt. Der gekreuzigte Christus ist die Einladung Gottes, mit ihm wieder ins Reine zu kommen. Ihm den Platz in meinem Leben zukommen zu lassen, der ihm entspricht.<\/p>\n<p>In sechs kurzen Schritten m\u00f6chte ich eine Ann\u00e4herung an den Tod Jesu am Kreuz und seine Folgen f\u00fcr die Getauften versuchen. Nur eine Ann\u00e4herung, keine schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung ist m\u00f6glich. Auch Paulus unternimmt ja in seinen Briefen an die Gemeinden nichts anderes als solche immer wieder neuen Ann\u00e4herungen an den Tod Jesu am Kreuz.<\/p>\n<p>I. Die sp\u00e4tmittelalterliche Gemeinde der N\u00f6rdlinger St. Georgskirche, einer zwischen 1427 und 1505 erbauten s\u00fcddeutschen Hallenkirche, konnte mit Hilfe der bemalten R\u00fcckwand ihres Hochaltares gestalthaft nachvollziehen, was Paulus mit der Formulierung &#8222;Gott &#8230; rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu&#8220; im Blick auf das Sterben Jesu umschreibt.<\/p>\n<p>Nach mittelalterlicher Tradition fand die Einzelbeichte noch nicht wie sp\u00e4ter \u00fcblich im Beichtstuhl, sondern hinter dem Hochaltar der Kirche statt. Dort sa\u00df der Priester, um die pers\u00f6nliche Beichte abzunehmen. Ganz bewu\u00dft war die R\u00fcckwand des N\u00f6rdlinger Hochaltars von 1462 mit einem Bildprogramm gestaltet, das auf die Beichte Bezug nahm.<\/p>\n<p>In einer oberen Bildzone erschien Christus auf dem Regenbogen thronend zum Gericht, begleitet von zwei Posaune blasenden Engeln. Darunter vollzog sich die Auferstehung der Toten, die nackt und zum Teil noch mit Grabt\u00fcchern umschlungen aus ihren ge\u00f6ffneten Gr\u00e4ber stiegen. Die F\u00fcrbitte Mariens und Johannes begleitete sie. Rechts au\u00dfen war der Ort der ewigen Verdammnis ausgemalt. Teufel st\u00fcrzten von oben die Verdammten in den Ort der Qual. Die zur Verdammnis auferstandenen Verstorbenen trugen entstellte K\u00f6rper und erlitten schmerzliche Peinigungen. Auf der linken Seite f\u00fchrten zwei Engel in leuchtenden Kleidern die zur ewigen Seligkeit Auferweckten durch ein kirchenportal\u00e4hnliches Tor in einen von au\u00dfen durch eine Mauer verdeckten, hellen Raum. Der warme, nach au\u00dfen dringende Lichtglanz lie\u00df etwas von der Herrlichkeit des zuk\u00fcnftigen Lebens bei Gott ahnen.<\/p>\n<p>Der Einzelne, der sich zur Beichte dem hinter dem Hochaltar sitzenden Priester n\u00e4herte, nahm zun\u00e4chst nur diese obere Bildzone mit der ersch\u00fctternden Gerichtsdarstellung wahr. Vor diesem Projekt vollzog sich seine Lebensbilanz in der Einzelbeichte. Als er dann jedoch zum Aussprechen seiner Schuld vor Gott auf die Knie sank, fiel sein Blick auf die untere Bildzone der Hochaltarr\u00fcckwand und blieb die Gerichtsdarstellung wie ausgeblendet. Auf vier Tafeln war Christi Leidensweg dargestellt, von der Gei\u00dfelung \u00fcber die Kreuztragung und die Kreuzigung zur Auferstehung.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Aussprechen der Schuld und \u00fcber der Geste des Niederkniens vor dem, der in Christi Namen die Beichte abnahm und lossprach, vollzog sich ein Perspektivenwechsel. Die Augen des Beichtenden blickten nun auf den Christusweg. Der gekreuzigte und auferstandene Herr stand auch im Gericht f\u00fcr ihn ein. &#8222;Gott war in Christus und vers\u00f6hnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre S\u00fcnden nicht zu &#8230;&#8220; Die Zuneigung des Heiles Christi erfolgt nicht allein \u00fcber der Absolution in der Beichte, sondern zugleich durch eine Bilderfahrung, die das ganzheitliche Erleben ansprach. Wer angesichts seiner Schuld vor Gott auf die Knie ging, erfuhr, da\u00df Christus mit seinem Leiden und Sterben f\u00fcr ihn eintrat.<\/p>\n<p>Wie oft in der sp\u00e4tmittelalterlichen Kunst zeichneten sich hier schon Jahrzehnte zuvor Einsichten ab, die dann von den Reformatoren ausgesprochen und konsequent theologisch weitergedacht wurden.<\/p>\n<p>II. Der Zugang zum gekreuzigten Christus er\u00f6ffnet sich nur in sehr begrenzter Weise dem verstandesm\u00e4\u00dfigen Nachdenken. Generationen von Theologen in der Geschichte der Kirche haben dies versucht und dar\u00fcber immer wieder ihre Grenzen entdeckt. Ganz anders dagegen ist der Zugang, den Friedrich von Bodelschwingh der J\u00fcngere, als Nachfolger seines Vaters bis zu seinem Tod 1946 Leiter der Betheler Anstalten der Diakonie, in unserem Jahrhundert unternimmt.<\/p>\n<p>In seinem 1938 entstandenen Passionslied &#8222;Nun geh\u00f6ren unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha&#8220; (EG 93) findet sich ein auff\u00e4lliger Zug. Das Gericht Gottes \u00fcber unsere Schuld wird als Geheimnis beschrieben, das weder verstandes- noch gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig v\u00f6llig zu durchdringen ist. Friedrich Bodelschwingh nennt das, was sich auf Golgatha mit der Kreuzigung Christi ereignet ein Wunder. &#8222;Nun geh\u00f6ren unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha, der in bittern Todesschmerzen das Geheimnis Gottes sah, das Geheimnis des Gerichtes \u00fcber aller Menschen Schuld, das Geheimnis neuen Lichtes aus des Vaters ewger Huld&#8220;, hei\u00dft es in der ersten Strophe.<\/p>\n<p>Das Geheimnis ist f\u00fcr Friedrich Bodelschwingh der angemessene Weg, mit Sterben und Tod Jesu umzugehen. Die Heilsbedeutung von Jesu Tod f\u00fcr uns ist ein Geheimnis des Glaubens. Geheimnis bedeutet eine besondere Weise des Wahrnehmens. Sie ist vergleichbar dem, was in der Feier des Heiligen Mahles in Anlehnung an eine in der r\u00f6misch-katholischen Kirche \u00fcblichen Formulierung von der Gemeinde ausgesprochen wird: &#8222;Geheimnis des Glaubens &#8211; deinen Tod o Herr verk\u00fcndigen wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p>So lange bleibt Christi Tod am Kreuz ein Geheimnis, bis Christus wiederkehrt und sich vor Gott auf die Seite der Seinen stellt. &#8222;Nun in heiligem Stilleschweigen stehen wir auf Golgatha. Tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah, als der Freie ward zum Knechte und der Gr\u00f6\u00dfte ganz gering, als f\u00fcr S\u00fcnder der Gerechte in des Todes Rachen ging&#8220;, f\u00e4hrt die zweite Strophe von Bodelschwinghs Lied fort. Auf Golgatha vollzieht sich ein Wunder. Alle Versuche, es verstandesm\u00e4\u00dfig oder emotional nachzuvollziehen, sind zum Scheitern verurteilt. Das &#8222;heilige Stillschweigen&#8220; ist f\u00fcr Friedrich von Bodelschwingh die angemessene Haltung.<\/p>\n<p>Eine andere Dimension als Verstand oder auch Gef\u00fchl tritt in den Blick. Heiliges Stilleschweigen ist eine Wortsch\u00f6pfung, die das Unbeschreibbare ausspricht. Es ist die angemessene Haltung angesichts dessen, was sich auf Golgatha vollzieht und was Paulus und die Evangelisten vor unseren Augen malen.<\/p>\n<p>Friedrich von Bodelschwingh stellt sich den biblischen Worten, aber er verzichtet zugleich auf die Vorstellung vom S\u00fchnetod Christi. Er deutet diese nur vorsichtig an und malt sie nicht bis ins letzte aus, wohl wissend, wie begrenzt dieser Weg ist. &#8222;&#8230; ja, du machst einst alles neu&#8220;, schlie\u00dft Bodelschwingh die vierte Strophe. Gott wird die Welt in einer neuen Weise schaffen. Dies nimmt auf Golgatha seinen Anfang. Die singende Gemeinde spricht es voller Erwartung aus, ohne Gott darauf festzulegen, wie dieses Neue geschieht. Vertrauen schwingt mit. Er wird alles neu machen, in einer unvorstellbaren Weise, aber er wird es tun.<\/p>\n<p>III. &#8222;La\u00dft euch vers\u00f6hnen mit Gott!, so bittet Christus und so bittet die christliche Gemeinde mit ihren Amtstr\u00e4gerinnen und Amtstr\u00e4gern in seinem Auftrag. Es ist die Einladung Gottes an uns, mit ihm wieder ins Reine zu kommen. Gott in unserem Leben den Platz zukommen zu lassen, der ihm entspricht.<\/p>\n<p>Gott selbst hat den ersten Schritt getan. Indem er zulie\u00df, da\u00df sein Sohn durch die Schuld der Menschen gekreuzigt wurde, vers\u00f6hnte er uns mit ihm. Vers\u00f6hnung hei\u00dft mit Gott im Einklang leben. So, wie der gekreuzigte Christus bis zum Tod seinen Weg im Einklang mit Gott geht und noch im Sterben verzeiht. &#8222;La\u00dft euch vers\u00f6hnen mit Gott&#8220;, bittet Paulus. La\u00df euch neu mit Gott zusammenbringen. Erlebt den befreienden Frieden, der in eurem Leben einkehren wird, wenn ihr im Einklang lebt mit ihm, der Quelle allen Lebens.<\/p>\n<p>Gottesdienst und Predigt erfolgen im Auftrag Christi: &#8222;Wir sind Botschafter an Christi Statt; denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch vers\u00f6hnen mit Gott.&#8220; Die ganze christliche Gemeinde ist mit ihren Gottesdiensten Botschafter. Sie bittet die Menschen immer wieder neu, sich durch den gekreuzigten Christus mit Gott vers\u00f6hnen zu lassen.<\/p>\n<p>Paulus spricht ganz bewu\u00dft von einer Bitte. Es ist keine Forderung und kein Machtanspruch. Nur eine Bitte, immer wieder zur\u00fcckzufinden zu Gott. Eine Einladung, im gekreuzigten Herrn und in seinem heiligen Mahl die Mitte des Lebens zu finden.<\/p>\n<p>Bei Taufgottesdiensten mit Kindern verwende ich gerne ein Bild, um diese bittende und zugleich vers\u00f6hnende Haltung Gottes zu veranschaulichen. Ich erz\u00e4hle von einem kleinen Vogel, der ganz still in der warmen und ausgestreckten Hand eines Menschen sitzt, wie in einem Nest. Und ich sage dazu: &#8222;So h\u00e4lt Gott seine Hand f\u00fcr uns bereit, wie f\u00fcr den kleinen Vogel. Und Gottes Hand bleibt ge\u00f6ffnet, sie h\u00e4lt nicht fest und sie ballt sich nicht zur Faust f\u00fcr diesen kleinen Vogel. Der Vogel kann fliegen und wieder zur\u00fcckkehren in diese Hand. Das ist Gottes Angebot, das er uns in der Taufe macht.&#8220; Gottes Angebot steht und bleibt bestehen. Er begegnet in Christus als Bittender.<\/p>\n<p>IV. Eine hilfreiche Vorstellung f\u00fcr das, was Paulus mit den Worten &#8222;Denn er hat den, der von keiner S\u00fcnde wu\u00dfte, f\u00fcr uns zur S\u00fcnde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit w\u00fcrden, die vor Gott gilt&#8220; beschreibt, findet sich in einem Brief, den Dietrich Bonhoeffer 1943 aus dem Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis in Berlin-Tegel an den Freund Eberhard Bethge schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Es geht nichts verloren, in Christus ist alles aufgehoben, aufbewahrt, allerdings in verwandelter Gestalt, durchsichtig, klar, befreit von der Qual des selbst\u00fcchtigen Begehens. Christus bringt dies alles wieder und zwar so, wie es von Gott urspr\u00fcnglich gemeint war, ohne die Entstellung durch unsere S\u00fcnde.&#8220; (Widerstand und Ergebung. Neuausgabe 1985, S. 190)<\/p>\n<p>In Christus werden wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Dietrich Bonhoeffer beschreibt die Erfahrung des Tausches, die Martin Luther immer wieder betont hat und die in einer Reihe von Passionsliedern unserer evangelischen Fr\u00f6mmigkeit ausgesprochen wird. Christus tauscht mit uns und wir mit ihm.<\/p>\n<p>Dietrich Bonhoeffers bildhafte Redeweise wahrt den Geheimnischarakter dieses Vorganges. Wer das Bild des Gekreuzigten betrachtet und es in sich aufnimmt, in dem vollzieht sich dieser Wandel und Tausch. Nur so hat mein Leben Bestand vor Gott, indem ich in Christus die Gerechtigkeit werde, die vor Gott gilt. Dies ist eine tr\u00f6stliche Vorstellung, die Freiheit zur Lebensgestaltung l\u00e4\u00dft, aber auch zur Verantwortung mahnt, die ich in meinem Leben wahrnehmen kann.<\/p>\n<p>Ich erinnere noch einmal an die Situation der Beichte in der sp\u00e4tmittelalterlichen N\u00f6rdlinger St. Georgskirche: Der, der vor dem Bildgropramm der Hochaltarr\u00fcckwand zur Beichte in die Knie gegangen ist, kann wieder aufrecht hinausgehen. Er wird von Gott aufgerichtet. Und er wei\u00df um Beides. Um die Macht der S\u00fcnde und ihre Konsequenz vor Gott, und um die Kraft, die von diesem geheimnisvollen Tausch ausgeht, der sich im gekreuzigten Christus vollzieht. Eine Erfahrung, die hier wohl nicht zuf\u00e4llig an das szenische und k\u00f6rpersprachliche Erleben gebunden ist.<\/p>\n<p>V. Karfreitag steht f\u00fcr das Geheimnis des Glaubens. Dieser Tag l\u00e4dt ein, mich in das hineinzubegeben, wovon die biblischen Texte anschaulich erz\u00e4hlen und unsere Chor\u00e4le singen. Es sind heilende Bilder, die darin entfaltet werden. Ein Karfreitagsgebet aus der anglikanischen Kirche bringt dies sehr anschaulich und elementar zum Ausdruck. Die Theologin Janet Morley versteht Christus am Kreuz als eine Umarmung der gequ\u00e4lten Welt. Sie l\u00e4dt dazu ein, uns der Gnade Christi zu \u00fcberlassen. Ihr Gebet versucht mit seinen Elementen einer weiblichen Spiritualit\u00e4t aufnehmenden Formulierungen und Bildern \u00e4hnlich wie die Worte von Bodelschwingh und Bonhoeffer das auszudr\u00fccken, was in der Ann\u00e4herung an das Geheimnis des gekreuzigten Christus sich vollzieht und welche heilende Kraft von ihm seinen Ausgang nimmt:<\/p>\n<p>&#8222;Christus, unser Opfer, dessen Sch\u00f6nheit entstellt wurde und dessen Leib ans Kreuz geschlagen wurde. \u00d6ffne Deine Arme weit, um unsere gequ\u00e4lte Welt zu umarmen, damit wir unseren Blick nicht abwenden, und uns Deiner Gnade \u00fcberlassen.&#8220; (Janet Morley, Preisen will ich Gott, meine Geliebte. Psalmen und Gebete, 1989, S. 36)<\/p>\n<p>VI. Eine Szene, die ich vor einigen Jahren \u00fcber der Vorbereitung einer Karfreitagspredigt vom Fenster aus beobachten konnte, hat sich mir tief eingepr\u00e4gt. Ich war Pfarrer in einer schw\u00e4bischen Diasporagemeinde. Das Pfarrhaus und die Kirche standen ein wenig abseits am Ortsrand in einer Stra\u00dfe, in der auch viele t\u00fcrkische Familien wohnten. Mein Blick aus dem Fenster fiel auf das neue h\u00f6lzerne Wegkreuz. Der Nachbar, ein Tierarzt und Katholik, hatte es wenige Tage zuvor mit eigenen H\u00e4nden aufgestellt und geschm\u00fcckt. Es war seine pers\u00f6nliche Stiftung aus Dankbarkeit \u00fcber die Geburt des ersten Kindes. T\u00fcrkische Kinder aus der Nachbarschaft hatten wie oft auf dem Platz vor der kleinen evangelischen Kirche gespielt, Pl\u00f6tzlich entdeckten sie das Wegkreuz. Neugierig betrachteten sie die h\u00f6lzerne Figur des gekreuzigten Christus. Und ganz spontan umstellten sie das Kreuz, griffen sich an den H\u00e4nden und tanzten fr\u00f6hlich und mit tiefem Ernst um das Kreuz, ganz feierlich und intuitiv, ohne die tiefe Bedeutung ihres Tuns zu bemerken.<\/p>\n<p>Dort, wo Menschen etwas von der Kraft sp\u00fcren, die vom Kreuz Christi ausgeht, und sich die H\u00e4nde reichen wie diese Kinder, dort beginnt die Bitte des gekreuzigten Christus, die Paulus \u00fcbermittelt, Wirklichkeit zu werden: &#8222;Lasset euch vers\u00f6hnen mit Gott!&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Vorbemerkungen:<\/p>\n<p>Im Interesse der Konzentration auf einen Gedankengang des Paulus wird vorgeschlagen, nur die Verse 19-21 zu verlesen und die Predigt auf diesen Abschnitt zu beschr\u00e4nken. Die Predigt stellt einen Versuch dar, in sechs Bildern eine Ann\u00e4herung an den Kreuzestod Jesu und seine Folgen f\u00fcr die Getauften zu vollziehen. Der Kreuzestod Jesu wird dabei als Geheimnis verstanden, das weder rational noch emotional entschl\u00fcsselbar ist. Vers\u00f6hnung wird im Sinne Luthers und der evangelischen Passionsliedtradition als &#8222;Tausch&#8220; zwischen Christus und dem S\u00fcnder gesehen. Der meditative Zugang stellt eine Alternative zur in der homiletischen Literatur beliebten Problematisierung und Infragestellung der Heilsbedeutung von Christi Tod dar. Es geht der Predigt darum, den Charakter des Karfreitages als eines Tages der Meditation des Todes Jesu und des Verharrens in der betrachtenden Anbetung des Geschehens zu wahren.<\/p>\n<p>Prof. Dr. Klaus Raschzok, Biberweg 1, 07749 Jena, Lehrstuhl Prakt. Theologie, Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag | 10. April 1998 | 2. 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