{"id":21094,"date":"1998-06-14T13:41:57","date_gmt":"1998-06-14T11:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21094"},"modified":"2025-03-14T13:45:18","modified_gmt":"2025-03-14T12:45:18","slug":"1-korinther-124-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-124-11\/","title":{"rendered":"1. Korinther 12,4-11"},"content":{"rendered":"<h3>Pfingstmontag | 1. Juni 1998 | 1. Kor 12,4-11 | Luise Stribrny de Estrada |<\/h3>\n<p>Liebe Geschwister im Glauben!<\/p>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr Pfingstmontag steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 12. Kapitel, es sind die Verse 4-11. Es geht darin um den Heiligen Geist und die verschiedenen Gaben, die er Menschen in der Gemeinde schenkt. In Korinth gab es viele Christinnen und Christen, die sich auf ihre Geistbegabung etwas einbildeten. Einige hielten sich deshalb f\u00fcr wichtiger als andere. Ihnen schreibt Paulus folgendes:<\/p>\n<p>4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein Geist. 5 Und es sind verschiedene \u00c4mter; aber es ist ein Herr. 6 Und es sind verschiedene Kr\u00e4fte; aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen. 7 In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller; 8 dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden; dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist; 9 einem andern Glaube, in demselben Geist; einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem einen Geist; 10 einem andern die Kraft, Wunder zu tun; einem andern prophetische Rede; einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden; einem andern mancherlei Zungenrede; einem andern die Gabe, sie auszulegen. 11 Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.<\/p>\n<p>Die Gemeinde in Korinth kann sich gar nicht retten vor Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes be-geistert sind: Die einen haben besondere Erkenntnis, andere k\u00f6nnen Wunder tun und wieder andere sprechen in Ekstase. In den Gottesdiensten geht es lebhaft zu sein, wenn alle zusammen kommen, den anderen von ihren Gaben mitteilen und einander mit ihren F\u00e4higkeiten \u00fcbertreffen wollen.<\/p>\n<p>Bei uns ist es anders. Unser Problem ist es nicht, da\u00df sich im Gottesdienst und in der Gemeinde zu viele mit ihren Begabungen einbringen m\u00f6chten. Wir leiden eher daran, da\u00df die Gottesdienste auf den Pastor oder die Pastorin ausgerichtet sind und die anderen wenig zum Zuge kommen. In der Gemeindearbeit beschweren wir uns dar\u00fcber, da\u00df immer nur die gleichen sich mit ihren Gaben einbringen und andere sich mit ihren nicht angesprochen f\u00fchlen. Das \u00fcberschwengliche Wirken des Heiligen Geistes, diese Kraft, die Menschen erf\u00fcllt und andere mitrei\u00dft, sp\u00fcren wir viel zu selten in unserer Gemeinde und Kirche. Den Christinnen und Christen in Korinth wurde das schon zu viel, sie wollten den Geist irgendwie in Bahnen lenken und z\u00e4hmen &#8211; wir fragen uns bang, wo er denn \u00fcberhaupt noch weht in dieser Zeit, die gepr\u00e4gt ist von Ratlosigkeit und Depression in der Kirche. Weder in unserer Gemeinde noch in der Kirche \u00fcberhaupt erleben wir, da\u00df der Heilige Geist uns mit Enthusiasmus erf\u00fcllt und Begabungen hervorbringt, die in ihrer F\u00fclle und Lebendigkeit fast \u00fcber uns zusammenschlagen und erstmal geb\u00e4ndigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Paulus betont in seinem Brief an die Korinther angesichts des Chaos der verschiedenen Begabungen, da\u00df sie alle von demselben Geist gewirkt werden, der der Heilige Geist ist. Er bindet die F\u00e4higkeiten der einzelnen in der Gemeinde zur\u00fcck an Gott: &#8222;Es sind verschiedene Kr\u00e4fte, aber es ist ein Gott, der da wirkt alles in allem&#8220;, sagt er. Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn. Jedem und jeder hat Gott eine besondere Bef\u00e4higung mitgegeben.<\/p>\n<p>Warum sollte es bei uns anders sein als in Korinth? Sollte Gott uns etwa nicht mit besonderen Begabungen ausgestattet haben? Ich bin sicher, auch wir haben in unserer Gemeinde verschiedene F\u00e4higkeiten, die der Heilige Geist in uns wecken will und weckt. Es geht darum, sie wahrzunehmen, anzuerkennen und ihnen in der Gemeinde Raum zu geben, damit sie sich entfalten k\u00f6nnen. Und dabei gibt es zuerst einmal keine Begabung, die besser ist als eine andere: Es gibt Menschen, die zuh\u00f6ren k\u00f6nnen, andere, die malen k\u00f6nnen oder basteln, solche, die einen guten Draht zu Kindern haben und welche, die singen oder ein Instrument spielen k\u00f6nnen. Es gibt Menschen mit der Begabung, in der \u00d6ffentlichkeit zu sprechen, andere, die mit Finanzen umgehen k\u00f6nnen, solche, die gerne ein Fest organisieren und welche, die andere freundlich ansprechen k\u00f6nnen. Sicherlich fallen Ihnen noch weitere F\u00e4higkeiten ein, die Sie selbst oder andere haben.<\/p>\n<p>Es gilt zu entdecken, wie der Heilige Geist jeden und jede von uns gebrauchen kann, f\u00fcr sich in Dienst nehmen kann. Zum Beispiel auch dadurch, da\u00df Sie heute in den Gottesdienst gekommen sind: Ich glaube, auch das ist eine Gabe, am Sonntag in die Kirche zu kommen, sich eine Stunde auf Gebet, Singen, das Wort Gottes und die Gemeinschaft mit den anderen einzulassen. Best\u00e4ndig und beharrlich das zu tun, auch unabh\u00e4ngig von der eigenen Lust, dem eigenen Spa\u00df. Ich denke, da\u00df wir in unseren gottesdienstlichen Versammlungen stellvertretend f\u00fcr die anderen Menschen, die nicht hierher kommen, im Gespr\u00e4ch mit Gott sind, die Anliegen der Welt vor ihn bringen und uns st\u00e4rken lassen. Das, was wir jeden Sonntag tun, ist n\u00f6tig als Unterbrechung des Alltags, als Heiligung des Feiertages. Es h\u00e4lt Gott einen Platz frei in unserer Welt.<\/p>\n<p>Es kommt darauf an, Begabungen zu entdecken und sie f\u00fcr die Gemeinde fruchtbar zu machen. Aufgabe derer, die in der Gemeinde die Leitung haben (auch das ist eine Gabe!), ist es, Menschen mit ihren Begabungen Platz zu geben, sie sich entfalten zu lassen dort, wo sie gebraucht werden.<\/p>\n<p>Alle Gaben sind gleich wichtig und gut, denn f\u00fcr Gott ist jeder, dem er sie schenkt, sein geliebtes Kind. Innerhalb der Gemeinde werden die F\u00e4higkeiten unterschieden, es gibt \u00c4mter und Beauftragungen, die ihre Berechtigung haben. Schon Paulus kennt das und betont: &#8222;Es sind verschiedene \u00c4mter, aber es ist ein Herr.&#8220; Nicht jeder hat in der Gemeinde die gleiche Aufgabe, und zum Nutzen aller ist es sinnvoll, Aufgaben zu differenzieren und Zust\u00e4ndigkeiten gegeneinander abzugrenzen. Auch, damit jede und jeder wei\u00df, wof\u00fcr sie verantwortlich ist und wo sie selbst\u00e4ndig entscheiden kann. Bei uns gibt es aber nicht nur verschiedene Aufgabenbereiche, die gleichwertig nebeneinander stehen, sondern es gibt auch eine unterschiedliche Bewertung, die sich in erster Linie \u00fcber die Bezahlung ausdr\u00fcckt. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten in der Regel kein Geld. Hauptamtliche werden bezahlt. Der Pastor oder die Pastorin bekommt mehr als der K\u00fcster oder die Organistin. Pa\u00dft das dazu, da\u00df wir sagen, alles seien geistgewirkte Gaben, die jede f\u00fcr sich wichtig und unverzichtbar ist und genauso wertvoll wie andere Begabungen? Ich denke, nein. Wollten wir Ernst damit machen, da\u00df jede Gabe den gleichen Wert, die gleiche Wichtigkeit hat, m\u00fc\u00dften wir zumindest allen, die mit ihrer Arbeit in der Kirche ihren Lebensunterhalt verdienen, das gleiche zahlen. Nat\u00fcrlich gibt es Gr\u00fcnde daf\u00fcr, da\u00df das nicht so ist, aber es pa\u00dft nicht zu unserem Anspruch. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Das wenigste, was wir tun m\u00fcssen, ist, wahrzunehmen, da\u00df wir hier unsere eigenen Anspr\u00fcche nicht durchhalten und deshalb immer wieder in Schwierigkeiten kommen.<\/p>\n<p>Paulus h\u00e4lt fest, da\u00df sich der Geist zum Nutzen aller offenbart. Die Begabungen dienen der Gemeinschaft. Etwas weiter hinten in seinem Brief schreibt er, sie sollten die Gemeinde aufbauen. Das gilt auch f\u00fcr die Gaben in unseren Gemeinden. Sie sollen einem gemeinsamen Ziel dienen und die Gemeinde festigen. Es kann nicht darum gehen, da\u00df einer oder eine kleine Gruppe gro\u00df heraus kommt, sondern da\u00df alle zusammen f\u00fcr die Gemeinschaft arbeiten. Es soll eine lebendige Gemeinde entstehen, in der Menschen sich willkommen und aufgehoben f\u00fchlen. Es ist aber noch mehr als das: Die Menschen in der Gemeinde verbindet eine Vision, ein Traum. Der Traum vom Reich Gottes, in dem Menschen f\u00fcreinander da sind, sich um den anderen k\u00fcmmern und keiner diskriminiert wird. Wo Menschen einander mit Liebe begegnen anstatt mit Ha\u00df. Wo Friede herrscht und weder Menschen noch andere Gesch\u00f6pfe noch die Natur ausgebeutet werden. Die Kirche ist unterwegs zum Reich Gottes, das h\u00e4lt uns zusammen. Daf\u00fcr setzen wir unsere Gaben ein, da\u00df sie das Reich Gottes n\u00e4her heranholen, da\u00df es unter uns schon aufscheint, wenn wir zusammen Gottesdienst feiern, Menschen besuchen, uns f\u00fcr andere einsetzen und Gemeinschaft miteinander erleben. Wir haben eine gemeinsame Vision, f\u00fcr sie wollen und sollen wir unsere Gaben nutzbar machen.<\/p>\n<p>Welches aber sind meine Gaben, die ich in die Gemeinde einbringen kann? Was hat Gott mir geschenkt, was ich f\u00fcr andere nutzbar machen kann? Wo braucht Gott mich, wo ist mein Platz? Ich glaube, es ist wichtig, da\u00df jede und jeder von uns sich das fragt. Es geht darum, die eigenen Begabungen zu entdecken und anderen dabei zu helfen, ihre zu entwickeln. Jede und jeder in der Gemeinde braucht Ermunterung, um die eigenen Gaben anzubringen und Raum, um sie zu entfalten. Sie braucht die Best\u00e4rkung: &#8222;Das ist gut, wie du es machst&#8220;, und die Begleitung durch andere, die auch mal etwas Kritisches sagen. Ich glaube, unsere Gemeinde kann viel lebendiger werden, als sie ist, wenn wir einander ermutigen, die eigenen Begabungen zu entdecken und zu entwickeln. Wir k\u00f6nnen das Wehen des Geistes dann vielleicht \u00f6fter oder st\u00e4rker sp\u00fcren als heute. Es wird bei uns dann nicht zugehen wie in Korinth, da\u00df wir uns vor Geistesgaben gar nicht retten k\u00f6nnen, aber wir werden lebendiger, dynamischer, vielf\u00e4ltiger und anziehender f\u00fcr andere sein, wenn wir alle ermutigen, ihre F\u00e4higkeiten in die Gemeinde hinein zu bringen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Sie ermutigen, Gott darum zu bitten, da\u00df er uns hilft, die eigenen Gaben zu entdecken und zu entfalten. Lassen Sie uns beten mit einem alten Gebet:<\/p>\n<p>Geist des lebendigen Gottes,<\/p>\n<p>netze mich wie Tau am Morgen.<\/p>\n<p>F\u00fclle mich,<\/p>\n<p>\u00f6ffne mich,<\/p>\n<p>brauche mich.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Luise Stribrny de Estrada, Pastorin in der Matthias-Claudius-Gemeinde in Kiel-Suchsdorf<\/p>\n<p>Bemerkungen zur Predigt:<\/p>\n<p>Vorbemerkungen: Am zweiten Pfingsttag werden nicht viele Gemeindeglieder in die Kirche kommen. Diejenigen, die nicht unterwegs sind, werden wohl eher am Hauptfesttag, also Pfingstsonntag, in die Kirche gehen, an dem vom Proprium her dieselbe Botschaft im Mittelpunkt steht. Wer kommt, geh\u00f6rt wahrscheinlich zur Kerngemeinde. Der Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Korintherinnen steht quer zu der Befindlichkeit dieser Gottesdienstgemeinde und zu der augenblicklichen Stimmung in unserer Gemeinde und der Kirche \u00fcberhaupt. Wir nehmen kein \u00fcberschwengliches Wirken des Heiligen Geistes wahr, sondern beklagen vielmehr sein Fehlen. Wie kann der alte Text trotzdem in unsere Situation hineinsprechen, ohne da\u00df ich einfach nur feststelle, wie sch\u00f6n es ist, da\u00df alle in der Gemeinde verschiedene Begabungen haben, angefangen von Kuchen backen bis zum Predigen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstmontag | 1. Juni 1998 | 1. Kor 12,4-11 | Luise Stribrny de Estrada | Liebe Geschwister im Glauben! Der Predigttext f\u00fcr Pfingstmontag steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 12. Kapitel, es sind die Verse 4-11. 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