{"id":21062,"date":"1998-04-14T08:39:24","date_gmt":"1998-04-14T06:39:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21062"},"modified":"2025-04-09T10:02:00","modified_gmt":"2025-04-09T08:02:00","slug":"21062-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/21062-2\/","title":{"rendered":"1. Petrus 2,18-25"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 26. April 1998 | 1. Petr 2,18-25 | Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/h3>\n<p>Text: 1. Petr. 2, 18-25<\/p>\n<p>18 Mahnungen an die Sklaven Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den g\u00fctigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. 19 Denn das ist Gnade, wenn jemand vor Gott um des Gewissens willen das \u00dcbel ertr\u00e4gt und leidet das Unrecht. 20 Denn was ist das f\u00fcr ein Ruhm, wenn ihr um schlechter Taten willen geschlagen werdet und es geduldig ertragt? Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat f\u00fcr euch und euch ein Vorbild hinterlassen, da\u00df ihr sollt nachfolgen seinen Fu\u00dftapfen; er, der keine S\u00fcnde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschm\u00e4hte, als er geschm\u00e4ht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre S\u00fcnde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der S\u00fcnde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. 25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>ein befremdlicher, ein fast \u00e4rgerlicher Text! Wir erwarten in der Osterzeit nicht Leiden und Kreuzigung im Zentrum der Botschaft, sondern den neuen Morgen danach. Aber Ostern w\u00e4re mi\u00dfverstanden, wenn es f\u00fcr uns bedeutete: Das Kreuz ist nun vergangen und vergessen. Selbst der Zweifler Thomas erkennt den auferstandenen Christus an den Wundmalen des Gekreuzigten.<\/p>\n<p>Es ist mit Ostern wie mit der Liebe: Erst wenn sie auch den Leiden und den Schmerzen ausgesetzt war, hat sie ihre Pr\u00fcfung bestanden. Die K\u00e4mpfe, die sie zu \u00fcberstehen hat, ihre Wunden, ihre Narben, sind der Test auf ihre innere Wahrheit. So ist das auch mit dem guten Hirten, der sich nicht aus dem Staub macht, wenn es gef\u00e4hrlich wird. Geradezu wirbt er f\u00fcr ein Leben mit ihm.<\/p>\n<p>Aber zun\u00e4chst geht es ja gar nicht um Christus. Es geht um uns Christen. Um Dich und mich. Es geht um die Macht der Auferstehung in unserem Leben. &#8222;Bl\u00fch&#8216; auf, gefrorner Christ, der Mai steht vor der T\u00fcr.&#8220;<\/p>\n<p>Sicher, wir sind keine Sklaven, wie die in unserem Text angesprochenen Personen. Aber in allerlei Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen stehen wir doch, leichtere und schwerer zu handhabende. Der unzufriedene oder aufbrausende Chef, die ungerechte Vorgesetzte, der ewig n\u00f6rgelnde Kollege, die Unzufriedenheit von Mitarbeitern oder Untergebenen, die Abh\u00e4ngigkeit von \u00c4mtern und Beh\u00f6rden. Abh\u00e4ngigkeiten bestehen nicht nur von oben nach unten, wer oben ist, kann auch h\u00f6llisch abh\u00e4ngig sein von denen unten &#8211; z.B. ihren Launen und ihrer Arbeitswilligkeit. In der Familie gibt es ja auch nicht nur die &#8222;g\u00fctigen und freundlichen&#8220; V\u00e4ter und M\u00fctter, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, sondern auch, wie es in der Luther\u00fcbersetzung unseres Textes hei\u00dft, die &#8222;wunderlichen&#8220;. Eine moderne \u00dcbersetzung spricht von den &#8222;verdrehten&#8220; Leuten, mit denen wir auskommen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Christen, so hei\u00dft nun die Botschaft dieses Textes, sind vertr\u00e4gliche, vers\u00f6hnliche, zur Vergebung bereite Menschen, also solche, die lieber Unrecht leiden als zur\u00fcckzuschlagen. Freilich, so wei\u00df der Text auch: Sich so verhalten zu k\u00f6nnen, ist eine besondere Gnade. Es ist also kein Gesetz, das \u00fcberall und unter allen Umst\u00e4nden gilt. In der Erziehung wird der Vater oder die Mutter auch einmal energisch raten m\u00fcssen: &#8222;Wehr&#8216; Dich, schlag&#8216; zur\u00fcck, verschaffe Dir Respekt.&#8220; Aber christliche Eltern werden zu gegebener Zeit hinzuf\u00fcgen; &#8222;Um so eindr\u00fccklicher ist es, wenn Du dann, wenn Du Respekt gewonnen hast, wenn Du etwas darstellst, Nachsicht \u00fcbst und bei der n\u00e4chsten Gelegenheit gro\u00dfz\u00fcgig vom Zur\u00fcckschlagen absiehst. Das macht einen bleibenden Eindruck.&#8220;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das ist leicht gesagt, auch von einer Kanzel. Im Get\u00fcmmel des Alltags geht&#8217;s hart zu. Was k\u00f6nnte das Motiv sein, woher nehme ich meine Kraft, zu vergeben, lieber Unrecht zu erleiden, als zur\u00fcckzuschlagen oder auch nur heimlich die F\u00e4uste zu ballen und auf Rache zu sinnen?<\/p>\n<p>Ich will nicht ausschlie\u00dfen, liebe Gemeinde, da\u00df es zun\u00e4chst einmal Klugheit sein kann. Lieber nachzugeben, Unrecht zu dulden, als gegenzuhalten, kann ein Gebot der Lebensklugheit sein. Der Sklave, der schlechte Behandlung und das Unrecht seines Herrn ertr\u00e4gt, wei\u00df vielleicht: Der sitzt am l\u00e4ngeren Hebel, bei dem strampele ich umsonst. Mit Widerworten und Widerstand erreiche ich gar nichts.<\/p>\n<p>Als ich k\u00fcrzlich in London war, erz\u00e4hlte mir eine \u00e4ltere Dame, die als junges M\u00e4dchen in Deutschland einen englischen Soldaten geheiratet hatte und in ein Dorf bei Nottingham verpflanzt worden war: &#8222;Wissen Sie, zu Anfang haben die Dorfbewohner mir viele h\u00e4\u00dfliche Worte nachgerufen und mich mit Blicken der Verachtung daf\u00fcr gestraft, da\u00df ich es gewagt hatte, einen der ihren zu heiraten. Ich verstand nicht alles, aber ich sp\u00fcrte, wie sie sagen wollten: &#8222;Sind denn unsere M\u00e4dchen nicht gut genug f\u00fcr einen Engl\u00e4nder? Mu\u00df der sich ausgerechnet eine aus Nazi-Deutschland mitbringen?!&#8220; Dann fuhr sie fort: &#8222;Ich habe die Leute immer angel\u00e4chelt und sie freundlich gegr\u00fc\u00dft, das war alles. In wenigen Wochen war ich von ihnen akzeptiert.&#8220;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, nicht jeder kann das, und nicht jedes Temperament l\u00e4\u00dft das zu. Aber aus der Lebensklugheit kann eine solche Macht der \u00dcberwindung des B\u00f6sen durch das Gute kommen. Es war eine recht einfache Weisheit, aber sie f\u00fchrte zum Ziel. Die Besch\u00e4mung durch Gro\u00dfz\u00fcgigkeit hat es erst recht in sich. Freilich, die Kraft zum Ertragen von Unrecht kann auch noch von woanders herkommen. Der Text sagt: &#8222;Christus hat f\u00fcr euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen, da\u00df ihr sollt nachfolgen seinen Fu\u00dfstapfen.&#8220;<\/p>\n<p>Die damals am Kreuzweg in Jerusalem standen, die Zeugen seines Leidens, seiner Gei\u00dfelung und Verspottung, die haben es unmittelbar gesp\u00fcrt. Da ist einer, der das Gesetz von Ha\u00df und Rache, von Unrecht und Vergeltung durchbricht und daf\u00fcr in die Bresche tritt. Da er sich doch selbst nichts hatte zuschulden kommen lassen, ein Gerechter war unter so vielen Ungerechten, begannen sie zu ahnen: Der tut das nicht f\u00fcr sich, er tut das f\u00fcr andere, stellvertretend f\u00fcr uns. Aus einer tiefen Sympathie f\u00fcr diesen Menschen, der nicht Gleiches mit Gleichem vergalt, nicht Schm\u00e4hungen mit Schm\u00e4hungen, nicht Leiden mit Drohungen, rief der heidnische Hauptmann am Kreuz aus: &#8222;Wahrlich, das ist Gottes Sohn.&#8220; Napoleon soll einmal gesagt haben: &#8222;Ich kenne die Menschen, der war mehr als ein Mensch.&#8220;<\/p>\n<p>Und wir? Ist uns sein Bild, die Kraft seines Erduldens und Ertragens so fern ger\u00fcckt, da\u00df es uns nicht mehr bewegt? Sind die Zw\u00e4nge des Alltags so stark, da\u00df diese Botschaft nicht mehr wahr und richtig sein soll? In dem Roman von Dostojewski &#8222;Die Br\u00fcder Karamasow&#8220;, liebe Gemeinde, geht der j\u00fcngste Sohn Mitja in die Schule des M\u00f6nchs Sossima. Ich wei\u00df, das ist so ein Roman, den man unter Umst\u00e4nden viele Male zu lesen versucht, aber durch den man nie ganz durchkommt; er ist wie ein alpiner Berg, ein Massiv. Aber vielleicht ist jemand doch einmal bis zu der Stelle vorgedrungen, wo der M\u00f6nch Sossima zu Mitja sagt: &#8222;Vor manch einem Gedanken bleibt man in Ratlosigkeit stehen, namentlich beim Anblick der S\u00fcnden des Menschen. Und man fragt sich: Soll man es mit Gewalt anfangen oder mit dem\u00fctiger Liebe? Entscheide dich immer so: &#8218;Ich will es mit dem\u00fctiger Liebe versuchen&#8217;&#8230;Liebevolle Demut ist eine gewaltige Macht, die st\u00e4rkste von allen, und es gibt keine, die ihr gleich k\u00e4me.&#8220;<\/p>\n<p>Liebevolle Demut &#8211; das ist gegen die Selbstherrlichkeit vieler Menschen, auch von Christen und Pastoren, der eine g\u00f6ttliche Wesenszug des Christus. Wir d\u00fcrfen in seine Fu\u00dfstapfen treten, in den vielen Geschichten unseres Alltags, wo es an Nachgiebigkeit fehlt, wo ich meine, auf Teufel-komm-raus mein Recht durchsetzen zu m\u00fcssen, wo ich denke, wieder einmal zu kurz gekommen zu sein. Dem\u00fctige Menschen sind daran zu erkennen, da\u00df ihnen Erfolge nicht zu Kopf steigen, da\u00df sie sich das Nachtragen verbieten, da\u00df sie in Streitigkeiten den ersten Schritt zur Vers\u00f6hnung machen. Die kommende Woche kann eine Probe darauf sein. Was uns dabei mi\u00dflingt, was als Ungeist der Vergeltung und der Heimzahlung und des Aufrechnens doch wieder aus uns herausbricht, das und all das, was dieser Ungeist angerichtet hat, d\u00fcrfen wir ihm, dem Christus aufhalsen. Der gute Hirte hat es schon hinaufgetragen an das Holz des Kreuzes. Da\u00df er das getan hat, das ist unser Ostern.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Jebensstra\u00dfe 3, 10623 Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 26. April 1998 | 1. Petr 2,18-25 | Wilhelm H\u00fcffmeier | Text: 1. 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