{"id":21074,"date":"1999-04-14T09:05:08","date_gmt":"1999-04-14T07:05:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21074"},"modified":"2025-03-14T09:08:19","modified_gmt":"2025-03-14T08:08:19","slug":"johannes-1616-23a","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1616-23a\/","title":{"rendered":"Johannes 16,16-23a"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtvorschlag zur Konfirmation | 25. April 1999 | Joh 16,16-23a | Reinhard Weber |<\/h3>\n<p>Text:<\/p>\n<p>&#8222;Jesus sprach: Noch kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen; und nochmals eine kurze Zeit, so werdet ihr mich wiedersehen. Da sagten einige von seinen J\u00fcngern untereinander: Was soll das hei\u00dfen: Noch kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen; und nochmals eine kurze Zeit, so werdet ihr mich wiedersehen, und: Ich gehe zum Vater? Was soll das bedeuten: noch kurze Zeit? Wir wissen nicht, was er damit sagen will! Jesus merkte, da\u00df sie ihn fragen wollten und sagte zu ihnen: Ihr diskutiert miteinander, was das hei\u00dfen soll: Noch kurze Zeit und ihr werdet mich nicht mehr sehen; und nochmals eine kurze Zeit, so werdet ihr mich wiedersehen? Amen, Amen, ich sage euch: Ihr werdet heulen und schreien, die Welt aber wird sich freuen. Der Schmerz wird \u00fcber euch kommen, aber euer Schmerz soll in Freude verwandelt werden. Wenn eine Frau gebiert, hat sie Wehen, denn ihre Stunde ist gekommen. Doch wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Not zur\u00fcck vor der Freude dar\u00fcber, da\u00df ein Mensch zur Welt gekommen ist. So kommt jetzt der Schmerz auch \u00fcber euch. Aber ich werde euch wiedersehen, und dann wird euer Herz sich freuen, und diese Freude vermag euch niemand zu nehmen. Und an dem Tage werdet ihr mich nichts mehr fragen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, Verwandte und Bekannte, liebe Gemeinde!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist wieder einmal soweit. Die Konfirmationszeit ist gekommen. Aber es ist in diesem Jahr doch auch etwas Besonderes, denn: Die letzte Konfirmation in diesem Jahrhundert steht an, jedenfalls die mit einer 19 vorne dran. Damit geht das zweite christliche Jahrtausend zuende. Ihr Konfirmanden seid die letzten, die noch da hinein geh\u00f6ren. Das hei\u00dft, die Weltgeschichte steht an einer Wende, aber nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch ihr Konfirmanden in eurer Lebensgeschichte, ihr steht an einer Lebenswende. Von alters her hat man die Konfirmation ja so betrachtet, und auch nicht ganz ohne Recht. Denn die Konfirmation trennt die Kindheit von der Jugend, sie ist wie eine Wasserscheide. Ihr wachst nun in eine Lebensphase hinein, die ihre ganz eigenen Chancen und Schwierigkeiten und auch Gefahren hat. Das merkt ihr ja jeden Tag schon selbst. Das Leben liegt vor euch, es ist wie ein gro\u00dfes, weites, unerschlossenes Land, ein ganzer Kontinent. Niemand wei\u00df, was ihr darin entdecken werdet und was euch begegnen wird. Es ist wie eine Schatztruhe, die man noch nicht ge\u00f6ffnet hat, man wei\u00df nicht so richtig, was eigentlich drin ist, aber in jedem Falle ist man neugierig. Ihr m\u00f6chtet erwachsen werden, die Erwachsenen m\u00f6chten meistens wieder jung werden.<\/p>\n<p>Und die Konfirmation ist wie eine Schwelle. Wenn man einmal dr\u00fcber ist, kann man nicht mehr zur\u00fcck, nie mehr. Unser Leben ist einmalig, unwiederholbar, einzigartig, und jeder hat sein eigenes. und jedes ist wieder anders, keines gleicht dem anderen. Jeder von uns ist ein Gedanke Gottes. Aber wie hat der uns gedacht, der uns dieses Leben gegeben hat? Wohin sollen wir gehen, was f\u00fcr ein Mensch sollen wir werden? Was wird mit uns geschehen auf dem Weg in das Leben? Wo ist das Bild, an dem wir uns orientieren k\u00f6nnen? Wer wollt ihr sein?<\/p>\n<p>Wenn man so alt ist wie ihr, dann hat man tausend Fragen \u2013 es ist wie eine Wundert\u00fcte. Auch die J\u00fcnger in unserem Predigttext hatten Fragen, Fragen, weil sie vieles von dem, das Jesus zu ihnen sagte, nicht verstanden.<\/p>\n<p>Fragen ist gut! Nur wer fragt, lernt dazu, kommt weiter, bleibt lebendig. Fragen hei\u00dft wachsen. Das ist das Erste! Deshalb ist auch mein erster Wunsch an euch: Verlernt nicht das Fragen, bleibt Fragende, bleibt wach, la\u00dft euch nicht einlullen, durch nichts und niemanden. Bringt den inneren Trommler in euch nicht gewaltsam zum Schweigen. H\u00f6rt auf euer unruhiges Herz! Versucht, hinter die Dinge zu schauen, bleibt unterwegs, sonst k\u00f6nnt ihr nicht nach Hause kommen.<\/p>\n<p>Das zweite ist: die Trennung, der Abschied! Die J\u00fcnger in unserem Text wissen noch nicht, da\u00df Jesus sich schon von ihnen verabschiedet hat. Sie begreifen nicht, was die Stunde geschlagen hat, da\u00df ihnen Trennung und Verlust bevorstehen. Ihr begreift das auch nicht, vielleicht schon eher eure Eltern. Die Konfirmation ist auch der Ausdruck f\u00fcr einen Verlust, nicht nur f\u00fcr einen Gewinn. Ihr verliert langsam die Unschuld der Kindheit, den Traum vom Paradies auf der Erde. In dem Paradies k\u00f6nnen auf die Dauer nur Tiere bleiben. Menschen werden daraus vertrieben, sie m\u00fcssen einen anderen Weg gehen. Ihr merkt das daran, da\u00df ihr euch ver\u00e4ndert, da\u00df ihr mit Problemen konfrontiert werdet, von denen ihr fr\u00fcher gar nichts wu\u00dftet, da\u00df ihr euch vielleicht manchmal selbst fremd seid. Euer Leben wird langsam ein anderes, als es war. Ihr verliert damit auch ein St\u00fcck Naivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Trennung ist Abschied, und Abschied ist Schmerz. Manchmal sp\u00fcrt man das richtig erst viel sp\u00e4ter. Und dann sehnt man sich auch manchmal zur\u00fcck nach dem Verlorenen. So haben es auch die J\u00fcnger gemacht im Blick auf die Zeit, als Jesus noch leiblich mitten unter ihnen war. Das ist das Leben, immer wieder aufbrechen und immer wieder Abschied nehmen und den Schmerz erdulden \u2013 das hei\u00dft erwachsen werden, ein Mensch sein.<\/p>\n<p>Das ist das Zweite, und deshalb hei\u00dft mein zweiter Wunsch f\u00fcr euch: Brecht auf ins Offene, la\u00dft das Vergangene zur\u00fcck und behaltet es im Herzen, erduldet den Schmerz der Reifung, macht euch auf den Weg des Erwachsenwerdens, werdet reife Menschen, auch wenn Phasen kommen sollten, in denen ihr heulen und schreien m\u00fc\u00dft. Es ist wie mit den Weintrauben: Wenn aus ihnen ein gutes Getr\u00e4nk werden soll, dann m\u00fcssen sie gekeltert und getreten und gepre\u00dft werden. Scheut nicht davor zur\u00fcck. Durch Leid wird man ein vertiefter Mensch, wenn man es fruchtbar werden l\u00e4\u00dft, wenn man Gott an der eigenen Seele arbeiten l\u00e4\u00dft. Es ist der Schmerz vor der Geburt, es sind die Wehen des neuen Menschen, der in unserem Leid in uns zur Welt kommen will. Es ist wirklich wie bei der Geburt, eine Neugeburt. La\u00dft euch nicht beirren. Das ist das Zweite.<\/p>\n<p>Und nun kommt noch das Dritte und Letzte: die Freude! Es gibt viele Freuden, gewi\u00df, gr\u00f6\u00dfere und kleinere. Heute ist f\u00fcr euch hoffentlich schon mal eine gr\u00f6\u00dfere. Ich habe ja keine Ahnung, was da heute so alles auf eurem Geschenktisch liegt, was ihr euch gew\u00fcnscht habt. Es ist mit Sicherheit eine ganze Menge. Und ihr sollt und k\u00f6nnt und d\u00fcrft euch anst\u00e4ndig dar\u00fcber freuen. Aber all diese Freuden, die wir so im Leben mitnehmen, die uns geschenkt werden, haben ja einen Nachteil, da\u00df sie kommen und gehen, da\u00df sie nicht bleiben k\u00f6nnen. Was uns heute noch entz\u00fcckt, kann uns morgen schon gleichg\u00fcltig werden und unger\u00fchrt lassen. Und dann suchen wir weiter nach neuen Freuden, und immer so weiter. Und wenn wir nicht begreifen, wie sich das mit dem Leben verh\u00e4lt, dann suchen wir wahrscheinlich bis zum Lebensende nach dem\u00a0<em>mehr<\/em>, und wir kriegen es doch nicht zu fassen. Das kommt, weil wir an der falschen Stelle suchen! Man kann eben im November keine Ostereier finden! Man kann bei Karstadt eben keine Freude finden oder gar kaufen, die nicht vor\u00fcbergeht. Die wahre Freude kann man \u00fcberhaupt nicht kaufen. Sie gibt es in keinem Gesch\u00e4ft, die findet man auch bei keinem anderen Menschen, denn der hat sie ja auch nicht, sondern sucht genauso nach ihr und ist genauso bed\u00fcrftig. Ich spreche von der Freude, die nichts und niemand mehr von uns wegnehmen kann, von der Freude, die bleibt, die uns geschenkt wird und die wir nicht machen, die wir auch nicht inszenieren m\u00fcssen, die keine von den billigen Freuden ist, sondern die unser Herz f\u00fcr immer ganz ausf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Es gibt nur eine einzige Stelle in unserem ganzen Leben, nicht wo wir diese Freude selbst finden, sondern wo wir von ihr gefunden werden, wo wir uns von ihr finden lassen! Und darum ist mein dritter und letzter Wunsch f\u00fcr euch: Werden H\u00f6rende und bleibt es! Wir m\u00fcssen nur H\u00f6rende sein, h\u00f6ren, wenn es drau\u00dfen, wenn es drinnen klopft: Wie klopft es? So klopft es:<\/p>\n<p>Jesus spricht: &#8222;Siehe, ich stehe vor der T\u00fcr und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme h\u00f6rt und die T\u00fcr auftut, werde ich zu ihm hineingehen du das Mahl mit ihm halten und er mit mir.&#8220; (Offenbarung\u00a03,20)<\/p>\n<p>Dann werdet ihr ihn sehen, und &#8222;dann wird das Herz sich freuen, und diese Freude vermag euch niemand zu nehmen. Und an diesem Tage werdet ihr nichts mehr fragen.&#8220; Das Verstummen aller ungel\u00f6sten, qualvollen Fragen des Daseins in der Freude der Anschauung des Ewigen, das ist das Ziel aller Wege des Unendlichen mit uns. Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Priv.-Doz. Dr. Reinhard Weber, Blaue-Kuppe-Stra\u00dfe 37, 37287 Wehretal,<\/p>\n<p>Tel.\/Fax: 05651-40225<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtvorschlag zur Konfirmation | 25. April 1999 | Joh 16,16-23a | Reinhard Weber | Text: &#8222;Jesus sprach: Noch kurze Zeit, und ihr werdet mich nicht mehr sehen; und nochmals eine kurze Zeit, so werdet ihr mich wiedersehen. 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