{"id":2108,"date":"2020-03-11T10:55:34","date_gmt":"2020-03-11T09:55:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2108"},"modified":"2020-03-11T20:32:58","modified_gmt":"2020-03-11T19:32:58","slug":"das-reich-gottes-ist-kein-wellnessurlaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/das-reich-gottes-ist-kein-wellnessurlaub\/","title":{"rendered":"Das Reich Gottes ist kein&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><span lang=\"DE-AT\">Das Reich Gottes ist kein Wellnessurlaub | Predigt zu Lk 9,57-62, verfasst von Christine Hubka |<\/span><\/h3>\n<p><em>Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die F\u00fcchse haben Gruben und die V\u00f6gel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.<\/em><\/p>\n<p><em>Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verk\u00fcndige das Reich Gottes!<\/em><\/p>\n<p><em>Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt f\u00fcr das Reich Gottes.<\/em> Lk 9,57-62<\/p>\n<p>Ich erlaube mir eine kleine bibelwissenschaftliche Vorbemerkung:<\/p>\n<p>Nur ganz wenige Abschnitte in den Evangelien geben die Stimme Jesu, seine eigenen Worte, wieder.<\/p>\n<p>Hier haben wir sozusagen den ganz seltenen O-Ton des Jesus von Nazareth.<\/p>\n<p>Wann und in welchem Zusammenhang Jesus die jeweilige Aussage gemacht hat, ist uns nicht \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Der Evangelist Lukas hat sie wie Puzzlesteine genommen und ihnen in seinem Evangelium einen Platz gegeben. Ich denke, dass er sehr bewusst diese doch h\u00f6chst verschiedenen Szenen zusammen komponiert hat. Er bewahrt uns damit vor Irrwegen und Abwegen beim Verstehen. Denn wenn man jede einzelne Szene allein betrachtet, k\u00f6nnten schon Missverst\u00e4ndnisse aufkommen. Die hat es \u00fcbrigens im 18. Jahrhundert tats\u00e4chlich gegeben.<\/p>\n<p><em>Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt f\u00fcr das Reich Gottes.<\/em> Das hat man als Anleitung zum Pfl\u00fcgen verstanden und von der Kanzel Abhandlungen gemacht, warum es nicht klug ist, beim Pfl\u00fcgen nach hinten zu schauen.<\/p>\n<p>Was also haben diese Bilder gemeinsam?<\/p>\n<p>Immer geht es um einen Neuanfang. Immer geht es um den ersten Schritt hinein in ein Leben, das vom Reich Gottes durchdrungen und getragen ist.<\/p>\n<p>Schauen wir uns die einzelnen Szenen an:<\/p>\n<p><em>Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die F\u00fcchse haben Gruben und die V\u00f6gel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.<\/em><\/p>\n<p>Anders als viele andere, verspricht Jesus denen, die ihm nachfolgen wollen, nicht den Himmel auf Erden. Anders als viele andere, verspricht er nicht ein Leben, in dem es nur noch Friede, Freude, Erfolg, Gl\u00fcck und Wohlstand gibt. Der Glaube an Gott, ein Leben in der Nachfolge Jesu ist kein Wellnessurlaub. Schwere Zeiten, Not, Traurigkeit, ja sogar Katastrophen sind nicht ausgeschlossen. Ein Leben in der Nachfolge Jesu verl\u00e4uft zuerst einmal nicht anders als jedes andere Leben auch.<\/p>\n<p>Nachdem das gekl\u00e4rt ist, zeigt Jesus mir und vielleicht euch auch, was ein Leben in der Nachfolge bietet.<\/p>\n<p><em>Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verk\u00fcndige das Reich Gottes!<\/em><\/p>\n<p>Hart klingt dieses <em>lass die Toten ihre Toten begraben. <\/em>Ich und die meisten von euch haben schon Tote zu begraben und zu beklagen gehabt. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie begraben werden. Ich denke, es geht um die Zeit danach.<\/p>\n<p>Nach diesem Abschied ist die Welt, ist das Leben nicht mehr so, wie es gewesen ist. Und es wird auch nie wieder so sein. Jede und jede hier hat aber den ersten Schritt in dieses v\u00f6llig neue Leben gewagt. Wie kann man das \u00fcberhaupt schaffen? Ich kann mich noch gut erinnern: In dieser Zeit habe ich jeden Tag als eigene und als einzige Herausforderung erlebt. Heute mit Gottes Hilfe durch den Tag kommen. Heute schrittweise tun, was zu tun ist. Das l\u00e4sst sich nicht aufschieben. Und morgen, ja f\u00fcr morgen hab ich heute gar keine Kraft mehr. Die werde ich \u2013 so Gott will \u2013 morgen bekommen. Und eines Tages werde ich wieder lachen k\u00f6nnen \u2026 denn Gott wird mir neue Lebensfreude schenken, auch wenn ich mir das heute \u00fcberhaupt nicht vorstellen kann. So geht es f\u00fcr mich in so einer schweren Zeit darum, meine geliebten Verstorbenen Gott t\u00e4glich neu anzuvertrauen. Und mich und mein neues Leben ohne sie auch. Jede und jede hier, die nach so einer Zeit wieder ins Leben zur\u00fcckgekehrt ist, verk\u00fcndigt das Reich Gottes ganz ohne Worte. Denn andere, die grad mitten drin stecken in so einer schweren Zeit, k\u00f6nnen sehen: Gott begleitet durch diese Zeit und gibt die Kraft, die ich brauche.<\/p>\n<p><em>Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zur\u00fcck, der ist nicht geschickt f\u00fcr das Reich Gottes.<\/em><\/p>\n<p>Wenn sich einer aufmacht und sein Leben so dramatisch \u00e4ndert, wie es der tut, der Jesus nachfolgen will, dann ist mit ziemlicher Sicherheit seine Welt nicht mehr dieselbe. Denn die Freunde, von denen er sich verabschieden m\u00f6chte, die bleiben ja zu Hause. Sie haben nun kaum mehr etwas gemeinsam.<\/p>\n<p>Jesus nachfolgen kann auch dazu f\u00fchren, dass alte Verbindungen, lieb gewordene Gewohnheiten, eingefahrene Muster nicht mehr passen. Es kann dazu f\u00fchren, dass ich tats\u00e4chlich meine Ansichten und Einsichten \u00e4ndere. Was mir fr\u00fcher gefallen hat, interessiert mich nicht mehr. Was ich abgelehnt habe, tue ich jetzt selbst. Der Apostel Paulus hat das drastisch beschrieben, wie sehr sich alles ver\u00e4ndert hat. (Phil 3,7-8): <em>Was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen f\u00fcr Schaden erachtet. Ja, ich erachte es \u2026 f\u00fcr Dreck, \u2026<\/em><\/p>\n<p>So heftig muss es ja nicht immer sein. Aber die Haltung zu Menschen und Fragen des Lebens wird sich schon ver\u00e4ndern \u2026 Und dann, wie gesagt, f\u00fchle ich mich unter alten Freunden auf einmal vielleicht fremd.<\/p>\n<p>Die Frage ist erlaubt, ob sich das alles lohnt f\u00fcr etwas, was Jesus hier das Reich Gottes nennt.<\/p>\n<p>Reich Gottes, was ist das nun eigentlich.<\/p>\n<p>Ich verstehe das nicht als einen Ort, so wie \u00d6ster-Reich, wo man hinein gehen und heraus gehen kann. Das Reich Gottes ist f\u00fcr mich eher ein Lebensgef\u00fchl. Ein Bewusstseins-Zustand. Ein Ereignis. Ein Augenblick, oder auch mehrere, wo ich bemerke: So ist es gut. So ist es recht. Was hier geschieht, ist total stimmig. Ich habe das in dramatischen Situationen erlebt. Als ich mit einer Familie im Hospiz Abendmahl gefeiert habe. Die Kinder der Sterbenden und die Enkelkinder waren ums Bett versammelt. Ihr geliebter Hund lag auf dem Bett, ganz nahe bei ihr. Und es war ein guter Moment. Eine sch\u00f6ne halbe Stunde. Ich trau mich zu sagen: f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Ich erlebe Reich Gottes aber auch immer wieder in den \u00d6ffis hier in Wien. Das beginnt mit der Durchsage: <em>Bitte seien Sie achtsam. Andere brauchen den Sitzplatz vielleicht notwendiger.<\/em> Und dann nimmt jemand aus der bequemen Sitzposition wahr, hier <a href=\"applewebdata:\/\/8756B376-E228-4F5E-882A-9F7207EDC370#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a>ist ein Mensch, der sich schwer tut beim Stehen. Und steht auf mit einem Nicken und einer Handbewegung und \u00fcberl\u00e4sst den Sitzplatz. Und die andere Person dankt und l\u00e4sst sich erleichtert nieder.<\/p>\n<p>Aber Achtung: Wir Menschen machen das Reich Gottes nicht, indem wir anderen unseren Sitzplatz \u00fcberlassen. Wir erfahren in solchen Momenten, wie Gott diese Welt gemeint hat. Als ein Ort, wo man auf einander schaut und achtsam ist. Wir sp\u00fcren bei solchen Gelegenheiten, wie unser Sch\u00f6pfer uns von Anfang an begabt hat mit der F\u00e4higkeit, dieser Welt ein freundliches Gesicht zu geben.<\/p>\n<p>Und immer geht solchen Momenten eine Entscheidung voraus: Bleib ich in meinen alten Mustern, also bleib ich sitzen, oder steh ich auf im Fall der \u00d6ffis.<\/p>\n<p>Das ist nicht revolution\u00e4r. Dieser Achtsamkeit Raum geben, sich in den Raum der Achtsamkeit begeben, kann aber sehr weit f\u00fchren \u2026<\/p>\n<p>Wer mir jetzt sagen m\u00f6chte, das ist aber anstrengend, dem kann ich nur zustimmen.<\/p>\n<p>Aber davon, dass das Leben bequemer wird, wenn ich mich auf die Nachfolge Jesu und das Reich Gottes einlasse, davon hat Jesus auch nichts gesagt. Wir haben es noch im Ohr: <em>Die F\u00fcchse haben Gruben und die V\u00f6gel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.<\/em><\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.<\/p>\n<p>Pfarrerin i.R. Dr. Christine Hubka; 1160 Wien; christine.hubka@gmx.at<\/p>\n<p>Derzeit ehrenamtliche Gef\u00e4ngnisseelsorgerin in der Justizanstalt Wien-Josefstadt; Autorin (B\u00fccher f\u00fcr Kinder, Erwachsene; Sendungen f\u00fcr ORF-Radio). Mitarbeiterin in der Fortbildung f\u00fcr muslimische Religionslehrer*innen und Gef\u00e4ngnisseelsorger*innen.<\/p>\n<p>Verwendete Literatur:<\/p>\n<ul>\n<li>Walter Schmithals (1980): Das Evangelium nach Lukas. Z\u00fcricher Bibelkommentar NT 3.1. Theol. Verlag Z\u00fcrich.<\/li>\n<li>Klappert (1972): Artikel \u201eReich (Gottes)\u201c. In: Theologisches Begriffslexikon zum NT. Bd. 3. S. 1023ff. Verlag Brockhaus. Wuppertal.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Reich Gottes ist kein Wellnessurlaub | Predigt zu Lk 9,57-62, verfasst von Christine Hubka | Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 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