{"id":21041,"date":"1999-06-13T11:26:07","date_gmt":"1999-06-13T09:26:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21041"},"modified":"2025-04-09T16:04:58","modified_gmt":"2025-04-09T14:04:58","slug":"reisesegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/reisesegen\/","title":{"rendered":"Reisesegen"},"content":{"rendered":"<h3>Reisesegen-Gottesdienst | Juni 1999 | Christel Lucht |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Koffer packen \u2013 das wird f\u00fcr alle, die demn\u00e4chst verreisen, eine unerl\u00e4\u00dfliche Besch\u00e4ftigung sein. F\u00fcr manche ist es ganz leicht, sie sind h\u00e4ufiges Reisen gewohnt und wissen schnell und sicher, was mitzunehmen ist. Koffer packen \u2013 fast eine Nebenbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>F\u00fcr andere ist es das L\u00e4stigste am ganzen Urlaub. Bei jedem Teil ist die Entscheidung erforderlich: mu\u00df es mitgenommen werden oder nicht. Kleidung f\u00fcr kalte Tage und f\u00fcr warme Tage, bequeme Freizeitkleidung und etwas Festliches F\u00fcr das Lokal, Schuhe f\u00fcr jeden Zweck usw. \u2013 und alles f\u00fcr die ganze Familie. In Gedanken mu\u00df der Urlaub mit den Unw\u00e4gbarkeiten durchdacht werden, denn es ist unangenehm, wenn das erforderliche Teil nicht dabei ist.<\/p>\n<p>Koffer Packen erfordert die Entscheidung: was kann selbstverst\u00e4ndlich zu Hause bleiben, worauf wird f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit \u2013 wenn auch schweren Herzens &#8211; bewu\u00dft verzichtet, was wird vorsorglich eingepackt, obwohl es vermutlich nicht gebraucht wird.<\/p>\n<p>Mitnehmen, zur\u00fccklassen das umfa\u00dft mehr als nur die Kleidung. Das vertraute Zuhause mit seinen allt\u00e4glichen Gewohnheiten, seinem allt\u00e4glichen Rhythmus wird f\u00fcr eine Zeitlang verlassen. Der Schl\u00fcssel mu\u00df noch abgegeben, die Haustiere versorgt werden.<\/p>\n<p>Wer sich auf den Weg macht, ist auf Gastfreundschaft angewiesen. Wer sein Zuhause verl\u00e4\u00dft, wei\u00df, da\u00df er eine andere Herberge braucht, ein Dach \u00fcber dem Kopf, ein Bett. Ruhe finden, schlafen, sich fallen lassen in einem fremden Bett \u2013 manche haben in den ersten Tagen Schwierigkeiten damit bis sie sich eingew\u00f6hnt haben. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wieviel Vertrauen dazu n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Auch das Essen ist fremd, das Besteck, das Geschirr. Nat\u00fcrlich ist f\u00fcr den Urlaub alles gut organisiert und fest gebucht. Die Reiseb\u00fcros helfen dabei. Das Risiko einer spontanen Reise geht man lieber nicht ein, schon gar nicht als Familie.<\/p>\n<p>So widerspr\u00fcchlich es klingt, es geh\u00f6rt sicher beides zusammen: die Freude auf das neue Ungewohnte w\u00e4hrend des Urlaubs und dann wieder die Freude auf die R\u00fcckkehr ins Vertraute.<\/p>\n<p>Koffer packen \u2013 das gibt es auch in anderen Situationen, die nicht immer so erfreulich sind wie der Urlaub, wo nach einiger Zeit die R\u00fcckkehr ins Gewohnte erfolgt. Koffer packen steht stellvertretend f\u00fcr andere Aufbruchssituationen, wo es manchmal kein Zur\u00fcck gibt.<\/p>\n<p>Menschen, die nach dem Krieg auf der Flucht waren, erz\u00e4hlen: \u201aMit nur einem Koffer in der Hand bin ich damals angekommen. Darin hatte ich all meine Habseligkeiten. Vieles hatte ich eingepackt, aber bis auf das wenige habe ich alles verloren.\u2018<\/p>\n<p>Ein normaler Umzug heutzutage braucht hingegen Koffer in der Gr\u00f6\u00dfe eines Lkw. Vieles gibt es mitzunehmen, obwohl manches entr\u00fcmpelt wird. Zur\u00fcckgelassen werden Nachbarn, Freunde, die man zuk\u00fcnftig nur noch seltener sieht, der Ort, der ein Zuhause war. Neuorientierung dauert einige Zeit.<\/p>\n<p>Junge Leute Packen irgendwann ihre Koffer und ziehen aus dem Elternhaus aus. Au\u00dfer den sichtbaren Spielsachen auf dem Boden oder im Keller bleibt ihre Kinderzeit zur\u00fcck, mit all den gemischten Gef\u00fchlen, die f\u00fcr Eltern und Jugendliche damit verbunden sind.<\/p>\n<p>Studierende leben mitunter jahrelang \u201aaus dem Koffer\u2018 an verschiedenen Studienorten, zwischendurch bei den Eltern, dem Partner, der Partnerin.<\/p>\n<p>\u201a Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten, da habe ich meine Koffer gepacktund bin ausgezogen,\u2018 sagt die Frau, die ihren Mann verlassen hat, weil die Ehe l\u00e4ngst nicht mehr so war, wie sie begonnen hatte.<\/p>\n<p>Umgekehrt kann es sein, da\u00df jemand die Koffer vor die T\u00fcr gestellt bekommt. Sein Zuhause ist f\u00fcr ihn verschlossen, der Zutritt verwehrt.<\/p>\n<p>In dem alten Schlager \u201aIch hab noch einen Koffer in Berlin\u2018 ist die Sehnsucht enthalten, an diesen Ort zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen, immer mal wieder, die Verbindung nicht ganz abrei\u00dfen zu lassen.<\/p>\n<p>Nicht speziell vom Urlaub, wohl aber von Reisen, vom Aufbruch aus vertrauter Umgebung in neues Land und vom Gast sein ist an unterschiedlichen Stellen der Bibel die Rede.<\/p>\n<p>Gott sprach zu Abraham Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft in ein Land, das ich dir zeigen will. Sp\u00e4ter hei\u00dft es: Abraham zog aus wie Gott zu ihm gesagt hatte. Die Gr\u00f6\u00dfe dieses Auftrags und die einschneidende Lebensver\u00e4nderung, die sich hinter diesen wenigen Worten verbirgt, l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr uns vermutlich kaum ermessen.<\/p>\n<p>Eine andere gro\u00dfe Aufbruchssituation war, als die Israeliten \u00c4gypten verlie\u00dfen, um in das gelobte Land zu ziehen. Endlich die Knechtschaft hinter sich lassen, endlich frei sein. Doch zwischen der Sklaverei und dem gelobten Land lagen 40 Jahre W\u00fcstenwanderung.<\/p>\n<p>Vergleichbar sind die Empfindungen in Lebenssituationen unter der \u00dcberschrift; Ich habe es nicht mehr ausgehalten, habe endlich die Koffer gepackt und bin gegangen. Doch dann stellte sich unerwartete Schwierigkeiten ein. Fragen dr\u00e4ngten sich auf \u2013 ob es richtig war zu gehen. Vielleicht sollte ich doch besser zur\u00fcckkehren. Es hat lange gedauert bis die Durststrecke dieser Lebenssituation \u00fcberwunden war.<\/p>\n<p>Manchmal wird sogar der Urlaub ein wenig so empfunden. Endlich konnte die Sklaverei der Arbeit, der Stempeluhr, der Schule, des unertr\u00e4glichen Leistungs- und Termindrucks zur\u00fcckgelassen werden, das gelobte Urlaubsziel vor Augen. Wenn alles gut geht, ist es reibungslos. Wenn nicht, kann es schon ein kleiner Stau auf der Autobahn sein, der alle Emotionen durcheinanderbringt. \u201aW\u00e4ren wir nur zu Hause geblieben,\u2018 ist vielleicht nicht nur das treffende Wort der Kinder. Manchmal m\u00fcssen in der ersten Tagen seelische W\u00fcstenstationen durchwandert werden, ehe die Mu\u00dfe, die Erholung sp\u00fcrbar wird.<\/p>\n<p>Vom Beter des 119. Psalms wird u.a. das Wort \u00fcberliefert: Ich bin ein Gast auf Erden.<\/p>\n<p>Wir haben hier keine bleibende Statt. \u2013 Eine tiefe Lebensweisheit ist in diesem Bild ausgedr\u00fcckt. Die zeitliche Begrenzung des Lebens wird klar in den Blick genommen, ebenso die Kostbarkeit geschenkter Zeit, der Wert des Augenblicks. Gastsein wird geteilt mit anderen. Gastsein ist mit Freude verbunden, mit einem bestimmten Verhalten von Dank, Aufmerksamkeit, gutem Benehmen. Behutsam geht ein Gast mit dem um, was ihm zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Als Gast brauche ich Vertrauen zu dem Gastgeber, der mich freundlich aufnimmt.<\/p>\n<p>\u201aIch bin ein Gast auf Erden,\u2018 ist eine andere Lebenseinstellung als \u201aWir sind die Herren der Welt.\u2018 Der Psalmbeter sieht Gott als Gastgeber.<\/p>\n<p>Paul Gerhardt hat in seinem Lied \u201aGeh aus mein Herz &#8230;\u2018 ebenfalls diesen Gedanken aufgenommen. In der Letzten Strophe spricht er von \u201ader letzten Reise\u2018. Daf\u00fcr ist dann kein Koffer mehr n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Auf dem Land habe ich Menschen kennengelernt, die vermutlich nie wirklich einen Koffer gepackt haben, weil sie nie verreist sind. Lag es an der Arbeit, an den Tieren, die jeden Tag versorgt werden mu\u00dften, am fehlenden Mut, am Geld? Ich wei\u00df es nicht. Die Menschen wirkten nicht, als h\u00e4tten sie etwas wichtiges vers\u00e4umt. Sie waren zufrieden und sagten:\u2018Hier ist es sch\u00f6n. Wir haben das Paradies vor der Haust\u00fcr.\u2018 Ihr Lebensrhythmus war in den Jahreslauf eingebunden. Sie lie\u00dfen sich nicht von Terminen hetzen. Jeder Tag hatte eine Zeit der Mu\u00dfe. Sie hatten, was andere im Urlaub suchen und manchmal nicht finden k\u00f6nnen, wenn das Urlaubsprogramm (welch ein Widerspruch im Wort) zu voll ist.<\/p>\n<p>Das einfache Nachdenken \u00fcber das Koffer packen zu Beginn des Urlaubs ist nun zu einem gedanklicher Ausflug in ganz andere Lebenssituationen geworden.<\/p>\n<p>Wenn Sie Ihre Koffer packen, in welcher Situation auch immer, w\u00fcnsche ich Ihnen, da\u00df Sie es mit Vorfreude tun.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Urlaub packen Sie das Buch mit ein, das Sie schon immer mal lesen wollten. Wenn Sie es nicht schaffen, sehen Sie es gelassen. Lassen Sie den Terminkalender und Wecker getrost zu Hause. Ein Spiel mitzunehmen, w\u00e4re sicher gut, denn beim Spielen kann man etwas mit anderen machen, sinn- und zweckfrei, einfach um der Freude willen.<\/p>\n<p>Genie\u00dfen Sie es, zu verreisen und viele neue Eindr\u00fccke zu sammeln. G\u00f6nnen Sie sich Mu\u00dfe, das ist wichtiger als das Freizeitprogramm zu absolvieren.<\/p>\n<p>Lassen Sie Platz in Ihrem Koffer f\u00fcr das, was Sie vielleicht mitbringen m\u00f6chten, ein Andenken, das die Erinnerungen lebendig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nehmen Sie viele gute Segensw\u00fcnsche mit auf Ihre Reise und bis wir uns wiedersehen, halte Gott einen jeden von uns im Frieden seiner Hand.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>(Nach der Ansprache habe ich aus einem kleinen Kinderkoffer Kartengr\u00fc\u00dfe an die Gottesdienstbesucher\/-innen verteilt.)<\/p>\n<p>Christel Lucht, Pastorin, Stettiner Weg 50, Hannover Tel.: 0511-557498 30625<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisesegen-Gottesdienst | Juni 1999 | Christel Lucht | Liebe Gemeinde, Koffer packen \u2013 das wird f\u00fcr alle, die demn\u00e4chst verreisen, eine unerl\u00e4\u00dfliche Besch\u00e4ftigung sein. 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