{"id":2110,"date":"2020-03-11T11:02:55","date_gmt":"2020-03-11T10:02:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2110"},"modified":"2020-03-11T20:33:44","modified_gmt":"2020-03-11T19:33:44","slug":"aus-der-tiefe-rufe-ich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/aus-der-tiefe-rufe-ich\/","title":{"rendered":"Aus der Tiefe rufe ich"},"content":{"rendered":"<h3><span lang=\"DE-CH\">Predigt \u00fcber die Choralkantate zum Lutherlied \u00abAus tiefer Not\u00bb von Felix Mendelssohn, verfasst von Benedict Schubert |<\/span><\/h3>\n<p><strong>Psalm 130 <\/strong><em>als Wechselgebet (wie er im reformierten Gesangbuch RG 139 abgedruckt ist)<\/em><\/p>\n<p>I &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>1<\/sup>Aus der Tiefe rufe ich zu DIR, *<br \/>\n<sup>2<\/sup>o Gott, h\u00f6re meine Stimme,<\/p>\n<p>II &nbsp;&nbsp;&nbsp; lass deine Ohren vernehmen *<br \/>\nden Ruf meines Flehens.<\/p>\n<p>I &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>3<\/sup>Wenn DU S\u00fcnden anrechnest, *<br \/>\nwer kann bestehen?<\/p>\n<p>II &nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>4<\/sup>Doch bei dir ist die Vergebung, *<br \/>\ndamit man dich f\u00fcrchte.<\/p>\n<p>I &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>5<\/sup>Ich hoffe auf Gott, meine Seele hofft, *<br \/>\nich harre auf sein Wort.<\/p>\n<p>II &nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>6<\/sup>Meine Seele harrt auf IHN, *<br \/>\nmehr als die W\u00e4chter auf den Morgen.<\/p>\n<p>I&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Mehr als die W\u00e4chter auf den Morgen, *<br \/>\n<sup>7<\/sup>harre, Israel, auf IHN.<\/p>\n<p>II &nbsp;&nbsp;&nbsp; Denn bei IHM ist die Gnade, *<br \/>\nund bei ihm ist Erl\u00f6sung in F\u00fclle.<\/p>\n<p>II &nbsp;&nbsp;&nbsp; <sup>8<\/sup>Er wird Israel erl\u00f6sen *<br \/>\nvon allen seinen S\u00fcnden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2111\" src=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/PICT0165-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"523\" height=\"349\"><\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p><strong>Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847): Aus tiefer Not <\/strong><em>(Liedtext von Martin Luther) <\/em><\/p>\n<ol>\n<li><strong> Choral: <\/strong><em>Aus tiefer Not schrei&#8216; ich zu dir,\/ Herr Gott, erh\u00f6r&#8216; mein Rufen,\/ Dein gn\u00e4dig&#8216; Ohren kehr zu mir,\/ Und meiner Bitt&#8216; sie \u00f6ffne!\/ Denn so du willst das sehen an,\/ Was S\u00fcnd&#8216; und Unrecht ist getan,\/ Wer kann, Herr, vor dir bleiben?<\/em><\/li>\n<li><strong> Fuge. <\/strong><em>Aus tiefer Not schrei&#8216; ich zu dir,\/ Herr Gott, erh\u00f6r&#8216; mein Rufen,\/ Dein gn\u00e4dig&#8216; Ohren kehr zu mir,\/ Und meiner Bitt&#8216; sie \u00f6ffne!\/ Denn so du willst das sehen an,\/ Was S\u00fcnd&#8216; und Unrecht ist getan,\/ Wer kann, Herr, vor dir bleiben?<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>gleich zweimal hintereinander l\u00e4sst der Komponist den Chor diese erste Strophe vom Schrei aus der Tiefe singen. Das erste Mal als getragener Choral nach Luthers \u00abWittenberger Melodie\u00bb. Er wird zwar vierstimmig gesungen, doch alle vier Stimmen singen im selben Textrhythmus. Wir sollen h\u00f6ren, dass hier die Gemeinde sich zur Klage vereint, und wir sollen verstehen, was sie singt. In der Fuge im zweiten Satz wird diese Einheit jedoch aufgebrochen. Nun singen die vier Stimmen je im eigenen Takt, setzen zu je ihrer Zeit ein. Das ergibt dann zwar melodisch ein interessantes Ganzes, doch wenn Du den Text verstehen willst, musst Du Dich entscheiden, welcher der Stimmen Du folgen willst, damit Du noch zusammenh\u00e4ngende S\u00e4tze erkennen kannst und nicht dastehst mit einer Komposition von Wortfetzen, die, \u00fcbereinander gelegt, nicht mehr als sinnvolle Aussage zu verstehen sind.<\/p>\n<p>Mit dem Eingangschoral nimmt Mendelssohn uns als Gemeinde ernst. Er traut uns zu, dass wir, wenn wir zusammenkommen, uns einlassen auf den gemeinsamen Rhythmus. Wir bergen im Raum des einen gemeinsamen Textes unsere je eigenen Erfahrungen, all das, was jedem und jeder von uns auf seine Weise das Herz schwer macht. Wir sind bereit, um der Einheit willen vielleicht nicht genau das zu sagen, es vielleicht nicht in genau dem Tempo zu sagen, wie wir es jetzt gerade f\u00fcr uns allein t\u00e4ten. Doch genau in diesem Verzicht auf unseren individuellen Ausdruck erfahren wir, wie wir von der Gemeinschaft gehalten, gest\u00e4rkt und getr\u00f6stet werden. In der Einheit unserer Klage \u2013 oder auch unseres Lobs, unserer Bitten, unseres Danks \u2013 liegt eine besondere Kraft gegen innen und gegen aussen. Wir erfahren singend, dass die Rede, geteiltes Leid sei halbes Leid, nicht bloss beschwichtigende Banalit\u00e4t ist. Es wird etwas leichter, wenn wir in unserer Klage zusammenstehen, einander zur Seite stehen.<\/p>\n<p>Gemeinsam rufen wir zu Gott, gemeinsam bitten wir Gott, sich uns zuzuwenden, uns anzusehen, uns zuzuh\u00f6ren. Gemeinsam flehen wir, Gott m\u00f6chte mit seinen M\u00f6glichkeiten handeln und Leben schaffen, wo wir mit unseren M\u00f6glichkeiten hart an die Grenzen gestossen sind. Gemeinsam bekennen wir unsere Ohnmacht. Und wir bekennen gemeinsam, dass wir nicht einfach Opfer sind, die einem blinden Schicksal ausgeliefert w\u00e4ren: <em>Denn so du willst das sehen an,\/ Was S\u00fcnd&#8216; und Unrecht ist getan,\/ Wer kann, Herr, vor dir bleiben?<\/em><\/p>\n<p>Wer mit den Psalmen singt, verweigert sich dem \u00abblame game\u00bb, das Menschen spielen, seit Adam es im Paradies erfunden hat, als er auf Gottes Frage, weshalb er von der verbotenen Frucht gegessen habe, mit dem peinlichen Fingerzeig auf Eva antwortete. In der Passionszeit \u00fcben wir ausdr\u00fccklich, uns nicht mit dem herauszureden, was andere sagen und tun. Wir h\u00f6ren auf, mit dem Blick des besserwisserischen Beobachters, der selbstgerechten Richterin das Unrecht zu benennen, das andere sich zuschulden kommen lassen. Wir verdr\u00e4ngen nicht, dass wir teilweise sehr aktiv mitspielen im, und jedenfalls nicht gen\u00fcgend aktiv uns auflehnen gegen das Weltspiel, in dem so viel <em>S\u00fcnd und Unrecht getan <\/em>wird. Wir schauen mit den vom Geist ge\u00f6ffneten klarsichtigen Augen des Herzens (Eph 1,18) auf die Welt und die Wirklichkeit, in der wir leben. Erleuchtet durch diesen Geist erkennen und anerkennen wir, wie sehr wir verstrickt sind ins Netz der Ungerechtigkeiten.<\/p>\n<p>Um diese Verstrickungen geht es in der j\u00e4hrlichen Aktion von \u00abBrot f\u00fcr alle\u00bb. Manchmal h\u00f6re ich die Kritik, diese Aktion sei viel zu politisch. Ihr Anliegen ist es aber, exemplarisch aufzudecken, wie unsere Welt funktioniert, und weshalb es nicht propagandistische \u00dcbertreibung, sondern pr\u00e4zise Beschreibung ist, wenn wir beispielsweise sagen, dass es uns auf Kosten von vielen anderen so gut geht, wie es uns geht. <em>Wer kann, Herr, vor dir bleiben?<\/em> Wer d\u00fcrfte sich anmassen zu behaupten, sie h\u00e4tten sich ja nichts zuschulden lassen kommen, sondern seien immer anst\u00e4ndig gewesen, h\u00e4tten sich immer im Rahmen von Recht und Ordnung aufgehalten, wo doch Recht und Ordnung hier Unrecht und Unordnung f\u00fcr viele andere bedeuten?<\/p>\n<p>Auf den Choral folgt die Fuge. Mit ihr nimmt Mendelssohn uns als Individuen ernst und anerkennt, dass wir je unseren eigenen Weg durch und hoffentlich dann auch aus der Not heraus suchen und gehen m\u00fcssen. Not schweisst uns nicht notwendigerweise zusammen. Not l\u00e4sst auch vereinsamen \u2013 denn niemand kann meine Not wirklich ganz ermessen.<\/p>\n<p>Jede und jeder muss und darf f\u00fcr ihre und seine Klage den eigenen Rhythmus finden, der eigenen Melodie folgen. Nicht f\u00fcr alle ist im selben Moment Zeit zum Schweigen oder Zeit zum Schreien. Das nimmt Mendelssohn mit seiner Fuge auf. Wir h\u00f6ren auch, dass jede Stimme zu ihrer Zeit an den Punkt kommt, an dem sie ihren eigenen Anteil an der Not erkennt, unter der sie leidet, und damit auch Verantwortung f\u00fcr ihren Beitrag zur Verstrickung ins Elend \u00fcbernimmt. Sie bildet sich nicht ein, sie w\u00fcrde aus eigener Kraft wieder festen Boden unter die F\u00fcsse bekommen. Auch als Einzelstimme bittet sie den Ewigen, Er m\u00f6chte ihr seine gn\u00e4digen Ohren zukehren. Dass Luther \u2013 ganz menschlich \u2013 von den Ohren spricht, erinnert mich an die Klage eines Freundes aus einem vom Kriegselend gebeutelten Land. Er merkte bitter an: \u00abIch glaube schon, dass Gott uns h\u00f6rt, aber ich vermute, dass Er bloss mit einem Ohr hinh\u00f6rt.\u00bb<\/p>\n<p>Und schliesslich eine letzte Beobachtung, bevor wir uns von Mendelssohn weiterf\u00fchren lassen: In der Fuge macht der Komponist uns klar, dass wir nicht alle vier Stimmen gleich aufmerksam verfolgen k\u00f6nnen. Im vielstimmigen Chor derer, die \u00fcber die N\u00f6te in der Welt klagen, m\u00fcssen wir ausw\u00e4hlen, welcher Stimme wir folgen wollen, um dann mit unserer Solidarit\u00e4t zu antworten. Aus dem Katalog von Projekten, die wir unterst\u00fctzen k\u00f6nnten, suchen wir sinnvollerweise eines aus \u2013 allen k\u00f6nnen wir nicht gerecht werden. Doch zu dieser ausgew\u00e4hlten und zugleich beispielhaften Solidarit\u00e4t sind wir in der Lage, weil Gott uns durch seine Gnad und Gunst entlastet \u2013 davon singt die Kantate nun:<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Arie: <\/strong><em>Bei dir gilt nichts denn Gnad&#8216; und Gunst\/ Die S\u00fcnde zu vergeben;\/ Es ist doch unser Tun umsonst,\/ Auch in dem besten Leben.\/ Vor dir niemand sich r\u00fchmen kann,\/ Des muss dich f\u00fcrchten jedermann\/ Und deiner Gnade leben.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Darum auf Gott will hoffen ich,\/ Auf mein Verdienst nicht bauen;\/ Auf ihn mein Herz soll lassen sich,\/ Und seiner G\u00fcte trauen,\/ Die mir zusagt sein wertes Wort,\/ Das ist mein Trost und treuer Hort,\/ Des will ich allzeit harren.<\/em><\/p>\n<p>Aus dem Gebet wird ein einladendes Bekenntnis \u2013 schon im Psalm wechselt zwischen Vers 4 und 5 die Perspektive. In Vers 4 wendet sich die Betende an Gott: <em>Doch bei dir ist Vergebung, damit man dich f\u00fcrchte. <\/em>Sie spricht Gott ihr Vertrauen aus: Du vergibst, Du entlastest. Du befreist uns damit zur Beziehung, zum Glauben. Weil Gott vergibt, k\u00f6nnen wir \u00abGott f\u00fcrchten\u00bb, k\u00f6nnen wir Gott mit Respekt begegnen. Wir h\u00f6ren auf, uns selbst oder andere zu verg\u00f6ttern, sondern anerkennen, dass wirklich nur Gott Gott ist. Weil wir Gott f\u00fcrchten, schwindet unser Respekt gegen\u00fcber allen G\u00f6tzen, gegen\u00fcber allen Instanzen, die meinen, sie k\u00f6nnten und m\u00fcssten \u00fcber uns bestimmen.<\/p>\n<p>Doch dann, in Vers 5, bekennt die Betende ihren Glauben denen gegen\u00fcber, die als Gemeinde um sie her versammelt sind: <em>Ich hoffe auf Gott, meine Seele hofft, ich harre auf sein Wort. <\/em><\/p>\n<p>Luther hat die beiden Psalmverse zu zwei Liedstrophen ausgeweitet, um seine Rechtfertigungslehre unterbringen zu k\u00f6nnen. Er hat im alten Gebet schon das aufleuchten sehen, was das Zentrum seiner reformatorischen Erkenntnis ist: Wir k\u00f6nnen und m\u00fcssen Gottes Gnade nicht verdienen und erlangen. Gott ist gn\u00e4dig, weil er Gott ist.<\/p>\n<p>Mendelssohn l\u00e4sst im 3. Satz der Kantate den Tenor die erste der beiden Strophen einstimmig singen; er legt den Text \u00fcber eine sanfte Melodie in wiegendem 3\/8-Takt. Die betr\u00fcbte, aufgew\u00fchlte, verwirrte, von Angst geplagte Seele wird beruhigt. Sie wird entstresst, entlastet. Dass <em>unser Tun doch umsonst <\/em>ist, soll sie nicht in eine noch tiefere Verzweiflung dar\u00fcber st\u00fcrzen lassen, dass sie ohnm\u00e4chtig und hilflos ist. F\u00fcr Luther steht ausser Frage, dass damit entscheidender Druck weggenommen ist: Wir k\u00f6nnen, aber m\u00fcssen uns nicht selbst befreien, sondern d\u00fcrfen damit rechnen, dass vor Gott <em>nichts gilt denn Gnad und Gunst.<\/em> Erleichtert k\u00f6nnen wir <em>aus seiner Gnade leben.<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr Mendelssohn ist schon diese Strophe eher Zeugnis als wirklich Gebet. Dass dieses Zeugnis nur einstimmig gegeben wird, hat Bedeutung: Wir k\u00f6nnen wohl gemeinsam feiern, beten, klagen, auch gemeinsam unseren Glauben bekennen. Doch entscheidend ist am Ende, und eigentlich schon von Anfang an, dass jede und jeder, dass ich in der von den Reformatoren hochgehaltenen Freiheit des Gewissens zum Ausdruck bringe, wovon ich selbst \u00fcberzeugt bin. Mein Tun und Lassen soll zu erkennen geben, ob und wie ich aus der Gnade lebe, von Gott her das, worauf es ankommt, unterscheide von dem, was unwesentlich ist und das Leben besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Das Zeugnis des Tenors ist \u00fcberzeugend: Vierstimmig antwortet der ganze Chor darauf. Die Erfahrung des Betenden, dass und wie Gott uns aus den Verstrickungen der S\u00fcnde herausl\u00f6st und ins Weite f\u00fchrt, weckt Glauben bei denen, die ihn h\u00f6ren und erleben. Sein Zeugnis l\u00e4sst das Vertrauen aufbl\u00fchen: Wenn er das kann, dann kann und will ich das auch. Im Chor antwortet die Gemeinde dankbar: <em>Darum auf Gott will hoffen ich,\/ Auf mein Verdienst nicht bauen;\/ Auf ihn mein Herz soll lassen sich,\/ Und seiner G\u00fcte trauen.<\/em><\/p>\n<p>Der Chor beh\u00e4lt den 3\/8-Takt bei. Im Glauben soll nun nicht auf einmal durchmarschiert werden. Die Zusage durch das <em>werte Wort <\/em>wirkt beschwingend, verleiht dem eben noch sehr beschwerten Leben etwas t\u00e4nzerische Leichtigkeit.<\/p>\n<p>Kann das so schnell geschehen? Vor vielen Jahren hat mir einmal eine Bekannte die Freude an Mendelssohn fast verg\u00e4llt, indem sie anmerkte, seine Musik sei die Musik eines verw\u00f6hnten Kindes. An dieser Stelle unserer Kantate habe ich mich einen Moment lang gefragt, ob sie wohl doch recht habe, ob dem Psalm 130 nicht etwas rasch seine Schwere genommen werde. Darf schon so viel Erleichterung zum Ausdruck kommen? Kann das erleichtert Wiegende wirklich schon Inhalt der Erfahrung sein, muss es nicht Gegenstand der Hoffnung bleiben? Ist die Zuwendung Gottes schon Wirklichkeit oder bleibt uns zun\u00e4chst nichts anderes, als auszuhalten, durchzuhalten, bis der Tag endlich anbricht?<\/p>\n<p>Mendelssohns Komposition l\u00e4sst mich vermuten, dass f\u00fcr den Komponisten unser Leben sp\u00fcrbar leichter wird schon nur durch die Zusage, das Wort von Gottes Zuwendung sei <em>Trost und Hort<\/em>. Und davon lasse ich mich dann doch gerne bewegen. Zumal ja auch f\u00fcr Mendelssohn damit noch nicht alles gut und im Frieden ist. Auch er hofft mit dem Psalm, mit dem Lutherlied, dass das Dunkel der Not sich lichtet und der helle Tag des Heils endg\u00fcltig aufgeht.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste Strophe, der zweitletzte Satz der Kantate ist von dieser Hoffnung bestimmt. Mendelssohn weiss, dass der Weg vom Kopf ins Herz ziemlich weit sein kann. Wenn ich mir habe sagen lassen, dass ich auf Gottes G\u00fcte trauen kann, heisst das noch lange nicht, dass ich dessen auch so gewiss bin, dass Friede einkehrt. Wenn ich begriffen habe, dass Gott mein Gutes will und wirkt, heisst das nicht automatisch, dass mein Herz nicht dennoch an Gottes Macht zweifeln kann und sich in Sorgen hineinsteigern. Vor allem aber weiss auch Mendelssohn, wie viele Menschen zwar festhalten am Glauben an den gn\u00e4digen Gott, doch die Umst\u00e4nde, unter denen sie leben und glauben, sind alles andere als gn\u00e4dig, und sie m\u00fcssen ihren Glauben verteidigen gegen eine brutale, unbarmherzige Wirklichkeit. Diese kann ihnen noch eine ganze lange Nacht zumuten, eine Nacht des erlittenen Unrechts, der Schmerzen, der Betr\u00fcbnis, der qu\u00e4lenden Fragen, der Selbstzweifel \u2013 und der Morgenglanz will und will nicht aufleuchten. In einer solchen Nacht bleibt nichts anderes als der Appell, sich mit anderen zusammenzuschliessen in der Erwartung, dass Gottes Geist selbst uns durchhalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Wie der Psalm m\u00fcndet auch die Kantate im Bekenntnis. Im letzten Satz nimmt Mendelssohn die Choralmelodie wieder so auf, dass wir alle eigentlich die Hauptstimme mitsingen k\u00f6nnten. Um sie in reiner Intonation vierstimmig singen zu k\u00f6nnen, hat der Chor ge\u00fcbt \u2013 doch er singt sie uns ins Herz, damit wir sie in die kommende Zeit mitnehmen, uns von ihr begleiten lassen. Uns soll das Bekenntnis ruhig nachlaufen: <em>Ob bei uns ist der S\u00fcnden viel,\/ Bei Gott ist viel mehr Gnade;\/ Sein&#8216; Hand zu helfen hat kein Ziel,\/ Wie gro\u00df auch sei der Schade.\/ Er ist allein der gute Hirt,\/ Der Israel erl\u00f6sen wird\/ Aus seinen S\u00fcnden allen. <\/em>Damit l\u00e4sst sich gut leben!<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Choral: <\/strong><em>Und ob es w\u00e4hrt bis in die Nacht\/ Und wieder an den Morgen,\/ Doch soll mein Herz an Gottes Macht\/ Verzweifeln nicht noch sorgen,\/ So tu&#8216; Israel rechter Art,\/ Der aus dem Geist erzeuget ward,\/ Und seines Gott&#8217;s erharre.<\/em><\/li>\n<li><strong> Choral: <\/strong><em>Ob bei uns ist der S\u00fcnden viel,\/ Bei Gott ist viel mehr Gnade;\/ Sein&#8216; Hand zu helfen hat kein Ziel,\/ Wie gro\u00df auch sei der Schade.\/ Er ist allein der gute Hirt,\/ Der Israel erl\u00f6sen wird\/ Aus seinen S\u00fcnden allen.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfr. Dr. Benedict Schubert, geb. 1957, reformierter Pfarrer an der Peterskirche in Basel nach mehreren Jahren im Dienst der evangelisch-reformierten Kirche in Angola und bei mission 21 \u2013 evangelisches missionswerk basel, sowie Lehrauftrag im Fach aussereurop\u00e4isches Christentum an der Universit\u00e4t Basel; mit seiner Frau zusammen leitet er das \u00abTheologische Alumneum\u00bb, ein Wohnheim f\u00fcr Studierende aller Fakult\u00e4ten.<\/p>\n<p>Basel<\/p>\n<p><a href=\"about:blank\">benedict.schubert@erk-bs.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oft m\u00fcssen in einem Gottesdienst unterschiedliche Beitr\u00e4ge (und entsprechende Anspr\u00fcche) zu einem sinnvollen Ganzen kombiniert werden. Der Gottesdienst an diesem Sonntag ist in unserer Gemeinde \u00abBrot f\u00fcr alle\u00bb-Gottesdienst; es wird in besonderer Weise auf die j\u00e4hrlich stattfindenden \u00f6kumenische Aktion hingewiesen, in der w\u00e4hrend der Passionszeit in den Gemeinden das Bewusstsein f\u00fcr weltweite Zusammenh\u00e4nge der Ungerechtigkeit und die M\u00f6glichkeiten zur Solidarit\u00e4t gest\u00e4rkt werden soll. Ausserdem haben wir den \u00abBerner Mottetenchor\u00bb zu Gast, der von unserer Organistin geleitet wird. Der Chor bringt die Choralkantate \u00abAus tiefer Not\u00bb von Felix Mendelssohn mit. (Es gibt diverse Fassungen im Internet. In der von Nicol Matt dirigierten k\u00f6nnen zugleich die Noten mitgelesen werden: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zsS7A95VAl4\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zsS7A95VAl4<\/a>.; die Partitur kann ebenfalls im Netz gelesen und heruntergeladen werden: <a href=\"https:\/\/imslp.org\/wiki\/Kirchenmusik,_Op.23_(Mendelssohn,_Felix)\">https:\/\/imslp.org\/wiki\/Kirchenmusik,_Op.23_(Mendelssohn,_Felix)<\/a>) Auch wenn der Perikopentext verlockend gewesen w\u00e4re, habe ich darauf verzichtet, ihn auch noch einzubauen, und mich stattdessen entschlossen, die Kantate ins Zentrum zu r\u00fccken und damit ihren Verk\u00fcndigungscharakter zu betonen.<\/p>\n<p>Zur Er\u00f6ffnung des Gottesdienstes spielt die Organistin das Praeludium in G-Dur, zum Abschluss die dazugeh\u00f6rige Fuge von Mendelssohn.<\/p>\n<p>Nach der Begr\u00fcssung singen wir das Morgenlied \u00abDu h\u00f6chstes Licht, du ewger Schein\u00bb (RG 560 \/ EG 441), die ersten f\u00fcnf kurzen Strophen vor, die letzten drei nach dem Eingangsgebet.<\/p>\n<p>Im Wechsel beten wir als Gemeinde Psalm 130 in der \u00dcbersetzung der Neuen Z\u00fcrcher Bibel. Der Vortrag der Kantate wird zweimal durch die betrachtende Predigt unterbrochen.<\/p>\n<p>Auf die F\u00fcrbitten antwortet die Gemeinde mit einem Kyrie aus Taiz\u00e9 (RG 194 \/ EG 178.12); der Chor h\u00e4lt den Akkord summend w\u00e4hrend der F\u00fcrbitten.<\/p>\n<p>Als Schlusslied singen wir \u00abIn Christus gilt nicht Ost noch West\u00bb (RG 804 \/ EG 658).<\/p>\n<p>F\u00fcr die Einladung und Aushang zum Gottesdienst habe ich eine Fotografie verwendet, das ich vor etlichen Jahren in Mosambik gemacht habe: Es ist der Reflex des einfallenden Sonnenlichts im Wasser der Zisterne der Fortaleza auf der <em>Ilha de Mo\u00e7ambique.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber die Choralkantate zum Lutherlied \u00abAus tiefer Not\u00bb von Felix Mendelssohn, verfasst von Benedict Schubert | Psalm 130 als Wechselgebet (wie er im reformierten Gesangbuch RG 139 abgedruckt ist) I &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 1Aus der Tiefe rufe ich zu DIR, * 2o Gott, h\u00f6re meine Stimme, II &nbsp;&nbsp;&nbsp; lass deine Ohren vernehmen * den Ruf meines [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2139,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,1,2,157,229,114,228,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-2110","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-psalmen","category-aktuelle","category-at","category-beitragende","category-benedict-schubert","category-deut","category-kapitel-130-chapter-130","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2110"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2141,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2110\/revisions\/2141"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2110"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=2110"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=2110"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=2110"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=2110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}