{"id":21100,"date":"2000-01-01T14:12:43","date_gmt":"2000-01-01T13:12:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21100"},"modified":"2025-04-23T17:09:08","modified_gmt":"2025-04-23T15:09:08","slug":"josua-11-9-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/josua-11-9-6\/","title":{"rendered":"Josua 1,1-9"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">Neujahr | 1.1.2000 | Josua 1,1-9<\/span><span> | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/span><\/h3>\n<p align=\"justify\">Liebe Mitchristen, liebe G\u00e4ste,<\/p>\n<p align=\"justify\">was soll ich euch sagen nach einer langen durchwachten Nacht am Morgen eines neuen Jahres und Jahrhunderts? Gen\u00fcgt vielleicht schon die Symbolik dieses Augenblicks: noch im Dunkel und doch schon im Morgen? Gleicht der Glaube nicht einem Vogel, welcher singt, wenn die Nacht noch dunkel ist, weil er das Licht schon in sich hat? Zuversicht hei\u00dft deshalb ein anderer Name des Glaubens.<\/p>\n<p>Stark ist diese Symbolik. Sie pa\u00dft nicht nur zum Glauben. Jeder Mensch ist ein Wesen an der Grenze. An der Grenze zwischen Himmel und Erde, Tag und Nacht, Vergangenheit und Zukunft. Genau von dieser Grenze redet der Text der Predigt f\u00fcr die Neujahrstag 2ooo aus dem Buch Josua im 1. Kapitel Vers 1-9.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dazu will ich drei Dinge sagen:<\/p>\n<ol type=\"1\">\n<li>Von der Kontinuit\u00e4t der Werte im Wechsel der Generationen und Zeiten<\/li>\n<li>Von der Notwendigkeit, sich in Grenzen zu schicken und sie zu \u00fcberschreiten<\/li>\n<li>Von der F\u00fcrsorge Gottes diesseits und jenseits der Grenzen<\/li>\n<\/ol>\n<p align=\"justify\">Zun\u00e4chst:<\/p>\n<p align=\"justify\">1. Von der Kontinuit\u00e4t der Werte im Wechsel der Generationen und Zeiten<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eNachdem Mose gestorben war\u201c (V. 1) \u2013 dieser lapidare Satz kennzeichnet das Ende einer \u00c4ra. Ein Bruch wie vor 1968 und danach, wie vor 1989 und danach. Der Patriarch, der, wie Thomas Mann einmal formulierte, \u201ein sich gewandte, von Gott gehemmte und (zugleich) heftig befeuerte\u201c \u201egeistliche\u201c F\u00fchrer der Juden ist nicht mehr. An die Stelle des \u201ein \u00e4u\u00dferen Dingen fremd(en), ums Heilige besorgt(en)\u201c Mose ist der junge, schlanke Josua getreten, ein \u201efeldherrlicher, strategischer J\u00fcngling, ganz aufs \u00c4u\u00dfere gerichtet.\u201c Manager statt Prophet. Was f\u00fcr eine Unterschied der Charaktere, Lebensziele und Generationen. Doch spielen wir sie nicht gegeneinander aus. Beide sind Berufene. Der fromme Patriarch und der k\u00fchle Manager der Macht sind Instrumente desselben Gottes. Ihr Unterschied ist kein Gegensatz. Sie dienen in gleicher Funktion: das Volk in eine bessere Zukunft zu bringen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und wir h\u00f6ren f\u00fcr uns heraus: Es geht weiter, auch wenn die von \u201eGott gehemmten und zugleich befeuerten\u201c Pers\u00f6nlichkeiten weniger werden und die, die aufs \u00c4u\u00dfere, auf Erfolg und Spa\u00df ausgerichtet sind, die St\u00fctzen der Erlebnisgesellschaft, zunehmen. Du, Christenmensch sei getrost und unverzagt, Gott regiert auch durch sie.<\/p>\n<p align=\"justify\">Allerdings eine Bedingung bleibt. Das Gelingen des ambiti\u00f6sen Zukunftsprojekts des Josua ist gekn\u00fcpft daran, dass \u201edas Buch des Gesetzes nicht von seinem Munde kommt und er es betrachtet bei Tag und Nacht\u201c (V. 8). Die neue Generation nach Mose bekommt die Gebote Gottes, die Ethik, die Werte, die Moral mit ins Gep\u00e4ck f\u00fcr die Reise in die Zukunft. Das Gesetz des Mose wird nun das des Josua. Es \u00fcberdauert im Wechsel. Es soll Ma\u00dfstab sein f\u00fcr das Handeln, aber auch \u2013 wie Traubenzucker auf einer langen Skiwanderung \u2013 Energiezufuhr f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das w\u00e4re das erste, was der Glaube im neuen Jahrhundert h\u00f6rt und lernt und weitersagt: das Hohelied moralischer Grunds\u00e4tze. Nehmt euch Zeit, sie zu formulieren und aufzuschreiben. Sie m\u00fcssen nicht wortgleich sein mit den zehn Geboten, aber an ihren Themen sollten sie orientiert sein: an Gott und seinem Namen, am Sonntag und seiner Heiligung, an der Familie, an unseren Beziehungen und dem Gemeinwohl, am wirklichen Leben und seiner Wahrheit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und nun das Zweite:<\/p>\n<p align=\"justify\">2. Von der Notwendigkeit, sich in Grenzen zu schicken und sie zu \u00fcberschreiten<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eMach dich auf und zieh\u2018 \u00fcber den Jordan, du und dies ganze Volk\u201c (V. 2), sagt Gott zu Josua. Er und das Volk, der einzelne und das Ganze, das Individuum, die Familie und die Gesellschaft \u2013 das ist das l\u00e4ngst schon Gegebene, die Voraussetzung und Begrenzung f\u00fcr alles Weitere. Sie sind krisengesch\u00fcttelt und zugleich bew\u00e4hrt, voller Abgr\u00fcnde und doch gesegnet \u2013 in Israel, bei uns. Diese alten Grenzen des Menschseins stehen nicht zur Disposition. Wir sollten also das Neue in neuen Jahrhundert nicht \u00fcberbetonen. Vieles soll und mu\u00df beim Alten bleiben. Auch bei den alten Weisen des Umgangs miteinander von der Ehrerbietung gegen\u00fcber den altgewordenen Menschen, \u00fcber die immer neu zu entdeckende alte H\u00f6flichkeit und die Hilfsbereitschaft f\u00fcr in Not Geratene bis hin zur Gastfreundschaft gegen\u00fcber Fremden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und doch, so wichtig und notwendig eingespielte Verhaltensweisen sind, eine Zukunft nach Schema F ist der Tod im Topf. Beziehungen brauchen Wandlungen, Geheimnisse und \u00dcberraschungen; die Gesellschaft braucht Erneuerung in Wirtschaft und Wissenschaft. Ohne Erneuerung keine Zukunft. Und keine Erneuerung ohne Wagnisse und Risiken. Dabei mu\u00df die Moral, dabei m\u00fcssen ethische Grunds\u00e4tze nicht \u00fcber Bord gehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Aber einzelne moralische Gebote k\u00f6nnen auch veralten, wie wir das im Bereich der Sexualit\u00e4t oder der Erziehung oder der Gesellschaftsformen in unserem Jahrhundert erkannt haben. So wurde es ehrlicher und freier und lebensfroher in unserer Gesellschaft und in unserem Leben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im n\u00e4chsten Jahrhundert steht freilich noch einmal anderes und Neues zu Diskussion: nicht nur Genforschung und \u2013technik, sondern auch des europa- und weltweiten sozialen Ausgleichs, der Wasser- und Brennstoffversorgung, der Konfliktpr\u00e4vention und Friedenssicherung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dazu lautet das Zweite, was der Glaube im neuen Jahr zu h\u00f6ren und zu praktizieren hat: wichtig ist der Anfang, die gro\u00dfe Jordan\u00fcberquerung. La\u00dft euch nicht von schwierigen Anf\u00e4ngen beirren. Die H\u00e4lfte hat, wer angefangen hat. Und dann \u00dcberschaubares sich vornehmen, dranbleiben und abschlie\u00dfen. So wie Josua. Schritt f\u00fcr Schritt, Fu\u00dfsohle f\u00fcr Fu\u00dfsohle ist er vorangegangen. Der Fortschritt ist eine Schnecke. Aber was er braucht ist auch die Anerkennung von ein f\u00fcr allemal gesetzten Grenzen: die Freiheit des anderen, die W\u00fcrde und die Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen. Sie verbieten z.B. seine Klonung. Gott klont nicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und nun das Dritte:<\/p>\n<p align=\"justify\">3.Von der F\u00fcrsorge Gottes diesseits und jenseits der Grenzen<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Neue jenseits des Jordans bereitet auch Angst. Das Land ist unbekannt, die Menschen sind feindlich gesonnen. Die Risiken sind schwer abzuw\u00e4gen. Israel kommt als Eroberer. Ohne Verluste wird das Neue nicht zu bekommen sein. Die Kr\u00e4fte sind keineswegs frisch und unverbraucht. Mit einer \u00e4hnlichen Selbsteinsch\u00e4tzung etwa d\u00fcrften auch wir in das neue Jahr gehen. Das Ende des alten ist ja nicht automatisch ein Jungbrunnen. Es entl\u00e4\u00dft uns nicht aus den Sorgen und Belastungen, aus dem Unabgegoltenen und noch nicht Eingel\u00f6sten. Wir nehmen das meiste mit. Das kann bedr\u00fccken.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dagegen und gegen die Angst vor dem Neuen setzt Gott das Gebot: \u201eSiehe, ich habe dir geboten, da\u00df du getrost und unverzagt seist\u201c (V. 9). Lassen sich Trost und Freude eigentlich gebieten? Sozusagen als feinere Form eines \u201eNimm dich zusammen\u201c? F\u00fcr Israel ist das Gebot mit einer Verhei\u00dfung verbunden gewesen, n\u00e4mlich mit der Verhei\u00dfung, in ein Land zu kommen, wo Milch und Honig flie\u00dfen oder, wie es anderer Stelle hei\u00dft, \u201eH\u00e4user\u201c sind \u201evoller G\u00fcter\u201c, \u201eBrunnen\u201c, \u201eWeinberge\u201c und \u201e\u00d6lb\u00e4ume\u201c. Das hei\u00dft doch: die Zukunft, das, was wir brauchen, ist schon bereitgestellt, wir m\u00fcssen nur einziehen in das Neue und nehmen, was Gott f\u00fcr uns vorgesehen hat. Der Glaube rechnet mit seiner F\u00fcrsorge und hat daf\u00fcr auch im Sichtbaren reichlich Anhalt und Grund. Und selbst dort, wo wir noch nichts sehen, wo wir im Gegenteil ins Stocken und Zweifeln und Hadern geraten, begleitet uns die Verhei\u00dfung \u201eIch will mit dir sein\u201c. Zu ihr hat der Ja und Amen gesagt, der den gleichen Namen erhalten hat wie Josua, Jesus von Nazareth. Josua und Jesus = Jeschua &#8211; das bedeutet: Gott hilft . Wo aber der Helfer ist, da ist auch mitten in der Dunkelheit schon Morgenlicht. Dann und am Tage noch viel mehr kann der Glauben sein Lied der Zuversicht anstimmen:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eSo komme, was da kommen mag,<br \/>\nSo lang du da bist, ist es Tag.<\/p>\n<p align=\"justify\">Und geht es in die Welt hinaus,<br \/>\nWo du mir bist, bin ich zu Haus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich seh\u2018 dein liebes Angesicht,<br \/>\nIch sehe die Schatten der Zukunft nicht.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Berlin<br \/>\nPredigt am 1.1.2000 im Berliner Dom<\/b><br \/>\n<a href=\"mailto:office@leuenberg.net\"><b>E-Mail: office@leuenberg.net<\/b><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahr | 1.1.2000 | Josua 1,1-9 | Wilhelm H\u00fcffmeier | Liebe Mitchristen, liebe G\u00e4ste, was soll ich euch sagen nach einer langen durchwachten Nacht am Morgen eines neuen Jahres und Jahrhunderts? Gen\u00fcgt vielleicht schon die Symbolik dieses Augenblicks: noch im Dunkel und doch schon im Morgen? 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