{"id":21102,"date":"2000-01-01T14:14:26","date_gmt":"2000-01-01T13:14:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21102"},"modified":"2025-04-24T09:02:50","modified_gmt":"2025-04-24T07:02:50","slug":"josua-11-9-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/josua-11-9-7\/","title":{"rendered":"Josua 1,1-9"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"font-family: Arial;\">Neujahr | 1.1.2000 | Josua 1,1-9<\/span><span> | <\/span><span style=\"font-family: Arial;\">Georg Kretschmar |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Neujahr 2000: Signal f\u00fcr ein neues Millennium, R\u00fcckblick auf den Weg der Christenheit von der Geburt ihres Herrn an und Ausblick auf eine Zukunft, die uns noch verh\u00fcllt ist.<\/p>\n<p>R\u00fcckblick und Ausblick, das ist auch das Thema des Schriftabschnittes aus dem Alten Testament, der f\u00fcr den ersten Tag dieses neuen Jahres als Predigttext vorgesehen ist. Mose, der Knecht Gottes, der das Volk Israel aus \u00c4gypten bis an den Jordan gef\u00fchrt hatte, lebt nicht mehr. Er erh\u00e4lt in Josua einen Nachfolger. Gott h\u00e4lt Seinem Volk die Treue. Er steht zu Seinen Verhei\u00dfungen. Es geht weiter, weiter unter den Geboten, die Gott durch Mose gegeben hat.<\/p>\n<p>Doch vielleicht kann man besser sagen: Gott schenkt einen neuen Anfang. Aber auch ein neuer Anfang mu\u00df nicht aus der Vielschichtigkeit, dem Zwielicht der Geschichte herausf\u00fchren. Das zuendegehende 20. Jahrhundert ist f\u00fcr Deutschland fast eine Kette von neuen Anf\u00e4ngen gewesen: 1918 &#8211; 1933 &#8211; 1945 &#8211; 1989. Die evangelische Kirche hat jede Wende mitvollzogen, nach dem Ende der Monarchien verhalten, 1933\/34 weithin jubelnd, nach der politischen, milit\u00e4rischen und moralischen Katastrophe des &#8222;Dritten Reiches&#8220; und dem Ende des 2. Weltkrieges triumphierend und bu\u00dffertig zugleich, bei der Wiedervereinigung der getrennten Teile Deutschlands nachdenklich, dankbar und voller Fragen im Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft.<\/p>\n<p>Auch unser Text, der den Siegeszug des Volkes Israel einleitet, die Landnahme im Westjordanland, stellt uns vor viele Fragen: Von der arabischen W\u00fcste bis zum Euphrat bis zum Mittelmeer &#8211; das ist doch das Programm eines Gro\u00dfreiches f\u00fcr das Volk Israel, wie es in der Zeit des Alten Testamentes nie Wirklichkeit wurde, nicht einmal unter K\u00f6nig Salomo. Aber dies Programm hat die Geschichte mitbestimmt: in der Zeit der Kreuzz\u00fcge, in der die Christenheit als das neue Gottesvolk, das wahre Israel, meinte, das Erbe Josuas \u00fcbernehmen zu k\u00f6nnen, und in den verflossenen Jahrzehnten, als sich das j\u00fcdische Volk einen neuen Staat eroberte.<\/p>\n<p>Lassen wir die Frage beiseite, ob das alte Gottesvolk im R\u00fcckblick auf seine Geschichte Gott wirklich verstanden hatte. Unsere eigenen Erfahrungen mit den Neuanf\u00e4ngen im 20. Jahrhundert geben uns den Mut, hier r\u00fcckzufragen. Aber in jedem Fall erh\u00e4lt Josua den Auftrag, einen Eroberungskrieg zu f\u00fchren und faktisch Menschen aus ihren angestammten Wohnsitzen zu vertreiben. In den Geschichtsdarstellungen haben wir das fr\u00fcher unbefangen &#8222;Landnahme&#8220; genannt. Aber heute wird uns das Wort schwer auf der Zunge. Die Erfahrungen der V\u00f6lkervertreibungen im zur\u00fcckliegenden Jahrhundert hat unsere moralischen Ma\u00dfst\u00e4be ver\u00e4ndert. Wenn Menschen ihr Land genommen wird, sie fl\u00fcchten m\u00fcssen oder vertrieben werden, gilt uns das heute als Verbrechen gegen das V\u00f6lkerrecht, als S\u00fcnde, gerade weil wir als Deutsche selbst im 20. Jahrhundert in solche Taten gegen die Menschlichkeit hineinverstrickt waren, als T\u00e4ter und als Opfer. Wohl nie in der Geschichte war die Zahl der heimatlos Gemachten so gro\u00df wie heute in Europa, in Asien, in Afrika. Aber gibt uns das das Recht, den Neuanfang unter Josua so ins Zwielicht zu r\u00fccken?<\/p>\n<p>2. Wir sollten noch einmal von einer anderen Seite her einsetzen. Neujahr wird bei vielen V\u00f6lkern und Kulturen gefeiert als Fest mit all dem Spektakel, wie wir es gerade wieder erlebt haben. Der Jahresbeginn am 1. Januar hat sich von den R\u00f6mern im Fr\u00fchen Mittelalter in weiten Teilen Europas verbreitet und damit das Spektakel. Die Kirche hat die Gelage und Ges\u00e4nge dieser Tage und N\u00e4chte nicht mit sonderlichem Wohlgefallen betrachtet. Bisweilen hat man am 1. Januar einen Gottesdienst &#8222;gegen den G\u00f6tzendienst&#8220; gehalten. Aber dann haben die christlichen Theologen einen anderen Sinn dieses Tages entdeckt. Sie finden in jedem abendl\u00e4ndischen Kirchenkalender f\u00fcr den 1. Januar (auch) die Angabe: Tag der Beschneidung und Namensgebung Jesu. Das ist das Ergebnis einer einfachen Rechnung: Nach dem Gesetz des Mose auf das auch Josua neu verpflichtet wird, ist jedes m\u00e4nnliche Kind einer j\u00fcdischen Familie am 8. Tage zu beschneiden. Der Apostel Paulus hat dies im Blick auf Jesus in einem fast dogmatischen Satz niedergeschrieben: &#8222;Als die Zeit erf\u00fcllt war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einer Frau&#8220; einer j\u00fcdischen Frau &#8211; &#8222;und unter das Gesetz getan&#8220; (Gal 4,4). Das ist bis zum heutigen Tag die rabbinische Definition eines Juden: von einer j\u00fcdischen Mutter geboren, am 8, Tage beschnitten.. Was der Apostel hier wie eine Formel, einen Rechtssatz niederschreibt, das schildert Lukas am Anfang seines Evangeliums in Geschichten: die Ank\u00fcndigung an Maria &#8211; die Geburt Jesu mit ihren Wundern, und denn eben die Beschneidung am 8. Tage, bei der das Kind den Namen Jesus erhielt (Luk 2,21). Der 8. Tag nach dem 25. Dezember ist der 1. Januar. Damit wird es dann m\u00f6glich, den Namen Jesu \u00fcber das ganze Jahr zu setzen. Er steht auch \u00fcber dem neuen Jahrhundert und dem neuen Jahrtausend. Und dieser Name Jesus ist identisch mit dem Namen Josua. Jehoschua ist die hebr\u00e4ische Form, Jesus die griechische Version. Der Name hat auch eine tiefe Bedeutung: der Herr ist Hilfe. Aber was immer die Zeitgenossen vom sprachlichen Sinn des Namens gehalten haben m\u00f6gen, sie wu\u00dften doch alle, da\u00df dieses Kind, dieser Mann den Namen des Nachfolgers des Propheten Mose tr\u00e4gt. Dann ist es kein blo\u00dfes Wortspiel, Jesus Christus und Josua \/ Jesus, den Sohn Nuns, in Beziehung zueinander zu setzen.<\/p>\n<p>3. Ob der \u00dcbergang vom 2. zum 3. Millennium nach Christus eine wirkliche Z\u00e4sur sein wird, das d\u00fcrften erst unsere Nachkommen beurteilen k\u00f6nnen. Aber der Wechsel von Mose zu Josua war im Ged\u00e4chtnis des Volkes Israel ein klarer Umbruch. Da\u00df mit Jesus Christus eine neue Zeit begonnen hat, das ist doch der Grund daf\u00fcr, da\u00df wir in unserer, der christlichen Zeitrechnung die Jahre nach seiner Geburt z\u00e4hlen. Herr der Zeit \u00fcber alle Wenden hinweg ist Gott. Das meinte doch der Apostel Paulus, als er schrieb: &#8222;Als die Zeit erf\u00fcllt war&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Gott steht wie im Alten, so im Neuen Testament zu Seinen Verhei\u00dfungen &#8211; auch an dieser Millenniumswende. Aber Er geht neue Wege. Der Apostel Paulus f\u00e4hrt fort: &#8222;sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit Er die, die unter dem Gesetz waren, erl\u00f6ste, damit wir die Kindschaft empfingen&#8220; (Gal 4,5). Nicht mehr das Gesetz des Mose ist die Br\u00fccke zwischen den Zeiten, wie es Josua anbefohlen war, sondern das Wort des Sohnes der Maria, der in der Bergpredigt sagt: &#8222;Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder hei\u00dfen&#8220; (Mt 5,9). Und Gottes Reich, in dem wir als Seine Kinder leben sollen, ist nicht mehr durch geographische Grenzen bestimmt. Wir sind Gottes Kinder durch den Glauben an das Evangelium und durch die Heilige Taufe, die uns an die Seite Jesu stellt in der Gemeinschaft der weltweiten Kirche. Deshalb gilt uns erst recht die Zusage Gottes die Josua zuerst h\u00f6rte: &#8222;Sei getrost und unverzagt&#8220;.<\/p>\n<p>Es liegen Herausforderungen vor uns, die nicht leichter sind als das \u00dcberschreiten des Jordan. Wir lesen von Zukunftsprognosen, die wahrhaftig Grauen und Entsetzen einfl\u00f6\u00dfen k\u00f6nnten. Wir schleppen zudem Lasten der Geschichte mit uns als Konsequenz der nicht genutzten oder gar mi\u00dfbrauchten Neuanf\u00e4nge des vergangenen Jahrhunderts. Diese Last geh\u00f6rt auf die Seite des Gesetzes Gottes, das uns anklagt, weil wir nicht auf Seine Stimme geh\u00f6rt haben, weil wir nicht Frieden gestiftet haben. Aber uns ist die Vergebung der S\u00fcnden und die Freiheit der Kinder Gottes verhei\u00dfen im Namen dessen, der uns in Sein Reich holt und dessen Name \u00fcber diesem neuen Jahr, dem kommenden Jahrhundert, dem neuen Millennium steht: Jesus Christus.<\/p>\n<p>Er segne uns das Jahr des Herrn 2000.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>D. Georg Kretschmar<br \/>\nErzbischof der ELKRAS &#8211; St. Petersburg<br \/>\nFax-Nr.: 007 812 3 10 26 65<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neujahr | 1.1.2000 | Josua 1,1-9 | Georg Kretschmar | Liebe Gemeinde, Neujahr 2000: Signal f\u00fcr ein neues Millennium, R\u00fcckblick auf den Weg der Christenheit von der Geburt ihres Herrn an und Ausblick auf eine Zukunft, die uns noch verh\u00fcllt ist. R\u00fcckblick und Ausblick, das ist auch das Thema des Schriftabschnittes aus dem Alten Testament, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,122,727,157,853,114,121,1568,959,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21102","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-josua","category-adv_weihn_neujahr","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-festtage","category-georg-kretschmar","category-kapitel-01-chapter-01-josua","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21102","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21102"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21102\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23252,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21102\/revisions\/23252"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21102"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21102"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21102"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21102"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21102"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21102"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21102"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}