{"id":21036,"date":"1998-04-13T11:14:46","date_gmt":"1998-04-13T09:14:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21036"},"modified":"2025-03-13T11:17:14","modified_gmt":"2025-03-13T10:17:14","slug":"ostersonntag-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/ostersonntag-4\/","title":{"rendered":"Ostersonntag"},"content":{"rendered":"<h3>Ostersonntag | 12.4.1998 | Wilhelm Sievers |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!&#8220; In diesen knappen Worten ist die Osterbotschaft zusammengefa\u00dft. Sie ist der Grund f\u00fcr die Freiheit und Zuversicht, die der christliche Glaube den Menschen gibt. Von diesem Ereignis ist eine Bewegung ausgegangen, die in 2000 Jahren ein Drittel der Erdbev\u00f6lkerung erreicht hat. Ein einmaliges Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Jeder denkende Mensch ist allein durch diese Wirkungsgeschichte des Osterglaubens angesprochen, dem Wahrheitsgehalt nachzusp\u00fcren.<\/p>\n<p>Aber! Es gibt wohl kaum etwas im Leben der Menschen, zu dem der Mensch nicht sein Aber hat. So ist es auch der Osterbotschaft von ihren Anf\u00e4ngen an bis heute ergangen. Menschen h\u00f6ren wohl diese Botschaft, aber sie haben ihre Bedenken, Zweifel, ja Ablehnung. Nicht wenige sagen mit Goethe, &#8222;die Botschaft h\u00f6r\u00b4 ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!&#8220;<\/p>\n<p>Glauben kann man weder verordnen noch erzwingen. Er mu\u00df von innen heraus wachsen durch Erfahrung und \u00dcberzeugung. So soll es darum gehen, Zug\u00e4nge zu dieser Botschaft zu erschlie\u00dfen. Als Erstes ist n\u00fcchtern festzustellen, da\u00df uns in der Auferweckung Christi von den Toten ein Mysterium begegnet. Ein Geheimnis, das sich unserem landl\u00e4ufigen Denken nicht erschlie\u00dft, weil wir damit nur in den uns bekannten Vorstellungen bleiben. Im Mysterium begegnet uns eine Lebenswirklichkeit, die uns in neue R\u00e4ume f\u00fchrt. Nur wer eine Offenheit des Fragens und Denkens mitbringt, wird die Chance haben, einen Zugang zu finden.<\/p>\n<p>Als Zweites ist zu bedenken, da\u00df die Auferweckung Christi mit dem Kreuzestod Jesu nicht nur in einem engen zeitlichen Zusammenhang steht. Es hei\u00dft in der Heiligen Schrift: &#8222;Christus ist gestorben und am dritten Tage von den Toten auferstanden&#8220;. Es besteht auch ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen Tod und Auferstehung. Leiden und Tod f\u00fchren uns zu Grenzerfahrungen des Lebens. Solche Grenzerfahrungen haben eine besondere Offenheit f\u00fcr Gotteserfahrungen. Das ist nicht zwingend, aber es gibt viele Menschen, die das mit ihrem Leben bezeugen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns auf die besonderen Wege des Lebens einlassen. Das hei\u00dft konkret auch auf den Weg des Leidens. Wenn wir an das Leiden im Leben denken, dann erscheint es uns als lebenszerst\u00f6rend, als etwas Unheilvolles, das uns die Freude am Leben nimmt und unsere Lebenspl\u00e4ne zerst\u00f6rt. Aber keiner von uns kann dem Leiden ausweichen. Es geh\u00f6rt zum Leben dazu und erreicht einen jeden fr\u00fcher oder sp\u00e4ter. So mu\u00df es darum gehen, da\u00df wir auch ein Interesse f\u00fcr das Leben von Menschen entwickeln, die durch Leiden hindurchgegangen sind, um so auch selbst f\u00fcr solche Lebenssituation vorbereitet zu sein.<\/p>\n<p>Wo Menschen Leiden aufgeb\u00fcrdet werden verzehren die einen sich darin, da\u00df sie gegen das Schicksal aufbegehren, es nicht wahrhaben wollen und nicht selten in Verbitterung und Resignation verfallen. Die andere M\u00f6glichkeit aber liegt darin, das Leiden anzunehmen als das mir zugeteilte Schicksal, mit dem ich umgehen mu\u00df. Aus einer solchen Einstellung erw\u00e4chst dann aber eine neue und ver\u00e4nderte Sicht des Lebens. Das Leben gewinnt eine andere Perspektive und er-schhlie\u00dft eine neue Dimension des Lebens.<\/p>\n<p>Das kann man freilich weder beweisen noch erzwingen, aber man kann es an Menschen beobachten und ihren Zeugnissen entnehmen. Ich verweise nur darauf, da\u00df mir nicht wenige Menschen begegnet sind, die vom Schicksal hart gepr\u00fcft worden sind und gerade sie strahlten eine Zufriedenheit, Gelassenheit und Dankbarkeit aus, die mich als junger Mensch geradezu besch\u00e4mt hat. Oder ich habe andere Menschen sagen h\u00f6ren, die eine schwere Krankheit \u00fcberstanden haben, ich sehe das Leben jetzt mit anderen Augen. Kurzum, wo Menschen Leiden als Ihr Schicksal angenommen haben und sich den Herausforderungen gestellt haben, da hat sich ihnen eine neue Lebensperspektive erschlossen. Solche Erfahrungen hat bereits der Verfasser des Hebr\u00e4erbriefes zusammengefa\u00dft in die Worte, &#8222;jede Z\u00fcchtigung aber, wenn sie da ist, scheint uns nicht Freude, sondern Leid zu sein; danach aber bringt sie als Frucht denen, die dadurch ge\u00fcbt sind, Frieden und Gerechtigkeit &#8220; (Hebr.12,11). Hier sind ganz deutlich die Zusammenh\u00e4nge von erfahrenem Leid und neuer Lebensperspektive aufgezeigt. Allerdings so, da\u00df es keine automatische Folge ist durch Leiden neues Leben zu erfahren, sondern es sind Erfahrungen f\u00fcr diejenigen, die durch Leiden ge\u00fcbt sind. Und das ist sicher eine der schwersten \u00dcbungen im menschlichen Leben. Aber die Erfahrungen anderer wollen mir Mut machen, wenn ich in das Tal der Leiden gef\u00fchrt werde, mich ihrer zu erinnern, um so auch meinen Weg anzunehmen.<\/p>\n<p>Wir haben also hier im Bereich unserer eigenen m\u00f6glichen Lebenserfahrung die paradoxe Situation, da\u00df Leiden als scheinbar lebenszerst\u00f6rende Kraft gerade das Tor zu einem neuen Leben \u00f6ffnet. Damit sollte uns eine Br\u00fccke gegeben werden, um auch zumindest ann\u00e4herungsweise den Zugang zu dem Paradox von Tod und Auferstehung zu finden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Leiden und die Erfahrung neuen Lebens sich auf der Ebene unseres zeitlichen gegenw\u00e4rtigen Lebens abspielt, \u00fcberschreitet das Geschehen von Tod und Auferstehung diese Ebene.<\/p>\n<p>In der Auferstehung wird eine neue Dimension des Lebens erschlossen, die aber ann\u00e4herungsweise sich dem Menschen erschlie\u00dfen kann, der durch Leiden hindurgegangen ist. Diese Erfahrung ist kaum in Worte zu fassen. Es erf\u00fcllt den Menschen eine Ahnung , ja mehr noch als eine blo\u00dfe Ahnung, sondern ein Gesp\u00fcr f\u00fcr ein geistiges Umfeld, das der Beter des Psalms in die Worte gefa\u00dft hat, &#8222;du stellst meine F\u00fc\u00dfe auf einen weiten Raum&#8220;. Hier wird etwas unmittelbar erfahrbar von dem Geist Gottes, der einen inneren Frieden und eine Weite des Denkens erschlie\u00dft, die den Menschen zu einer Ruhe und Vers\u00f6hnung mit seinem Leben und mit Gott finden l\u00e4\u00dft bis in das Sterben hinein.<\/p>\n<p>Damit ist aber ein Zusammenhang erschlossen, in dem das Wort &#8222;Christus hat demTode die Macht genommen&#8220; uns ansprechen kann. Sicher werden wir sterben. Aber in dem Sterben liegt die Macht des Todes. Das Sterben erscheint als das endg\u00fcltige Ende des Leben und so erscheint alles M\u00fchen des Menschen umsonst zu sein, denn am Ende sind wir tot.<\/p>\n<p>In der Begegnung mit Christus haben die J\u00fcnger mit ihm Leiden und Kreuz durchlitten bis hin zur Aufgabe jeder Hoffnung wie es in den Worten der J\u00fcnger anklingt, wenn sie sagen, &#8222;wir hielten ihn f\u00fcr den, der Israel erl\u00f6sen w\u00fcrde und nun ist er tot&#8220;. Dennoch haben sie nicht aufgegeben. Sie lie\u00dfen von Gott nicht los. Sie lasen in den Schriften des Alten Testaments und erz\u00e4hlten sich die Geschichten, die sie mit Jesu erlebt hatten. Sie rangen angesichts des Kreuzestodes Jesu mit Gott \u00e4hnlich wie Jakob mit Gott gerungen hat nach den Worten, &#8222;ich lasse dich nicht, du segnest mich denn&#8220;. Dieses Ringen geh\u00f6rt zum Glauben dazu. So ist den J\u00fcngern der Durchbruch zur Wirklichkeit Gottes geschenkt worden, der sich niederschlug in dem Bekenntnis: &#8222;Christus ist auferstanden&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist ein Bekenntnis, das nicht einfach nur in Worten besteht. In diesem Bekenntnis spiegelt sich die Wirklichkeit Gottes wider. Darum konnte es seine weltgeschichtliche Bedeutung entfalten. W\u00e4ren es nur blo\u00dfe Worte oder Einbildungen von einigen einfachen Leuten aus Galil\u00e4a gewesen, dann w\u00e4re das ganze wie ein Spuk l\u00e4ngst im Strudel der Geschichte untergegangen.<\/p>\n<p>Darum haben wir guten Grund, uns auf diese Botschaft einzulassen. Sie er\u00f6ffnet uns eine neue Lebensperspektive, da\u00df wir auch \u00fcber unser Sterben das sagen k\u00f6nnen, was in einer alten Br\u00fcckeninschrift steht, &#8222;alles ist nur \u00dcbergang&#8220;. In solchem Wissen angesichts des eigenen Sterbens aber verliert der Tod seine Macht. Denn so ist mit dem Sterben nicht alles aus und vergeblich. Es ist ein \u00dcbergang in neue R\u00e4ume. Wir kennen diese R\u00e4ume nicht. Aber in Christus und durch ihn werden wir in Gottes geistiges Umfeld hineingenommen, da\u00df unserem Herzen Trost und Zuversicht auch angesichts unseres letzten Weges schenkt.<\/p>\n<p>Im Kern geht es bei der Osterbotschaft um Gott und unsere Gemeinschaft mit ihm in der Kraft seines Geistes. Suchen wir Gott, wo er f\u00fcr uns zu finden ist: in seinem Wort der Heiligen Schrift, in Christus und der Gemeinschaft mit ihm im Gottesdienst, Gebet und Feier des Heiligen Mahles. Dann kann auch in uns der Glaube wachsen, der bekennt: &#8222;Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!&#8220; Amen &#8211; so ist es!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bischof Dr. Wilhelm Sievers, Oldenburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag | 12.4.1998 | Wilhelm Sievers | Liebe Gemeinde! &#8222;Der Herr ist auferstanden! 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