{"id":21080,"date":"1998-05-14T09:34:10","date_gmt":"1998-05-14T07:34:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21080"},"modified":"2025-03-14T09:35:10","modified_gmt":"2025-03-14T08:35:10","slug":"epheser-314-21","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/epheser-314-21\/","title":{"rendered":"Epheser 3,14\u201321"},"content":{"rendered":"<h3>Exaudi | 24. Mai 1998 | Eph 3,14-21 | Gottfried Sprondel |<\/h3>\n<p>Text (Epheser 3, 14-21) &#8222;Ich beuge meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist \u00fcber alles, was da Kinder hei\u00dft im Himmel und auf Erden, da\u00df er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, da\u00df Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegr\u00fcndet seid. So k\u00f6nnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die L\u00e4nge und die H\u00f6he und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis \u00fcbertrifft, damit ihr erf\u00fcllt werdet mit der ganzen Gottesf\u00fclle. Dem aber, der \u00fcberschwenglich tun kann \u00fcber alles hinaus, was wir bitten oder verstehen nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>V\u00e4ter haben keine gute Zeit. Ich vergesse nicht den Verzweiflungsschrei des Mannes, den er &#8211; sonst ein Freund aller fortschrittlichen Dinge wie Gleichberechtigung, Partnerschaft, herrschaftsfreien Umgang &#8211; eines Tages ausstie\u00df: &#8222;Warum das gerade mir! Nicht meinem Vater, nicht meinem Gro\u00dfvater, nein, ausgerechnet meiner Generation, dieser totale Abbau der V\u00e4ter, die auf einmal nichts mehr d\u00fcrfen und an allem schuld sind!&#8220;<\/p>\n<p>Er hatte es mit seinen beiden Kindern redlich versucht, von gleich zu gleich zu verkehren. Aber dann, in der Pubert\u00e4t, hatte es gekracht (wie es sich geh\u00f6rt). Nur konnte er jetzt nichts mehr machen. Er hatte alles an v\u00e4terlicher Autorit\u00e4t weggegeben. Erst jetzt wird ihm klar, da\u00df er gar kein Vater gewesen war, weil er Kumpel hatte sein wollen. \u00dcberdies wu\u00dfte er von seiner sehr modernen Frau, da\u00df Patriarchen und patriarchale Zust\u00e4nde die Wurzel aller \u00dcbel der Welt seien, jedenfalls f\u00fcr die Frauen.<\/p>\n<p>Schwierige Zeiten also f\u00fcr V\u00e4ter und damit auch f\u00fcr die Bibel, die unbefangen Gott als Vater anspricht, ja sogar behauptet, alles, was es sonst an Vater-Kind-Verh\u00e4ltnis in der weiten Welt gibt, stamme aus Gottes V\u00e4terlichkeit! Und dann, um das Ma\u00df vollzumachen: auch noch ein Kniefall davor wird vorgef\u00fchrt. Das k\u00f6nnte den Herren Patriarchen und Haustyrannen so passen, da\u00df man sie auch noch von unten anhimmelt! Unpassender kann sich ein Bibeltext kaum einf\u00fchren bei uns Kindern dieser Zeit.<\/p>\n<p>Durch solche Abwehrreaktionen m\u00fcssen wir uns wohl erst durcharbeiten, wenn wir zu fassen bekommen wollen, worauf die Bibel hinauswill, und weshalb ihre Botschaft notwendig und gut, ja sogar erfreulich ist. Manches freilich von unseren Urteilen und Vorurteilen geht dabei zu Bruch. Denn dieser Vater hier saugt mit seiner Herrschaft Frau und Kinder nicht aus, er produziert nicht geduckte oder gar gebrochene Wesen um sich herum, sondern im Gegenteil: Er beschenkt uns mit einer Kraft, die wir ohne ihn niemals kennenlernen w\u00fcrden. Hier ist der tiefe Unterschied zwischen Gottes Vaterschaft und uns menschlichen V\u00e4tern mit H\u00e4nden zu greifen.<\/p>\n<p>Wie es nun einmal unter uns zugeht: Es gibt gute V\u00e4ter und schlechte V\u00e4ter, die meisten von uns sind mittelm\u00e4\u00dfig und machen ihre Sache auch mittelm\u00e4\u00dfig. Wir haben ja schon viel erreicht, wenn unsere Kinder uns dies und das absehen, wonach sie sich sp\u00e4ter einmal richten k\u00f6nnen (oder aber unter keinen Umst\u00e4nden richten sollten). Dieser Vater aber schenkt weg mit vollen H\u00e4nden, obwohl er sich \u00fcber uns keine Illusionen macht. Unter uns Menschen w\u00e4re das eine nicht ungef\u00e4hrliche Art von Verw\u00f6hnung. Bei ihm aber kann es offenbar gar nicht anders, und das hei\u00dft: gar nicht genug sein, weil der Reichtum, aus dem er sch\u00f6pft, so \u00fcber alle Ma\u00dfen gro\u00df ist. Ist das eine normale Erfahrung, die Menschen mit Gott machen?<\/p>\n<p>Dazu ist zweierlei zu sagen: Trotz aller Tr\u00e4nen der Welt, trotz der Misere unserer Alltage, trotz aller Verstrickungen, aus denen wir uns nicht mehr herauswinden k\u00f6nnen &#8211; jeder unter uns ist an jedem Tag ein hundertfach Beschenkter. Da\u00df wir es nur selten wahrnehmen, liegt nicht an Gottes Gaben, sondern an unserer Undankbarkeit. Die Undankbarkeit ist eine Art von freiwilliger Blindheit. Wer sich aber diesen Star stechen l\u00e4\u00dft, sieht alles anders. Er sieht auch &#8222;den Reichtum seiner Herrlichkeit&#8220;, die phantastische F\u00fclle, aus der Gott schenkt und aus der wir empfangen, Tag f\u00fcr Tag.<\/p>\n<p>W\u00fcrde das auch auf einen Arbeitslosen zutreffen? Halten Sie mich nicht f\u00fcr zynisch, wenn ich sage: ja? Sie und ich k\u00f6nnten allerdings noch einiges dazu tun, da\u00df wir unsere Lebensdankbarkeit mit ihm teilen! Das andere aber ist der Bibel noch wichtiger. Sie beschreibt es so: Was Gott uns als seine kostbarste Gabe austeilt, das ist eine &#8222;Kraft, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen&#8220; (V. 16).<\/p>\n<p>Fromme Geheimsprache? Wenn Sie Christ sind, wissen Sie sofort, was gemeint ist. Wenn Sie es nicht sind, aber einen Christen in der N\u00e4he haben, fragen Sie ihn! Zu einem Christen geh\u00f6rt n\u00e4mlich, da\u00df sich l\u00e4nger je mehr in sein Leben etwas hineinschiebt und -dr\u00e4ngt, was ihn ver\u00e4ndert. Bei den einen geht es schlagartig, bei den anderen (den meisten) ist das ein langer Vorgang, der manchmal das ganze Leben dauert. Die einzelnen Schritte dahin kann man kaum auf dem Kalender festmachen, wohl aber das Ergebnis: &#8222;da\u00df Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewwurzelt und gegr\u00fcndet seid&#8220; (V. 17).<\/p>\n<p>Da f\u00e4llt nun der Name, um den sich bei uns alles dreht: Christus. Da\u00df einer oder eine &#8222;mir im Herzen liegt&#8220; oder &#8222;haust&#8220;, das kennen wir sonst allenfalls aus der Sprache von Liebesliedern, und es kann dann f\u00fcr die Nichtbetroffenen ein wenig kitschig klingen. Die Sache aber trifft es genau, auch die Sache mit Christus. &#8222;Ich kriege das M\u00e4dchen nicht mehr aus dem Kopf heraus&#8220;, sagt der Verliebte und freut sich. &#8222;Ich kriege Christus nicht mehr aus dem Herzen heraus&#8220;, sagt der Christ und will ihn auch gar nicht loswerden. Denn der, der sich da einquartiert hat, offenbart sich l\u00e4nger je mehr als die Quelle einer sonst gar unbekannten Kraft.<\/p>\n<p>Wozu ist diese Kraft gut? Jetzt m\u00fc\u00dfte man eigentlich lauter Geschichten erz\u00e4hlen oder anders ihre Geschichten erz\u00e4hlen lassen. Und wenn alle zuende erz\u00e4hlt h\u00e4tten, dann h\u00e4tten wir immer noch nicht viel mehr als eine erste Ahnung, &#8222;welches die Breite und die L\u00e4nge und die H\u00f6he und die Tiefe ist,&#8220; (V. 18), um die es dabei geht.<\/p>\n<p>Haben Sie schon einmal einen Menschen sich an Gott freuen sehen? &#8222;Freuen mit unaussprechlicher Freude&#8220; nennt die Bibel das; die Worte gehen einem dabei aus. &#8222;Mein Herze geht in Spr\u00fcngen und kann nicht traurig sein&#8220; &#8211; blo\u00dfer \u00dcberschwang aus dem Gesangbuch? Oder kann man so etwas allen Ernstes erleben? Man kann! &#8211; Oder haben Sie schon einen Christen langsam an Krebs sterben sehen? Ich habe es \u00f6fters als einmal, und ich habe von solchen Menschen hundertmal mehr empfangen, als ich ihnen hatte geben wollen. &#8211; Haben Sie schon einmal mit einem frommen Sp\u00e4taussiedler der \u00e4lteren Generation gesprochen, der alle Kreise der sowjetischen H\u00f6lle noch selber durchschritten hat? Man ist mitunter sprachlos vor der Kraft, die da gehalten hat bis zum heutigen Tag. Ich selber denke immer zuerst an meine Mutter in den Tagen von Flucht und Vertreibung aus dem Osten vor 53 Jahren: eine Familie ohne Vater, f\u00fcnf Kinder, ohne Habe, ohne Nahrung, rechtlos, f\u00fcrchterlichen Anstrengungen ausgesetzt. Aber die Kraft dessen, der in ihrem Herzen wohnte, zeigte sich st\u00e4rker als all das. Andere Generationen machten an anderen Orten dieselbe Erfahrung.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, man kann diese Erfahrung nicht herbeizaubern. Auch eine Predigt dar\u00fcber hat nichts von einer Gebrauchsanweisung. Sie m\u00f6chte nur einige Sperren wegr\u00e4umen, die mit dem Wort &#8222;Vater&#8220; zusammenh\u00e4ngen. Und sie m\u00f6chte Lust machen auf die ganz einfachen Erfahrungen, die hinter den komplizierten Wendungen dieses alten St\u00fccks Bibel stecken. Vergessen wir nicht: das Ganze ist ein Gebet, f\u00fcr Leute wie uns gebetet, die das alles ja nicht aus sich selbst haben k\u00f6nnen, sondern darauf als auf ein Geschenk warten. Das Warten allerdings macht es!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Erw\u00e4gungen zur Predigt:<\/p>\n<ol>\n<li>&#8220; Es ist eine Epistel, die seltsame Reden f\u00fchrt, die ein gew\u00f6hnlicher Mensch nicht versteht&#8220; (Luther, nach GPM 40, 1986, S. 296). Die Predigt soll aber &#8222;f\u00fcr alle Interessierten in Stadt und Land verst\u00e4ndlich sein&#8220; (Hinweise f\u00fcr Autoren dieser Predigtreihe).<\/li>\n<li>Man mu\u00df also ausw\u00e4hlen. Ich w\u00e4hle die Ankn\u00fcpfung beim Begriff &#8222;Vater&#8220; (V. 14) und dessen gegenw\u00e4rtiger Krise. Emotionale Sperren, aber auch Unverst\u00e4ndnis bei den Zeitgenossen liefern eine erw\u00fcnschte Reibungsfl\u00e4che.<\/li>\n<li>Die Predigt will aber nicht nur die Dankbarkeit der V\u00e4terlichkeit Gottes plausibel machen, sondern auch ihre Erlebbarkeit mindestens andeuten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dr. Gottfried Sprondel 49076 Osnabr\u00fcck Tel. 0541 &#8211; 445871<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Exaudi | 24. 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