{"id":21049,"date":"1999-09-13T11:38:57","date_gmt":"1999-09-13T09:38:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21049"},"modified":"2025-03-13T11:42:03","modified_gmt":"2025-03-13T10:42:03","slug":"markus-140-45-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-140-45-3\/","title":{"rendered":"Markus 1,40-45"},"content":{"rendered":"<h3>14. Sonntag nach Trinitatis | 05. September 1999 | Mk 1,40-45 | Oda-Gebbine Holze-St\u00e4blein |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, r\u00fchrte ihn an und sprach: \u2018Ich will\u2019s tun; sei rein!&#8220; &#8211; Es geht um Ber\u00fchrung mit Krankheit. Fast zwangsl\u00e4ufig kommen wir alle irgendwann mit Krankheit in Ber\u00fchrung. Mit eigener oder mit der eines Familienmitgliedes, eines Freundes, einer Kollegin. Wir reden \u00fcber Krankheit. (Je \u00e4lter wir werden, desto lieber.) Wir h\u00f6ren fast t\u00e4glich irgendetwas \u00fcber Krankheit, und sei es auf dem Wege \u00fcber eine umstrittene Gesundheitsreform.<\/p>\n<p>Krankheit ist allt\u00e4glich, gew\u00f6hnlich &#8211; und zugleich ist sie unheimlich, au\u00dfergew\u00f6hnlich. Wir haben Krankheit im Griff, z\u00e4hmen sie unabl\u00e4ssig mit Hilfe von Vorsorge, Medizin und Pflege &#8211; und zugleich hat sie uns im Griff, sind wir ihr ausgeliefert. Was wei\u00df ich denn schon \u00fcber meinen eigenen K\u00f6rper? Wei\u00df ich, ob nicht irgendwo in einer Zelle l\u00e4ngst unkontrollierbares Wachstum, ein Krebs, begonnen hat? In Wahrheit, das merken wir, haben wir doch immer noch wenig im Griff.<\/p>\n<p>Krankheit: der Ausnahmezustand im Leben. Sie wirft Pl\u00e4ne, Tages- und Lebensl\u00e4ufe, Beziehungen und den Glauben \u00fcber den Haufen. Ja, auch den, wenn es wirklich dick kommt. Nat\u00fcrlich haben wir Rituale und Regeln im Umgang mit Krankheit entwickelt: Krankschreiben, Arztbesuch, Versicherung und Krankenkasse, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Krankenbesuche und Genesungsw\u00fcnsche, Hygiene und Schonkost. Es gibt &#8211; so scheint es &#8211; Gebrauchsanweisungen f\u00fcr Krankheiten. Alles ist geordnet. Jedenfalls f\u00fcr den, der Krankheit von au\u00dfen wahrnehmen kann. Wir haben uns vielf\u00e4ltig abgesichert, um nicht zu nah mit Krankheit in Ber\u00fchrung zu kommen. Sie soll nicht das Gewebe unseres Lebens zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Aber manchmal gelingt das nicht mehr. Dann stellt sie uns. Ich h\u00f6re noch die 74-J\u00e4hrige, die zum erstenmal in ihrem Leben schwer krank geworden war: &#8222;Ich habe mein Leben immer gemeistert. Alles mu\u00dfte hundertprozentig sein. Und jetzt liege ich brach&#8230;&#8220; Krankheit als Brache; als Zeit, wo nichts mehr weitergeht. Das Leben scheint den Atem anzuhalten. Endg\u00fcltig? Krankheit: fruchtlose Zeit, wie ein Feld, das brachliegt?<\/p>\n<p>Wer krank wird, entbehrt und verliert. Aber manchmal gewinnt einer dabei auch. Vor allem, wenn ein Kind krank wird: Wie wohl tun die besorgten Blicke der Eltern! Wie nett auf einmal die sonst so biestigen Geschwister sind! Es gibt Lieblingsessen und Besuch, vor allem aber Zuwendung der Mutter. Und die andern m\u00fcssen jetzt mal zur\u00fcckstehen. Und das Zweitbeste: keine Schule! &#8211; Auch Erwachsene gewinnen Zuzwendung, R\u00fccksichtnahme, Schonung. Man kann sich so daran gew\u00f6hnen, da\u00df man sich unbewu\u00dft in Krankheit fl\u00fcchtet&#8230;<\/p>\n<p>Aber wenn es eine schwere Krankheit ist; wenn sie langwierig ist; wenn es gar eine Krankheit zum Tode ist, dann wendet sich das Blatt. Die L\u00e4nge tr\u00e4gt die Last. Es gibt Erm\u00fcdungserscheinungen bei \u00c4rzten und Pflegern. Die anderen gew\u00f6hnen sich an die Krankheit, nur der nicht, der krank ist. Er leidet t\u00e4glich, st\u00fcndlich, immer. Die kurzatmigen Aufmunterungen (Kopf hoch! Wird schon wieder!) greifen nicht mehr. Die Gespr\u00e4che am Krankenbett werden schwieriger und k\u00fcrzer, versiegen wie ein Rinnsal im Sand. Immerhin: das ist schon viel, wenn Menschen das miteinander aushalten und nicht die Flucht ergreifen! Oft ist es anders, zumal dann, wenn die Hoffnung auf Heilung schwindet. Einsam wird der Kranke, ausgegrenzt aus der Welt der Lebenden, so, als w\u00e4re er schon tot.<\/p>\n<p>Aussatz hei\u00dft die Krankheit, von der hier ein Mensch durch Jesus befreit wird. Lepra, medizinisch ausgedr\u00fcckt. Aber \u2018Aussatz\u2019 sagt genauer, was das eigentliche Problem ist: das Ausgesetzt- Sein. Wer von Lepra befallen wurde, wurde ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Gesunden. Wie sollten sie sich auch sonst gegen Ansteckung sch\u00fctzen? Aussatz war damals, anders als heute, eine nicht beherrschbare Krankheit. \u00c4hnlich wie Aids heute, obwohl es da enorme Fortschritte in der Therapie gibt. Aber heilbar ist Aids (noch) nicht. Und wir wollen uns nichts vormachen: auch der Krebs ist noch nicht wirklich beherrscht, trotz aller Forschungserfolge, trotz aller Fortschritte in der Medikation und Therapie. Darum macht er doch so viel Angst. Und dann bricht eben auch heute, auch unter uns, das auf, was dem Auss\u00e4tzigen in dieser Geschichte das Leben zur H\u00f6lle macht: die Krankheit isoliert; Ber\u00fchrungsangst wird un\u00fcberwindbar.<\/p>\n<p>Die \u00dcbereinstimmung geht noch weiter. Wieviele Menschen glauben heute insgeheim oder sagen laut, da\u00df z.B. Aids eine Strafe Gottes sei f\u00fcr einen moralisch anr\u00fcchigen Lebenswandel! Wieviele sagen, wenn sie krank werden: Womit habe ich das verdient! Warum gerade ich!? Wer im Altertum leprakrank wurde, galt als ein von\u00a0Gott\u00a0f\u00fcr seine S\u00fcnden bestrafter und geschlagener Mensch. Er war im medizinischen und religi\u00f6sen Sinn unrein, unber\u00fchrbar. Wenn also die Gesellschaft einen aussetzte, dann tat sie das guten Gewissens. Sie vollzog ja nur sichtbar das unsichtbare Strafgericht Gottes \u00fcber einen Menschen.\u00a0Gott war der eigentlich Aussetzende. Gott stie\u00df einen s\u00fcndigen Menschen in die Krankheit des Aussatzes. So dachte man. &#8211; \u00dcbrigens: Vielleicht waren die Auss\u00e4tzigen damals sogar besser dran als z.B. ein aidskrankes Kind heute. Sie halfen sich gegenseitig, fanden in ihrer Krankheit unter den Kranken Solidarit\u00e4t. Aidskranke Kinder finden h\u00e4ufig keinen Lehrer, der sie zu Hause unterrichtet; niemanden, der mit ihnen spielt.<\/p>\n<p>&#8222;Der Auss\u00e4tzige kam zu Jesus, bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.&#8220; Es ist wichtig an dieser Geschichte, da\u00df der kranke Mensch selber handelt. Er geht auf Jesus zu, kniet nieder, redet, bittet. Er schickt sich nicht in sein Geschick. Er hat noch nicht resigniert. Ist das seine eigene menschliche Leistung? Sicher auch. Aber vielleicht ist der Mut des Kranken, sich an Jesus zu wenden, auch ein Zeichen f\u00fcr die verborgene, aber unzweifelhaft vorhandene G\u00fcte Gottes; ein Mut, der schon selber aus dem lebenschaffenden Geist Gottes kommt! &#8222;Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder&#8220;, sagt Paulus. Wie oft wissen sie es selber nicht und sind es doch, sind von Gottes Geist getragen, von Gottes H\u00e4nden schon l\u00e4ngst geleitet. Wie gut, da\u00df Gott nicht wartet, bis wir im Kopf und im Herzen so weit sind. Seine G\u00fcte ist zuvorkommende G\u00fcte!<\/p>\n<p>Und nun steht da: &#8222;Und es jammerte ihn.&#8220; W\u00f6rtlich: sein Inneres, seine Eingeweide, wurden bewegt. Jesus besch\u00e4ftigt sich nicht nur im Kopf mit dem Elend des Menschen. Er leidet es am eigenen Leib mit. Es geht ihm an die Nieren, macht ihm das Herz schwer, schl\u00e4gt ihm auf den Magen. Wie gut unsere Sprache doch ist! Aber Jesus ergreift nicht die Flucht &#8211; &#8222;Ich kann das nicht mitansehen!&#8220; &#8211; geht nicht auf Distanz, spiegelt und verliert sich nicht in der eigenen Befindlichkeit. Er streckt die Hand aus und r\u00fchrt den kranken Mann an. Ich bin sicher: er tippt ihn nicht nur an, mit spitzem Finger sozusagen. Vielleicht hat er ihn in den Arm genommen. Den grauenvollen Anblick einer von Krankheit zerfressenen Nase und den Gestank ausgehalten, ohne sich abzuwenden. Jesus kann mehr, als ich k\u00f6nnte. Weil er nicht in erster Linie die Krankheit sieht, sondern den Menschen, der leidet. Darum \u00fcberwindet er Ber\u00fchrungsangst, wird mit-menschlich. Und das ist schon viel. Aber noch nicht alles.<\/p>\n<p>Jesus r\u00fcckt eine falsche Theologie, eine falsche Religion zurecht. Denn in ihm handelt Gott. Der Auss\u00e4tzige wei\u00df das. Er hat Jesus nicht nur als irgendeinen Wunderheiler angesprochen. Er hat vor ihm gekniet, wie man vor Gott kniet. Und jetzt wei\u00df er: &#8222;Gott ber\u00fchrt mich in meiner Krankheit. Es ist nicht wahr, da\u00df er mich mit dieser Krankheit getraft hat, da\u00df er sich von meinem Leben abgewendet hat und nichts mehr mit mir zu tun haben will. Er hat mir etwas geschickt in dieser Krankheit: eine Botschaft. Ich mu\u00df sie entziffern. Aber sicher ist ab jetzt: Er kennt mich mit Namen. Ich bin sein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich will\u2019s tun; sei rein!&#8220; Jesus geht \u00fcber Ber\u00fchrung und Zuwendung hinaus, weit \u00fcber das, was auch uns erschwinglich w\u00e4re. Er wendet das Geschick, macht das Leben des Kranken neu, bringt ihn neu zur Welt, in jedem Sinn. &#8222;Und so, wie ich das an dir tue, wird Gott das an allen tun. Siehe, ich mache alles neu!&#8220; Gott und Welt sind untrennbar miteinander verbunden. &#8222;Weder Hohes noch Tiefes, weder Krankheit noch Einsamkeit, weder Krebs noch Aids k\u00f6nnen uns von der Liebe Gottes scheiden, wie wir sie in Jesus Christus gesehen haben.&#8220; So w\u00fcrde es Paulus heute sagen.<\/p>\n<p>\u2018Meine Krankheit trennt mich nicht vom Grund meines Lebens. Ich bin nicht entwurzelt, nicht ausgeliefert an namenloses Entsetzen. Gott hat seine Hand schon nach mir ausgestreckt, unter mein Leben geschoben. Ich werde nicht versinken.\u2019 Wer die Brachzeit einer Krankheit so wahrnehmen kann, ist schon von Jesus anger\u00fchrt. Ein brachliegendes Feld ist kein totes Feld. Tote Felder gibt es nicht. Ein braches Feld kann neu bepflanzt und bes\u00e4t werden. Neues Leben kann aus ihm hervorkommen. Am Ende das endg\u00fcltig neue Leben; es wird aus der H\u00f6he ges\u00e4t.<\/p>\n<p>Vielleicht wird nun auch verst\u00e4ndlich, warum Jesus nicht will, da\u00df die Kunde von seiner Tat \u00fcberall verbreitet wird. Die wunders\u00fcchtigen Menschen suchen das Spektakel, damals wie heute. Sie suchen ein Wunder, das ihr bisheriges Leben wiederherstellt; das sie wieder so sein l\u00e4\u00dft, wie sie waren. Das Wunder Jesu bietet mehr. Es bietet ein geheiltes Leben aus dem wiedergewonnenen Vertrauen heraus: Ich darf wieder unter dem mir zugewandten Antlitz Gottes, unter seinem Segen, leben. Gott hat mit meinem Leben zu tun. Er wird mich nicht ohne Hoffnung lassen. Er s\u00e4t mich neu aus, wenn die Zeit reif ist. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Superintendentin Oda-Gebbine Holze-St\u00e4blein<\/p>\n<p>Burgdorf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis | 05. September 1999 | Mk 1,40-45 | Oda-Gebbine Holze-St\u00e4blein | Liebe Gemeinde! &#8222;Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, r\u00fchrte ihn an und sprach: \u2018Ich will\u2019s tun; sei rein!&#8220; &#8211; Es geht um Ber\u00fchrung mit Krankheit. Fast zwangsl\u00e4ufig kommen wir alle irgendwann mit Krankheit in Ber\u00fchrung. Mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16935,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[37,512,727,157,853,114,633,349,3,1288,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21049","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-markus","category-14-so-n-trinitatis","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-01-chapter-01-markus","category-kasus","category-nt","category-oda-gebbine-holze-staeblein","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21049","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21049"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21049\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21050,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21049\/revisions\/21050"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16935"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21049"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21049"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21049"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21049"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21049"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21049"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21049"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}